Heilfasten ist ein uraltes Verfahren nicht nur zur spirituellen Entwicklung, sondern vor allem auch zur Gesundheitspflege. Aktuelle Forschungen der letzten zwanzig Jahre zeigen, warum Fasten überhaupt funktioniert, was dabei passiert und wie die »richtige« Art des gesundheitspflegenden Fastens aussehen sollte. Am beeindruckendsten ist wohl die Einsicht, dass der »zeitlich begrenzte, freiwillige Nahrungsverzicht« der wohl wichtigste »Jungbrunnen« ist, der das Leben auf gesunde, natürliche Weise verlängern hilft [1].
Mensch und viele Tiere können ohne Schaden kürzer oder länger ohne Nahrung auskommen, also fasten. Diese vererbte, natürliche Fähigkeit hat sich während der Evolution als Anpassung an Nahrungsmangel-Phasen entwickelt. Das »Fasten-Programm« wird aktiviert, wenn der Nachschub von Energie und Nährstoffen (Ausnahme Wasser) deutlich verringert ist. Diese Stoffwechsel-Umschaltung auf »Sparflamme« erfolgt ohne jede Gefahr für Leib, Leben oder Gesundheit! Im Gegenteil: Sind wir im Fastenmodus, steigern sich viele unserer Fähigkeiten: Wir werden wacher, aufmerksamer, empfindsamer, leistungs- oder ausdauerfähiger. Der biologische Sinn ist klar: Um Nahrungsmangel zu besiegen, müssen wir besser funktionieren als sonst. Andernfalls droht das Verhungern.
Die Fastendauer
Die Dauer des Fastens schwankt bei gesunden Erwachsenen erheblich. Beim heimischen Selbstfasten liegt sie etwa zwischen einem und sieben Tagen, bei geübten Faster*innen aber auch länger. Beim Fasten unter ärztlicher Begleitung in einer Kureinrichtung kann sie zwischen sieben und 14 bis 21 Tagen liegen. Es gibt gut belegte Fallgeschichten, bei denen Menschen aber auch 40 Tage und länger gefastet haben und dies gesund überstanden haben. Achtung: Menschen mit akuten und chronischen Erkrankungen sollten grundsätzlich nur ärztlich begleitet fasten! Eine moderne Form ist das Kurzzeitfasten, bei dem nur ein- bis zweimal pro Woche für jeweils einen Tag gefastet wird, allerdings über Wochen und Monate hinweg (Intervall-Fasten).
Alternative Energiegewinnung aus Fettgewebe
Normalerweise gewinnt unser Stoffwechsel seine lebensnotwendige Energie primär aus Glukose (»Zucker«, Kohlenhydrate). Verhindern wir durch Fasten diese Energiegewinnung aus Kohlenhydraten, nutzt der Körper zunehmend die im Fettgewebe gespeicherte Energie. Dieser alternative Stoffwechselzustand wird »Ketose« genannt. Die Ketose beginnt beim gesunden Erwachsenen unter idealen Bedingungen etwa 16 Stunden nach Fastenbeginn. Ideal bedeutet, dass der Darm leer ist und keine Kohlenhydrate (Zucker) mehr liefern kann.
Beim Heilfasten wird dies mit einer intensiven Darmentleerung erreicht. Die Fastenlehrer der Neuzeit (u. a. Dr. Guillaume Guelpa, Dr. Otto Buchinger) haben dafür vor allem das Abführmittel Glaubersalz (Natriumsulfat, Karlsbader Salz) verwendet. Nach dem Trinken von 1–2 Litern einer wässrigen Glaubersalzlösung kommt es nach wenigen Stunden zu einer stark abführenden Wirkung, manchmal auch schneller. Dies wird beim Fasten in Kureinrichtungen oft noch durch Darmeinläufe, Bauchmassagen oder das Trinken kleiner Mengen Glaubersalzlösung während der Fastenkur ergänzt.
Heilfasten auch zu Hause möglich, Abführen überflüssig
Die alten Fastenärzte glaubten, dass die intensive Darmreinigung (»Entschlackung«) Ursache der Umschaltung sei. Das ist jedoch nicht richtig. Das kräftige Abführen beim Heilfasten ist nur dann wichtig, wenn zusätzlich zum Fasten auch Entgiftung oder Entschlackung des Organismus angestrebt wird. Die Umschaltung auf Ketose tritt ansonsten bereits nach eintägigem Fasten auf, ganz ohne jedes künstliche Abführen. Das ist ungemein beruhigend! Denn diese moderne Einsicht bedeutet: Mit dem wohl wichtigsten bekannten Präventions- und Therapieverfahren Fasten ist auch eine einfache und wirksam Selbstbehandlung zu Hause möglich.
Sie müssen aber deswegen nicht auf stationäres Heilfasten verzichten! Es gibt viele gute medizinisch-gesundheitliche Gründe, zur Kur zu gehen – alleine schon wegen all der anderen gesundheitsfördernden Massnahmen, des geistig-seelischen Rahmenprogramms, der Gesundheitspflege-Kurse oder einfach wegen wunderschöner Natur oder sozialer Gemeinsamkeit mit gesundheitsinteressierten Gleichgesinnten. Doch Fasten in heimischer Umgebung hat eben auch klare Vorteile, von denen sich in den letzten Jahren Millionen Menschen in der westlichen Welt überzeugt haben. Zum Beispiel ist es einfach umzusetzen, extrem kostengünstig und motiviert, gesunde Änderungen des Lebensstils sofort umzusetzen (Ernährung, Schlafgewohnheiten, Sport).
Fasten-Erfahrungen: Je individueller desto besser
Für alle, die komplizierte Fasten-Anleitungen befürchten: Das Heilfasten ist ein höchst persönliches Ereignis. Denn jeder Mensch erlebt diese Zeit anders, mitunter zeigen sich seelisch-geistige „Krisen“, die je nach Anlage, Leiden und Schicksal zum Teil hohe Ansprüche an den Betreffenden stellen und besonders angesprochen werden wollen. Entsprechend sollte jedes Heilfasten individuell gestaltet und den jeweiligen geistig-seelisch-körperlichen Bedürfnissen angepasst werden. Anfänger*innen, die sich „Tage ohne Essen“ fast nicht vorstellen können, dürfen erste Erfahrungen mit ein paar Tagen machen. Und stellen oft erstaunt fest, wie leicht und befreiend „Nicht-Essen“ sein kann. Langjährig erfahrenen Heilfaster*Innen gelingt es sogar, Heilfasten mit in den Berufsalltag einzubinden. Doch ist dies eine besondere Herausforderung, die sehr genau überlegt und nur Erfahrenen überlassen werden sollte (einfacher ist dann Intervall-Fasten). Für die meisten Menschen, ist beim Heilfasten eine Auszeit unbedingt empfehlenswert. Denn ob nun kurz- oder langzeitig angelegt: Die Methode stellt deutliche Anforderungen, die keinesfalls unterschätzt werden dürfen.
Alleine oder in der Gruppe?
Heilfasten kann alleine, in Gruppen oder in Kureinrichtungen durchgeführt werden. Manche Menschen ziehen das alleinige Heilfasten vor und nutzen häusliche, bekannte Ressourcen, um so am besten den eigenen Bedürfnissen und Rhythmen nachzugehen. Bei Unsicherheiten bieten erfahrene Fastenberater oder Therapeuten tolle Angebote an, die sich nicht nur aufs Heilfasten beziehen, sondern Aspekte der Hinwendung zur Natur mit aufgreifen: Zum Beispiel gemeinsame Treffen in Fastengruppen – ob zu Hause oder während der Kur -, ergänzt durch tägliche Wanderungen. Denn die Bewegung in der Natur hilft dem gesamten Organismus wieder ins Lot zu kommen. Zudem wird die Natur beim Fasten bewusster und tiefer erlebt, was seelisch-geistige Impulse setzt (gleiches gilt auch für Musik!). Im Gruppengespräch können wiederum eigene eingefahrene Verhaltens‑, Ess- oder sonstige Gewohnheiten in den Fokus gelangen und überdacht werden. Nicht zuletzt das grosse Thema des Umgangs mit (digitalen) Medien. Denn: Heilfasten kann nur dann seine tief greifende Wirkung entfalten, ähnlich wie bei religiös bedingtem Fasten, wenn die bisherige Lebensweise unterbrochen wird. Wer auf Handy, Computer und Co. – vorübergehend!? – verzichtet, findet individuell passende Alternativen mit begleitenden Meditations‑, Yoga- oder Atemübungen – der Auswahl sind kaum Grenzen gesetzt.
Typische Fasten-Nebenwirkungen
Ziel des Heilfastens ist die körperliche, geistige und seelische Umstimmung. Die Zeitdauer, auch nach ärztlicher Beratung, wird – wie erwähnt – ganz nach innerlichen Bedürfnissen und Wünschen festgelegt. Wichtig ist jedoch immer der eindeutige Entschluss dazu! Egal ob drei oder 30 Tage gefastet wird. Hinzu kommen idealerweise zwei einleitende Obsttage vorher und das ungemein wichtige Fastenbrechen nachher. Während der Obsttage dürfen beliebige Mengen Obst gegessen werden. Getrunken wird nur Wasser. Schon hierdurch verändern sich nach 24 Stunden Gewicht, Blutdruck, Atmung oder Puls. Am dritten Tag wird bei einer Heilfasten-Kur meist die Nutzung von Abführmitteln empfohlen, wie beschrieben. Drastisch wirkende Abführmittel können zu Bauchgrimmen führen. Dem aufgeregten Darm kann dann Pfefferminztee zur Beruhigung angeboten werden, sowie Wärme und Ruhe. Bei länger anhaltendem Heilfasten stellt sich häufig Verstopfung ein. Tägliche, warme Einläufe (alles nur Übungssache!) bieten Abhilfe und regen zudem die Stoffwechseltätigkeiten weiter an. Auch ein Glas Glaubersalzlösung am Tag helfen gegen drohende Verstopfung, genauso wie Bauchmassagen. Im Laufe von Entgiftung und Entschlackung kommt es zu vermehrtem Schwitzen und starkem Körper- oder Mundgeruch. Hier helfen tägliche Duschen und intensivierte Zahn- und Zungenpflege.
Der Geist ist wach, schöpferische Idee sprudeln …
Welche heilsamen, kraftvollen Veränderungen das Fasten nicht nur körperlich auslöst, zeigt sich auch an der häufigen Schlaflosigkeit (dabei niemals Schlaftabletten nehmen!), die von Fastenerfahrenen aber positiv gewertet wird: Der Geist ist wach, schöpferische Idee sprudeln, ebenso ist die Seelentätigkeit sehr angeregt. Alter Ärger, Groll, aussergewöhnliche Lebensfreude können ins Bewusstsein rücken – meist sind es Themen, die schon lange einmal „bearbeitet“ werden wollten und quasi „schichtweise“ abgetragen werden. Für die Betrachtung, die Würdigung all dieser Gefühle, Gedanken braucht es Zeit, Geduld, liebevolle Selbstannahme.
Naturheilkundliche Fasten-Hilfsmittel
Es gibt viele Fasten-Hilfsmittel aus der Naturheilkunde: Licht (Sonnenbäder), reichlich Bewegung in frischer Luft im Grünen, nach Möglichkeit ausreichender (Naturzeit-)Schlaf, bewusste, bauchbetonte Atmung. Pflegende Massnahmen sind ebenfalls wichtige Bestandteile des Heilfastens: Die Haut als Teil des ausscheidenden Stoffwechsels kann sich während einer kräftigen Entgiftung verändern. Liebevolle, leichte Bürstenmassagen, warme Bäder, wechselwarme Duschen (wer es mag und verträgt!), kräftiges Frottieren mit anschliessenden Einreibungen mit duftenden Heilpflanzen-Ölen (bitte niemals synthetische Duftstoffe nehmen!) sind die Mittel der Wahl. Das Heilfasten-Brechen (»breakfast«) ist für viele Menschen der oft schwierigste Teil. Am ersten Tag wird zum Beispiel nur ein Apfel gegessen, langsam und pedantisch durchgekaut. Alle Geschmacksnerven sind aktiviert und wollen mehr. Etwas Disziplin ist schon nötig, um nun nicht alles tagelang Vermisste haltlos in sich hineinzustopfen. Ein Teller Kartoffelsuppe mit Kräutern bewusst genossen, zeigt welche Geschmacksvielfalt sich in diesem einfachen Gericht vereinigen können. Auch beim Fastenbrechen können sich Bauchkneifen, verstärkte Darmwinde oder gelegentliche Unpässlichkeiten einstellen – die Darmflora stellt sich so auf neue Gleichgewichte ein.
»Ich kann keinen einzigen Tag ohne Essen leben, mich quält dann schrecklicher Hunger!« ist ein häufiger Einwand. Das, was da quält, ist jedoch kein Hunger. Den kennen wir in der westlichen Welt fast überhaupt nicht mehr. Was da quält, ist Appetit gepaart mit tiefsitzenden Essens-Gewohnheiten und Angst vor dem Unbekannten – nämlich der Freiheit, die uns das Fasten schenkt. Der Antirauchen-Papst Allen Carr sagte: »Die Sklaverei gegen diese Freiheit einzutauschen, ist ein so freudiges Gefühl, wie wenn Sie eine Welt voll schwarzer Schatten hinter sich lassen und in die Sonne hinaustreten.«
Autorin
• Marion Kaden, Berlin, 18. November 2019.
Bildnachweis
• Elena Ray (fotolia.com, 5171480).
Quelle
[1] Mattson MP: Dietary factors, hormesis and health. Ageing Res Rev. 2008 Jan;7(1):43–8 (DOI).
weitere Infos
• Intervall-Fasten: Der kleine Bruder des Heilfastens.
• Intervall-Fasten: Der kleine Bruder des Heilfastens.