Wichtige anatomisch-physiologische Bemerkungen

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Quel­le: Bern­hard Kro­nen­ber­ger — Die neue Dia­gnos­tik Lin­gua­lis (Zun­gen­dia­gno­se) (1949, Kahl a. Main)

Wichtige anatomisch-physiologische Bemerkungen. 

Alle im Magen-Darm-Kanal vor sich gehen­den Funk­tio­nen wer­den vom vege­ta­ti­ven Ner­ven­sys­tem, dem Ner­ven­sys­tem der Ein­ge­wei­de, der Drü­sen und der Gefä­ße betä­tigt. Die Zen­tren des vege­ta­ti­ven Ner­ven­sys­tems sind als eine Rei­he von Gan­gli­en­zel­len­grup­pen im zen­tra­len Höh­len­grau des drit­ten Hirn­ven­tri­kels, im Trun­cus sym­pa­thi­cus, sowie als ein­zel­ne Ker­ne in der Medul­la oblon­ga­ta gelegen.

Die­se Gan­gli­en­zel­len und ‑Ker­ne die­nen der Regu­lie­rung äußerst wich­ti­ger Lebens­vor­gän­ge, die teil­wei­se noch nicht völ­lig erforscht sind. So wird die Auf­recht­erhal­tung der nor­ma­len Kör­per­tem­pe­ra­tur bei Abküh­lung durch Wär­mestei­ge­rung, bei Erhö­hung durch Wär­me- und Schweiß­ab­ga­be, die Regu­la­ti­on der Was­ser­aus­schei­dung durch Harn und Schweiß, fer­ner der Koch­salz- und Zucker­ge­halt des Blu­tes und der Gewebs­säf­te, die Rege­lung der Atmung und Herz­tä­tig­keit, der Blut­druck, sowie Wachen und Schlaf von die­sen Zen­tren aus gesteu­ert. Eben­so dür­fen wir mit Sicher­heit anneh­men, daß sich unse­re neue Zun­gen-Semio­tik, als äuße­re Zei­chen inne­rer Anor­ma­li­tät im unwill­kür­li­chen, vege­ta­ti­ven Ein­ge­wei­de­sys­tem, eben­falls über die­se Zen­tren ausprägt.

Bei einer Erkran­kung des Hypo­phy­sen­hin­ter­lap­pens kommt es zu einer star­ken, über­mä­ßig ver­mehr­ten Harn­aus­schei­dung; wir erse­hen hier­aus, daß infol­ge der zen­tra­len Rege­lung der Was­ser­ge­halt vom Blut und der Gewe­be sich auf dem nor­ma­len Punkt hält. Genau so wird der Koch­salz­ge­halt des Blu­tes und der Lym­phe in dem zur Osmo­se not­wen­di­gen Maxi­me und Mini­me einer phy­sio­lo­gi­schen Koch­salz­lö­sung aus­ge­gli­chen. Wenn der Was­ser­ge­halt von Blut und Lym­phe unter den Spie­gel sinkt, dann tre­ten Oeso­pha­gus­rei­zun­gen auf, die kon­trak­tiv das Durst­ge­fühl aus­lö­sen und damit zur Was­ser­auf­nah­me und zum Aus­gleich drän­gen. Der nor­ma­le Osmo­se­kom­pro­me­ter des Blu­tes und der Gewebs­säf­te ist mit­hin in den oben ange­führ­ten fei­nen Regu­la­ti­ons­zen­tren des Was­ser- und Koch­salz­haus­hal­tes zu suchen und dient dazu, einer Zel­len­quel­lung oder- ‑Schrump­fung vor­zu­beu­gen. Sinkt der Trau­ben­zu­cker­ge­halt des Blu­tes unter die nor­ma­le Höhe, z. B. bei star­kem Ver­brauch oder beim Hun­ger, dann wird von den Steue­rungs­zen­tren aus eine Splanch­ni­kus­rei­zung zur Umwand­lung des Leber­gly­ko­gens in Trau­ben­zu­cker ein­ge­lei­tet, sowie ande­rer­seits durch den Vagus gewis­se Kon­trak­tio­nen des Magens aus­ge­löst, die das Hun­ger­ge­fühl und die erfor­der­li­che Nah­rungs­auf­nah­me bedin­gen. Auch die Blut­druck­re­ge­lung dürf­te durch die Wech­sel­wir­kung von vaso­con­stric­to­ri­schen und vaso­dila­ta­to­ri­schen Ner­ven, wel­che das Lumen der Gefä­ße in den ein­zel­nen Kör­per­ab­schnit­ten der gera­de vor­lie­gen­den Bean­spru­chung anpaßt, von Zen­tren im Hypo­tha­la­mus­ge­biet gesteu­ert werden.

Das gesam­te unwill­kür­li­che, vege­ta­ti­ve Ner­ven­sys­tem besteht aus der Wech­sel­wir­kung der Oppo­nens-Ner­ven, dem Sym­pa­thi­kus und dem Para­sym­pa­thi­kus (Vagus). Durch das Wech­sel­spiel der sym­pa­thi­schen und para­sym­pa­thi­schen Ner­ven wird, soweit es den Bereich der Ver­dau­ungs­or­ga­ne anbe­langt, die fei­ne Regu­lie­rung all der ver­schie­de­nen Drü­sen­funk­tio­nen im Magen-Darm-Kanal, das Hun­ger- und Durst­ge­fühl, die zeit­lich und abschnitts­be­ding­ten peris­tal­ti­schen Bewe­gun­gen, die Berei­tung und Assi­mi­lie­rung des Chylus, die Akti­vie­rung der Abwehr­stof­fe und ‑Kräf­te, die sen­si­blen Reiz­ver­mitt­lun­gen schon bei den leich­tes­ten Stö­run­gen, die gleich­zei­ti­ge Aus­prä­gung der phy­sio­gno­mi­schen, iri­da­len und auch der lin­gua­len Merk­ma­le und nicht weni­ger wich­tig, den über das Son­nen­ge­flecht zustan­de­kom­men­den Har­mo­nie­aus­druck des see­lisch-geis­tig-kör­per­li­chen Tri­as, stän­dig kon­trol­liert und vollzogen.

Bei einem Funk­ti­ons­plus der sym­pa­thi­schen Ner­ven bezeich­net man dies mit Sym­pa­thi­co­to­nie und bei einem Über­wie­gen des Para­sym­pa­thi­kus (Vagus), spricht man von Vagotonie.

Der Ner­vus vagus, X. Hirn­nerv ist der eigent­li­che Ein­ge­wei­de-Funk­ti­ons­nerv (Lun­gen-Magen­nerv). Unter sei­ner Lei­tung voll­zie­hen sich bereits in der Spei­se­röh­re die Schluck­be­we­gun­gen, die Eröff­nung der Car­dia, die Peris­tal­tik des Magens, die schub­wei­se rhyth­mi­sche Öff­nung des Pylo­rus, die Sekre­ti­on des Magen­saf­tes; fer­ner för­dert er die Peris­tal­tik des Dar­mes, kann jedoch bei über­mä­ßi­gem Tonus soge­nann­te Spas­men und Dau­er­kontruk­tio­nen her­vor­ru­fen, wodurch sodann Obs­ti­pa­ti­on auf­tritt. Auch die Funk­ti­on der Bauch­spei­chel­drü­se, der Gal­len­we­ge und der Leber wird vom Vagus geför­dert. So regt er die Pro­duk­ti­on und Aus­schüt­tung des Insu­lins an, dem­zu­fol­ge eine genü­gen­de Gly­ko­gen­spei­che­rung in der Leber bewirkt wird. Außer­dem wirkt er auf die Ein­ge­wei­de­ge­fä­ße in dila­tie­ren­dem Sin­ne, mit Aus­nah­me der Herz­kranz­ge­fä­ße auf wel­che er ste­nie­ren­den Ein­fluß hat.

Das sym­pa­thi­sche Ner­ven­sys­tem wirkt ent­spre­chend sei­nem Ant­ago­nis­ten dem Vagus, gera­de ent­ge­gen­ge­setzt. Der Sym­pa­thi­kus übt eine kon­trak­ti­ons­hem­men­de Wir­kung auf den Magen, den Pylo­rus, den Darm, die Bauch­spei­chel­drü­se und die Gal­len­we­ge aus. Obwohl er die Gly­ko­gen­bil­dung hemmt, beschleu­nigt er ande­rer­seits die Umwand­lung des­sel­ben in Zucker und wirkt der Ver­brauchs­len­kung ent­spre­chend auf die Pro­duk­ti­on des Adre­na­lins der Neben­nie­ren anre­gend. Auf die Blut­ge­fä­ße der Ein­ge­wei­de wirkt der Sym­pa­thi­kus ent­ge­gen­ge­setzt zum Vagus ver­en­gend und auf die Coro­nar­ge­fä­ße dila­tie­rend, da er die Beschleu­ni­gung und Ver­stär­kung der Herz­tä­tig­keit vollzieht.

Die Wur­zeln des para­sym­pa­thi­schen Ner­ven­sys­tems ent­sprin­gen über den Vagus, dem X. Hirn­nerv, aus dem Gehirn und ver­lau­fen zu den Ein­ge­wei­den, wo sie noch para­sym­pa­thi­sche Fasern aus dem Kreuz­bein­mark erhalten.

Die sym­pa­thi­schen Ner­ven­fa­sern, wel­che die Ver­dau­ungs­or­ga­ne ver­sor­gen, ent­stam­men als Ner­vi splanch­ni­ci dem Grenz­strang, Trun­cus sym­pa­thi­cus, in der Höhe des 6—11 Tho­ra­kal­seg­ments. Die­se zie­hen zum größ­ten Teil zu dem gro­ßen Gan­gli­en­ge­flecht, Son­nen­ge­flecht, Ple­xus coeli­a­cus-sola­ris, wel­cher hin­ter dem Magen und vor der Aor­ta gele­gen ist. Auch Vagus­fa­sern tre­ten in den Ple­xus coeli­a­cus ein, und ist dann infol­ge der Anas­to­mo­sen und Ver­schmel­zun­gen an den aus­tre­ten­den Ner­ven­fa­sern ana­to­misch nicht mehr klar­zu­stel­len, ob die­se sym­pa­thi­schen oder para­sym­pa­schen Ursprungs sind.

Der Erre­gungs­ab­lauf der Ein­ge­wei­de­ner­ven ist wesent­lich lang­sa­mer und anhal­ten­der, gegen­über den cere­bro­s­pi­na­len Bewe­gungs- und Gefühls­ner­ven, wel­che die emp­fan­ge­nen Rei­ze ziem­lich rasch und meist auch nur kurz­dau­ernd beantworten.

Die Schling­be­we­gung ist nur inner­halb der Mund­höh­le eine will­kür­li­che, wäh­rend die­sel­be hin­ter den Gau­men­bö­gen im Schlun­de ein geord­ne­ter, unwill­kür­li­cher Reflex­vor­gang ist. Die sen­si­blen Fasern, wel­che durch den zuge­führ­ten Bis­sen den Schluck­akt anre­gen, sind Gau­men­fa­sern des Ner­vus tri­ge­mi­nus und Rachen­äs­te vom Ner­vus vagus. Das Inner­va­ti­ons­zen­trum hier­für dürf­te in den Neben­oli­ven der Medul­la oblon­ga­ta oder im Trun­cus sym­pa­thi­kus zu suchen sein, da bei Bewußt­lo­sig­keit, nach Zer­stö­rung des Gehirns und Klein­hirns samt der Brü­cke, noch Schling­ak­te mög­lich sind. Die Schl­und­ner­ven wer­den vom Ple­xus pha­ryn­geus ver­sorgt, der sich aus Fasern vom Vagus, Sym­pa­thi­kus und vom Glos­so­pha­ryn­geus zusam­men­setzt, wäh­rend für die Spei­se­röh­re allein, nur der Vagus der Bewe­gungs­nerv ist.

Beim Magen ist der Vagus der Bewe­gungs­nerv, wäh­rend der Sym­pa­thi­kus eine kon­trak­ti­ons­hem­men­de Wir­kung auf den Magen aus­übt, wie bereits ange­führt wur­de. Es wird aber auch ange­nom­men, daß inner­halb der Mus­kel­la­gen des Magens ein selb­stän­di­ges Bewe­gungs­zen­trum bestehen kann, das sei­ne anre­gen­den Impul­se von den bei­den Ner­vi vagi erhält.

Das Vomitus-Cen­trum, also das Zen­trum für die Brech­be­we­gun­gen liegt in der Medul­la oblon­ga­ta und bestehen von die­sem aus gewis­se Bezie­hun­gen zum Atem­zen­trum, was erfah­rungs­ge­mäß schon dadurch bestä­tigt wird, daß man Übel­keits­zu­stän­de durch rasche tie­fe Atem­zü­ge behe­ben kann.

Das Bewe­gungs­zen­trum des Dar­mes ist der Ple­xus myen­te­ri­cus, wel­cher zwi­schen den lon­gi­tu­di­na­len und cir­cu­lä­ren Mus­kel­schich­ten des Dar­mes ein­ge­bet­tet liegt und sei­ne Impul­se bei nor­ma­len Zustän­den vom Vagus erhält. Es kön­nen sich jedoch auch die auf den Magen gelan­gen­den Con­trak­ti­ons­im­pul­se rein mecha­nisch auf den Darm fortpflanzen.

Der Hem­mungs­nerv für die Darm­be­we­gun­gen ist der Ner­vus splanch­ni­cus, der aus dem Brust­teil des sym­pa­thi­schen Grenz­stran­ges ent­springt. Sobald es jedoch in den Darm­ge­fä­ßen zur Ansamm­lung von venö­sem Blut gekom­men ist, ruft Splanch­ni­cus­rei­zung gera­de das Gegen­teil, näm­lich ver­mehr­te Peris­tal­tik hervor. 

Der Ple­xus myen­te­ri­cus unter­teilt sich in den Ple­xus mesen­te­ri­cus supe­ri­or, wel­cher den Zwölf­fin­ger­darm, den gesam­ten Dünn­darm, den auf­stei­gen­den- und den Quer­dick­darm ver­sorgt, und in den Ple­xus mesen­te­ri­cus infe­ri­or, der den abstei­gen­den Dick­darm, den S‑förmigen Dick­darm­teil und auch den Mast­darm innerviert.v

Bei der Bauch­spei­chel­drü­se ent­stam­men die Funk­ti­ons­ner­ven dem Ple­xus hepa­ti­cus, dem Ple­xus lien­alis und dem Ple­xus mesen­te­ri­cus supe­ri­or, denen sowohl der Ner­vus vagus wie der Ner­vus splanch­ni­cus Äste zuführt. Es ist bekannt, daß die Drü­sen­ab­son­de­rung durch Rei­zung der Medul­la oblon­ga­ta, sowie der Drü­se selbst, mit­tels Induk­ti­ons­strö­men ver­mehrt ange­regt wird. Die Vagus­fa­sern wir­ken anre­gend auf die Funk­ti­on und die sym­pa­thi­schen Zwei­ge üben eine hem­men­de Wir­kung aus.

Die Ner­ven der Leber ent­sprin­gen dem Ple­xus hepa­ti­cus, wel­cher vom Vagus und dem Sym­pa­thi­kus teils aus mark­lo­sen Remak’schen Fasern und teils aus mark­hal­ti­gen Fasern gebil­det wird. Der Ver­lauf der Ner­ven folgt den viel­fa­chen Ver­äs­te­lun­gen der Leber­ar­te­rie, und sind den­sel­ben auf ihrem Wege Gan­gli­en zwi­schen­ge­schal­tet. Einer­seits kommt den Ner­ven eine gefäß­an­re­gen­de, also vaso­mo­to­ri­sche Wir­kung zu, und ande­rer­seits inner­vie­ren auch Ner­ven­fa­sern mit Leber­zel­len auf direk­tem Wege.

Was die Gal­len­ab­son­de­rung anbe­langt, so steht auch die­se unter dem Ein­fluß der Ner­ven, denn alle Ein­wir­kun­gen sowie Ein­grif­fe, wel­che die arte­ri­el­len Blut­ge­fä­ße des Unter­lei­bes ver­kramp­fen, beein­träch­ti­gen auch die Abson­de­rung der Gal­le. Hier­her zäh­len Rei­zung des Gan­gli­on cer­vicale infe­ri­us, der Leber­ner­ven, des Ner­vus splanch­ni­cus, fer­ner des Rücken­marks ent­we­der direkt etwa durch Strych­nin oder auf reflek­to­ri­scher Bahn durch Rei­zung sen­si­bler Ner­ven­fa­sern. Dem­ge­gen­über wirkt jeder Ein­griff, der eine Sta­gna­ti­on in den Leber­ge­fä­ßen her­bei­führt, wie der Zucker­stich, Unter­bin­dung der Splanch­ni­kus­fa­sern, Tren­nung vom Hals­mark oder Unter­bin­dung der Leber­ner­ven, unter Anschop­pung und Rötung der Leber gera­de umge­kehrt, näm­lich ver­meh­rend auf die Gallensekretion.

Wäh­rend die peris­tal­ti­schen Darm­be­we­gun­gen von dem in der Darm­mus­ku­la­tur gele­ge­nen Auerbach’schen oder dem myen­te­ri­schen Ple­xus inner­viert wer­den, obliegt die Darm­se­kre­ti­on sowie Resorp­ti­on haupt­säch­lich dem Meißner’schen, dem submucö­sen Nervengeflecht. 

Die aus dem Sym­pa­thi­kus kom­men­den Ner­vi splanch­ni­ci, als Ant­ago­nis­ten zum Vagus, üben neben ihrer hem­men­den Wir­kung auf die Darm­be­we­gung, gleich­zei­tig eine erwei­tern­de Wir­kung auf die Blut­ge­fä­ße aus, da sie die vaso­mo­to­ri­schen Ner­ven aller Darm­ge­fä­ße und end­lich noch die äußerst emp­find­li­chen Gefühls­ner­ven des Dar­mes sind.