Quelle: Magnus Hirschfeld & Richard Linsert: Liebesmittel — Eine Darstellung der geschlechtlichen Reizmittel / Aphrodisiaca (MAN Verlag, Berlin, 1930)


Hinweis: Niemand wird in irgendeiner Form aufgefordert, irgendeine der hier behandelten Substanzen, Potenzmittel oder Rezepturen zu sich zu nehmen. Kein Hinweis ist ein Ratschlag für Kranke. Keine hier dargebotene Information soll die Selbstmedikation unterstützen. Achtung – das Leben birgt Risiken und Gefahren und endet immer tödlich! Bis dahin kann es jedoch versüßt werden.
Chloräthyls (S. 243)
In den letzten Jahren hat sich die Anwendung des Chloräthyls (Äthylchlorid, Äther chloratus, Chlorwasserstoffäther, Monochloräthan) für kurze Operationen immer mehr ausgebreitet. Das hat seinen Grund vor allen Dingen in der relativen Ungefährlichkeit der Allgemeinbetäubung. Doch wird bekanntlich das Chloräthyl nicht nur für Vollnarkosen, sondern auch für örtliche Betäubungen verwendet, indem aus einer großen Glasampulle ein dünner Strahl des Chemikaliums auf die Stelle des Körpers gespritzt wird, die unempfindlich gemacht werden soll. Anfangs war man der Meinung, daß das Chloräthyl keine Einwirkung auf die Funktionen der Geschlechtssphäre ausübe. Diese Ansicht vertraten Anfang des Jahrhunderts bis etwa 1906 Seitz, Euler und Paul. Mit der zunehmenden Anwendung des Mittels wurden denn auch die ersten gegenteiligen Erfahrungen bekannt. Schon 1907 teilte Herrenknecht mit, daß die Frau eines Arztes, die in Gegenwart ihres Mannes narkotisiert wurde, die Vorstellung hatte, es sei ihr Gewalt angetan worden, und der Eindruck haftete so fest in ihrer Erinnerung, daß es sehr schwer war, sie davon zu überzeugen, daß sie nur geträumt habe. Das gilt für einen Fall der Chloräthyl-Vollnarkose. – Aber auch im Anschluß an örtliche Betäubungen sind geschlechtliche Reizerscheinungen aufgetreten und Körner beschreibt einen Fad, wo einer Frau ein Zahn gezogen war und Chloräthyl verwendet worden ist, ohne daß es zu einem Rauschzustand gekommen wäre. Die Frau behauptete später gegenüber der Polizei und einem Frauenarzt, daß sie eingeschläfert worden und in der Narkose von dem behandelnden Arzt und einem Studierenden geschlechtlich mißbraucht worden sei. Die Frau wurde übrigens nach entsprechenden Vorverhandlungen auf ihren Geisteszustand untersucht und es wurde festgestellt, daß es sich bei ihr um eine ganz akut aufgetretene Psychose handelte. Die Frau wurde zur Behandlung einer Irrenanstalt überwiesen und nach monatelanger Behandlung als geheilt entlassen. Ähnliche sexuelle Erregungszustände beobachtete Dorn.