Quelle: Bernhard Kronenberger — Die neue Diagnostik Lingualis (Zungendiagnose) (1949, Kahl a. Main)
III. Teil Die neue Diagnostik lingualis.
Die vorliegende, neuentdeckte Zungendiagnostik hat nicht die seither angewandte Diagnose aus dem Zungenbelag zum Gegenstand, sondern sie stellt die Kunst dar, aus Einrissen (Fissuren, Rhagaden), Furchen (Sulci), Falten (Plicae), Vertiefungen (Impressionen), sowie höckerischen Erhöhungen (Trabekeln, etc.) und umschriebenen Flächen (Facies circumskriptae), sowohl die Art der Erkrankung wie auch den genauen Sitz des Leidens zu er kennen.
Erst mit Hilfe der neuen Diagnostik lingualis bewahrheitet sich der Ausspruch, daß die Zunge das “Schaufenster” der Eingeweide abgibt, in des Wortes wahrstem Sinne.
Sie erfüllt gleichzeitig alle an eine exakte Diagnose gestellten Anforderungen, zunächst wenigstens insofern, als die betreffenden Organe zum Verdauungstraktus gehören.
Zu diesen Grundbegriffen zählen:
- Die Erkennung des Sitzes der Erkrankung.
- Die Art der Erkrankung.
- Der Grad derselben.
- Zusammenhänge mit evtl. anderen Störungen der Verdauungsorgane.
- Differenzialdiagnostische Besonderheiten.
- Die Erkennung des im Verlauf der Krankheit eintretenden Besserungs- und Heilungszustandes.
- Zuverlässige Merkmale zur genauen Prognostik.
Die zur Begründung jeder Diagnose vorliegenden subjektiven Symptome, also derjenigen, die der Kranke selbst wahrnimmt und berichtet, lassen sich durch die vom Untersuchenden ohne weiteres, allein schon an der Zunge wahrnehmbaren, objektiven Symptome ergänzen. Für den Behandler ergibt sich hieraus die Möglichkeit, die subjektiven Erscheinungen gut überblickend zu überprüfen, um nicht zum Symptomatiker zu werden, und andererseits in die nach den seitherigen gebräuchlichen Untersuchungsmethoden, gerade bei den Leiden der Eingeweide, noch sehr im Dunkeln liegenden Diagnostik, in Ermangelung der Röntgendiagnostik, oder gegebenenfalls auch ohne dieselbe, ziemlich zuverlässige Klarheit zu bringen.
Was die vererbten, also congenitalen Anlagen im Bereich des Verdauungstraktus anbelangt, so lassen auch diese sich an dem Zungenbild gut feststellen, was besonders bei Kindern und jugendlichen Personen von großer Wichtigkeit ist.
Bei der objektiven Untersuchung wird sich der gewissenhafte Praktiker selbstverständlich nicht nur auf das Zungenbild allein beschränken, sondern alle ihm zu Gebote stehenden Methoden heranziehen, wie er auch allen sonstigen außerhalb der Eingeweide etwa im Zusammenhang stehenden Organen seine Aufmerksamkeit widmet. Dennoch wird ihm die Zunge mit all ihren Zeichen vieles bisher nicht für möglich gehaltene, treffend klären helfen.
- Die Erkennung des Sitzes der Erkrankung, läßt sich nach den topographischen Zungenfeldern der Verdauungsorgane leicht herausfinden.
- Die Art der Erkrankung kennzeichnet sich sowohl bei Entzündungen, wie Geschwüren, Erschlaffungen, Senkungen, Erweiterungen, Tumoren und Krebsbildungen.
- Der Grad der Erkrankung ist an den mehr oder weniger starken Einrissen. Furchen, Vertiefungen, Erhöhungen wie Verfärbungen auch zahlenmäßig erkennbar.
- Zusammenhänge mit eventuell anderen Störungen der Verdauungsorgane lassen sich durch Vergleiche der für die Organlagen in Frage kommenden Zungenfelder und den etwa dort vorhandenen Zeichen überblickend feststellen.
- Gerade für die Differenzialdiagnostik sind die vorliegenden Zungenzeichen besonders treffend und aufschlußgebend.
- Die Erkennung des im Verlauf der Krankheit eintretenden Besserungs- und Heilungszustandes läßt sich bei Besserung an dem Nachlassen, Verflüchten und bei der Heilung an dem fast vollkommenen Verschwinden der Zeichen verfolgen, wie andererseits eine etwa eintretende Verschlimmerung sich in einer stärkeren Ausprägung derselben kundgibt.
- Die zuverlässigen Merkmale zur genauen Prognostik dürften, was die Verdauungsorgane anbelangt, sehr überzeugend sein, da man hier jeden gutartigen (benignen), vom bösartigen (malignen) Fall in der Regel leicht unterscheiden kann und auch den chronischen Zustand im Verdauungsweg schnell herausfindet.
Wir ersehen hieraus, daß die Semiotik der Zunge uns ohne zeitraubende Umwege einen Gesamtüberblick über den Verdauungsweg gewährt, der ganz ohne Apparaturen sich vielfach aufschlußreicher gestaltet, und uns nebenbei schnelleren Einblick gestattet, als die gebräuchlichen technischen Untersuchungs-Instrumentarien. Es soll mit dieser Anführung das Verdienst all der vielen bekannten und unbekannten Forscher und Schöpfer vom kleinsten bis zum größten Instrumentarium, durchaus nicht geschmälert oder gar mißkreditiert werden. Im Gegenteil, wir wissen nur zu gut, daß die gesamte Menschheit und die leidenden Menschen nicht zum wenigsten, all jenen Männern und ihren Errungenschaften gar nicht genug für ihre Leistungen danken kann.
Aber eines müssen wir uns hierbei immer vor Augen halten. Wir dürfen letzten Endes nicht zum Sklaven der Technik herabsinken und dadurch den Blick über die Abwicklung der vitalen Erscheinungen schließlich vollkommen verlieren. Wenn man bedenkt, daß alle Gegebenheiten der Schöpfung sich dem Menschen durch ihren Ausdruckswert mitteilen, dann können wir nicht umhin, uns auch die Offenbarungen der Natur als oberste Führung auszuwählen und sich von diesen Gesichtspunkten bei der Ergründung jeder Vitalität leiten zu lassen. Schließlich folgt ja die Natur ganz anderen Gesetzen als die Technik, oder umgekehrt.
Die Natur geht unbekümmert und ungestört ihre eigenen Wege und der Begnadete darf ihr, meist erst nach einer recht langen Prüfzeit, oft nur in wenigen intuitiven Momenten, hie und da einen ihrer geheimen Paragraphen ablauschen. Trotzdem der Geist weht, wo immer er will, Spiritus ubi vult spirat, bleibt dieses Erlauschen immer eine Gnade und nie ein blind ausgeteiltes Geschenk.
Der ganze Komplex der Semiologie beweist uns in jeder Art derselben, daß alles Äußere, alle äußeren Merkmale und Zeichen, der Ausdruck des inneren Zustandes ist, welcher uns geheimnisvoll verborgen bleibt.
Nihil sine causa! Nichts ohne Ursache! So ist auch die neue Zungen-Diagnose in ihrer Kausalität, durch das vom normalen Abweichende, also durch Störungen fest begründet.