Kunst als Anti-Aging-Strategie?

Kunst & MalereiBri­ti­sche Lang­zeit­stu­die zeigt: Wer regel­mä­ßig ins Muse­um geht, tanzt oder malt, altert bio­lo­gisch langsamer

Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein: Ein Thea­ter­be­such, ein Nach­mit­tag im Muse­um oder krea­ti­ves Malen könn­ten mit einem lang­sa­me­ren bio­lo­gi­schen Altern ver­bun­den sein – in einer Grö­ßen­ord­nung, die mit den beob­ach­te­ten Effek­ten kör­per­li­cher Akti­vi­tät ver­gleich­bar ist. Genau dar­auf deu­tet eine neue Stu­die von Wis­sen­schaft­lern des Uni­ver­si­ty Col­lege Lon­don hin. Die im Mai 2026 ver­öf­fent­lich­te Unter­su­chung zeigt erst­mals in einer gro­ßen Bevöl­ke­rungs­stu­die einen Zusam­men­hang zwi­schen kul­tu­rel­len Akti­vi­tä­ten und einem lang­sa­me­ren bio­lo­gi­schen Altern auf epi­ge­ne­ti­scher Ebe­ne – dort, wo Umwelt­ein­flüs­se die Akti­vi­tät unse­rer Gene mitsteuern. 

Für die Stu­die ana­ly­sier­ten die For­scher Daten von 3.556 Teil­neh­mern der bri­ti­schen Haus­halts­längs­schnitt­stu­die (UK House­hold Lon­gi­tu­di­nal Stu­dy). Dabei wur­den Blut­pro­ben unter­sucht und mehr als 850.000 Methy­lie­rungs­stel­len im Erb­gut aus­ge­wer­tet – mole­ku­la­re Mar­ker, die Hin­wei­se dar­auf geben, wie schnell ein Mensch bio­lo­gisch altert, unab­hän­gig vom Geburts­da­tum. Das Ergeb­nis: Men­schen, die regel­mä­ßig kul­tu­rell aktiv waren, zeig­ten güns­ti­ge­re Wer­te bei meh­re­ren moder­nen bio­lo­gi­schen Alters­mar­kern als Per­so­nen mit gerin­gem Kulturengagement. 

Kul­tur ist mög­li­cher­wei­se nicht nur „schön“, son­dern ein Gesundheitsverhalten

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren wur­de zuneh­mend erkannt, dass Kunst- und Kul­tur­ak­ti­vi­tä­ten mehr sind als Frei­zeit­be­schäf­ti­gun­gen. Sie för­dern sozia­le Kon­tak­te, regen geis­ti­ge Pro­zes­se an, schaf­fen posi­ti­ve Emo­tio­nen und kön­nen Stress abbau­en. Die neue Stu­die stützt die Idee, dass kul­tu­rel­les Enga­ge­ment mög­li­cher­wei­se als eigen­stän­di­ger Gesund­heits­fak­tor betrach­tet wer­den soll­te – ähn­lich wie Bewe­gung, Ernäh­rung oder Nichtrauchen. 

Kunst & Musizieren

Viel­falt schlägt Häu­fig­keit – fast

Beson­ders inter­es­sant: Es kommt nicht nur dar­auf an, wie oft Men­schen kul­tu­rell aktiv sind, son­dern auch dar­auf, wie viel­fäl­tig ihre Akti­vi­tä­ten aus­fal­len. Die For­scher berück­sich­tig­ten unter ande­rem Sin­gen, Tan­zen, Malen, Foto­gra­fie­ren, Muse­ums- und Aus­stel­lungs­be­su­che sowie Besu­che his­to­ri­scher Stätten.

Die stärks­ten Zusam­men­hän­ge fan­den sich bei Men­schen, die im Lau­fe eines Jah­res vie­le unter­schied­li­che kul­tu­rel­le Ange­bo­te nutz­ten. Die höchs­te Akti­vi­täts­grup­pe umfass­te Per­so­nen mit elf oder mehr ver­schie­de­nen kul­tu­rel­len Akti­vi­tä­ten. Dort zeig­ten sich die deut­lichs­ten Vor­tei­le bei den bio­lo­gi­schen Altersmarkern. 

Kon­kret war bei kul­tu­rell beson­ders akti­ven Men­schen die soge­nann­te „PhenoAge“-Uhr – ein bio­lo­gi­scher Alters­mar­ker auf Basis kli­ni­scher Gesund­heits­da­ten – um knapp ein Jahr güns­ti­ger als bei Per­so­nen, die nur ein- oder zwei­mal pro Jahr kul­tu­rell aktiv waren. Auch bei neue­ren epi­ge­ne­ti­schen Alters­uh­ren zeig­te sich ein lang­sa­me­res bio­lo­gi­sches Altern. 

Kern­bot­schaf­ten

  • Gro­ße Bevöl­ke­rungs­stu­die zeigt erst­mals einen Zusam­men­hang zwi­schen Kul­tur­enga­ge­ment und lang­sa­me­rem bio­lo­gi­schem Altern
  • Viel­falt zählt: Die stärks­ten Effek­te fan­den sich bei Men­schen mit vie­len unter­schied­li­chen kul­tu­rel­len Aktivitäten
  • Die beob­ach­te­ten Zusam­men­hän­ge waren ähn­lich groß wie die­je­ni­gen bei kör­per­li­cher Aktivität
  • Mög­li­che Mecha­nis­men sind Stress­re­duk­ti­on, ent­zün­dungs­hem­men­de Effek­te und posi­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf Herz-Kreislauf-Faktoren
  • Beson­ders deut­lich waren die Zusam­men­hän­ge bei Men­schen ab etwa 40 Jahren

War­um Kul­tur wie ein Jung­brun­nen wir­ken könnte

Die Autoren dis­ku­tie­ren meh­re­re mög­li­che Erklä­run­gen für die beob­ach­te­ten Zusam­men­hän­ge. Kunst und Kul­tur kön­nen nach­weis­lich psy­chi­schen und kör­per­li­chen Stress redu­zie­ren. Chro­ni­scher Stress gilt wie­der­um als wich­ti­ger Trei­ber bio­lo­gi­scher Alte­rungs­pro­zes­se. Dar­über hin­aus gibt es Hin­wei­se dar­auf, dass kul­tu­rel­le Akti­vi­tä­ten ent­zün­dungs­hem­men­de Pro­zes­se för­dern können.

Kultur & Tanz

Frü­he­re Unter­su­chun­gen zeig­ten bei­spiels­wei­se, dass Musik­hö­ren die Akti­vi­tät von Genen beein­flus­sen kann, die mit Dopa­min­aus­schüt­tung, neu­ro­na­ler Plas­ti­zi­tät und ande­ren gesund­heits­re­le­van­ten Pro­zes­sen zusam­men­hän­gen. Auch die sozia­le und geis­ti­ge Anre­gung durch kul­tu­rel­le Akti­vi­tä­ten könn­te eine Rol­le spielen. 

Beson­ders die Viel­falt kul­tu­rel­ler Erfah­run­gen könn­te dabei wich­tig sein. Wer malt, tanzt, musi­ziert, liest, Muse­en besucht oder sich ander­wei­tig krea­tiv betä­tigt, pro­fi­tiert von unter­schied­li­chen geis­ti­gen, emo­tio­na­len und sozia­len Rei­zen. Die­se Viel­falt könn­te zur Stress­be­wäl­ti­gung und psy­chi­schen Wider­stands­kraft beitragen.

Moder­ne Alters­uh­ren zei­gen die Effekte

Inter­es­san­ter­wei­se fan­den die For­scher die Zusam­men­hän­ge nicht bei allen bio­lo­gi­schen Alters­mar­kern. Sicht­bar wur­den sie vor allem bei moder­nen epi­ge­ne­ti­schen Alters­uh­ren wie Phen­oAge, Dun­edin­PoAm und Dun­edin­PACE. Die­se Model­le berück­sich­ti­gen nicht nur das chro­no­lo­gi­sche Alter, son­dern ste­hen stär­ker mit Gesund­heit, kör­per­li­cher Leis­tungs­fä­hig­keit und Sterb­lich­keits­ri­si­ken in Verbindung.

Gera­de des­halb hal­ten die Wis­sen­schaft­ler die Ergeb­nis­se für rele­vant: Die beob­ach­te­ten Unter­schie­de betref­fen offen­bar nicht bloß sta­tis­ti­sche Alters­schät­zun­gen, son­dern bio­lo­gi­sche Pro­zes­se, die für gesun­des Altern von Bedeu­tung sein könnten. 

Prak­ti­sche Tipps: So könn­te man den Kul­­tur-Effekt nutzen
Aus den Ergeb­nis­sen las­sen sich fol­gen­de prak­ti­sche Anre­gun­gen ableiten:

Emp­feh­lun­gen für den Alltag

  • Viel­falt anstre­ben: Unter­schied­li­che kul­tu­rel­le Akti­vi­tä­ten kom­bi­nie­ren – etwa Muse­ums­be­su­che, Kon­zer­te, Lesen, krea­ti­ves Gestal­ten oder Tanz
  • Regel­mä­ßig­keit ent­wi­ckeln: Bereits monat­li­che Akti­vi­tä­ten waren mit güns­ti­ge­ren Wer­ten ver­bun­den, häu­fi­ge­re Teil­nah­me ten­den­zi­ell ebenfalls
  • Kul­tur nicht nur kon­su­mie­ren: Auch eige­nes Sin­gen, Musi­zie­ren, Malen oder Foto­gra­fie­ren zählt
  • Gemein­sam aktiv wer­den: Grup­pen­an­ge­bo­te wie Chö­re, Mal­krei­se oder Tanz­grup­pen ver­bin­den kul­tu­rel­le und sozia­le Aspekte
  • Nied­rig­schwel­lig begin­nen: Biblio­the­ken, loka­le Kul­tur­ange­bo­te, ehren­amt­li­che Pro­jek­te oder eige­ne krea­ti­ve Hob­bys kön­nen bereits Teil eines kul­tu­rell akti­ven Lebens­stils sein

Die beob­ach­te­ten Zusam­men­hän­ge blie­ben auch dann bestehen, wenn Fak­to­ren wie Rau­chen, Alko­hol­kon­sum, Kör­per­ge­wicht oder sozia­le Unter­schie­de sta­tis­tisch berück­sich­tigt wur­den. Kul­tur­enga­ge­ment scheint also nicht ledig­lich ein Begleit­merk­mal eines ins­ge­samt gesün­de­ren Lebens­stils zu sein. Den­noch beto­nen die Autoren, dass ihre Stu­die kei­ne Ursa­che-Wir­kungs-Bezie­hung bewei­sen kann. Ob kul­tu­rel­le Akti­vi­tä­ten bio­lo­gi­sches Altern tat­säch­lich brem­sen, müs­sen zukünf­ti­ge Inter­ven­ti­ons­stu­di­en zeigen. 

Fest steht jedoch schon heu­te: Kunst und Kul­tur berei­chern nicht nur das Leben. Sie könn­ten auch ein bis­lang unter­schätz­ter Bau­stein für gesun­des Altern sein.

Autor
• Rai­ner H. Buben­zer, Eich­städt bei Ber­lin, 30. Mai 2026.
Bild­nach­weis
• Foto von Zeg Young auf Uns­plash.
• Foto von Lari­sa Bir­ta auf Uns­plash.
• Foto von Ben­ja­min Wede­mey­er auf Uns­plash.
Quel­le
• Fan­court D, Mase­bo L, Finn S, Mak HW, Bu F: Does lei­su­re acti­vi­ty mat­ter for epi­ge­ne­tic aging? Ana­ly­ses of arts enga­ge­ment and physical
acti­vi­ty in the UK House­hold Lon­gi­tu­di­nal Stu­dy. Innov Aging. 2026 May 11;10(6):igag038 (Engl. Kurz­fas­sung, DOI).
wei­te­re Infos
Sit­zen ist töd­lich, Bewe­gung gesund.