Hahnemanns Heilkunde der Erfahrung

Samu­el Hahnemann

Ber­lin, In Com­mis­si­on bei L.W. Wit­tich, 1805 (Erst­aus­ga­be).

Die Heil­kun­de ist eine Wis­sen­schaft der Erfah­rung; sie beschäf­tigt sich mit Til­gung der Krank­hei­ten durch Hülfsmittel.

Die Kennt­niss der Krank­hei­ten, die Kennt­niss der Hülfs­mit­tel, und die Kennt­niss ihrer Anwen­dung bil­den die Heilkunde.

Wäh­rend der wei­se und güti­ge Schöp­fer jene namen­lo­sen von der Gesund­heit abwei­chen­den Zustän­de des mensch­li­chen Kör­pers zuliess, die wir Krank­hei­ten nen­nen, muss­te er uns zugleich einen deut­li­chen Weg zei­gen, so viel Kennt­niss von den Krank­hei­ten zu erlan­gen, als zur Anpas­sung der sie zu besie­gen fähi­gen Heil­mit­tel zureicht; einen nicht weni­ger deut­li­chen Weg muss­te er uns zei­gen, um an den Arz­nei­en jene Eigen­schaf­ten aus­zu­fin­den, die sie zur Hei­lung der Krank­hei­ten fähig machen, – wenn er sei­ne Kin­der nicht hül­f­los las­sen, oder nicht mehr von ihnen ver­lan­gen woll­te, als sie leis­ten können.

Die­se dem sie­chen­den Men­schen­ge­schlech­te so unent­behr­li­che Kunst kann also [15] wohl nicht in den uner­gründ­li­chen Tie­fen düs­te­rer Spe­cu­la­ti­on ver­steckt, nicht in dem grän­zen­lo­sen Vacu­um der Ver­mut­hun­gen ver­streu­et seyn; sie muss uns nahe, ganz nahe lie­gen inner­halb des Gesichts­krei­ses unsers äus­sern und innern Wahrnehmungsvermögens.

Zwei tau­send Jah­re wur­den von den Aerz­ten ver­schwen­det, um die unsicht­ba­ren innern Ver­än­de­run­gen des Kör­pers bei den vor­kom­men­den Krank­hei­ten, ihre nächs­te Ursa­che und das aprio­ri­sche Wesen der­sel­ben zu ergrü­beln, weil sie wähn­ten, nicht eher hei­len zu kön­nen, bis sie die­se unmög­li­che Kennt­niss ergrü­belt hatten.

Wenn nun auch die Ver­geb­lich­keit die­ser lang­wie­ri­gen Anstren­gun­gen noch kein Beweiss von der Unmög­lich­keit die­ses Unter­neh­mens wäre, so wür­de doch der Erfah­rungs­satz, dass sie unnö­thig zur Hei­lung sind, schon allein ihre Unmög­lich­keit bewei­sen. Denn der gros­se Welt­geist, das con­se­quen­tes­te aller Wesen mach­te nur das mög­lich, was nöthig war.

Wenn wir aber auch die den Krank­hei­ten zum Grun­de lie­gen­den, innern Kör­per­ver­än­de­run­gen nie ein­se­hen kön­nen, so hat [16] doch die Ueber­sicht ihrer äus­sern Ver­an­las­sun­gen eini­gen Nutzen.

Kei­ne Ver­än­de­rung ent­steht ohne Ursa­che. Die Krank­hei­ten wer­den ihre Ent­ste­hungs­ur­sa­chen haben, so ver­bor­gen sie uns auch in den meis­ten Fäl­len bleiben.

Wir bemer­ken eini­ge weni­ge Krank­hei­ten, die immer von einer und der­sel­ben Ursa­che ent­ste­hen, z.B. die mias­ma­ti­schen: die Hunds­wuth, die vene­ri­sche Krank­heit, die levan­ti­sche Pest, die gel­be Pest, die Men­schen­po­cken, die Kuh­po­cken, die Masern und eini­ge ande­re, wel­che die Aus­zeich­nung an sich tra­gen, dass sie eigen­ar­ti­ge Krank­hei­ten blei­ben, und, weil sie aus einem, sich immer gleich blei­ben­den Anste­ckungs­zun­der ent­sprin­gen, auch immer den­sel­ben Cha­rak­ter und Ver­lauf behal­ten – eini­ge Zufäl­lig­kei­ten von Neben­um­stän­den abge­rech­net, wel­che aber die Haupt­sa­che nicht ändern.

So mögen wohl auch eini­ge ande­re Krank­hei­ten, denen wir ein Mias­ma noch nicht nach­wei­sen kön­nen, die Kno­ten­gicht, das Sumpf­wech­sel­fie­ber, und meh­re­re ande­re hie und da ende­mi­sche, auch sonst noch eini­ge weni­ge Krank­hei­ten eben­falls ent­we­der aus einer ein­zi­gen sich immer gleich blei­ben­den Ursa­che, oder aus einem sich gleich blei­ben­den [17] Zusam­men­flus­se meh­re­rer, bestimm­ter, sich leicht zusam­men gesel­len­der Ursa­chen ent­ste­hen, sonst wür­den sie nicht so eigen­ar­ti­ge Krank­hei­ten bil­den und nicht so häu­fig seyn.

Die­se weni­gen Krank­hei­ten, wenigs­tens die erstern (mias­ma­ti­schen) kann man daher eigen­ar­ti­ge nen­nen, und ihnen, wo nöthig, ein­zel­ne Namen geben.

Ist für eine der­sel­ben ein Heil­mit­tel erfun­den, so wird es die­sel­be alle­mal hei­len, weil sich eine sol­che Krank­heit im Gan­zen immer gleich bleibt in ihren Aeus­se­run­gen (den Reprä­sen­tan­ten ihres innern Wesens), so wie in ihren Ursachen.

Alle übri­gen unzäh­li­gen Krank­hei­ten zei­gen sich so sehr von ein­an­der abwei­chend in ihren Erschei­nun­gen, dass man gewiss behaup­ten kann: sie wer­den aus einem Zusam­men­flus­se von meh­re­ren, ungleich­ar­ti­gen Ursa­chen (in ver­schie­de­ner Men­ge und von abwei­chen­der Natur und Inten­si­tät) entstehen.

Die Zahl der Wör­ter lässt sich berech­nen, wel­che aus einem Alpha­be­te von 24 Buch­sta­ben zusam­men­ge­setzt wer­den kön­nen, so gross auch die­se Zahl ist; wer ver­mag aber die Men­ge jener ungleich­ar­ti­gen Krank­hei­ten zu berech­nen, da unser Kör­per von [18] unzähl­ba­ren, gröss­tent­heils noch unbe­kann­ten Ein­flüs­sen äus­se­rer Agen­zen affi­ci­rt wer­den kann, und von fast eben so viel Poten­zen von innen.

Alle Din­ge, wel­che nur irgend wirk­sam sind (ihre Zahl ist unüber­seh­lich1), ver­mö­gen [19] auf unsern innigst mit allen Thei­len des Uni­ver­sums in Ver­bin­dung und in Con­flict ste­hen­den Orga­nis­mus ein­zu­wir­ken und Ver­än­de­run­gen her­vor­zu­brin­gen – jedes eine ver­schie­den­ar­ti­ge, so wie es selbst ver­schie­den­ar­tig ist. [20]

Wie abwei­chend von ein­an­der müs­sen, nun nicht die Erfol­ge der Ein­wir­kung die­ser Poten­zen seyn, wenn ihrer meh­re­re zugleich und in ver­schie­de­ner Suc­ces­si­on und Stär­ke auf unse­re Kör­per influi­ren, da letz­te­re zugleich selbst so ver­schie­den­ar­tig orga­ni­sirt [21] sind, und in den man­cher­lei Zustän­den ihres Lebens sich der­ge­stalt abän­dern, dass kein mensch­li­ches Indi­vi­du­um dem andern ganz gleich ist in irgend einer erdenk­li­chen Hinsicht!

Daher kömmt es, dass, mit Aus­nah­me jener weni­gen eigen­ar­ti­gen Krank­hei­ten, alle übri­gen ungleich­ar­tig2 und unzähl­bar sind [22] und so ver­schie­den, dass jede der­sel­ben fast nur ein ein­zi­ges mal in der Welt vor­kömmt, und jeder vor­kom­men­de Krank­heits­fall als eine indi­vi­du­el­le Krank­heit ange­se­hen (und behan­delt) wer­den muss, die sich noch nie so ereig­ne­te als heu­te, in die­ser Per­son und unter die­sen Umstän­den, und genau eben so nie wie­der in der Welt vor­kom­men wird.3 [23]
Das inne­re Wesen jeder Krank­heit, jedes ein­zel­nen Krank­heits­fal­les, so weit es uns zum Behu­fe der Hei­lung zu wis­sen nöthig ist, spricht sich durch die vor­han­de­nen Zei­chen aus, wie sie sich in ihrem gan­zen Umfan­ge, ihrer indi­vi­du­el­len Stär­ke, Ver­bin­dung und Suc­ces­si­on dem äch­ten Beob­ach­ter darbieten.

Nach die­ser Auf­fin­dung aller vor­han­de­nen, bemerk­ba­ren Zei­chen der Krank­heit hat der Arzt die Krank­heit selbst gefun­den, hat er den völ­li­gen zu ihrer Hei­lung nöthi­gen Begriff von ihr.

Zur Begrün­dung der Hei­lung gehört ein treu­es Bild der Krank­heit in ihren Zei­chen, und nächst­dem, wo sie auf­zu­fin­den ist, die Kennt­niss ihrer Ver­an­las­sung und Ent­ste­hungs­ur­sa­che4, um, nächst der Hei­lung durch Arze­n­ei­en, auch die­se hin­weg räu­men [24] zu kön­nen – durch ver­bes­ser­te Ein­rich­tung der Lebens­ord­nung – zur Ver­hü­tung eines Rück­falls.5

Zum Ent­wur­fe des Bil­des der Krank­heit hat der Arzt nur ein ein­fa­ches Beneh­men nöthig. Auf­merk­sam­keit im Beob­ach­ten und Treue im Kopi­ren6. Ver­mut­hun­gen, Erpres­sun­gen und Sug­ges­tio­nen mögen fern von ihm seyn.

Der Kran­ke klagt den Vor­gang sei­ner Beschwer­den, die Ange­hö­ri­gen erzäh­len sein Beneh­men, der Arzt sieht, hört, fühlt u.s.w., was ver­än­dert und unge­wöhn­lich an ihm ist, [25] und zeich­net sich alles in der Ord­nung auf, um sich das Bild der Krank­heit darzustellen.

Die bestän­digs­ten, die auf­fal­lends­ten, die dem Kran­ken beschwer­lichs­ten Sym­pto­men sind die Haupt­zei­chen. Der Arzt zeich­net sie aus als die stärks­ten, als die Haupt­zü­ge des Bil­des. Die sin­gu­lärs­ten, unge­wöhn­lichs­ten Zei­chen geben das Cha­rak­te­ris­ti­sche, das Unter­schei­den­de, das Indi­vi­du­el­le an.

Still­schwei­gend lässt er den Kran­ken und die Ange­hö­ri­gen aus­re­den, und zeich­net sich alles acht­sam auf – fragt dann aber­mals, wel­ches die anhal­tends­ten, häu­figs­ten, stärks­ten und beschwer­lichs­ten unter den Sym­pto­men gewe­sen, und noch sind – ermahnt den Kran­ken noch­mals, die genaue Emp­fin­dung, den genau­en Ver­lauf der Zufäl­le, die genaue Stel­le der Beschwer­den anzu­ge­ben, die Ange­hö­ri­gen aber, noch­mals genau zu sagen, mit wel­chen eigent­li­chen Wor­ten sie die schon ange­ge­be­nen, an dem Kran­ken bemerk­ten Ver­än­de­run­gen aus­drü­cken kön­nen.7 [26]

Da hört der Arzt zum zwei­ten male, was er schon auf­ge­zeich­net hat. Tref­fen die Aus­drü­cke mit dem schon Gesag­ten über­ein, so sind sie für wahr anzu­neh­men, als die Spra­che der innern Ueber­zeu­gung; tref­fen sie nicht über­ein, so wird den Kran­ken oder den Ange­hö­ri­gen die Dif­fe­renz vor­be­hal­ten, damit sie sich erklä­ren, wel­che von bei­den Anga­ben der Wahr­heit am gemä­ses­ten sey, und so wird bestä­tigt, was zu bestä­ti­gen ist, und abge­än­dert, was abzu­än­dern ist.8

Ist sein Bild noch nicht voll­stän­dig, feh­len Thei­le oder Func­tionen des Kör­pers, von deren Beschaf­fen­heit weder der Kran­ke [27] noch die Ange­hö­ri­gen etwas erwähnt haben, so fragt der Arzt, was sie in Rück­sicht die­ser Thei­le oder Func­tionen noch zu erin­nern haben, aber in all­ge­mei­nen Aus­drü­cken, damit der Bericht­ge­ber ver­an­lasst wer­de, sich von selbst spe­ciell zu äus­sern.9

Hat der Kran­ke (denn nur die­sem ist in Absicht sei­ner Emp­fin­dun­gen – aus­ser in Ver­stel­lungs­krank­hei­ten – der meis­te Glau­be bei­zu­mes­sen) auch durch die­se frei­wil­li­gen, oder fast unver­an­lass­ten Aeus­se­run­gen dem Arzte das Bild der Krank­heit ziem­lich ver­voll­stän­digt, so ist es die­sem erlaubt, spe­zi­el­le­re Fra­gen zu thun.10 [28]

Die Beant­wor­tung die­ser letz­tern, bestimm­tem Fra­gen aber, wel­che der Sug­ges­ti­on nahe kom­men, darf der Arzt nicht gleich bei der ers­ten Beant­wor­tung als Wahr­heit anneh­men, son­dern er muss, wenn er sie an die Sei­te notirt hat, noch­mals, aber auf ande­re Art und in ande­rer Ord­nung dar­nach fra­gen11, und, wäh­rend der Ant­wor­ten, den Kran­ken und die Ange­hö­ri­gen ermah­nen, genau­en Bescheid zu geben, nichts hin­zu­zu­set­zen, son­dern ein­zig zu sagen, wie sich die Sache genau verhalte.

Doch wird ein ver­stän­di­ger Kran­ker dem Arzte die­se spe­zi­el­lern Fra­gen oft erspa­ren, und die­se Umstän­de gewöhn­lich schon in der Geschichts­er­zäh­lung der Krank­heit von selbst haben ein­flies­sen lassen.

Ist er hie­mit zu Stan­de, so zeich­net er nun auf, was er selbst im Stil­len an dem Kran­ken beob­ach­tet hat, wäh­rend sei­nes Besuchs12, [29] und kon­trol­lirt es mit den Aus­sa­gen der Ange­hö­ri­gen – was dem Kran­ken hie­von in gesun­den Tagen gewöhn­lich gewe­sen sey, oder nicht?

Nun lässt er sich erzäh­len, wel­che Arz­nei­mit­tel, Haus­mit­tel oder ande­re Kur­me­tho­den, die Zeit daher, und wel­che die letz­ten Tage über gebraucht wor­den – vor­züg­lich aber, wie die Zufäl­le vor dem Gebrau­che oder wäh­rend der Weg­set­zung aller Arzen­ei gewe­sen? Die­se letz­te­re Form nimmt er für [30] die ursprüng­li­che an; jenes ist die zum Theil künst­lich umge­än­der­te Gestalt der Krank­heit, die er aber zuwei­len so, wie sie ist, neh­men und so behan­deln muss, wenn die Lage der Din­ge drin­gend ist und kei­nen Ver­zug lei­det. Oder er lässt die Krank­heit, wenn sie chro­nisch ist, eini­ge Tage ganz ohne Arzen­ei, damit sie zu ihrer ursprüng­li­chen Form zurück­keh­re, bis wohin er dann sei­ne genaue­re Prü­fung der Krank­heits­zei­chen ver­schiebt, um den Heil­plan nach den dau­er­haf­ten, unver­misch­ten Sym­pto­men des chro­ni­schen Uebels, nicht aber nach den ver­gäng­li­chen, unäch­ten, durch die letz­ten Mit­tel neu erzeug­ten Zufäl­len ein­zu­rich­ten – wie gleich­wohl bei acu­ten Krank­hei­ten aus drin­gen­der Noth gesche­hen muss.

Zuletzt frägt der Arzt nach der erin­ner­li­chen Ent­ste­hungs­ur­sa­che ganz im All­ge­mei­nen. Unter zehn Fäl­len kön­nen weder Kran­ke noch Ange­hö­ri­gen eine gewis­se ange­ben. Ist aber eine unzwei­deu­ti­ge vor­her­ge­gan­gen, so haben sie sie gemei­nig­lich schon von selbst in ihrer Krank­heits­er­zäh­lung gleich anfäng­lich mit ange­führt. Soll sie erst abge­fragt wer­den, so kömmt gewöhn­lich etwas Unsi­che­res zum Vor­schei­ne.13 [31]

Ich neh­me die ent­eh­ren­den14 Ver­an­las­sun­gen aus, wel­che der Kran­ke oder die Ange­hö­ri­gen frei­lich nicht gern, wenigs­tens nicht von frei­en Stü­cken geste­hen, denen daher der Arzt durch klüg­li­che Wen­dun­gen oder Pri­va­terkun­di­gun­gen auf die Spur kom­men muss. Die­se aus­ge­nom­men, ist die geküns­tel­te Erfor­schung der übri­gen Ent­ste­hungs­ur­sa­chen oft, wegen der Sug­ges­ti­on, eine schäd­li­che, oder doch eine zweck­lo­se Mühe, zumal da die Heil­kun­de nur weni­ge der­sel­ben kennt (sie wer­den im spe­zi­el­len Thei­le vor­kom­men), nach wel­chen [32] auch ohne Rück­sicht auf die genau­en Zei­chen der dar­aus ent­sprun­ge­nen Krank­heit, zuver­läs­si­ge Hülfs­mit­tel fest­ge­setzt wer­den könnten.

Mit die­sem sorg­fäl­ti­gen Eifer wird der Arzt das rei­ne Bild der Krank­heit auf­ge­zeich­net, er wird die Krank­heit selbst vor sich haben in Zei­chen, ohne wel­che sich kei­ne ver­bor­ge­ne Eigen­schaft der Din­ge, und eben, so wenig eine Krank­heit dem blos nach Wahr­neh­mun­gen sei­ner Sin­ne erken­nen­den, irdi­schen Men­schen ausspricht.

Ist die Krank­heit gefun­den, so müs­sen wir das Heil­mit­tel suchen.

Jede Krank­heit hat einen, die Ver­rich­tung und das Wohl­be­fin­den unse­rer Orga­ne stö­ren­den, wider­na­tür­li­chen Reiz eige­ner Art zum Grunde.

Nun lässt aber die Ein­heit des Lebens der Orga­ne und ihre Ueber­ein­stim­mung zu einem gemein­sa­men Zwe­cke, nicht zu, dass zwei durch wider­na­tür­li­che all­ge­mei­ne Rei­ze her­vor­ge­brach­te Wir­kun­gen im mensch­li­chen Kör­per neben ein­an­der und zu glei­cher Zeit bestehen kön­nen. Daher:

Erster Erfahrungssatz.

Wenn zwei wider­na­tür­li­che all­ge­mei­ne Rei­ze zu glei­cher Zeit auf den Kör­per wir­ken, [33] so wird, wenn bei­de ungleich­ar­tig sind, die Wir­kung des einen (schwä­chern) Rei­zes von der des andern (stär­kern) auf eini­ge Zeit zum Schwei­gen gebracht und sus­pen­dirt15; hin­ge­gen:

Zweiter Erfahrungssatz.

Wenn bei­de Rei­ze gros­se Aehn­lich­keit [34] mit ein­an­der haben, so wird der eine (schwä­che­re) Reiz sammt sei­ner Wir­kung von der ana­lo­gen Kraft des andern (stär­kern) gänz­lich aus­ge­löscht und ver­nich­tet.

(Zur Erläu­te­rung des ers­ten Erfah­rungs­sat­zes). Wenn jemand z.B. vom Masern- und Men­schen­po­cken­mias­ma (zwei ungleich­ar­ti­gen Rei­zen) zugleich ange­steckt ist, die Masern aber eher her­vor­ge­bro­chen sind, so ver­schwin­den die­se sogleich, wenn der Tag des Aus­bruchs der Men­schen­po­cken kömmt, und nur erst, wenn die­se abge­hei­let sind, kom­men die Masern wie­der, und voll­enden ihren natür­li­chen Ver­lauf. Die schon begon­ne­nen Rötheln ver­schwan­den, wie ich öfters sah, bei dem Aus­bru­che der Men­schen­po­cken und voll­ende­ten nur dann erst ihren Lauf, als die Pocken abge­trock­net waren16. Die levan­ti­sche Pest steht, nach Larrey, sogleich still, sobald die Men­schen­po­cken zu gras­si­ren anfan­gen, kömmt aber wie­der, wenn letz­te­re auf­hö­ren. [35]

Die­se ange­führ­ten Paa­re von Kör­per­rei­zun­gen sind von hete­ro­ge­ner und abwei­chen­der Art, und die eine wird daher von der andern (doch nur auf eini­ge Zeit) suspendirt.

(Zur Erläu­te­rung des zwei­ten Erfah­rungs­sat­zes). Sind aber die bei­den wider­na­tür­li­chen Kör­per­rei­zun­gen ähn­li­cher Art, so wird die schwä­che­re von der stär­kern ganz auf­ge­ho­ben, so dass nur eine (die stär­ke­re) zur Voll­endung ihrer Wir­kung kömmt, wäh­rend die schwä­che­re schon ganz ver­nich­tet und aus­ge­löscht war. So wer­den die Men­schen­po­cken ein Ver­til­gungs­mit­tel der Kuh­po­cken; die­se wer­den sogleich in ihrem Ver­lau­fe unter­bro­chen, sobald das im Kör­per schon vor­her gele­ge­ne Mias­ma der Men­schen­po­cken sei­nen Aus­bruch ver­an­stal­tet, und sie kom­men nach Ver­lauf der Men­schen­po­cken nicht wie­der zum Vorscheine.

Das Kuh­po­cken­mias­ma, wel­ches aus­ser der bekann­ten Wir­kung, Kuh­po­cken mit ihrem zwei­wö­chent­li­chen Ver­lau­fe her­vor­zu­brin­gen, noch die Ten­denz besitzt, einen After­aus­schlag von klei­nen rothen Knöt­chen mit rothen Rän­dern, vor­züg­lich im Gesich­te und an den Vor­der­ar­men, zu erzeu­gen (und die­se Ten­denz zuwei­len, unter gewis­sen noch unbe­kann­ten Ver­an­las­sun­gen, gewöhn­lich bald nach dem Abtrock­nen der Kuh­po­cken, [36] in Wir­kung bringt), heilt ande­re Haut­aus­schlä­ge, womit der Impf­ling schon, obgleich noch so lan­ge, vor­her beläs­tigt wur­de, wenn nur die­ser Aus­schlag jenem Kuh­po­ckenex­an­the­me17 ziem­lich ähn­lich war, ohne Rückkehr.

Die­se Paa­re wider­na­tür­li­cher Rei­zun­gen kön­nen nicht neben ein­an­der in dem­sel­ben Kör­per bestehen, und so hebt der nach­gän­gig hin­zu­ge­kom­me­ne Krank­heits­reiz den schon vor­her bestan­de­nen auf, nicht blos auf eini­ge Zeit, son­dern, da jener die­sem ana­log ist, auf immer; er löscht ihn aus, er ver­nich­tet, er heilt ihn völ­lig. [37]

Eben so ist es bei Behand­lung der Krank­hei­ten mit Arzeneien.

Wer­den der Krät­ze der Woll­ar­bei­ter star­ke Pur­gan­zen, z.B. aus Jal­ap­pe ent­ge­gen­ge­setzt, so lässt all­mäh­lig jene fast völ­lig nach, so lan­ge die Pur­gan­zen fort­ge­setzt wer­den, weil die Wir­kung die­ser zwei­en, wider­na­tür­li­chen Rei­ze nicht zugleich im Kör­per bestehen kön­nen; sobald aber die Wir­kung des künst­lich erreg­ten Rei­zes nach­lässt, das ist, sobald die Pur­gan­zen bei Sei­te gesetzt wer­den, kömmt die sus­pen­dir­te Krät­ze, nach wie vor, wie­der, weil ein ungleich­ar­ti­ger Reiz den andern nicht auf­hebt und ver­nich­tet, son­dern blos auf eini­ge Zeit unter­drückt und suspendirt.

Wird aber in den mit die­ser Krät­ze behaf­te­ten Kör­per ein neu­er Reiz, zwar von ande­rer Natur, aber sehr ähn­li­cher Wir­kungs­art gebracht, wie z.B. die kal­k­er­di­ge Schwe­fel­le­ber18, von wel­cher Ande­re nächst mir einen die­ser Krät­ze sehr ähn­li­chen Aus­schlag erfol­gen sahen, so weicht, weil zwei all­ge­mei­ne wider­na­tür­li­che Rei­ze im Kör­per [38] nicht zusam­men bestehen kön­nen, der ers­te­re dem letz­tern nicht nur auf kur­ze Zeit, son­dern, weil der zuletzt ange­brach­te ein dem erstern sehr ana­lo­ger Reiz war, auf immer, das ist, die Krät­ze der Woll­ar­bei­ter wird vom Gebrau­che der kal­k­er­di­gen Schwe­fel­le­ber (und aus glei­cher Ursa­che, vom Gebrau­che des Schwe­fel­pul­vers und der hepa­ti­schen Bäder) wirk­lich geheilt.

Auch die Krank­hei­ten, wel­che der flüch­ti­ge Beob­ach­ter für blos ört­li­che19 hält, [39] wer­den durch einen neu­en, auf die­sen Theil gebrach­ten, Reiz ent­we­der auf eini­ge Zeit unter­drückt, wenn bei­de Rei­ze von ungleich­ar­ti­ger [40] oder ent­ge­gen­ge­setz­ter Ten­denz sind, wie z.B. der Schmerz einer ver­brann­ten Hand von der Ein­tau­chung in küh­les Was­ser augen­blick­lich unter­drückt und sus­pen­dirt wird, so lan­ge die Ein­tau­chung dau­ert, aber sich sogleich mit Hef­tig­keit erneu­ert, wenn sie wie­der aus dem Was­ser gezo­gen wird, – oder der ers­te­re wird gänz­lich und auf immer ver­nich­tet, das ist, voll­stän­dig geheilt, wenn der letz­te­re Reiz dem erstern sehr ana­log ist. So, wenn die Wir­kung des Arzen­ei­mit­tels, z.B. der auf die ver­brann­te Hand ange­brach­te künst­li­che Reiz von zwar ande­rer Natur als der Brenn­reiz des Feu­ers, aber von sehr ähn­li­cher Ten­denz ist, wie der höchst ent­wäs­ser­te Wein­geist, wel­cher auf den Lip­pen fast die­sel­be Emp­fin­dung als eine sich nähern­de Flam­me her­vor­bringt, so wird die ver­brann­te Haut, wenn man sie damit fort­dau­ernd benetzt, in schlim­mern Fäl­len bin­nen etli­cher Stun­den, in gerin­gern noch weit eher gänz­lich her­ge­stellt und vom Brand­schmer­ze auf immer geheilt. So gewiss ist es, dass auch ört­lich am Kör­per zween Rei­ze nicht zugleich bestehen kön­nen, ohne dass der eine den andern sus­pend­ire, wenn sie bei­de ungleich­ar­tig sind, oder einer den andern auf­he­be, wenn der hin­zu­tre­ten­de von sehr ähn­li­cher Wir­kungs­art und Ten­denz ist. [41]

Um also hei­len zu kön­nen, wer­den wir blos nöthig haben, dem vor­han­de­nen wider­na­tür­li­chen Rei­ze der Krank­heit eine pas­sen­de Arzen­ei, das ist, eine ande­re krank­haf­te Potenz von sehr ähn­li­cher Wir­kung, als die Krank­heit äus­sert ent­ge­gen zu setzen.

Man hat, so wie die Nah­rungs­mit­tel für den gesun­den Kör­per dien­lich, so Arze­n­ei­en in Krank­hei­ten heil­sam befun­den; Arze­n­ei­en sind aber nie vor sich und unbe­dingt heil­sam, son­dern nur relativ.

Die bis zur Stil­lung des Hun­gers und Durs­tes ein­ge­nom­me­nen rei­nen Ali­men­te, Spei­sen und Geträn­ke, unter­hal­ten unse­re Kräf­te, indem sie die durch den Lebens­pro­cess ver­lo­re­nen Thei­le erset­zen, ohne die Ver­rich­tun­gen unse­rer Orga­ne in Unord­nung zu brin­gen, oder der Gesund­heit zu schaden.

Jene Sub­stan­zen aber, die man Arze­n­ei­en nennt, sind ganz ent­ge­gen­ge­setz­ter Natur. Sie näh­ren nicht. Sie sind wider­na­tür­li­che Rei­ze, blos geeig­net, unsern gesun­den Kör­per umzu­än­dern, das Leben und die Ver­rich­tun­gen der Orga­ne zu stö­ren und wid­ri­ge Gefüh­le zu erre­gen, mit einem Wor­te, den Gesun­den krank zu machen.

Es gie­bt kein Arzen­ei­mit­tel, wel­ches [42] die­se Ten­denz20 nicht hät­te, und wel­ches sie nicht hat, ist kein Arzen­ei­mit­tel, ohne Ausnahme.

Blos jene Eigen­schaft der Arze­n­ei­en, eine Rei­he spe­zi­fi­scher Krank­heits­sym­pto­men im gesun­den Kör­per zu erzeu­gen, ist es, wodurch sie Krank­hei­ten hei­len, das ist, den Krank­heits­reiz durch einen ange­mes­se­nen Gegen­reiz auf­he­ben und ver­lö­schen können.

Den spe­zi­fi­schen Krank­heits­mi­as­men (der Men­schen­po­cken, der Masern, des Vipern­bis­ses, [43] des Spei­chels wüt­hen­der Thie­re, u.s.w.) nicht unähn­lich, wirkt jedes ein­fa­che Arzen­ei­mit­tel eine eige­ne spe­zi­fi­sche Krank­heit – eine Rei­he bestimm­ter Sym­pto­men, wel­che genau auf die­sel­be Wei­se an kei­ner andern Arzen­ei in der Welt vorkömmt.

So gewiss jede Pflan­zen­art in ihrer äus­sern Gestalt, in der eige­nen Art ihres Lebens, in ihrem Geschma­cke, Geru­che u.s.w. von einer andern Pflan­zen­art und Gat­tung – so gewiss jedes Mine­ral, jedes Salz in sei­nen äus­sern sowohl, als innern phy­si­schen Eigen­schaf­ten ver­schie­den ist, so gewiss sind sie sämmt­lich unter sich selbst, in ihren Arz­nei­kräf­ten, das ist, in ihrer krank­ma­chen­den Kraft ver­schie­den; jede die­ser Sub­stan­zen wirkt auf eine eige­ne, bestimm­te Wei­se eine Abän­de­rung unsers Gesundheitszustandes.

Die meis­ten Sub­stan­zen des Thi­er- und Pflan­zen­rei­ches21 sind in ihrem rohen Zustan­de [44] arz­nei­lich, die aus dem Mine­ral­rei­che aber sowohl im rohen als im zube­rei­te­ten Zustande.

Am reins­ten zei­gen die Arzen­ei­mit­tel die Natur ihrer krank­haf­ten Potenz und ihre abso­lu­te, wah­re Wir­kung im gesun­den mensch­li­chen Kör­per, wenn man jedes allein und unver­mischt neh­men lässt.

Schon sind meh­re­re der wirk­sams­ten Arze­n­ei­en hie und da in gesun­de Kör­per gera­then, und man hat die davon beob­ach­te­ten Zufäl­le auf­ge­zeich­net22. [45]

Um nun die­sen Fin­ger­zeig der Natur wei­ter zu ver­fol­gen und tie­fer in die­se Kennt­niss zu drin­gen, wen­det man die­se star­ken, so wie die min­der star­ken Arzen­ei­mit­tel ver­suchs­wei­se, jedes ein­zeln und unver­mischt, in gesun­den Kör­pern bedächt­lich an, und zeich­net, unter sorg­fäl­ti­ger Ent­fer­nung aller influi­ren­den Neben­um­stän­de, die davon sich ereig­nen­den Zufäl­le, in der Ord­nung wie sie vor­kom­men, genau auf, und erhält so das rei­ne Resul­tat der Krank­heits­form, die jede die­ser Arzen­ei­sub­stan­zen abso­lut und für sich im mensch­li­chen Kör­per zu erre­gen im Stan­de ist23. [46]

So muss man sich die Kennt­niss eines hin­läng­li­chen Vor­raths künst­li­cher krank­haf­ten Poten­zen (Arze­n­ei­en) zu Heil­werk­zeu­gen ver­schaf­fen, um die Aus­wahl unter ihnen haben zu kön­nen24.

Hat man nun die zu hei­len­de Krank­heit genau unter­sucht, das ist, alle wahr­nehm­ba­ren Phä­no­me­ne der­sel­ben geschicht­lich und wie sie auf ein­an­der fol­gen, auf­ge­zeich­net, mit genau­er Bezeich­nung der stär­kern, beschwer­li­chern Haupt­sym­pto­men, so darf man die­ser Krank­heit blos eine ihr mög­lichst ähn­li­che [47] Krank­heit – oder, mit andern Wor­ten, dem vor­han­de­nen Rei­ze der Krank­heit einen ihm ana­lo­gen medi­ci­ni­schen Reiz ent­ge­gen set­zen durch Anwen­dung einer Arzen­ei, wel­che mög­lichst alle jene Sym­pto­men, oder doch die meis­ten und stärks­ten, oder doch die sin­gu­lärs­ten und in der­sel­ben Ord­nung, vor sich zu erre­gen im Stan­de ist – um die Krank­heit, wel­che ent­fernt wer­den soll, gewiss, schnell und ohne Rück­kehr zu heilen.

Der Erfolg von einem sol­chen natur­ge­mäs­sen Ver­fah­ren ist so zuver­sicht­lich, so ganz ohne Aus­nah­me gewiss, so über alle Erwar­tung schnell, dass kei­ne Art, Krank­hei­ten zu hei­len, etwas ähn­li­ches auf­zu­wei­sen hat.

Hier ist aber der gros­se, nie genug zu berück­sich­ti­gen­de Unter­schied zwi­schen der posi­ti­ven und der nega­ti­ven, oder wie sie auch sonst genannt wird, der radi­ka­len (cura­ti­ven) und der pal­lia­ti­ven Heil­art in Acht zu nehmen.

Bei der Ein­wir­kung der ein­fa­chen Arze­n­ei­en auf den gesun­den mensch­li­chen Kör­per ent­ste­hen zuerst Phä­no­me­ne und Sym­pto­me, wel­che die von die­sem Arzen­ei­mit­tel spe­zi­fisch zu erwar­ten­de posi­ti­ve Krank­heit genannt wer­den kann, oder ihre posi­ti­ve, pri­mä­re (ers­te und vor­züg­lichs­te) Wir­kung. [48]

Ist die­se vor­über, so erfolgt, in schwer zu bemer­ken­den Ueber­gän­gen25, gera­de das Gegen­t­heil des erstern Vor­gan­ges (inson­der­heit bei den vege­ta­bi­li­schen Arze­n­ei­en), es erfol­gen die gera­de ent­ge­gen gesetz­ten (nega­ti­ven) Sym­pto­men als Nachwirkung.

Wen­det man nun bei Behand­lung einer Krank­heit die­je­ni­ge Arzen­ei an, deren ers­te­re, posi­ti­ve Wir­kungs­sym­pto­me die gröss­te Aehn­lich­keit mit den Krank­heits­zu­fäl­len haben, so ist diess eine posi­ti­ve oder kura­ti­ve Heil­art, das ist, es erfolgt, was nach dem zwei­ten Erfah­rungs­sat­ze erfol­gen muss, schnel­le dau­er­haf­te Bes­se­rung, bei deren Ver­voll­stän­di­gung das Heil­mit­tel in immer klei­nern und klei­nern Gaben und immer sel­te­ner gege­ben wer­den kann, ohne dass ein Rück­fall erfolgt; wo nicht gar schon die ers­te oder die ers­ten Paar Gaben zur Hei­lung zureichten.

Es wird näm­lich dem im Kör­per vor­han­de­nen, wider­na­tür­li­chen Rei­ze ein ande­rer Krank­heits­reiz von mög­lichs­ter Aehn­lich­keit (mit­telst der ange­wen­de­ten, mit ihren pri­mä­ren Sym­pto­men hier posi­tiv wir­ken­den [49] Arzen­ei) ent­ge­gen gesetzt in der Mas­se, dass die­ser jenen über­wiegt, und es erfolgt (da zwei wider­na­tür­li­che Rei­ze nicht neben ein­an­der im mensch­li­chen Kör­per bestehen kön­nen, die­ses aber zwei gleich­ar­ti­ge Rei­ze sind) die völ­li­ge Aus­lö­schung und Ver­nich­tung jenes durch die­sen26.

Hier wird frei­lich eine neue Krank­heit (durch die Arzen­ei) in den Kör­per gebracht, aber mit dem Unter­schie­de im Erfol­ge, dass die ursprüng­li­che durch die künst­lich erreg­te aus­ge­löscht wird – der Ver­lauf der künst­lich erreg­ten, sie­gen­den aber (der Ver­lauf der Arzen­ei­sym­pto­me) in so kur­zer Zeit exspi­r­irt, als kei­ne natür­li­che, auch noch so kur­ze Krankheit.

Es ist bewun­derns­wür­dig, dass, wenn [50] das posi­tiv (kura­tiv) ange­brach­te Heil­mit­tel mit sei­nen Pri­mär­sym­pto­men sehr genau auf die Zufäl­le der zu til­gen den Krank­heit passt, ganz und gar kei­ne Nach­wir­kungs­sym­pto­men des Arzen­ei­mit­tels fol­gen; son­dern die gan­ze Wir­kung des­sel­ben schon zu der Zeit auf­hört, wo man den Anfang der nega­ti­ven Arzen­ei­sym­pto­men eben erwar­ten soll­te. Die Krank­heit ver­schwin­det, wenn sie unter die acu­ten gehör­te, in den ers­ten weni­gen Stun­den, die den pri­mä­ren Arzen­ei­sym­pto­men von der Natur zur Dau­er ange­wie­sen sind, und es ist nichts von Fol­gen zu sehen, als – Gene­sung. Eine wah­re dyna­mi­sche, gegen­sei­ti­ge Vernichtung.

In den bes­ten Fäl­len keh­ren die Kräf­te also gleich wie­der zurück, und das sonst gewöhn­li­che Wie­der­ge­ne­sungs-Siech­t­hum ist nicht zu bemerken.

Eben so bewun­derns­wür­dig ist die Wahr­heit, dass es kein Arzen­ei­mit­tel gie­bt, wel­ches, kura­tiv ange­wen­det, schwä­cher als die Krank­heit wäre, auf die es passt – kei­nen Krank­heits­reiz, dem der posi­ti­ve und mög­lichst ana­lo­ge Arzen­ei­reiz nicht über­le­gen wäre.

Ist nicht nur das rech­te (posi­ti­ve) Heil­mit­tel gewählt, son­dern auch die Gabe rich­tig getrof­fen wor­den (zur kura­ti­ven Absicht [51] sind unglaub­lich klei­ne Gaben hin­rei­chend), so wirkt das Heil­mit­tel bin­nen der ers­ten Stun­de nach der Ein­nah­me der ers­ten Gabe eine Art klei­ner Ver­schlim­me­rung (sel­ten dass sich die­se bis zu drei Stun­den erstreckt), wel­che dem Kran­ken eine Ver­schlim­me­rung der Krank­heit zu seyn deuch­tet, aber nichts anders ist, als die die Krank­heit in etwas an Stär­ke über­tref­fen­den pri­mä­ren Arzen­ei­sym­pto­me, wel­che in der Regel so viel Aehn­lich­keit mit der ursprüng­li­chen Krank­heit haben müs­sen, dass sie in der ers­ten Stun­de selbst den Kran­ken täuscht, bis die nach etli­chen Stun­den erfol­gen­de Gene­sung ihn eines andern belehrt.

In die­sem Fal­le ist die Hei­lung einer acu­ten Krank­heit gewöhn­lich mit der ers­ten Gabe beendigt.

War aber die ers­te Gabe des völ­lig pas­sen­den kura­ti­ven Heil­mit­tels nicht etwas grös­ser, als die Krank­heit und erfolg­te also nicht etwas von jener eigen­ar­ti­gen Ver­schlim­me­rung in der ers­ten Stun­de, so ist doch die Krank­heit zum gröss­ten Thei­le aus­ge­löscht, und es bedarf nur noch weni­ger, immer klei­ne­rer Gaben, um sie völ­lig zu ver­nich­ten27. [52]

Woll­te man hier nicht immer klei­ne­re Gaben rei­chen, son­dern eben so gros­se, oder grös­se­re, so ent­ste­hen (nach nun schon ver­schwun­de­ner ursprüng­li­cher Krank­heit) blos­se Arzen­ei­sym­pto­men, eine Art künst­li­cher, unnö­thi­ger Krank­heit28.

Ganz anders aber ver­hält es sich bei pal­lia­ti­ven Kuren, wo man eine Arzen­ei braucht, deren posi­ti­ve, pri­mä­re Wir­kung das Gegen­t­heil der Krank­heit ist.

Fast unmit­tel­bar nach Anbrin­gung einer [53] sol­chen Arzen­ei erfolgt eine Art Lin­de­rung, eine fast augen­blick­li­che Unter­drü­ckung des Krank­heits­rei­zes auf kur­ze Zeit29, wie, oben gesagt, das küh­le Was­ser bei der vom Feu­er ver­brann­ten Haut. Man nennt sie Pal­lia­tiv­mit­tel.

Sie hin­dern nur wäh­rend der Dau­er ihrer pri­mä­ren Sym­pto­men den Ein­druck des Krank­heits­rei­zes auf den Orga­nis­mus, indem sie dem Kör­per einen Reiz vor­hal­ten, wel­cher der Gegen­satz des Krank­heits­rei­zes ist; dann fängt ihre Nach­wir­kung, als das Ent­ge­gen­ge­setz­te von ihrer pri­mä­ren Wir­kung, an, mit dem ursprüng­li­chen Krank­heits­rei­ze zu coïn­cid­iren und ihn zu ver­schlim­mern30. [54] Unter der Nach­wir­kung des Pal­lia­tivs, und wenn es bei Sei­te gesetzt wird, ver­schlim­mert sich die Krank­heit. – Der Brand­schmerz wird schlim­mer, wenn die Hand aus dem küh­len Was­ser gezo­gen wird, als ehe sie ein­ge­taucht ward.

So wie bei der (posi­ti­ven) kura­ti­ven Heil­art in der ers­ten Stun­de eine klei­ne Ver­schlim­me­rung, nach­ge­hends aber eine [55] des­to dau­er­haf­te­re Bes­se­rung und Gene­sung zu erfol­gen pflegt, so ent­steht bei der pal­lia­ti­ven Heil­art in der ers­ten Stun­de, ja fast augen­blick­lich, eine (täu­schen­de) Bes­se­rung, wel­che aber von Stun­de zu Stun­de wie­der abnimmt, bis die Zeit der pri­mä­ren, hier pal­lia­ti­ven Wir­kung des Arzen­ei­mit­tels exspi­r­irt, und nicht nur die Krank­heit wie­der so erschei­nen lässt, wie sie vor dem Gebrau­che des Mit­tels war, son­dern auch etwas von ihrer Nach­wir­kung hin­zu­setzt, die, weil die pri­mä­re Wir­kung des Mit­tels das Gegen­t­heil der Krank­heit war, nun zum Ent­ge­gen­ge­setz­ten, das ist, zu einem der Krank­heit ana­lo­gen Zustan­de wird. Die­ser Zusatz ist eine Ver­meh­rung, eine Ver­schlim­me­rung derselben.

Soll dann die pal­lia­ti­ve Hül­fe erneu­ert wer­den, so reicht die ers­te Gabe schon nicht mehr zu; sie muss ver­stärkt wer­den31, und [56] so immer fort ver­stärkt, bis das Mit­tel gar nicht mehr erleich­tert, oder bis die etwa­ni­gen Neben­wir­kun­gen des zu einer immer grös­sern Gabe fort­ge­setz­ten Arzen­ei­mit­tels Nacht­hei­le erre­gen, die sei­nen fer­nern Gebrauch ver­bie­ten – Beschwer­den, wobei, wenn sie zu einer ansehn­li­chen Höhe gedie­hen sind, oft das ursprüng­li­che, bis­her behan­del­te Uebel schweigt (zufol­ge des ers­ten Erfah­rungs­sat­zes) und eine ande­re, neue, wenigs­tens oben so läs­ti­ge Krank­heit an ihre Stel­le tritt32.

So kann z.B. eine chro­ni­sche Schlaf­lo­sig­keit [57] zwar nicht sel­ten durch täg­li­che Gaben Mohn­saft des Abends, auf eine gerau­me Zeit unter­drückt wer­den, da die (hier pal­lia­ti­ve) pri­mä­re Wir­kung des­sel­ben Schlaf brin­gend ist, aber (da sei­ne sekun­dä­re Wir­kung Schlaf­lo­sig­keit, folg­lich ein Zusatz zu der ursprüng­li­chen Krank­heit ist) nur durch immer stei­gen­de Gaben, bis eine uner­träg­li­che Hart­lei­big­keit, ein Anas­ar­ka, ein Asth­ma, oder ande­re Nach­wir­kungs­übel vom Opi­um, die fer­ne­re Anwen­dung des­sel­ben verbieten.

Wenn aber die pal­lia­ti­ve Arzen­ei nur in etli­chen Gaben gegen ein habi­tu­el­les Uebel gebraucht, und dann wie­der aus­ge­setzt wird, ehe sie gros­se Neben­übel erre­gen kann, da zeigt sichs schnell und deut­lich, dass sie gegen das ursprüng­li­che Uebel nicht nur nichts ver­moch­te, son­dern es auch durch ihre sekun­dä­ren Wir­kun­gen ver­schlim­mer­te. Eine wah­re nega­ti­ve Hül­fe. War z.B. der Schlaf bei der chro­ni­schen Agryp­nie, die man hei­len woll­te, nur gering, so ver­schaft zwar eine abend­li­che Gabe Mohn­saft sogleich eine Art Schlaf; aber wenn die­ses, hier pal­lia­tiv wir­ken­de Mit­tel nach eini­gen Tagen aus­ge­setzt wird, so schläft der Kran­ke nun voll­ends gar nicht33. [58]

Die pal­lia­ti­ve Anwen­dung der Arze­n­ei­en ist nur in weni­gen Fäl­len nütz­lich und nöthig – in sol­chen nur vor­züg­lich, wel­che schnell ent­stan­den sind, und fast augen­blick­li­che Gefahr drohen!

So benimmt z.B. im Schein­to­de des Erfrie­rens (nächst dem Frot­ti­ren der Haut und der all­mäh­lig erhö­he­ten Tem­pe­ra­tur) der Mus­kel­fa­ser nichts schnel­ler ihre Unreiz­bar­keit, den Ner­ven nichts schnel­ler ihre Unemp­find­lich­keit, als ein star­ker Auf­guss des Kof­fees, wel­cher in sei­ner ers­ten Wir­kung die Beweg­lich­keit der Faser und das Gefühl aller emp­find­li­chen Thei­le unsers Kör­pers erhö­het, folg­lich pal­lia­tiv in Gegen­halt des vor­lie­gen­den Zustan­des ist. Hier ist aber [59] beim Ver­wei­len Gefahr und doch kein anhal­ten­der Krank­heits­zu­stand zu bekämp­fen, son­dern sobald Emp­fin­dung und Reiz­bar­keit auch nur durch ein Pal­lia­tiv wie­der erregt, und nur ein­mal wie­der im Gan­ge ist, so tritt der unver­letz­te Orga­nism wie­der in eine Rech­te und das freie Spiel der Lebens­ver­rich­tun­gen erhält sich von selbst wie­der auf­recht, ohne Zut­hun nir­gend eines fer­nern Arzeneimittels.

So kann es auch Fäl­le aus chro­ni­schen Krank­hei­ten geben, z.B. hys­te­ri­sche Con­vul­sio­nen oder Asphy­xien, wo eine tem­po­rä­re Hül­fe mit Pal­lia­ti­ven (mit etwas eau de luce, einer ange­seng­ten Feder, u.s.w.) ein drin­gen­der Not­h­fall seyn kann, um nur den Kran­ken in sei­nen gewöhn­li­chen, gefahr­lo­sen Krank­heits­zu­stand wie­der zu ver­set­zen, wel­cher dann frei­lich zur Hei­lung ganz ande­rer, dau­er­haf­te­rer Hül­fe durch kura­ti­ve Arze­n­ei­en benö­thigt ist.

Wo aber mit einem Pal­lia­ti­ve nicht in weni­gen Stun­den aus­ge­rich­tet wer­den kann, was aus­zu­rich­ten ist, da fan­gen die oben berühr­ten Nacht­hei­le des­sel­ben bald an, zum Vor­schei­ne zu kommen.

Bei den selbst in der kür­zes­ten Zeit ver­lau­fen­den acu­ten Krank­hei­ten ist es der Wür­de der Arzen­ei­kun­de und dem Hei­le [60] der Kran­ken ange­mes­se­ner, sie mit kura­ti­ven (posi­ti­ven) Mit­teln zu behan­deln. Siche­rer und im Gan­zen geschwin­der wer­den sie dadurch besiegt, und ohne Nachkrankheit.

Indess ist der Nacht­heil der Pal­lia­ti­ve34 bei gelin­den Fäl­len acu­ter Krank­hei­ten nicht sehr auf­fal­lend, nicht sehr bedeu­tend. Die Haupt­zu­fäl­le schwei­gen nach jeder Gabe des Pal­lia­tivs zum gröss­ten Thei­le bis der natür­li­che Ver­lauf der Krank­heit zu Ende geht, da dann der in der kur­zen Zeit von den Nach­wir­kun­gen der Pal­lia­ti­ve nicht all­zu sehr in Unord­nung gesetz­te Orga­nism wie­der in sei­ne Rech­te tritt und die Fol­gen der Krank­heit selbst, nebst den Nach­we­hen von der Arzen­ei zusam­men, all­mäh­lig überwindet.

Gene­set er aber bei dem Pal­lia­ti­ve, so wür­de er, ganz ohne Arzen­ei eben­falls und zu der­sel­ben Zeit (denn Pal­lia­ti­ve kür­zen die natür­li­chen Ver­laufs­zei­ten der acu­ten Krank­hei­ten nie ab) gene­sen seyn, und sich leich­ter hin­ten­nach erhoh­len, aus eben jetzt [61] ange­ge­be­nen Ursa­chen. Der ein­zi­ge, den Arzt hier noch etwa emp­feh­len­de Umstand, dass näm­lich die beschwer­li­chen Zufäl­le durch sei­ne Pal­lia­ti­ve von Zeit zu Zeit zum Schwei­fen gebracht wer­den, gie­bt einer sol­chen Kur vor der unarz­nei­li­chen Selbst­ge­ne­sung eini­gen Vor­zug in den Augen der Ange­hö­ri­gen und der Kran­ken – aber kei­nen reellen.

Die kura­ti­ve und posi­ti­ve Hül­fe behaup­tet daher auch in schnell ver­lau­fen­den Krank­hei­ten einen ent­schie­de­nen Vor­zug vor jeder Pal­lia­tiv­erleich­te­rung, weil sie selbst die natür­li­che Peri­ode der acu­ten Krank­hei­ten abkürzt, sie noch vor ihrer Ver­laufs­zeit wirk­lich heilt und kei­ne Nach­we­hen hin­ter­lässt, wenn das kura­ti­ve Mit­tel recht pas­send gewählt wor­den ist.

Man könn­te gegen die­se Heil­art ein­wen­den: »dass die Aerz­te, seit die Arzen­ei­kunst bestehe, sich (ihres Wis­sens) der­sel­ben noch nicht bedient und den­noch Kran­ke geheilt hätten.«

Die­ser Ein­wurf ist blos schein­bar; denn seit es eine Arzen­ei­kunst gie­bt, sind auch die Kran­ken, wel­che wirk­lich, schnell und dau­er­haft, und sicht­bar durch Arze­n­ei­en, nicht durch den Selbst­ver­lauf der acu­ten [62] Krank­heit, nicht durch die Län­ge der Zeit, nicht durch das all­mäh­li­ge Ueber­ge­wicht der Ener­gie des Kör­pers gesund wur­den, auf die­sel­be Art, die ich hier vor­tra­ge, durch die kura­ti­ve Wir­kung eines Arzen­ei­mit­tels gene­sen, obgleich ohne Wis­sen, des Arz­tes35. [63]

Zuwei­len36 ahne­ten jedoch die Aerz­te, dass jene (unzäh­li­gen Erfah­run­gen zufol­ge nun bestä­tig­te) Fähig­keit der Arze­n­ei­en, – mit­telst ihrer aner­schaf­fe­nen Nei­gung, der Krank­heit ana­lo­ge (posi­ti­ve) Sym­pto­men zu erre­gen –, es sey, wodurch sie äch­te Hei­lung [64] bewir­ken. Aber sel­ten frei­lich, ist die­ser Strahl der Wahr­heit in den mit Sys­te­men umne­bel­ten Geist unse­rer Schu­le gedrungen.

Wenn nach die­sem natur­ge­mäs­sen Ver­fah­ren das Heil­mit­tel gefun­den ist, so bleibt die Bestim­mung der Gabe noch ein wich­ti­ger Punkt.

Eine Arzen­ei posi­ti­ver und cura­ti­ver Art, kann, ohne ihre Schuld, gera­de das Gegen­t­heil von dem wir­ken, was sie thun soll­te, wenn sie in einer über­trie­be­nen Gabe ange­wen­det wird; dann erzeugt sie sogar eine grös­se­re Krank­heit, als die vor­han­de­ne war.

Wenn man eine gesun­de Hand eini­ge Minu­ten lang in kal­tes Was­ser hält, so emp­fin­det man dar­in Wär­me­ver­min­de­rung, Käl­te; die Venen ver­schwin­den, die flei­schi­gen Thei­le sind wie zusam­men gefal­len, ihr Umfang wird ver­min­dert; die Hand ist blas­ser, [65] mat­ter, die Bewe­gung schwie­ri­ger. Diess sind eini­ge der pri­mä­ren Wir­kun­gen des kal­ten Was­sers auf den gesun­den Kör­per. – Zieht man nun die Hand aus dem kal­ten Was­ser und trock­net sie ab, so dau­ert es nicht lan­ge, dass das Gegen­t­heil ent­steht. Die Hand wird wär­mer, als die ande­re (unein­ge­taucht geblie­be­ne), man bemerkt beträcht­li­che­re Tur­ge­scenz der wel­chen Thei­le der­sel­ben, die Venen lau­fen stär­ker an, die Haut wird röther, die Bewe­gung frei­er und kräf­ti­ger als bei der andern, – eine Art erhö­he­ten Lebens. Diess ist die secun­dä­re oder Nach­wir­kung des kal­ten Was­sers auf den gesun­den Körper.

Diess ist auch die unge­fäh­re höchs­te Gabe, in wel­cher es als posi­ti­ves (cura­ti­ves) Heil­mit­tel bei einem (rei­nen) Schwä­che­zu­stan­de, der den gedach­ten pri­mä­ren Wir­kun­gen des kal­ten Was­sers auf den gesun­den Kör­per ana­log ist, mit dau­ern­dem Erfol­ge ange­wen­det wer­den kann. Ich sage; »höchs­te Gabe«; denn wenn der gan­ze Kör­per die­sem Heil­mit­tel aus­ge­setzt wer­den soll, und die Käl­te des Was­sers sehr beträcht­lich37) ist, dann muss wenigs­tens die Dau­er [66] der Anwen­dung merk­lich ver­kürzt wer­den, bis zu etli­chen Sekun­den, um die Gabe gehö­rig herabzustimmen.

Wird aber die Gabe die­ses Heil­mit­tels in allen Hin­sich­ten viel über die Norm erhö­het, so erhö­hen sich die der pri­mä­ren Wir­kung des kal­ten Was­sers eige­nen krank­haf­ten Sym­pto­men bis zu einem Krank­heits­zu­stan­de, wel­chen der damit zu hei­len­de schwa­che Theil nicht, oder kaum wie­der auf­zu­he­ben im Stan­de ist. Wird die Gabe noch viel mehr erhö­het, ist das Was­ser sehr kalt38, ist die dem Was­ser aus­ge­setz­te Ober­flä­che grös­ser39, und die Dau­er der Anwen­dung bei wei­tem grös­ser, als sie bei einer gewöhn­li­chen Heil­ga­be die­ses Mit­tels seyn soll­te40, so erfolgt Taub­heit des gan­zen Glie­des, Klamm (cram­pus) der Mus­keln, oft gar Läh­mung41, und war der gan­ze Kör­per in [67] die­ses kal­te Was­ser eine Stun­de oder län­ger ein­ge­taucht wor­den, so erfolgt der Tod, wenigs­tens der Schein­tod des Erfrie­rens selbst bei Gesun­den, weit geschwin­der aber, wenn es auf schwäch­li­che Kör­per ange­wen­det wird.

So ist es mit allen Arze­n­ei­en, auch den innern.

Der (des Brannt­weins unge­wohn­te) vor Hit­ze, Anstren­gung und Durst ermat­te­te Ernd­te­schnit­ter, wel­cher, wie oben gedacht, von einer sehr klei­nen Gabe, einem ein­zi­gen Schlu­cke Brannt­wein (des­sen pri­mä­re Wir­kung einen sehr ähn­li­chen Zustand, als der hier zu besie­gen­de, dar­stellt) nach einer Stun­de her­ge­stellt ist, wür­de in einen (viel­leicht tödt­li­chen) Syn­o­chus fal­len, wenn er in die­ser Lage statt eines ein­zi­gen Schlu­ckes [68] ein Paar Pfun­de Brannt­wein auf ein­mal trän­ke – das­sel­be posi­ti­ve Heil­mit­tel, nur in einer über­trie­be­nen, schäd­li­chen Gabe.

Man glau­be auch nicht, dass die­se Schäd­lich­keit über­trie­be­ner Gaben blos den auf posi­ti­ve Art ange­wen­de­ten Heil­mit­teln (den cura­ti­ven) zukom­me. Die Pal­lia­ti­ve set­zen gleich gros­sen Nacht­hei­len bei Ueber­trei­bung ihrer Dosis aus; – denn Arze­n­ei­en sind vor sich schäd­li­che Sub­stan­zen, die nur durch Anpas­sung ihrer natür­li­chen krank­ma­chen­den Kraft auf die ihr (posi­tiv oder nega­tiv) ana­lo­ge Krank­heit in der ange­mes­se­nen Gabe zu Heil­mit­teln werden.

So wird, um ein Bei­spiel von den nega­ti­ven (pal­lia­ti­ven) Mit­teln zu geben, eine in der Käl­te sehr erstarr­te Hand in der Luft einer war­men Stu­be42 bald wie­der her­ge­stellt. Die­se gemäs­sig­te Wär­me hilft hier als ein Mit­tel von der Frost­er­star­rung ent­ge­gen gesetz­ter Ten­denz, das ist, als Pal­lia­tiv, doch ohne son­der­li­chen Nacht­heil, weil die Gabe nicht zu stark, und das Mit­tel nur kur­ze Zeit gebraucht wer­den darf, um den schnell ent­stan­de­nen und schnell zu besie­gen­den mäs­sig krank­haf­ten Zustand zu heben.

Man tau­che aber die gänz­lich von Käl­te [69] erstarr­te und schon unemp­find­lich gewor­de­ne (erfror­ne Hand, schnell in Was­ser von einer, der gesun­den Hand nicht uner­träg­li­chen, Hit­ze von 120° Fahr. eine Stun­de lang und der Theil erstirbt unaus­bleib­lich; die Hand wird bran­dig und fällt ab.

Ein sehr erhitz­ter, robus­ter Mann wird in einer gemäs­sigt küh­len Luft (von etwa 65° Fahr.) sich bald wie­der erho­len, ohne von die­sem Pal­lia­ti­ve merk­li­chen Scha­den zu lei­den; muss er aber gleich nach die­ser hef­ti­gen Erhit­zung eine Stun­de lang in einem kal­ten Flus­se ste­hen (wor­in er bei uner­hitz­tem Kör­per etwa eben so lan­ge ohne übeln Erfolg aus­dau­ern konn­te), so wird er todt zu Boden sin­ken, oder in den gefähr­lichs­ten Typhus fallen.

Ein ver­brann­ter Theil wird von küh­lem Was­ser pal­lia­tiv gelin­dert, von gleich auf­ge­leg­tem Eise aber sphacelös.

Und so auch mit den innern Mit­teln. Wenn ein vom Tan­ze äus­serst erhitz­tes Mäd­chen eine Men­ge Gefror­nes ver­schluck­te, so weiss die gan­ze Welt, was dar­auf zu erfol­gen pflegt –, und den­noch wür­de ihr ein klei­ner Ess­löf­fel voll küh­les Was­ser oder eine Mes­ser­spit­ze Gefror­nes nichts gescha­det haben, ob es gleich das­sel­be Pal­lia­tiv, nur in klei­ner Gabe, ist. Aber sicher und [70] dau­er­haft wird sie, auch bei der äus­sers­ten Erhit­zung, geheilt, wenn sie ein, in sei­ner pri­mä­ren Wir­kung ihrem Zustan­de ana­lo­ges (cura­ti­ves) Heil­mit­tel in klei­ner, ange­mes­se­ner Gabe wählt, d.i. etwas sehr war­men Thee mit einer klei­nen Por­ti­on erhit­zen­dem Geis­te (Rum, Arak u.d.g.) gemischt trinkt43, in einer lau­en Stu­be, unter gemäs­sig­tem Auf- und Abge­hen; – aber ein gros­ses Glas brenn­ba­rer Geist wür­de sie hin­wie­der­um in ein hit­zi­ges Fie­ber gestürzt haben.

Wie sehr sich aber die Emp­find­lich­keit des Kör­pers gegen Arzen­ei­rei­ze in Krank­hei­ten erhö­he, hie­von hat nur der genaue Beob­ach­ter einen Begrif. Sie über­steigt allen Glau­ben, wenn die Krank­heit einen hohen [71] Grad erreicht hat. Ein gefühl­los danie­der lie­gen­der, coma­tö­ser, gegen alles Schüt­teln und Schrei­en tau­ber Typhus­kran­ker, wird von der kleins­ten Gabe Mohn­saft schnell zur Besin­nung gebracht, wenn sie auch mil­lionmal klei­ner wäre, als sie je ein Sterb­li­cher verordnete.

Die Emp­find­lich­keit des hoch­kran­ken Kör­per, gegen Arzen­ei­rei­ze steigt in vie­len Fäl­len bis zu dem Gra­de, dass Poten­zen auf ihn zu wir­ken, und ihn zu erre­gen anfan­gen, deren Exis­tenz man sogar leug­ne­te, weil sie auf den gesun­den fes­ten Kör­per und in man­cher­lei nicht dazu geeig­ne­ten Krank­hei­ten kei­ne Wir­kung zei­gen. Die heroi­sche Kraft des Ani­ma­lis­mus (thie­r­i­schen Magne­tis­mus), oder jene bei gewis­sen Arten der Berüh­rung oder Fast-Berüh­rung erfol­gen­de imma­te­ri­el­le Influ­enz von einem leben­den mensch­li­chen Kör­per auf den andern, wel­che auf sehr emp­find­li­che, zu hef­ti­gen Gemüths­be­we­gun­gen sowohl, als zu hoher Reiz­bar­keit der Mus­kel­fa­sern sehr auf­ge­leg­te, zart gebaue­te Per­so­nen bei­der­lei Geschlechts so viel Erre­gung macht, mag hier zum Bei­spie­le die­nen. Die­se ani­ma­li­sche Kraft zeigt sich zwi­schen zwei robus­ten, gesun­den Per­so­nen durch­aus nicht –, nicht weil sie nichts wäre, son­dern weil sie viel zu klein ist, als dass [72] sie nach den wei­sen Absich­ten Got­tes zwi­schen gesun­den Per­so­nen merk­lich wer­den könn­te oder soll­te, wäh­rend die­sel­be (beim Ueber­gan­ge von Gesun­den auf Gesun­de durch­aus unmerk­ba­re) Influ­enz in jenen Zustän­den krank­haf­ter Emp­find­lich­keit und Beweg­lich­keit oft nur mehr als zu hef­tig wirkt – wie auch sehr klei­ne Gaben ande­rer cura­ti­ven Arze­n­ei­en in einem sehr kran­ken Körper.

Die­sel­be Bewand­niss hat es mit den im gesun­den Kör­per durch­aus nicht fühl­ba­ren Arzen­ei­kräf­ten der Appli­ci­rung des Eisen­ma­gnets und der Berüh­rung eines kran­ken Theils mit den übri­gen Metallen.

Auf der andern Sei­te ist es so wahr als erstau­nens­wür­dig, dass selbst die robus­tes­ten Per­so­nen, wel­che mit chro­ni­schen Uebeln behaf­tet sind, ihrer übri­gen Kör­per­stär­ke unge­ach­tet, und unge­ach­tet sie oft schäd­li­che Rei­ze ver­schie­de­ner Art in gros­ser Men­ge unge­ahn­det ertra­gen (Ueber­la­dun­gen mit Spei­sen und geis­ti­gen Geträn­ken, Pur­gan­zen u.s.w.) – den­noch, sobald ihnen das für ihr chro­ni­sches Uebel posi­tiv hülf­rei­che Arzen­ei­mit­tel gereicht wird, von der kleinst mög­li­chen Gabe eben so vol­len Ein­druck erfah­ren, als wären sie Säug­lin­ge. [73]
Es gie­bt eini­ge weni­ge Sub­stan­zen in der Arzen­ei­kunst, wel­che fast blos che­misch wir­ken – eini­ge, wel­che die tod­te Faser so gut als die leben­de ver­dich­ten (wie der Ger­be­stoff der Gewäch­se) oder sie auf­lo­ckern und ihren Zusam­men­hang oder ihre Straff­heit min­dern (wie die Fet­te) – eini­ge, wel­che schäd­li­che Stof­fe im Kör­per, wenigs­tens in den ers­ten Wegen che­misch bin­den (wie Kalk­er­de oder Lau­gen­sal­ze, eini­ge schäd­li­che Metall­oxy­de oder eine schar­fe Säu­re im Magen – hydro­thions­aures Was­ser, die gefähr­li­chen Metal­le und ihre Oxy­de), oder zer­set­zen (wie Lau­gen­sal­ze oder Schwe­fel­le­ber, die schäd­li­chen Metall­sal­ze), oder Kör­pert­hei­le che­misch zer­stö­ren (wie das glü­hen­de Eisen). Die­se weni­gen Din­ge, und die fast blos mecha­ni­schen Ein­wir­kun­gen der Chir­ur­gie auf den Kör­per, die blos ver­kür­zen­de Ampu­ta­ti­on und das blos mino­ra­ti­ve Blut­ab­zap­fen etwa aus­ge­nom­men, nebst noch eini­gen in den Kör­per gera­the­nen mecha­nisch schäd­li­chen und unauf­lös­li­chen Din­gen – sind die Wir­kun­gen der übri­gen Arzen­ei­mit­tel über­haupt rein dyna­misch44, [74] ohne Aus­lee­run­gen, ohne hef­ti­ge oder auch nur merk­ba­re Revo­lu­tio­nen hülfreich.

Die­se dyna­mi­sche Wir­kung der Arze­n­ei­en ist so wie die Vita­li­tät selbst, durch die sie auf den Orga­nis­mus reflec­tirt wird, fast rein geis­tig, am auf­fal­lends­ten die der posi­tiv (cura­tiv) gebrauch­ten Heil­mit­tel, mit der son­der­ba­ren Eigen­heit, dass wohl die all­zu star­ke Gabe scha­den und beträcht­li­che Unord­nung im Kör­per anrich­ten, eine klei­ne Gabe aber, auch die mög­lichst kleins­te nicht [75] unhülf­reich seyn kann, wenn das Mit­tel sonst nur indi­cirt ist.

Fast nur die ein­zi­ge Bedin­gung ist zur vol­len Wir­kung und zur Hül­fe nöthig, dass das pas­sen­de Arzen­ei­mit­tel die leben­di­ge, emp­fin­dungs­fä­hi­ge Faser berüh­re; – aber wenig, fast nichts kömmt dar­auf an, wie klein die Gabe sey, wel­che auf die emp­find­li­chen Thei­le des leben­den Kör­pers zu die­ser Absicht wirke.

Wenn eine gewis­se klei­ne Gabe einer ver­dünn­ten Mohn­saft­tink­tur eine bestimm­te Grös­se von unna­tür­li­cher Schläf­rig­keit hin­weg [76] zu neh­men im Stan­de ist, so reicht zur Erlan­gung des­sel­ben Zwecks der hun­der­te, auch wohl der tau­sen­de Theil der­sel­ben Gabe die­ser Mohn­saft­auf­lö­sung fast voll­kom­men zu der­sel­ben Absicht zu, und so lässt sich die Ver­klei­ne­rung der Gabe noch viel wei­ter trei­ben, ohne dass die äus­serst ver­klein­te Gabe auf­hör­te, die­sel­be cura­ti­ve Hül­fe zu leis­ten, als jene ers­te­re; wovon im spe­zi­el­len Thei­le das Mehrere.

Ich sag­te, dass die Berüh­rung der leben­di­gen, emp­find­li­chen Faser vom Arzen­ei­mit­tel, fast die ein­zi­ge Bedin­gung ihrer Wir­kung sey. Die­se dyna­mi­sche Eigen­schaft ist von sol­chem Umfan­ge, dass es ganz gleich­gül­tig ist, wel­cher emp­find­li­che Theil des Kör­pers vom Arzen­ei­mit­tel berührt wer­de, um die vol­le Wir­kung her­vor zu brin­gen, wenn der Theil nur von der grö­bern Ober­haut (cuti­cu­la) ent­blösst ist –, gleich­gül­tig, ob die auf­gelöss­te Arzen­ei in den Magen kom­me, oder blos im Mun­de blei­be, oder auf eine Wun­de, oder eine ande­re haut­lo­se Stel­le gelegt werde.

Wenn kei­ne Aus­lee­rung davon zu besor­gen ist (eine beson­de­re, vita­le Ver­an­stal­tung des leben­den Orga­nis­mus, wel­che eine eige­ne Kraft besitzt, die dyna­mi­sche Wirk­sam­keit einer Arzen­ei zu ver­ei­teln und zu [77] ver­nich­ten), so erfüllt die Ein­brin­gung in den After oder auf die inne­re Nasen­haut die vol­le Absicht, z.B. bei einem Arzen­ei­mit­tel, was einen gewis­sen Magen­schmerz, eine beson­de­re Art Kopf­weh, oder eine Art Sei­ten­ste­chen, oder einen Klamm in den Waden, oder sonst irgend ein Uebel in einem Thei­le, wel­cher mit dem von der Arzen­ei berühr­ten Orte in kei­ner ana­to­mi­schen Ver­bin­dung steht, über­haupt zu hei­len die Kraft hat.

Blos das die äus­se­re Flä­che des Kör­pers umklei­den­de, dich­te­re Ober­häut­chen legt der Ein­wir­kung der Arze­n­ei­en auf die dar­un­ter lie­gen­de emp­find­li­che Faser eini­ges, aber kein unüber­wind­li­ches Hin­der­niss in den Weg. Sie wir­ken gleich­wohl durch das­sel­be hin­durch, nur mit schwä­che­rer Kraft. Weni­ger wir­ket die trock­ne Sub­stanz der Arzen­ei in Pul­ver durch sie, kräf­ti­ger ihre Auf­lö­sung, kräf­ti­ger wenn letz­te­re auf einer grös­sern Flä­che ange­bracht wird.

Indess ist das Ober­häut­chen an eini­gen Stel­len dün­ner, folg­lich hier die Ein­wir­kung leich­ter. Unter die­sen sind die Gegend des Unter­lei­bes, vor­züg­lich die Herz­gru­be, die Gegend der Wei­chen, und die inne­re Flä­che der Ach­sel­gru­be, der Arm­bie­gung, des innern Hand­ge­lenks, der Knie­keh­len u. [78] s.w. gegen die Arzen­ei die emp­find­lichs­ten Stellen.

Das Ein­rei­ben beför­dert gröss­tent­heils nur dadurch die Ein­wir­kung der Arze­n­ei­en, in wie­fern das Rei­ben an sich die Haut emp­find­li­cher und so die nun leben­di­ger und emp­fin­dungs­fä­hi­ger gewor­de­ne Faser emp­fäng­li­cher für die spe­zi­fi­sche, durch sie auf den gan­zen Orga­nis­mus umstrah­len­de Arzen­ei­kraft macht.

Reibt man die Wei­chen nur so tro­cken bis zur erhö­he­ten Emp­find­lich­keit und legt dann die Sal­be des schwar­zen Queck­sil­ber­oxyds auf, so ist der Erfolg der­sel­be, als hät­te man die­sen Theil mit der Queck­sil­ber­sal­be selbst gerie­ben, oder, wie man sehr unei­gent­lich, zu spre­chen pflegt, die Sal­be eingerieben.

Die eigent­hüm­li­che Arzen­ei­kraft der Heil­mit­tel bleibt aber die­sel­be, sie mögen nun äus­ser­lich oder inner­lich ange­wen­det und zur Berüh­rung der emp­find­li­chen Faser gebracht werden.

Das durch den Mund genom­me­ne schwar­ze Queck­sil­ber­oxyd heilt die vene­ri­schen Bubo­nen wenigs­tens eben so schnell und gewiss, als die Ein­rei­bung der Nea­pel­sal­be in Wei­chen. Ein Fuss­bad von einer dün­nen Auf­lö­sung des koch­salz­sauern Queck­sil­ber­sal­zes [79] heilt Ver­schwä­run­gen im Mun­de so schnell und so gewiss, als der Gebrauch des­sel­ben durch Ein­neh­men, vor­züg­lich wenn die zu baden­den Thei­le vor­her gerie­ben waren. Das auf den Unter­leib geleg­te fei­ne Pul­ver der Cin­chona­rin­de heilt die Wech­sel­fie­ber, wel­che es durch innern Gebrauch hei­len kann.

So wie aber der kran­ke Orga­nis­mus über­haupt weit emp­find­li­cher für die dyna­mi­sche Kraft aller Arze­n­ei­en ist, so ist es auch die Haut kran­ker Per­so­nen. Eine mäs­si­ge Men­ge Ipe­cacu­an­he­tink­tur in der Ell­bo­gen­beu­ge auf­ge­legt, stillt schon die Nei­gung zum Erbre­chen sehr kran­ker Per­so­nen (durch ihre pri­mä­re Bre­chen erre­gen­de Kraft).

Blos die Arzen­ei­kraft der Wär­me und Käl­te scheint nicht so ein­zig dyna­misch, als die der übri­gen Heil­mit­tel. Wo bei­de posi­tiv gebraucht wer­den, reicht nicht die mög­lichst kleins­te Gabe der­sel­ben zum Effec­te zu. Wenn die Hül­fe schnel­ler seyn soll, müs­sen bei­de in grös­se­rer Inten­si­tät, in grös­se­rer Gabe (bis zu einer gewis­sen Mas­se) ange­wen­det wer­den. Die­ser Schein aber ist trüg­lich; ihre Kraft ist eben so dyna­misch arz­nei­lich, als die der übri­gen Arze­n­ei­en, [80] und die Ver­schie­den­heit in ange­ge­be­nen Fäl­len, rührt von der schon bestehen­den Ange­wöh­nung unsers Kör­pers an gewis­se Gaben die­ser Rei­ze, an gewis­se Gra­de von Wär­me und Käl­te her. Die­sen gewohn­ten Grad muss die als Arzen­ei anzu­wen­den­de Wär­me und Käl­te um etwas über­stei­gen, wenn sie posi­tiv (um vie­les aber, wenn sie nega­tiv oder pal­lia­tiv) mit Erfolg gebraucht wer­den soll.

Der Wär­me­grad der Blut­wär­me ist für die meis­ten Men­schen in unserm Kli­ma ein schon höhe­rer als gewohn­ter Grad für die Haut und ein Fuss­bad von 98° bis 99° Fahr. ist daher eben gehö­rig tem­per­irt und warm genug, um (wenn kei­ne andern Krank­heits­zu­fäl­le zuge­gen sind) Hit­ze im Kop­fe posi­tiv zu heben; aber die Ent­zün­dung einer ver­brann­ten Hand pal­lia­tiv zu erleich­tern, bedarf man schon einer ansehn­lich stär­kern Was­ser­käl­te, als wir gemäch­lich an gesun­den Thei­len des Kör­pers zu ertra­gen gewohnt sind, eines um des­to käl­tern Was­sers bis zu gewis­sem Mas­se, je stär­ker die Ent­zün­dung ist45. [81]

Was ich hier von der etwas grös­ser nöthi­gen Gabe der Wär­me und Käl­te Heil­ab­sich­ten gesagt habe, gilt auch von allen andern Arze­n­ei­en, wor­an der Kran­ke vor­her schon gewöhnt war. So bedarf man zu arz­nei­li­chen Behu­fen einer dem Gra­de der vor­gän­gi­gen Ange­wöh­nung ange­mes­sen erhö­he­ten Gabe Wein, Brannt­wein, Mohn­saft, Kaf­fee u.s.w. bei Per­so­nen, die bis­her an die­se Din­ge schon gewöhnt waren.

Die Wär­me und die Käl­te gehö­ren sammt der Ele­tri­ci­tät unter die dif­fu­si­bels­ten aller dyna­mi­schen Arzen­ei­rei­ze; ihre Kraft wird durch die Ober­haut nicht gemin­dert, nicht auf­ge­hal­ten, ver­muth­lich weil ihre phy­si­sche Kraft zum Lei­tungs­mit­tel und Vehi­kel ihrer Arzen­ei­kraft dient und sie so ver­brei­ten hilft. Eben diess mag der Fall seyn mit dem Ani­ma­lism (thie­r­i­schem Magne­tism), mit der arz­nei­li­chen Wir­kung des Eisen­ma­gnets, und über­haupt mit der Kraft der äus­sern Berüh­rung von Metal­len. Etwas weni­ger ein­dring­lich durch die Ober­haut ist die gal­va­ni­sche Kraft. [82]
Wenn wir auf­mer­ken, so wer­den wir gewahr, dass die wei­se Natur mit ein­fa­chen, oft klei­nen Hülfs­mit­teln die gröss­ten Wer­ke zu Stan­de bringt. Ihr hier­in nach­zu­ah­men, muss das höchs­te Bestre­ben des den­ken­den Men­schen seyn. Je eine grös­se­re Men­ge von Mit­teln und Ver­an­stal­tun­gen wir aber zusam­men häu­fen, um einen ein­zi­gen Zweck zu errei­chen, des­to mehr ent­fer­nen wir uns von jener gros­sen Lehr­meis­te­rin, des­to elen­der wird unser Werk.

Mit eini­gen weni­gen, ein­zeln hin­ter ein­an­der gebrauch­ten, öfte­rer aber mit einem ein­zi­gen, ein­fa­chen Mit­tel, kön­nen wir die gröss­ten Unord­nun­gen des kran­ken Kör­pers wie­der in natur­ge­mäs­se Har­mo­nie auf­lö­sen, kön­nen wir die lang­wie­rigs­ten, unheil­bar schei­nen­den Krank­hei­ten (nicht sel­ten in der kür­zes­ten Zeit) in Gesund­heit ver­wan­deln – wäh­rend wir die kleins­ten Uebel von einem Hau­fen übel gewähl­ter und viel­ge­misch­ter Mit­tel in grös­se­re, in die gröss­ten, beschwer­lichs­ten, unheil­bars­ten Krank­hei­ten aus­ar­ten sehen.

Wel­chen von bei­den Wegen will der nach Voll­kom­men­heit stre­ben­de Heil­künst­ler wählen?

Die wohlt­hä­tigs­ten Wir­kun­gen her­vor­zu­brin­gen, ist stets ein ein­zi­ges ein­fa­ches [83] Mit­tel geeig­net, ganz ohne Zusatz; wenn es nur das best gewähl­te, das pas­sends­te, in der rech­ten Gabe ist. Nie ist es nöthig, ihrer zwei zusam­men zu setzen.

Wir geben eine Arzen­ei, um wo mög­lich durch die­ses ein­zel­ne Mit­tel die gan­ze Krank­heit zu heben, oder, wenn diess nicht völ­lig mög­lich ist, aus dem Erfol­ge der Arzen­ei zu sehen, was noch an Hül­fe gebricht. Eine, zwei, höchs­tens drei ein­fa­che Arze­n­ei­en sind zur Hebung der gröss­ten Krank­heit hin­rei­chend und wenn dies nicht geschieht, so ist es unse­re Schuld, nicht die Natur, nicht die Krank­heit ist dar­an Schuld.

Wenn wir klar sehen wol­len, was das Heil­mit­tel in einer Krank­heit wirkt, und was noch zu thun übrig sey, so kön­nen wir nur ein ein­zi­ges ein­fa­ches Mit­tel auf ein­mal geben. Jeder Zusatz eines zwei­ten oder drit­ten ver­rückt uns den Gesichts­punkt, und wir sehen nun, wenn wir die Effec­te des Mit­tels von den Sym­pto­men des Krank­heits­gan­ges sub­trahi­ren wol­len (da uns höchs­ten Falls wohl die Wir­kungs­sym­pto­men eines ein­fa­chen, nicht aber die theils kom­bi­nir­ten, theils unter sich zer­setz­ten Kräf­te eines Gemi­sches von Arzen­ei­mit­teln bekannt seyn, auch nie bekannt wer­den kön­nen) nicht mehr, was unter den gesche­he­nen Ver­än­de­run­gen auf [84] Rech­nung der Krank­heit zu set­zen sey – wir sehen nicht, wel­che der erfolg­ten Ver­än­de­run­gen und Sym­pto­me von dem einen oder dem andern Ingre­di­enz des zusam­men gesetz­ten Mit­tels her­zu­lei­ten, folg­lich auch nicht, wel­ches unter ihnen bei der fer­nern Kur bei­zu­be­hal­ten oder weg­zu­las­sen sey – auch nicht, wel­ches ande­re an die Stel­le des einen oder des andern oder aller zu set­zen sey. Keins der Phä­no­me­ne bei einer sol­chen Kur ist auf sei­ne wah­re Ursa­che zurück zu brin­gen. Wohin wir bli­cken, ist Unge­wiss­heit und Dun­kel­heit um uns her.

Die meis­ten ein­fa­chen, Arzen­ei­sub­stan­zen bewir­ken im gesun­den mensch­li­chen Kör­per nicht weni­ge, nein! oft eine ansehn­li­che Rei­he von abso­lu­ten Sym­pto­men. Das pas­sen­de Arzen­ei­mit­tel kann folg­lich oft in sei­nen pri­mä­ren Wir­kungs­äus­se­run­gen einen Anti­ty­pus von den meis­ten in der zu behan­deln­den Krank­heit sicht­ba­ren Sym­pto­men ent­hal­ten (nächst meh­rern andern, die es zur Hei­lung ande­rer Krank­hei­ten geschickt machen).

Nun ist die ein­zi­ge wün­schens­wert­he Eigen­schaft, die wir von einer Arzen­ei erwar­ten kön­nen, die, dass sie pas­se – mit andern Wor­ten, dass sie die meis­ten der in der Krank­heit bemerk­ba­ren Sym­pto­men selbst [85] und vor sich zu erre­gen, folg­lich, zum Gegen­rei­ze als Heil­mit­tel ange­wandt, die­sel­ben auch in dem kran­ken Kör­per zu til­gen und aus­zu­lö­schen im Stan­de sey.

Wir sehen, dass eine ein­zi­ge ein­fa­che Arzen­ei­sub­stanz die­se Eigen­schaft in vol­ler Mas­se in sich ver­ei­nigt, wenn sie sorg­fäl­tig dazu aus­ge­wählt worden.

Nie ist es daher nöthig, mehr als eine ein­zi­ge ein­fa­che Arzen­ei­sub­stanz auf ein­mal zu rei­chen, wenn sie auf den Krank­heits­fall pas­send aus­ge­wählt wor­den war.

Es ist auch sehr wahr­schein­lich, ja! gewiss, dass von den meh­rern Arze­n­ei­en in einer Zusam­men­set­zung nicht mehr jedes nach sei­ner eigent­hüm­li­chen Art auf die Krank­heit wirkt, nicht, von dem Neben­mit­tel unge­stört, sei­ne spe­zi­fi­sche Wir­kungs­ten­denz befol­gen kann – son­dern, dass eins dem andern im Kör­per ent­ge­gen wirkt, eins die Wir­kung des andern abän­dert und zum Theil ver­nich­tet, so dass aus die­ser Ver­bin­dung meh­re­rer wäh­rend ihrer Wir­kung im Kör­per sich dyna­misch zer­set­zen­der Kräf­te eine Mit­tel­wir­kung her­vor­geht, die wir nicht wün­schen kön­nen, da wir sie nicht vor­aus­se­hen, nicht ein­mal ahnen können.

Bei der Wir­kung zusam­men gesetz­ter Mit­tel im Kör­per erfolgt näm­lich, was nach obi­gem [86] Erfah­rungs­sat­ze (dass ein all­ge­mei­ner Reiz im Kör­per den andern auf­hebt, oder unter­drückt, je nach­dem der eine Reiz dem andern ana­log oder anti­log ent­spricht, oder je nach­dem der eine weit hef­ti­ger als der ande­re ist) erfol­gen muss – die Wir­kun­gen der meh­rern Arze­n­ei­en in einer Mischung heben ein­an­der zum Theil auf46, nur der Rest der Wir­kung, wel­cher durch kei­nen Gegen­reiz in der Mischung gedeckt wird, bleibt als Gegen­reiz der Krank­heit übrig; ob die­ser pas­se oder nicht, wis­sen wir nicht, da wir nicht berech­nen kön­nen, wel­cher eigent­lich übrig bleibe.

Da nun jedes­mal nur ein ein­zi­ges ein­fa­ches Arzen­ei­mit­tel nöthig ist, so wird es einem wah­ren Heil­künst­ler nicht ein­fal­len, durch ein Gemisch von Arze­n­ei­en sich und sei­ne Kunst her­ab­zu­wür­di­gen und sei­nem eige­nen Zwe­cke ent­ge­gen zu arbei­ten. Es wird viel­mehr ein Zei­chen seyn, dass er sei­ner Sache gewiss ist, wenn man ihn blos eine ein­zi­ge Arzen­ei­sub­stanz ver­ord­nen sieht, [87] wel­che, ent­spre­chend gewählt, die Krank­heit schnell, sanft und dau­er­haft zu ent­fer­nen nicht feh­len kann.

Sind die Zufäl­le nur klein und ihrer nur wenig, so ist es eine unbe­deu­ten­de Unpäss­lich­keit, die kaum irgend ein Arzen­ei­mit­tel heischt und blos durch eini­ge Aen­de­rung in der Lebens­ord­nung besei­tigt zu wer­den braucht.

Ist aber – wel­ches sel­ten – nur ein oder ein Paar beschwer­li­che Sym­pto­men bemerk­bar, dann ist der Fall schwie­ri­ger, als wenn vie­le Sym­pto­men da wären. Dann kann das erst ver­ord­ne­te Arzen­ei­mit­tel nicht leicht genau pas­sen, weil der Kran­ke ent­we­der nicht fähig ist, den Umfang sei­ner Beschwer­den anzu­ge­ben, oder die Zufäl­le selbst etwas undeut­lich und nicht genau bemerk­bar sind.

In die­sem selt­nern Fal­le wird eine, höchs­tens auch die zwei­te Gabe des unter allen am bes­ten pas­sen­den Arzen­ei­mit­tels verordnet.

Es wird zuwei­len tref­fen, dass es das rech­te Heil­mit­tel sey. In dem hier häu­fi­gern Fal­le aber, dass es nicht genau pas­se, wer­den nun bis­her nicht gefühl­te Beschwer­den, [88] es wer­den Zufäl­le sich ent­de­cken, oder sich in höherm Gra­de ent­wi­ckeln, die der Kran­ke vor­her gar nicht oder nicht deut­lich wahr­ge­nom­men hatte.

Aus die­sen nun häu­fi­ger zum Vor­schei­ne gekom­me­nen und deut­li­cher bemerk­ba­ren, obgleich klei­nen Sym­pto­men, kön­nen wir nun ein deut­li­che­res Bild der Krank­heit ent­wer­fen, wonach sich dann mit grös­se­rer und gröss­ter Zuver­läs­sig­keit das der ursprüng­li­chen Krank­heit ange­mes­sens­te Heil­mit­tel aus­fin­den lässt.

Die Wie­der­ho­lung der Gaben eines Arzen­ei­mit­tels rich­tet sich nach der Wir­kungs­dau­er des jedes­ma­li­gen Arzen­ei­mit­tels. Wirk­te das Mit­tel posi­tiv (cura­tiv), so ist die Bes­se­rung auch noch nach ver­flos­se­ner Wir­kungs­dau­er merk­bar und eine dann wie­der­hol­te Gabe des pas­sen­den Heil­mit­tels ver­nich­tet nun fer­ner den Rest der Krank­heit. Das gute Werk wird nicht unter­bro­chen, wenn auch erst eini­ge Stun­den nach Ver­fluss der Wir­kungs­dau­er des Heil­mit­tels eine zwei­te Gabe gereicht wird. Der schon ver­nich­te­te Theil der Krank­heit kann sich indess nicht wie­der erneu­ern, und woll­te man auch den Kran­ken noch meh­re­re Tage ohne [89] Arzen­ei las­sen, so wür­de die Bes­se­rung von der ers­ten Gabe des cura­ti­ven Heil­mit­tels immer noch auf­fal­lend sicht­bar bleiben.

Es wird also bei einer so sel­te­nen Wie­der­ho­lung der Gaben nach jedes­ma­li­gem Ver­fluss der Wir­kungs­dau­er der Arzen­ei so wenig an der Hül­fe ver­spä­t­igt, dass im Gegen­t­hei­le durch eine zu schnel­le Wie­der­ho­lung der Zweck der Hei­lung ver­ei­telt wer­den kann aus dem Grun­de, weil dann die vor der Ver­flies­sung der Wir­kungs­dau­er der posi­ti­ven Arzen­ei ver­ord­ne­ten Gaben als eine Ver­grös­se­rung der ers­ten Gabe zu betrach­ten sind, wel­che aus Urkun­de die­ses Umstan­des hie­durch zuwei­len bis ins unge­heu­re ver­stärkt und dann durch Ueber­mass schäd­lich wird.

Ich habe schon gesagt, dass die kleinst mög­li­che Gabe eines posi­tiv wir­ken­den Arzen­ei­mit­tels, schon zur vol­len Wir­kung hin­rei­che. Wird nun die­sel­be bei einer Arzen­ei, wel­che eine lan­ge Wir­kungs­dau­er hat, wie z.B. der Pur­pur­fin­ger­hut ist, bei dem sie bis zum sie­ben­ten Tage dau­ert, öfters, das ist drei bis vier­mal täg­lich ein­ge­ge­ben, so wird die wah­re Arzen­ei­men­ge, ehe die sie­ben Tage ver­flies­sen bis zum Zwan­zig- und Dreis­sig­fa­chen sich ver­stär­ken und so [90] unge­mein angrei­fend47 und schäd­lich wer­den, wäh­rend die ers­te Gabe (ein Zwan­zig­tel, ein Dreis­sig­tel) zur Heil­wir­kung schon hin­läng­lich gewe­sen seyn wür­de, ohne Nacht­heil zu bringen.

Nach Ver­fluss der Wir­kungs­dau­er der ers­ten Gabe des cura­tiv ange­wen­de­ten Arzen­ei­mit­tels bestimmt man, ob eine zwei­te Gabe des­sel­ben Mit­tels zu ver­ord­nen dien­lich sey. War die Krank­heit fast in ihrem gan­zen Umfan­ge, nicht etwa blos in der ers­ten [91] hal­ben Stun­de nach dem Ein­neh­men, son­dern spä­ter, und wäh­rend der gan­zen Wir­kungs­dau­er der ers­ten Gabe gemin­dert wor­den, und zwar um des­to mehr, je mehr die Wir­kungs­dau­er des Mit­tels sich ihrem Ende näher­te – oder war auch nur, wie bei sehr lang­wie­ri­gen Krank­hei­ten, oder bei Uebeln, deren Par­oxysm in die­ser Zeit noch nicht wie­der erwar­tet wer­den konn­te, zwar kei­ne merk­li­che Bes­se­rung der Krank­heit sicht­bar gewor­den, doch auch kein neu­es Sym­ptom von Bedeu­tung, kei­ne vor­her nicht gefühl­te Beschwer­de von Belan­ge indess zum Vor­schei­ne gekom­men; so ist es im erstern Fal­le fast ohne Aus­nah­me sicher, im letz­tern aber sehr wahr­schein­lich, dass die Arzen­ei die cura­tiv hülf­rei­che, die posi­tiv pas­sen­de war, und, wo nöthig, mit einer zwei­ten –, end­lich auch wohl, nach gleich güns­ti­gem Ablau­fe die­ser zwei­ten, mit einer drit­ten und fol­gen­den Gabe fort zu set­zen sey, wenn es nöthig und die Krank­heit indess nicht schon völ­lig geheilt war – wie bei acu­ten Krank­hei­ten oft schon nach der ers­ten Gabe geschieht.

Wenn die zur (cura­ti­ven) posi­ti­ven Hei­lung erwähl­te Arzen­ei fast gar kei­ne, vor­her nicht gefühl­te Beschwer­de erregt, fast gar kein neu­es Sym­ptom erzeugt, so ist sie das [92] pas­sen­de Arzen­ei­mit­tel und heilt die ursprüng­li­che Krank­heit gewiss, wenn auch der Kran­ke oder die Ange­hö­ri­gen nichts von der Bes­se­rung bei den anfäng­li­chen Gaben geste­hen soll­ten – und so auch umge­kehrt, wenn die Bes­se­rung der ursprüng­li­chen Krank­heit von dem cura­ti­ven Heil­mit­tel im gan­zen Umfan­ge erfolgt, so kann die Arzen­ei kei­ne beschwer­li­chen neu­en Sym­pto­men erregt haben.

Jede wäh­rend des Gebrauchs eines Arzen­ei­mit­tels (in Gaben, vor oder gleich nach dem Ver­flus­se sei­ner Wir­kungs­dau­er wie­der­holt) ent­ste­hen­de soge­nann­te Ver­schlim­me­rung einer Krank­heit durch neue, der Krank­heit bis­her nicht eige­ne Sym­pto­men rührt (wenn es nicht weni­ge Stun­den vor dem unver­meid­li­chen Tode ist, wenn kei­ne wich­ti­gen Feh­ler in der Lebens­ord­nung, kei­ne Aus­brü­che hef­ti­ger Lei­den­schaf­ten, kei­ne unwi­der­treib­li­che Evo­lu­ti­on des Natur­gan­ges durch Aus­bruch oder Been­di­gung der Monats­zeit, durch Mann­bar­keit, Emp­fäng­niss oder Nie­der­kunft dazwi­schen getre­ten ist) ein­zig von der gebrauch­ten Arzen­ei her; – es sind dann jeder­zeit Sym­pto­men des Arzen­ei­mit­tels, wel­ches die­sel­ben als unpas­send gewähl­tes posi­ti­ves, oder als unpas­send gewähl­tes oder doch sonst zu lan­ge und in erhö­he­ten [93] Gaben fort­ge­setz­tes nega­ti­ves (pal­lia­ti­ves) Mit­tel aus sei­ner eige­nen Wir­kungs­art her­vor­bringt zur Quaal und zum Ver­der­ben des Kranken.

Eine Ver­schlim­me­rung der Krank­heit durch neue, star­ke Sym­pto­men wäh­rend der ers­ten Paar Gaben eines cura­ti­ven Arzen­ei­mit­tels, deu­tet nie auf Schwa­che der Gabe (ver­langt nie eine Ver­stär­kung der­sel­ben), wohl aber beweisst sie die völ­li­ge Unpass­lich­keit und Ver­werf­lich­keit der Arzen­ei in die­sem Krankheitsfalle.

Die jetzt erwähn­te Ver­schlim­me­rung durch star­ke, neue, der Krank­heit nicht eige­ne Sym­pto­me, hat mit der oben erwähn­ten Erhö­hung der anschei­nend ursprüng­li­chen Krank­heits­sym­pto­me, wäh­rend der ers­ten Paar Stun­den nach dem Ein­neh­men eines posi­tiv (cura­tiv) gewähl­ten Arzen­ei­mit­tels, nichts Aehn­li­ches. Diess Phä­no­men der Ver­stär­kung der anschei­nend rei­nen Krank­heits­zu­fäl­le, eigent­lich her­vor­ste­chen­den Arzen­ei­sym­pto­men, die denen der Krank­heit ähneln, zeigt blos eine all­zu gros­se Gabe des rich­tig gewähl­ten Cura­tiv­mit­tels an, ver­schwin­det, wenn die Gabe nicht enorm gross war, noch vor Ver­fluss von zwei, drei, höchs­tens vier Stun­den nach dem Ein­neh­men und macht einer des­to dau­er­haf­tem Befrei­ung [94] von der Krank­heit Platz, gewöhn­lich schon nach Ver­fluss der Wir­kungs­dau­er der ers­ten Gabe, so dass dann bei acu­ten Uebeln gemei­nig­lich eine zwei­te Gabe unnö­thig ist.

Indes­sen gie­bt es kein, auch noch so pas­send gewähl­tes, posi­ti­ves Arzen­ei­mit­tel, wel­ches nicht eine, wenigs­tens ganz klei­ne, unge­wohn­te Beschwer­de, ein klei­nes neu­es Sym­ptom wäh­rend sei­nes Gebrauchs bei sehr reiz­ba­ren und fein füh­len­den Kran­ken erre­gen soll­te, – weil es fast unmög­lich ist, dass Arzen­ei und Krank­heit in ihren Sym­pto­men ein­an­der so genau decken soll­ten, wie zwei Tri­an­gel von glei­chen Win­keln und glei­chen Sei­ten. Aber die­se (im guten Fal­le) unbe­deu­ten­de Aberra­ti­on wird von der eige­nen Ener­gie der Vita­li­tät mehr als zuläng­lich aus­ge­gli­chen und ist Kran­ken von nicht über­mäs­si­ger Zart­heit nicht ein­mal bemerkbar.

Bemerkt ein Kran­ker von mitt­lerm Gefüh­le eine klei­ne, vor­her nicht gefühl­te Beschwer­de wäh­rend der Wir­kungs­dau­er der ers­ten Gabe, und schie­ne sich zugleich die ursprüng­li­che Krank­heit zu min­dern, so lässt sichs bei die­ser ers­ten Gabe noch nicht genau bestim­men (wenigs­tens nicht in einer [95] chro­ni­schen Krank­heit), ob das gewähl­te Mit­tel das pas­sends­te cura­ti­ve war. Die Wir­kung einer zwei­ten, uner­hö­he­ten, nach Ver­fluss der Wir­kungs­dau­er der ers­ten gege­be­ne Dosis, ent­schei­det aller­erst hier­über. Bei die­ser wird dann, wenn die Arzen­ei nicht die durch­aus oder über­wie­gend pas­sen­de war, aber­mals ein neu­es Sym­ptom (aber nicht leicht das bei der ers­ten Gabe bemerk­te, son­dern gewöhn­lich ein ande­res) und zwar in grös­se­rer Stär­ke (auch wohl gar etli­che Sym­pto­men der Art) erschei­nen, ohne dass die Hei­lung der Krank­heit im gan­zen Umfan­ge sicht­ba­re Fort­schrit­te mach­te –; war sie aber die pas­sen­de posi­ti­ve Arzen­ei, so ver­schwin­det bei der zwei­ten (uner­hö­he­ten) Gabe fast jede Spur eines neu­en Sym­ptoms und die Gesund­heit erfolgt mit des­to deut­li­chern Schrit­ten, ohne neue Beschwerde.

Soll­te sich gleich­wohl auch bei der zwei­ten Gabe ein neu­es Sym­ptom von mäs­si­ger Stär­ke ereig­nen und kein pas­sen­de­res Heil­mit­tel aus­zu­fin­den seyn (dann läge aber die Schuld ent­we­der an dem Unfleis­se des Suchers oder an der Klein­heit des Vor­raths in ihren abso­lu­ten Wir­kun­gen gekann­ter Arze­n­ei­en), so wird bei chro­ni­schen oder nicht all­zu schnell ver­lau­fen­den acu­ten Krank­hei­ten eine Ver­klei­ne­rung der Gabe auch [96] die­ses ver­schwin­den machen und die Hei­lung den­noch vor sich gehen, obwohl mit etwas grös­serm Zeit­auf­wan­de. (Hie­bei tritt eben­falls die Ener­gie der Vita­li­tät zur Reme­dur ein).

Auch dann ist die Arzen­ei noch nicht unpas­send gewählt, wenn die beschwer­lichs­ten und Haupt­sym­pto­men der Krank­heit von den pri­mä­ren Wir­kungs­sym­pto­men der Arzen­ei posi­tiv, eini­ge mitt­le­re und klei­ne­re Krank­heits­sym­pto­men aber nur nega­tiv (pal­lia­tiv) gedeckt wer­den. Dann folgt den­noch die wah­re Hei­lung kraft der über­wie­gen­den posi­ti­ven Wir­kung des Heil­mit­tels, und der Orga­nis­mus tritt in die vol­len Rech­te der Gesund­heit, ohne Neben­be­schwer­den wäh­rend der Kur und ohne Nach­we­hen nach der­sel­ben. Es ist noch nicht aus­ge­macht, ob es in die­sem Fal­le wohl gethan sey, die Gaben beim Fort­ge­brau­che der Arzen­ei zu erhöhen.

Wenn beim Fort­ge­brau­che einer cura­ti­ven Arzen­ei in uner­hö­he­ten Gaben (bei einer chro­ni­schen Krank­heit) sich mit der Zeit neue, nicht der ursprüng­li­chen Krank­heit eige­ne Sym­pto­me ein­fin­den, da doch [97] die ers­ten zwei, drei Gaben fast ganz ohne Fehl wirk­ten, so hat man die Ursa­che die­ses Anstos­ses nicht leicht in der Unpass­lich­keit der Arzen­ei, son­dern in der Lebens­ord­nung oder einem andern von aus­sen hin­zu­ge­kom­me­nen star­ken Ereig­nis­se aufzusuchen.

War hin­ge­gen, was bei einem hin­rei­chen­den Vor­ra­the wohl gekann­ter Arzen­ei­mit­tel nicht sel­ten der Fall ist, ein posi­ti­ves Heil­mit­tel dem deut­lich beob­ach­te­ten Krank­heits­fal­le völ­lig anpas­send gewählt und in ange­mes­sen klei­ner Gabe ver­ord­net, auch wohl nach Ver­fluss sei­ner spe­zi­fi­schen Wir­kungs­dau­er wie­der­holt wor­den, so erfolgt, wenn kei­ne der oben berühr­ten gros­sen Hin­de­run­gen durch unab­än­der­li­che Natur­evo­lu­tio­nen, hef­ti­ge Lei­den­schaf­ten und enor­me Stö­run­gen der Lebens­ord­nung dazwi­schen tre­ten, und kei­ne gros­se Des­or­ga­ni­sa­tio­nen wich­ti­ger Ein­ge­wei­de im Wege ste­hen, die Hei­lung der acu­ten und chro­ni­schen Krank­hei­ten, sie mögen auch noch so dro­hend, noch so schwie­rig, und von noch so lan­ger Dau­er gewe­sen seyn, so schnell, so voll­stän­dig und so unver­merkt, dass der Kran­ke fast unmit­tel­bar in den Zustand äch­ter Gesund­heit wie durch eine neue Schöp­fung ver­setzt zu seyn scheint. [98]
Der Ein­fluss der Lebens­ord­nung und Diät auf Hei­lun­gen ist nicht zu ver­ken­nen; aber der Arzt darf bei­de nur in chro­ni­schen Krank­hei­ten unter sei­ne Lei­tung neh­men, nach Prin­ci­pen, die ich im spe­ciel­len Thei­le ent­wi­ckeln wer­de. In den acu­ten Krank­hei­ten aber (den Zustand des vol­len Deli­ri­ums aus­ge­nom­men), ent­schei­det der fei­ne und untrüg­li­che Takt des hier erwach­ten innern Sin­nes der Lebens­er­hal­tung so deut­lich, so bestimmt, so natur­ge­mäss, dass der Arzt blos die Ange­hö­ri­gen und die Kran­ken­wär­ter zu bedeu­ten hat, die­ser Stim­me der Natur kein Hin­der­niss durch Ver­sa­gung, Ueber­trei­bung oder schäd­li­che Aner­bie­tun­gen und Zudring­lich­kei­ten in den Weg zu legen.

Fußnoten

1 Eini­ge der­sel­ben sind, z.B. die unzäh­li­ge Men­ge von Gerü­chen, die mehr oder weni­ger schäd­li­chen Aus­düns­tun­gen aus leb­lo­sen und orga­ni­schen Sub­stan­zen, die so ver­schie­dent­lich rei­zen­den, man­cher­lei Gas­ar­ten, die in der Atmo­sphä­re, in unsern Werk­stät­ten und Woh­nun­gen auf unse­re Ner­ven ändernd wir­ken, oder uns aus Was­ser, Erde, Thie­ren, Pflan­zen ent­ge­gen­strö­men; – Man­gel an dem unent­behr­li­chen Nah­rungs­mit­tel für unse­re Vita­li­tät, der rei­nen, frei­en Luft, – Ueber­ma­ass oder Man­gel des Son­nen­lichts, Ueber­ma­ass oder Man­gel der bei­den Arten elec­tri­schen Stoffs, abwei­chen­de Druck­kraft der Atmo­sphä­re, ihre Feuch­tig­keit oder Tro­cken­heit, die noch unbe­kann­ten Eigen­hei­ten hoher Gebirgs­ge­gen­den gegen die in nied­ri­gen Orten und tie­fen Thä­ler), die Eigen­hei­ten der Kli­ma­te und ande­rer Orts­la­gen auf gros­sen Ebe­nen, auf gewächs- oder was­ser­lo­sen Ein­öden hin, gegen das Meer, gegen Sümp­fe, Ber­ge, Wäl­der, gegen die ver­schie­de­nen Win­de – Ein­fluss sehr ver­än­der­li­cher, oder all­zu gleich­för­mig lan­ge anhal­ten­der Wit­te­rung, Ein­fluss der Stür­me und meh­re­rer Meteo­re – all­zu gros­se Wär­me oder Käl­te der Luft, Blös­se, oder über­trie­be­ne künst­li­che Wär­me unse­rer Kör­per­be­de­ckung oder der Stu­ben, Been­gung ein­zel­ner Glie­der durch ver­schie­de­ne Anzü­ge – der Grad der Käl­te und Wär­me unse­rer Nah­rungs­mit­tel und Geträn­ke, Hun­ger oder Durst oder Ueber­fül­lung mit Spei­sen und Geträn­ken und ihre schäd­li­che, arz­nei­li­che, den Kör­per umän­dern­de Kraft, die sie theils vor sich besit­zen (wie Wein, Brannt­wein, die durch mehr oder weni­ger schäd­li­che Kräu­ter gewürz­ten Bie­re, das mit fremd­ar­ti­gen Stof­fen geschwän­ger­te Trink­was­ser, der Kaf­fe, der Thee, die aus­län­di­schen und inlän­di­schen Gewür­ze, und Gewürz­kräu­ter, und die damit rei­zend gemach­ten Spei­sen, Sau­cen, Liqueu­re, Scho­ko­la­de, Kuchen, die uner­kann­te Schäd­lich­keit oder Gesund­heit ver­än­dern­de Kraft eini­ger Gemü­se und Thie­re im Genus­se) theils sie durch nach­läs­si­ge Zube­rei­tung, Ver­derb­niss, Ver­wech­se­lung oder Ver­fäl­schung bekom­men (z.B. schlecht geg­ohr­nes und unaus­ge­ba­cke­nes Brod, halb­ge­koch­te Fleisch- und Gewächs­spei­sen, oder ande­re viel­fach ver­dor­be­ne, gefaul­te, ver­schim­mel­te, oder durch Gewinn­sucht ver­fälsch­te Nah­rungs­mit­tel, in metal­le­nen Geschir­ren zube­rei­te­te oder auf­be­wahr­te Spei­sen und Geträn­ke, geküns­tel­te, ver­gif­te­te Wei­ne, mit ätzen­den Sub­stan­zen ver­schärf­ter Essig, Fleisch kran­ker Thie­re, mit Gyps oder Sand ver­fälsch­tes Mehl, mit schäd­li­chen Saa­men ver­misch­tes Getrei­de, mit gefähr­li­chen Gewäch­sen aus Bos­heit, Unwis­sen­heit oder Dürf­tig­keit ver­misch­te oder ver­tausch­te Gemüs­se) – Unrein­lich­keit des Kör­pers, der Kör­per­be­de­ckun­gen, der Woh­nun­gen, nacht­hei­li­ge Sub­stan­zen, die durch Unrein­lich­keit oder Nach­läs­sig­keit bei der Zube­rei­tung und Auf­be­wah­rung in die Nah­rungs­mit­tel gera­then – der auf uns ein­drin­gen­de Staub man­cher­lei schäd­li­chen Gehalts von den Stof­fen unse­rer Fabri­ka­tio­nen und Gewer­be – Ver­nach­läs­si­gung meh­re­rer Anstal­ten der Poli­zei zur Siche­rung des all­ge­mei­nen Wohls – all­zu hef­ti­ge Anspan­nung unse­rer Kör­per­kräf­te, all­zu schnel­le acti­ve oder pas­si­ve Bewe­gung, über­mäs­si­ge Excre­tio­nen ein­zel­ner Kör­pert­hei­le, wider­na­tür­li­che Anstren­gung ein­zel­ner Sinn­or­ga­ne, man­cher­lei unna­tür­li­che Lagen und Stel­lun­gen, wel­che die ver­schie­de­nen Arbei­ten mit sich brin­gen – Man­gel des Gebrauchs ein­zel­ner Thei­le oder all­ge­mei­ne unt­hä­ti­ge Kör­per­ru­he – unge­re­gel­te Zei­ten der Ruhe, der Mahl­zei­ten, der Arbeit – Ueber­ma­ass oder Man­gel des Schlafs – Anstren­gung in Geis­tes­ar­bei­ten über­haupt, oder in sol­chen, wel­che ein­zel­ne See­len­kräf­te beson­ders erre­gen oder ermü­den, oder wid­rig und gezwun­gen sind, empö­ren­de oder ent­ner­ven­de Lei­den­schaf­ten durch Lese­rei­en, Erzie­hung, Ange­wöh­nung und Umgang erregt – Miss­brauch des Geschlechts­triebs – Gewis­sens­vor­wür­fe, drü­cken­de Lage des Haus­we­sens, krän­ken­de Fami­li­en­ver­hält­nis­se, Furcht, Schreck, Aer­ger­niss u.s.w.

2 Unter die­se Zahl gehö­ren eine Men­ge Krank­hei­ten, die wegen man­geln­der Genau­ig­keit in Ver­glei­chung aller ihrer Aeus­se­run­gen, blos wegen die­ser oder jener stark in die Sin­ne fal­len­den Aehn­lich­keit für glei­che Krank­hei­ten aus­ge­ge­ben wor­den sind, z.B. Was­ser­sucht, Scro­pheln, Abzeh­rung, Hypo­chon­drie, Rheu­ma­tis­men, Krämp­fe und so fort. Schon der Umstand, dass in dem einen Fal­le eine Heil­art half, die in zehn andern Fäl­len nicht hilft, hät­te schon auf die nicht gehö­rig beob­ach­te­te Ver­schie­den­heit auf­merk­sam machen sol­len. Man könn­te zwar sagen, dass es eine Mit­tel­sor­te zwi­schen jenen eigen­ar­ti­gen und die­sen ungleich­ar­ti­gen Krank­hei­ten gebe, von ver­misch­ter Art, z.B. Starr­krampf, Gesichts­schmerz, Harn­fluss, Brus bräu­ne, Lun­gen­sucht, Krebs, u.s.w. wo zwar eine gros­se Men­ge Fäl­le jeder die­ser Krank­hei­ten sich ungleich­ar­tig erwei­sen, und so auch eine abwei­chen­de Behand­lung erfor­dern, eini­ge Fäl­le aber den­noch so viel Gleich­heit unter ein­an­der in ihren Erschei­nun­gen und in ihrer Heil­art zei­gen, dass sie für eigen­ar­tig zu hal­ten wären. Die­se Distinc­tion hat aber nicht viel prac­ti­schen, folg­lich wenig reel­len Nut­zen, da man doch jeden Fall ein­zeln genau beob­ach­ten und unter­su­chen muss, um zu sehen, wel­ches Heil­mit­tel pas­se. Ist die­ses gefun­den, so ist es ziem­lich gleich­gül­tig, wenn ich dann gewahr wer­de, dass mir die­sel­be Krank­heit mit allen ihren Aeus­se­run­gen und mit der­sel­ben Heil­art schon eini­ge male vor­ge­kom­men sey, da mich doch die­se Bemer­kung zu kei­ner andern und bes­sern Heil­art (und Hei­lung ist doch der Zweck aller Art von Krank­heits­kennt­niss) umstim­men könn­te, als zu der hülf­rei­chen und genau passenden.

3 Wie war es mög­lich, sol­che Incon­jun­gi­bi­lia in Klas­sen, Ord­nun­gen, Geschlech­ter, Gat­tun­gen, Arten und Unter­ar­ten, gleich orga­ni­schen Wesen abzut­hei­len, und sol­chen, unend­lich ver­schie­de­ner Modi­fi­ca­tio­nen und Nüan­cen fähi­gen Zustän­den des von unzäh­li­gen Poten­zen ver­schie­den­ar­tig erreg­ba­ren, unglaub­lich com­po­nir­ten, geis­tig kör­per­li­chen Mikro­kos­mus Namen geben zu wol­len! Die Mil­lio­nen fast nur ein­mal in der Welt vor­kom­men­den Krank­heits­fäl­le bedür­fen kei­nes Namens – blos der Hül­fe. Nach eini­ger äus­sern Aehn­lich­keit, nach einer schein­ba­ren Aehn­lich­keit der Ursa­che oder eines oder des andern Sym­ptoms, paar­te man Krank­hei­ten, um sie so unter leich­ter Mühe mit glei­cher Arzen­ei behan­deln zu können!

4 Eben so hat der Erzie­her haupt­säch­lich die Aeus­se­run­gen und das Beneh­men sei­nes aus­ge­ar­te­ten neu­en Zög­lings aus­zu­fin­den, um ihn dann durch die pas­sen­den Lei­tungs­mit­tel zur Tugend füh­ren zu kon­nen; er braucht weder die dem Sterb­li­chen ewig ver­bor­ge­ne Kennt­niss der innern Orga­ni­sa­ti­on sei­nes Kör­pers, noch die eben so unmög­li­che inne­re Anschau­ung sei­ner die­ser zu die­ser Umbil­dung. Neben­bei ist ihm aller­dings zu wis­sen nöthig (wenn ers erkun­den kann), durch wel­che Ver­an­las­sung er sitt­lich ver­dor­ben wor­den war, aber blos, um sie künf­tig von ihm ent­fer­nen zu kön­nen – zur Ver­hü­tung eines Rückfalls.

5 Fällt kei­ne deut­li­che Ver­an­las­sung und Ent­ste­hungs­ur­sa­che in die Augen, deren künf­ti­ge Ver­mei­dung in Men­schen Macht stän­de, so erfüllt die Her­stel­lung durch Heil­mit­tel alle Absicht. Erdenken, verr­mu­then und erpres­sen darf der Arzt kei­ne Entstehungsursachen.

6 Es las­sen sich fast ein Dut­zend Men­schen­ge­sich­ter in einer Stun­de auf Papier oder Lein­wand hin­wer­fen, wenn man nicht auf Aehn­lich­keit sieht: aber eine ein­zi­ge tref­fen­de Por­traits­kit­ze erfor­dert wenigs­tens eben so viel Zeit, und ungleich mehr Beob­ach­tungs­ga­be und Treue in der Darstellung.

7 Sug­ger­i­ren darf der Arzt bei sei­nen Erkun­di­gun­gen nie. Er darf weder dem Kran­ken, noch den Ange­hö­ri­gen die Zei­chen, wel­che etwa da seyn, noch die Wor­te in den Mund legen, mit denen sie sie bezeich­nen könn­ten, um sie nicht zu ver­lei­ten, etwas unwah­res, halb­wah­res oder ande­res Vor­han­de­nes anzu­ge­ben, oder dem Arzte zu Gefal­len etwas zu beja­hen, was nicht völ­lig so in der Wahr­heit gegrün­det wäre, weil sonst ein fal­sches Bild der Krank­heit und eine unpas­sen­de Heil­art ent­ste­hen muss. Auf die genau­en, obwohl zuwei­len etwas rohen Aus­drü­cke des Kran­ken und der Ange­hö­ri­gen über sein Befin­den kömmt es haupt­säch­lich an.

8 Weder dem Kran­ken, noch den Ange­hö­ri­gen ist eine sol­che memor­ir­te Prä­me­di­ta­ti­on zuzu­trau­en, dass sie nach eini­ger Zwi­schen­zeit zum zwei­ten male die anfäng­lich unpas­send oder über­eilt gewähl­ten Aus­drü­cke auf die­sel­be Art und in der­sel­ben Man er wie­der­ho­len soll­ten. Es wird dann Vari­an­ten geben, wel­che ihnen vor­ge­hal­ten wer­den, damit sie den ihrer Emp­fin­dung und Ueber­zeu­gung genau­er anpas­sen­den Aus­druck unter bei­den wäh­len, oder sich bestimm­ter aus­drü­cken können.

9 Z.B. wie ist es mit dem Stuhl­gan­ge – wie geht der Urin ab – wie ist es mit dem Schla­fe bei Tage, bei der Nacht – wie ist sein Gemüth beschaf­fen – wie ist es mit dem Durs­te – wie mit dem Geschma­cke im Mun­de – wel­che Spei­sen und Geträn­ke schme­cken ihm am bes­ten, wel­che kann er am bes­ten ver­tra­gen – hat jedes sei­nen natür­li­chen, vol­len Geschmack – ist etwas wegen des Kopfs, der Glie­der oder des Unter­leibs zu erin­nern? u.s.w.

10 Z.B. wie oft hat­te er Stuhl­gang, wie war er beschaf­fen, mit oder ohne Schmer­zen? Ist der Schlaf fest, oder blos Schlum­mer? – Er fragt wei­ter­hin noch umständ­li­cher, z.B. sind die geklag­ten Beschwer­den fort­dau­ernd oder anfalls­wei­se? wie oft? blos in der Stu­be? blos in der Luft? blos in der Ruhe des Kör­pers oder blos bei der Bewe­gung? zu wel­cher Tages­zeit oder auf wel­che Ver­an­las­sung? was geht vor­her? was ist zugleich? was folgt nach? – End­lich ganz spe­zi­ell: erschrickt er im Schla­fe? stöhnt er oder redet er im Schla­fe? was redet er? war der weiss­lichte Stuhl­gang Schleim oder Koth? u.s.w.

11 Z.B. wie gebehr­det, wie äus­sert er sich im Schla­fe? wor­aus bestand der Stuhl­gang? kömmt die Beschwer­de nur früh? blos in der Ruhe des Kör­pers, im Lie­gen oder Sit­zen? Wie denn beim Auf­rich­ten im Bet­te? u.s.w.

12 Z.B. ob der Kran­ke indess sich unru­hig umher­ge­wor­fen, und wie er sich gebehr­det hat; ob er ver­driess­lich oder zän­kisch, has­tig oder ängst­lich, unbe­sinn­lich, schlaf­trun­ken war; ob er sehr lei­se, oder sehr unpas­send, oder wie anders er rede­te; wie die Far­be des Gesichts und der Augen, wie die Leb­haf­tig­keit und Kraft der Mie­nen und Augen, wie die Zun­ge, der Odem, der Geruch aus dem Mun­de, oder das Gehör beschaf­fen ist; wie sehr die Pupil­len erwei­tert sind, wie schnell, wie weit sie sich im Dun­keln und Hel­len ver­än­dern; wie der Puls, wie der Unter­leib, wie die Haut über­haupt oder an ein­zel­nen Thei­len in Rück­sicht der Feuch­tig­keit oder Wär­me beschaf­fen ist? ob er mit zurück­ge­bo­ge­nem Kop­fe ent­blösst oder fest zu gedeckt, ob er nur auf dem Rücken, mit offe­nem Mun­de, mit über den Kopf geleg­ten Armen liegt, oder wel­che Stel­lung er sonst annimmt; mit wel­cher Anstren­gung er sich auf­rich­tet und was vom Arzte sonst auf­fal­lend bemerk­ba­res an ihm wahr­ge­nom­men wer­den konnte?

13 Defi­ni­tiv darf die­se Fra­ge über­haupt nicht ein­ge­rich­tet seyn. Aber auch selbst dann, wenn sie nur ganz all­ge­mein lau­tet, (z.B. woher ent­stand die Krank­heit, auf wel­che Ver­an­las­sung?) pflegt schon die­se Fra­ge den Kran­ken und die Ange­hö­ri­gen nur mehr als zu sehr zur Aus­den­kung und Erfin­dung irgend einer ver­meint­li­chen Ver­an­las­sung anzu­trei­ben, wel­che dem Arzte, der nicht pene­tri­ren­der Men­schen­ken­ner ist, wahr­schein­lich deuch­ten und ihn täu­schen kann.

14 Z.B. Ver­gif­tung, inten­dirter Selbst­mord, Ona­nie, Aus­schwei­fun­gen in Wein, in Brannt­wein, in Essen – in unna­tür­li­cher Wol­lust – Schwel­gen in schlüpf­ri­ger Lese­rei: vene­ri­sche Krank­heit; gekränk­ter Stolz, ver­bis­se­ne Rache, kin­di­sche, aber­gläu­bi­ge Furcht, böses Gewis­sen, unglück­li­che Lie­be, Eifer­sucht, ande­rer Haus­un­frie­de und Gram über ein Fami­li­en­ge­heim­niss, über Schul­den – Dürf­tig­keit, Hun­ger, unge­sun­de Nah­rungs­mit­tel u.s.w.

15 Die­ser Erfah­rungs­satz wird durch einen andern noch näher bestimmt, näm­lich: »wenn (wie bei Pal­lia­ti­ven) der hin­zu­tre­ten­de all­ge­mei­ne (Arz­nei-) Reiz von dem schon im Kör­per vor­han­de­nen (Krank­heits­rei­ze) das gra­de Gegen­t­heil ist, so wird der letz­te­re auf­fal­lend schnell –, wenn der hin­zu­tre­ten­de all­ge­mei­ne (Arz­nei-) Reiz aber in jeder andern Hin­sicht dem schon im Kör­per vor­han­de­nen (Krank­heits­rei­ze) uncon­form und hete­ro­gen ist (wie die hlos revo­lu­tio­ni­ren­den Kur­me­tho­den, die Revul­sio­nen, und die soge­nann­ten all­ge­mei­nen Mit­tel), so wird der Krank­heits­reiz nur in dem Fal­le unter­drückt und sus­pen­dirt, wenn der neue Reiz um vie­les stär­ker ist, als der schon im Kör­per vor­han­de­ne – schnell nur dann, wenn die­ser neue Reiz äus­serst hef­tig ist.« Sind die sich oppo­nir­ten, ein­an­der uncon­fo­men, ungleich­ar­ti­gen Rei­ze Krank­hei­ten, und zwar, wie nur in selt­ne­ren Fäl­len, von ziem­lich glei­cher Stär­ke, so dass sie ein­an­der gar nicht, oder nicht auf lan­ge Zeit sus­pend­iren kön­nen, so ver­schmel­zen sie (unge­heilt) zuletzt in eine ein­för­mi­ge Krank­heit, die sich auch als eine ein­zi­ge, ein­för­mi­ge Krank­heit hei­len lässt, unge­ach­tet man die­ser Sor­te den Namen: »com­pli­cir­te Krank­hei­ten« gege­ben hat.

16 Eine schon erfolg­te Anste­ckung der epi­de­mi­schen fie­ber­haf­ten Ohr­drü­sen­ge­schwulst (Bau­erwäzel, Töl­pel, Mumps) sah ich sogleich wel­chen, als die Imp­fung der Schutz­blat­tern gehaf­tet hat­te, und nur nach Ver­fluss von vier­zehn Tagen, als die peri­phe­ri­sche Röthe der Schutz­blat­ter ver­gan­gen war, kam der Bau­erwä­zel wie­der zum Vor­schei­ne und voll­ende­te sei­nen sie­ben­tä­gi­gen Verlauf.

17 Dass die­ser After­aus­schlag (pimp­les), und schon die blos­se Ten­denz der Vac­ci­ne zu die­sem Neben­aus­schla­ge, nicht aber die Kuh­po­cke­n­erschei­nung selbst es sey, was jene pus­tu­lö­sen Exan­the­me heilt, sieht man schon dar­aus, dass die­se Exan­the­me, so lan­ge die eigent­li­chen Kuh­po­cken ihren Ver­lauf haben, fast unge­hin­dert ste­hen blei­ben, und nur dann ver­schwin­den, wenn die Rei­he des Aus­bruchs an den After­aus­schlag der Vac­ci­ne kömmt, das ist, nach Abhei­lung der Kuh­po­cken. – Doch nicht blos jenen After­aus­schlag in abge­son­der­ten, erha­be­nen Knöt­chen, son­dern auch einen andern Neben­aus­schlag in Gestalt dicht­frie­sel­ar­ti­ger (auch wohl feuch­ten­der) Schwin­den hat die Vac­ci­ne Ten­denz am mensch­li­chen Kör­per zu erzeu­gen (aber, wie es scheint, mit Aus­nah­me des Gesichts, und der Vor­der­ar­me und Unter­schen­kel) und einen ähn­li­chen heilt sie auch.

18 Die Bäder mit geschwe­fel­tem Waa­ser­stoff­gas brin­gen den­sel­ben krätz­ähn­li­chen Aus­schlag vor­züg­lich in den Gelenk­beu­gen her­vor, wel­cher am meis­ten des Abends juckt, und sie hei­len eben des­halb die Krät­ze der Woll­ar­bei­ter schnell und gründlich.

19 Eben jene Ein­heit des Lebens aller Orga­ne und ihre Ueber­ein­stim­mung zu einem gemein­sa­men Zwe­cke, ver­stat­tet wohl schwer­lich, dass irgend eine Krank­heit des Kör­pers blos ört­lich seyn oder blei­ben kön­ne, so wenig als die Wir­kung irgend einer Arzen­ei rein ört­lich seyn kann, der­ge­stalt, dass der übri­ge Kör­per nicht dar­an Theil näh­me. Er nimmt aller­dings Ant­heil, obwohl in einem etwas schwä­che­ren Gra­de, als der Ort, auf wel­chem die soge­nann­te ört­li­che Krank­heit am meis­ten in die Sin­ne fällt, oder auf wel­chem die soge­nann­te ört­li­che Arzen­ei appli­cirt wird. – Leu­te die an Flech­ten lei­den, sind, nach Larrey, frei von der Pest­an­ste­ckung, und durch unter­hal­te­ne Fon­ta­nel­le und bestän­di­ge Bla­sen­pflas­ter blei­ben die Euro­pä­er in Syri­en frei von der Anste­ckung der levan­ti­schen Pest, wie jetzt Larrey und in ältern Zei­ten G.F. van Hil­den und F. Pla­ter sah. So wenig sind Flech­ten und künst­li­che äus­se­re Geschwü­re blos ört­li­che Uebel, dass neben ihnen der Kör­ner sogar nicht mehr jenen so hef­ti­gen und all­ge­mei­nen Reiz, wie die levan­ti­sche Pest ist, anneh­men kann. Doch nur so lan­ge, als die­se, an Art von jener abzu­hal­ten­den ver­schie­de­ne Kör­per­rei­zung anhält und nicht län­ger, kann sie sie abhal­ten. Zwei mit Fall­sucht behaf­te­te Kin­der wur­den von der­sel­ben frei (die Fall­sucht ward sus­pen­dirt), so lan­ge ein bei bei­den ent­stan­de­ner Kopf­aus­schlag anhielt; als die­ser aber abheil­te, kam die Fall­sucht wie­der (N. Tul­pi­us, lib. I. obs. 8.). So wer­den oft ent­schie­den all­ge­mei­ne Kör­per­krank­hei­ten von der hier ohn­mäch­ti­gen Natur durch fau­le Fuss­ge­schwü­re, von dem Arzte aber durch Fon­ta­nel­le – nicht geheilt, aber doch unter­drückt und sus­pen­dirt, weil auch Fon­ta­nel­le und Fuss­ge­schwü­re, wenn sie eini­ge Zeit ange­hal­ten haben, wider­na­tür­li­che all­ge­mei­ne Rei­zun­gen sind; aber die Schlag­fluss­an­fäl­le, Eng­brüs­tig­kei­ten u.s.w. kom­men sogleich wie­der, wenn das Fuss­ge­schwür oder das Fon­ta­nell zuheilt. Lan­ge blieb ein Fall­süch­ti­ger von sei­nen Anfäl­len frei, so lan­ge das Fon­ta­nell im Gan­ge erhal­ten ward, die Fall­sucht kam aber sogleich und noch schlim­mer, als ehe­dem wie­der, als man es zuge­hen liess (Pech­li­nus obs. phys. med. lib. 2. obs. 30.) Hier­aus wird es augen­schein­lich gewiss, dass ört­lich schei­nen­de Rei­ze, wenn sie eini­ge Zeit ange­hal­ten haben, gemei­nig­lich all­ge­mei­ne Rei­ze des Kör­pers wer­den, und wenn sie stark genug sind, all­ge­mei­ne Kör­per­krank­hei­ten ent­we­der sus­pend­iren oder hei­len kön­nen, je nach­dem die ein­an­der ent­ge­gen gestell­ten bei­den Rei­ze von ungleich­ar­ti­ger oder von ana­lo­ger Beschaf­fen­heit waren.

20 Eine Arzen­ei, wel­che allein und unver­mischt, in gehö­rig gros­ser Gabe, einem gesun­den Men­schen ein­ge­ge­ben, eine bestimm­te Wir­kung, eine bestimm­te Rei­he eig­ner Sym­pto­men zuwe­ge bringt, behält die Ten­denz, der­glei­chen zu erre­gen, auch in der kleins­ten Gabe. Die heroi­schen Arze­n­ei­en zei­gen ihre Wir­kung schon in gerin­ger Gabe bei gesun­den, selbst star­ken Per­so­nen. Die von schwä­che­rer Wir­kung müs­sen zu die­sen Ver­su­chen in sehr ansehn­li­cher Gabe gereicht wer­den. Die schwächs­ten Arze­n­ei­en aber zei­gen ihre abso­lu­te Wir­kung blos in sol­chen von Krank­heit frei­en Per­so­nen, wel­che sehr zärt­lich, reiz­bar und emp­find­lich sind –; in Krank­hei­ten selbst zei­gen sie zwar sämmt­lich (die stärks­ten, wie die schwächs­ten Arze­n­ei­en) eben­falls ihre abso­lu­ten Wir­kun­gen, aber mit den Krank­heits­sym­pto­men so unter­mischt, dass nur ein sehr unter­rich­te­te. Ken­ner und fei­ner Beob­ach­ter sie her­aus zu fin­den vermag.

21 Die­je­ni­gen Pflan­zen und Thie­re, derer wir uns zu Nah­rungs­mit­teln bedie­nen, haben den Vor­zug einer grös­sern Men­ge Nah­rungs­t­hei­le vor den übri­gen, und dar­in, dass die Arz­nei­kräf­te ihres rohen Zustan­des theils nicht sehr hef­tig, theils, wenn sie auch hef­tig sind, durchs Trock­nen (wie bei der Aron­wur­zel), durchs Aus­pres­sen des schäd­li­chen Sai­tes (wie bei der Kas­sa­ve), durchs Gäh­ren, durchs Räu­chern und durch die Gewalt der Hit­ze beim Rös­ten, Bra­ten, Backen, Kochen zer­stört und ver­flüch­tigt, oder durch den Zusatz des Koch­sal­zes, des Zuckers, vor­züg­lich aber des Essigs (in Sau­cen und Sala­ten) anti­do­tisch unschäd­li­cher gemacht wer­den. Der frisch aus­ge­press­te Saft der tödt­lichs­ten Pflan­zen darf nur Einen Tag an einem tem­per­ir­ten Orte ste­hen, so ist er in vol­le Weingäh­rung über­ge­gan­gen und hat schon vie­le sei­ner Arzen­ei­kräf­te ver­lo­ren, steht er aber noch einen oder zwei Tage, so ist die Essig­gäh­rung voll­endet und alle spe­zi­fi­sche Arz­nei­kraft ver­schwun­den, das nie­der­ge­fal­le­ne Salz­mehl ist dann völ­lig unschäd­lich, der Wei­zen­stär­ke gleich.

22 Ver­gleicht man die durch die­sel­ben Arze­n­ei­en zuwei­len glück­lich bewirk­ten Kuren, so muss selbst dem Vor­urt­hei­ligs­ten die unge­mei­ne Aehn­lich­keit auf­fal­len, wel­che zwi­schen den Sym­pto­men, die die Arzen­ei im gesun­den Kör­per erzeug­te, und den­je­ni­gen Sym­pto­men statt fin­det, wel­che die durch sie geheil­te Krank­heit characterisirten.

23 Zur Aus­for­schung der Wir­kun­gen der min­der star­ken Arze­n­ei­en auf die­sem Wege muss man dem nüch­ter­nen gesun­den Men­schen eine hin­läng­lich star­ke Gabe, am bes­ten in Auf­lö­sung, neh­men las­sen, nur ein­mal. Will man die übri­gen Sym­pto­men, die sich beim ers­ten Male noch nicht ent­deck­ten, auch erfah­ren, so kann man einer andern gesun­den Per­son, oder der­sel­ben, aber dann nur erst nach meh­re­ren Tagen, wenn die Wir­kung der erstern Gabe völ­lig vor­über ist, eine ähn­li­che, oder stär­ke­re Por­ti­on neh­men las­sen, und eben so genau und skep­tisch die ent­ste­hen­den Rei­zungs­sym­pto­men auf­mer­ken. Zu noch schwä­chern Arze­n­ei­en bedarf man, aus­ser einer ansehn­li­chen Gabe, auch Per­so­nen, die zwar gesund, aber von sehr reiz­ba­rer, zar­ter Kör­per­be­schaf­fen­heit sind. Dia deut­li­chern und auf­fal­len­dem Zei­chen wer­den in dem Ver­zeich­nis­se aus­ge­zeich­net, die zwei­deu­ti­gen aber mit Andeu­tung des Zwei­fels bemerkt, bis sie öfte­rer bestä­tigt wor­den. Bei Erkun­di­gung die­ser Arzen­ei­sym­pto­men muss alle Sug­ges­ti­on eben so sorg­fäl­tig ver­mie­den wer­den, als bei Erfor­schung der Krank­heits­sym­pto­men gesagt wor­den ist. Es muss gröss­tent­heils nur frei­wil­li­ge Erzäh­lung der zum Ver­su­che genom­me­nen Per­son seyn, nichts Erra­the­nes, nichts Aus­ge­frag­tes, was man als Wahr­heit nie­der­schrei­ben will, am wenigs­ten aber Aus­drü­cke von Emp­fin­dun­gen, die man der Ver­suchs­per­son vor­her schon in den Mund gelegt hat­te. Wie man aber selbst in Krank­hei­ten unter den Sym­pto­men der ursprüng­li­chen Krank­heit die Sym­pto­men der Arzen­ei auf­fin­den kön­ne, ist ein Gegen­stand höhe­rer Betrach­tung und blos den Meis­tern in der Beob­ach­tungs­kunst zu überlassen.

24 Etwas von der Art sind mei­ne Frag­men­ta de viri­bus medicamentorum.

25 So dass in die­sem Zwie­lich­te Sym­pto­me der erstern Gat­tung mit Sym­pto­men der zwei­ten Gat­tung noch mit ein­an­der abwech­seln, bis die zwei­te Gat­tung die Ober­hand behält und rein erscheint.

26 So wenn sich ein des Brannt­wein­trin­kens unge­wohn­ter Mensch durch eine schnel­le, hef­ti­ge Anstren­gung (z.B. bei Löschung einer Feu­ers­brunst oder in der Ernd­te) auss äus­sers­te erhitzt und erschöpft hat, und über bren­nen­de Hit­ze, den hef­tigs­ten Durst und Schwe­re der Füs­se klagt, so wird viel­leicht schon ein ein­zi­ger Schluck (ein hal­bes Loth) Brannt­wein ihm noch vor Ver­fluss einer Stun­de den Durst, die Hit­ze und die Schwe­re der Füs­se beneh­men, und ihn dann gleich ganz her­stel­len, weil der Brannt­wein in gesun­den, sei­ner ganz unge­wohn­ten Men­schen in der ers­ten Wir­kung eben­falls Durst, Hit­ze und Schwe­re der Glie­der zu erzeu­gen pflegt.

27 In wie­fern man bei der Hei­lung sehr lang­wie­ri­ger Krank­hei­ten auch nach völ­li­gem Ein­trit­te der Gesund­heit, noch nöthig habe, eini­ge Mona­te lang etwas sehr weni­ges von der­sel­ben Arzen­ei, wel­che die Krank­heit besieg­te, jedoch in immer län­gern und län­gern Zwi­schen­zei­ten fort­zu­ge­ben, um alle Spu­ren des chro­ni­schen Uebels in dem meh­re­re Jah­re dar­an, gewöhn­ten Kör­per­or­ga­nism bis auf die kleins­te, nicht mehr in unse­re Sin­ne fal­len­de, aus­zu­lö­schen, wer­de ich im spe­zi­el­lern Thei­le sagen.

28 Merkt man aber, dass der Gene­sen­de von dem kura­tiv hülf­rei­chen Arzen­ei­mit­tel, eine gleich gros­se, auch wohl erhö­he­te Gabe fort­brau­chen muss, um kei­nen Rück­fall zu lei­den, so ist diess ein deut­li­ches Zei­chen, dass die die Krank­heit erzeu­gen­de Ursa­che noch fort­währt, die man dann frei­lich abschaf­fen muss, wenn die Gene­sung von Dau­er seyn soll – ein Feh­ler der Diät (Schwel­gen im Thee, Kaf­fee, Wein, Brannt­wein u.s.w.) oder in der übri­gen Lebens­ord­nung (z.B. Säu­gen bei geschwäch­tem Kör­per, Miss­brauch des Geschlechts­trie­bes, Stu­ben­sit­zen, fort­wäh­ren­de Zän­ke­rei­en u.s.w.).

29 M.s. den ers­ten Erfah­rungs­satz und die dazu gehö­ri­ge Anmerkung.

30 Die Unkennt­niss die­ses Erfah­rungs­sat­zes war Ursa­che, dass die Aerz­te bis­her fast blos pal­lia­ti­ve Mit­tel bei Behand­lung der Krank­hei­ten wähl­ten; die anfäng­lich schmei­cheln­de, fast augen­blick­lich zu erleich­tern schei­nen­de Wir­kung täusch­te sie. So täu­schen sich Eltern eines mora­lisch kran­ken (unge­zo­ge­nen) Kin­des, wenn sie glau­ben, dass für des­sen Eigen­sinn und Unbän­dig­keit Zucker­brod ein Heil­mit­tel sey. Es schweigt zwar gleich, wenn es das ers­te Zucker­brod bekömmt, aber bei einem künf­ti­gen Anfal­le von Eigen­sinn, von Heu­len und Toben aus Unbän­dig­keit hilft das nun wie­der dar­ge­reich­te, pal­lia­ti­ve Zucker­brod schon nicht mehr so gut; man muss ihm mehr geben, man muss es end­lich damit über­häu­fen und es hilft dann doch zuletzt gar nicht mehr. Das Kind ist im Gegen­t­hei­le nur des­to hart­nä­cki­ger, bos­haf­ter und unbän­di­ger durch das Pal­lia­tiv gewor­den. Die bedau­erns­wür­di­gen Eltern suchen nun ande­re Pal­lia­ti­ve her­vor: Spiel­zeug, neue Klei­der, Schmei­chel­wor­te – bis auch die­se nichts mehr hel­fen und all­mäh­lig den ent­ge­gen­ge­setz­ten Zustand, einen Zusatz zur ursprüng­li­chen mora­li­schen Krank­heit in dem zu hei­len­den Kin­de her­vor­brin­gen, ver­här­te­te Bos­heit, Hals­star­rig­keit, Wild­heit. Gleich anfäng­lich und bei den ers­ten malen, da es sei­ne Geschwis­ter oder Wär­te­rin­nen schlug, oder kratz­te, wür­den die kura­ti­ven Mit­tel von Straf­wor­ten und Ruthe in ange­mes­sen star­ker Gabe ange­bracht, und bei nach­gän­gi­gen (gewiss klei­nern) Anfäl­len von Bos­heit noch eini­ge male wie­der­holt, nicht ver­fehlt haben, das Uebel posi­tiv zu hei­len und dau­er­haft und mit der Wur­zel aus­zu­rot­ten. Das böse Kind wird zwar bei der ers­ten Anwen­dung der Ruthe in der ers­ten hal­ben Stun­de sich noch etwas unbän­di­ger anstel­len, etwas stär­ker heu­len und schrei­en, aber des­to ruhi­ger und arti­ger wird es hinterdrein.

31 M.s. aus­ser unzäh­li­gen andern Bestä­ti­gungs­bei­spie­len, J.H. Schul­ze Diss. qua cor­po­ris huma­ni momen­ta­ne­ar­um alte­ra­zio­num spe­ci­mi­na quaedam expend­un­tur, Halae 1741. §. 28. – Aus­ser der Ver­stär­kung der Gabe, sieht man auch, zu dem öftern Wech­seln mit Pal­lia­ti­ven Zuflucht neh­men, wenigs­tens in sol­chen chro­ni­schen Uebeln, wo es deren meh­re­re gie­bt, z.B. bei hys­te­ri­schen Anfäl­len. Da sieht man mit Asant, Bie­ber­geil, Gal­ban, Saga­pen, Hirsch­horn­geist, Bern­stein­tink­tur, end­lich mit Mohn­saft in immer erhö­he­ten Gaben (weil jedes der­sel­ben in sei­nen pri­mä­ren Wir­kun­gen nur das unge­fäh­re Gegen­t­heil der Krank­heit, nicht das Aehn­li­che der­sel­ben ist, folg­lich nur bei den ers­ten Paar Gaben erleich­tert, die übri­gen Tage aber immer weni­ger, end­lich gar nicht hilft) so lan­ge und so oft abwech­seln – um nur eini­ger­mas­sen zu lin­dern, so lan­ge es geht – bis der Vor­rath der Pal­lia­ti­ve erschöpft, oder bis der Kran­ke der dau­er­lo­sen Kuren müde, oder durch die Nach­wir­kun­gen die­ser Arze­n­ei­en mit einer neu­en Krank­heit bela­den wor­den ist, wel­che nun eine ande­re Kur erfordert.

32 Ist man dann so glück­lich, die­se (vom Pal­lia­ti­ve erzeug­te) Krank­heit wie­der zu heben, so kömmt gewöhn­lich jene ers­te, ursprüng­li­che wie­der zum Vor­schei­ne, zum Zei­chen, dass sie, (nach dem ers­ten Erfah­rungs­sat­ze) durch die neu erzeug­te, ungleich­ar­tig rei­zen­de Krank­heit blos ver­drängt und sus­pen­dirt, nicht ver­nich­tet oder geheilt wor­den war.

33 Hat man aber eine Schlaf­sucht zu bekämp­fen, so wird sie der Mohn­saft als ein in sei­nen pri­mä­ren Wir­kun­gen der vor­lie­gen­den Krank­heit sehr ana­lo­ger Arzen­ei­reiz schon in der kleins­ten Gabe hin­weg neh­men, und wenn eini­ge der übri­gen, pri­mä­ren Wir­kun­gen die­ses Mit­tels (z.B. Schnar­chen im schlum­mer­ähn­li­chen Schla­fe mit offe­nem Mun­de, auf­wärts gedreh­te Pupil­len bei halb­ver­schlos­se­nen Augen­lie­dern, Reden im Schla­fe, Unbe­sinn­lich­keit beim Erwa­chen, Mis­ken­nung der Anver­wand­ten u.s.w.) ähn­li­che Sym­pto­men bei der Krank­heit (wie in den Typhus­ar­ten nicht sel­ten) vor­fin­den, das ursprüng­li­che Uebel schnell, dau­er­haft und ohne Nach­we­hen besie­gen, als ein kura­ti­ves und posi­ti­ves Heilmittel.

34 Auch macht die Pal­lia­ti­ve der Umstand undien­lich, dass jedes der­sel­ben gewöhn­lich nur einem ein­zi­gen Krank­heits­sym­pto­me als Schwei­gungs­mit­tel ent­ge­gen gesetzt wird, – die übri­gen Sym­pto­men blei­ben ent­we­der unbe­frie­digt, oder wer­den mit andern Pal­lia­ti­ven bestrit­ten, wel­che alle­sammt Neben­wir­kun­gen besit­zen, die der Wie­der­ge­ne­sung im Wege stehen.

35 Diess zu beurt­heil­ten, muss man die von einem völ­lig wahr­haf­ten und genau­en Beob­ach­ter auf­ge­zeich­ne­ten Fäl­le wäh­len, wo eine auf­fal­lend schnel­le Hei­lung einer nicht an einen gewis­sen bal­di­gen Selbst­ver­lauf von der Natur gebun­de­nen, aku­ten son­dern einer lang dau­ern­den Krank­heit, nicht durch ein Gemisch sich wider­spre­chen­der, son­dern durch ein ein­zi­ges Arz­nei­emit­tel, mit Bestan­de und ohne Nach­krank­heit geheilt ward. Diess war dann gewiss ein der Krank­heit in sei­nen pri­mä­ren Wir­kun­gen sehr ana­lo­ges (kura­ti­ves Arzen­ei­mit­tel. War es ein Pal­lia­tiv in immer stei­gen­der Gabe, so war die Schein­ge­ne­sung nicht von Dau­er, oder doch nicht ohne Nach­krank­heit. Ohne ein posi­ti­ves (kura­ti­ves Arzen­ei­mit­tel kam nie eine schnel­le, sanf­te, dau­er­haf­te Hei­lung zu Stan­de, und wird auch nie eine, der Natur der Sache nach, erfol­gen. Bei den auf­fal­lend schnel­len und dau­er­haf­ten Hei­lun­gen durch gemisch­te Mit­tel (wenn anders die Zusam­men­mi­schung meh­re­rer unge­kann­ter Arze­n­ei­en zu einem oft eben so unein­ge­se­he­nen Zwe­cke eine wis­sen­schafl­li­che Beach­tung ver­dient) fin­det man das stark vor­wir­ken­de Mit­tel eben­falls von der posi­ti­ven Art – oder das Gemisch bil­de­te eine nie genau zu beurt­hei­len­de Art zusam­men­wir­ken­der Arzen­ei, wor­in jedes Ingre­di­enz nicht sei­ne eigent­hüm­li­che Func­tion ver­rich­tet, son­dern durch die übri­gen in sei­ner Ten­denz abge­än­dert wird, und wo, nach den gegen­sei­ti­gen dyna­mi­schen Ver­nich­tun­gen, eine unbe­kann­te Arzen­ei­po­tenz übrig bleibt, wel­che dann hier that, was kein Sterb­li­cher erra­then kann, war­um sie es that, und auch einer Men­ge Ursa­chen wegen (wel­che aus der oft ver­schie­de­nen Kräf­tig­keit der ein­zel­nen Dro­guen in ver­schie­de­nen Apo­the­ken, aus der fast nie wie­der so zu tref­fen­den Mischungs­art und aus der jedes­mah­li­gen Ver­schie­den­heit des Krank­heits­fal­les her­vor­flies­sen) nie wie­der nach­ge­ahmt wer­den kann; es müss­te denn in einer der oben ange­führ­ten eigen­ar­ti­gen oder mias­ma­ti­schen, sich immer gleich blei­ben­den Krank­hei­ten seyn.

36 So sagt Hip­po­kra­tes, oder der Ver­fas­ser des Buchs περὶ τόπων τῶν κατ᾽ ανϑρωπον (Basil. 1538, frob. pag. 72. lin. 35.) die merk­wür­di­gen Wor­te: διὰ τὰ ὃμοια νοῦσος γίνεται, καὶ διὰ τὰ ὃμοια προσφερόμενα εκ νοσεύτων ὑγιάνονται. ὁιον σραγγουρίην το ἀυτο ποιέει ουκ εοῦσαν, καὶ εοῦσαν το ἀυτο παύει. καὶ βὴξ κατὰ το ἀυτο, ὣσπερ ἡ σραγγουρίη ὑπο τῶν ἀυτῶν γίνεται καὶ παύεται – διὰ το εμέειν εμετος παύεται. – So haben auch nach­gän­gi­ge Aerz­te hie und da ein­ge­se­hen, dass die Bauch­weh erre­gen­de Eigen­schaft der Rha­bar­ber die Ursa­che ihrer Kolik stil­len­den, und die Erbre­chen erre­gen­de Kraft der Ipe­cacu­an­ha der Grund ihrer Bre­chen stil­len­den Tugend in klei­nen Gaben sey. So sah Dether­ding (Eph. Nat. Cur. Cent. 10. obs. 76.), dass der bei gesun­den Per­so­nen Kolik erzeu­gen­de Sen­s­blät­ter­auf­guss gleich­wohl Koli­ken bei Erwach­se­nen hei­le und ver­mu­thet, dass es durch ana­lo­ge Wir­kung gesche­hen müs­se. Ich über­ge­he die Vor­schlä­ge Ande­rer (J.D. Major, A. Bren­de­li­us, A.F. Danck­werts u.s.w.), durch eine künst­lich erreg­te Krank­heit ande­re Krank­hei­ten zu heilen.

37 Nach Mass­ga­be einer grös­sern Schwä­che kön­nen 70° Fahr. eine so beträcht­li­che Was­ser­käl­te seyn, als für eine min­de­re 60 Grad.

38 Z.B. 40° Fahr.

39 Z.B. die gan­zen Unterschenkel.

40 Z.B. zwei Stunden.

41 Es gie­bt frei­lich Aus­nah­men von Wohlt­hä­tig­keit auch äus­serst gros­ser Gaben der posi­ti­ven (cura­ti­ven) Heil­mit­tel in gewis­sen dem Meis­ter in der Kunst vor­be­hal­te­nen Fäl­len. So sah ich die Heil­kraft der läh­men­den pri­mä­ren Wir­kung einer sehr gros­sen Gabe die­ses Mit­tels auf­fal­lend an einem Man­ne (in Thü­rin­gen), des­sen rech­ter Arm schon seit vie­len Jah­ren fast gänz­lich gelähmt und immer wie ein­ge­schla­fen und kalt war. Er woll­te zu den Weih­nachts­fe­ri­en aus einem ein­ge­fror­nen Häl­ter Fische holen, um sei­nen Anver­wand­ten eine heim­li­che Freu­de zu machen. Mit dem lin­ken Arme allein konn­te er sie nicht ergrei­fen; er muss­te den nur weni­ger Bewe­gung fähi­gen lah­men Arm zu Hül­fe neh­men. Er moch­te ihn wohl län­ger als eine hal­be Stun­de in dem eis­kal­ten Was­ser beschäf­tigt haben. Die Fol­ge war, dass bald dar­auf der gelähm­te Arm sich ent­zün­de­te und anschwoll, nach eini­gen Tagen aber ganz gesund ward und so kräf­tig als der ande­re; die Läh­mung war auf immer verschwunden.

42 Z.B. von 80° Fahr. in Ent­fer­nung vom Ofen.

43 Die­ses letz­te­re Bei­spiel zeigt zugleich die Rich­tig­keit des Sat­zes, dass wenn der Krank­heits­zu­stand im äus­sers­ten Gra­de ist und man nur eini­ge Stun­den Zeit zum Hei­len übrig hat, die Anwen­dung der posi­ti­ven (cura­ti­ven) Mit­tel in sehr klei­ner Gabe jener Anwen­dung der pal­lia­ti­ven unend­lich vor­zu­zie­hen sey, selbst wenn die­se anfäng­lich in sehr klei­ner Men­ge gege­ben wür­den. Wenn letz­te­re auch nichts scha­de­te, so ist es wenigs­tens gewiss, dass sie nicht hilft, wäh­rend die kleins­te Gabe des wohl pas­sen­den Cura­tiv­mit­tels vom Tode erret­ten kann, wenn nur noch eini­ge Stun­den Zeit zum Hei­len übrig sind.

44 Bei der so schnel­len und unmit­tel­ba­ren, als kräf­ti­gen und sanf­ten Umwand­lung der Krank­hei­ten in Gesund­heit durch die posi­ti­ve (cura­ti­ve) und dyna­mi­sche Heil­art, sind alle jene natur­wid­ri­gen Bestür­mun­gen des Orga­nis­mus, die man all­ge­mei­ne Mit­tel. Revul­sio­nen und Aus­lee­rungs­mit­tel nennt, Brech­mit­tel, Pur­gan­zen, Schweiss­mit­tel u.s.w. so unnö­thig als schäd­lich. Die dazu bestimm­ten Arze­n­ei­en voll­füh­ren die­se revo­lu­tio­ni­ren­den, angrei­fen­den, hef­ti­gen Wir­kun­gen gröss­tent­heils durch die Ueber­mas­se ihrer Gabe. Die meh­re­ren, spe­zi­fisch arz­nei­li­chen Eigen­schaf­ten des Brech­wein­steins, der Brech­wur­zel, der Hasel­wur­zel u.s.w. wird man bei die­sem ihren Miss­brau­che zu Brech­mit­teln nicht gewahr, wodurch sie in klei­nern Gaben weit heil­sa­me­re Arzen­ei­mit­tel zu ande­ren Behu­fen wer­den könn­ten. Eben so sind die vie­len arz­nei­li­chen Eigen­schaf­ten der­je­ni­gen Sub­stan­zen, die man zu Pur­gi­er- und Abfüh­rungs­mit­teln zu miss­brau­chen pflegt (als wozu der äch­te Arzt sie fast nie, oder äus­serst sel­ten nöthig hat) zu weit nütz­li­chern Zwe­cken bestimmt, als die man bis­her von ihnen kann­te. Blos in Ueber­mas­se gege­ben, voll­füh­ren sie jene stür­mi­sche, belei­di­gen­de Wir­kung – und fast alle übri­ge Arze­n­ei­en kön­nen zu Brech- und Pur­gier­mit­teln wer­den, wenn man sie in Ueber­mas­se neh­men lasst. Der soge­nann­te ver­dor­be­ne Magen, die soge­nann­ten Zei­chen von tur­ge­sci­ren­den Unrei­nig­kei­ten der ers­ten Wege und von ver­dor­be­ner, tur­ge­sci­re­den Gabe, bit­te­rer Geschmack, Kopf­weh, Anore­xie, Ekel, Uebel­keit, Leib­weh und ver­stopf­ter Stuhl­gang, deu­ten gewöhn­lich, auf eine ganz ande­re Hül­fe, als stür­mi­sche Brech- und Abfüh­rungs­mit­tel sind; die Krank­heit in ihrem gan­zen Umfang ist oft in weni­gen Stun­den durch ein Paar Trop­fen der pas­sen­den cura­ti­ven Arzen­ei völ­lig geho­ben, und jene dro­hen­den Zei­chen zugleich mit ver­schwun­den, ohne Aus­lee­run­gen und so unbe­merkt, dass man nicht weiss, wo sie hin­ge­kom­men sind. Blos wenn ganz unver­dau­li­che oder frem­de, sehr gif­ti­ge Sub­stan­zen den Magen und die Gedär­me beläs­ti­gen, ist es in eini­gen Fäl­len erlaubt, sie durch sol­che Aus­lee­rungs­mit­tel fortzuschaffen.

45 Anfäng­lich bedarf man zu die­ser pal­lia­ti­ven Erleich­te­rung, wenn auch die Ent­zün­dung gross ist, nur eines küh­len Was­sers von etwa 70° Fahr. aber von Stun­de zu Stun­de muss man etwas käl­te­res neh­men, end­lich bis zur Brun­nen­käl­te (52° Fahr.) und noch höher, wenn man glei­che Lin­de­rung wie Anfangs erhal­ten will (und man kein bes­se­res Mit­tel weiss).Es muss mit dem Käl­te­gra­de von Zeit zu Zeit gestie­gen wer­den, wie mit der Gabe ande­rer Pal­lia­tiv­i­mit­tel beim innern Gebrauche.

46 Diess ist der Grund, war­um die oft unge­heu­ern Gaben heroi­scher Arze­n­ei­en man­cher­lei Art in einer zusam­men gesetz­ten For­mel oft ohne gros­sen Erfolg ein­ge­nom­men wer­den. Ein ein­zel­nes die­ser hef­ti­gen Ingre­di­en­zen wür­de in der gros­sen Gabe oft den Tod bringen.

47 Hie­zu kömmt noch fol­gen­der Umstand. Es lässt sich nicht genau ein­sehn, wie es zugeht, aber wahr ist es nichts des­to weni­ger, dass auch eine und die­sel­be Gabe Arzen­ei, wel­che eben zur Hei­lungs­ab­sicht zurei­chen wür­de, wenn man sie auch nicht eher als nach Ver­fluss der Wir­kungs­dau­er des Mit­tels wie­der­hol­te – über die Gebühr und wohl zehn­mal stär­ker wirkt, wenn man die­se Gabe theilt, und die­se Thei­le in kur­zen Zwi­schen­zei­ten wäh­rend der Wir­kungs­dau­er der Arzen­ei ver­brau­chen lässt; z.B. wenn die so eben auf die fünf­tä­gi­ge Wir­kungs­dau­er der Arzen­ei für die Hei­lungs­ab­sicht zurei­chen­de Gabe von 10 Trop­fen der­ge­stalt zert­heilt wird, dass man davon täg­lich zwei­mal, jedes­mal einen Trop­fen neh­men lässt, so erfolgt bin­nen der 5 Tage nicht etwa der­sel­be Effect, wie von 10 Trop­fen auf ein­mal alle 5 Tage gege­ben, son­dern ein bei wei­tem stär­ke­rer, über­trie­be­ner, angrei­fen­der; vor­aus­ge­setzt dass die Arzen­ei ein cura­ti­ver und posi­ti­ver Gegen­reiz der Krank­heit war.