Die Histologie der Zunge

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Quel­le: Bern­hard Kro­nen­ber­ger — Die neue Dia­gnos­tik Lin­gua­lis (Zun­gen­dia­gno­se) (1949, Kahl a. Main)

Die Histologie der Zunge. 

Die Zun­ge besteht meist aus quer­ge­streif­ten Mus­keln, die sich viel­fach durch­flech­ten und größ­ten­teils von einer Fort­set­zung der Mund­schleim­haut über­zo­gen sind. Infol­ge der meist recht­win­ke­li­gen Durch­kreu­zung der Mus­kel­bün­del erkennt man auf Durch­schnit­ten ein fei­nes zier­li­ches Flecht­werk. Die längs­ge­stell­te mitt­le­re Schei­de­wand, sep­tum lin­guae, hat ihre größ­te Höhe in der Zun­gen­mit­te, beginnt dage­gen am Zun­gen­bein­kör­per nied­rig und endet auch eben­so an der Zun­gen­spit­ze. Sie besteht aus der­ben Bin­de­ge­webs­fa­sern und durch­setzt nicht die gan­ze Zun­gen­hö­he son­dern endet unge­fähr 3 mm vorm Zungenrücken.

Die Zun­gen­schleim­haut besteht wie die der Mund­höh­le aus Epi­thel, Tuni­ca pro­pria und Submu­co­sa und ist durch die eigen­ar­ti­ge Gestal­tung der bereits unter der Ana­to­mie ange­führ­ten ver­schie­de­nen Papil­len gekenn­zeich­net. Die Papil­lae val­la­tae sind den pilz­för­mi­gen ähn­lich, nur brei­ter und platt­ge­drück­ter, und rings­um durch eine Fur­che von dem übri­gen Schleim­haut­teil, den man dar­um lie­gend als Wall bezeich­net, abge­setzt. Sie bestehen aus einem Flecht­werk von Bin­de­ge­webs­bün­deln, das nur weni­ge elas­ti­sche Fasern besitzt, ent­hal­ten oft längs oder schräg lau­fen­de glat­te Mus­kel­fa­sern, wel­che auch im Wall vor­kom­men und hier mehr cir­cu­lär ver­lau­fen. Auf der obe­ren Papil­len­flä­che fin­den sich sekun­dä­re Papil­len, wäh­rend im Epi­thel der Sei­ten­flä­che und auch im Wall die Geschmacks­knos­pen als Endi­gung der Geschmacks­ner­ven lie­gen. Wei­ter kom­men im Wall noch ver­ein­zelt ste­hen­de Lymph­knöt­chen, soge­nann­te Soli­tär­knöt­chen, vor. Die in nach vorn offe­ner stump­fen Win­kel­form vor dem Fora­men cae­cum lin­guae lie­gen­den Papil­lae val­la­tae betra­gen zwi­schen 8 und .15 an der Zahl, haben eine Höhe von ca. 1—1,5 mm und eine Brei­te von 1—3 mm.

Zungenschleimhaut-Längsschnitt

Abb. Zun­gen­schleim­haut-Längs­schnitt
1    Papil­lae fili­for­mes
2    Papil­la fun­gi­for­mis
3    Sekun­dä­re Papillen

Die Papil­lae fili­for­mes sind zahl­reich über die Zun­gen­ober­flä­che ver­brei­tet und stel­len eine cylin­dri­sche oder koni­sche Erhe­bung der Tuni­ca pro­pria dar, deren Ober­teil ca. 5—15 klei­ne­re, sekun­dä­re Papil­len auf­weist, die viel­fach faden­för­mi­ge ver­horn­te Fort­sät­ze bil­den, woher auch ihre Benen­nung kam. Ihr Bestand­teil ist fase­ri­ges Bin­de­ge­we­be mit zahl­rei­chen elas­ti­schen Fasern, die von stark geschich­te­tem Plat­ten­epi­thel über­zo­gen sind, wel­ches teil­wei­se ver­hornt. Sie haben eine Höhe bezw. Län­ge von 0,8 bis 2,5 mm.

Die Papil­lae fun­gi­for­mes sind weni­ger zahl­reich wie die vori­gen und wegen der durch das Epi­thel durch­schim­mern­den Blut­ge­fä­ße leicht zu erken­nen. Sie sind kuge­lig, mit ein­ge­schnür­tem Stiel, also pilz­för­mi­ge Gebil­de, die der Tuni­ca pro­pria auf­sit­zen und an ihrer Ober­flä­che sekun­dä­re Papil­len tra­gen. Sie bestehen aus Bin­de­ge­webs­bün­deln mit weni­gen elas­ti­schen Fasern. Ihr Epi­thel­über­zug ist etwas dün­ner, daher das durch­schei­nen­de Con­ten­tum der Blut­ge­fä­ße und ist ihre Ober­flä­che des­halb auch nicht ver­hornt. Ihre Höhe mißt ca. 0,5 — 1,5 mm.

Die Papil­lae foli­a­tae befin­den sich am hin­te­ren seit­li­chen Rand der Zun­ge und stel­len par­al­le­le Schleim­haut­fal­ten dar, die zahl­reich mit Geschmacks­knos­pen aus­ge­stat­tet sind. 

Die Zun­gen­bäl­ge an der Zun­gen­wur­zel sind kuge­li­ge Anhäu­fun­gen von drü­sen­ar­ti­gem Gewe­be in der obers­ten Schicht der Tuni­ca pro­pria, die in ihrer Mit­te den Balg­höh­len­ein­gang als punkt­för­mi­ge Öff­nung auf­wei­sen. Die­se Öff­nung ist eben­falls von einer Fort­set­zung des Epi­thels der Mund­schleim­haut aus­ge­klei­det. Um die­ses Höh­len­epi­thel lagert sich ade­no­ides Gewe­be das viel­fach Knöt­chen mit Keim­zen­tren besitzt, und wel­ches sich gegen das fibril­lä­re Bin­de­ge­we­be der Tuni­ca pro­pria gut sicht­bar abhebt, das sozu­sa­gen gegen­über dem ers­te­ren die Faser­hül­le darstellt. 

Die Drü­sen der Zun­gen­schleim­haut sind von drei­fa­cher Art und lie­gen in den obe­ren Schich­ten der Zun­gen­mus­ku­la­tur. Wir unter­schei­den serö­se Drü­sen bei den Papil­lae val­la­tae und foli­a­tae, Schleim­drü­sen an der Zun­gen­wur­zel und an den Zun­gen­rän­dern, sowie gemisch­te vor­de­re Drü­sen an der Zungenspitze. 

Die Blut­ge­fä­ße bil­den aus­ge­brei­te­te Net­ze die sich in die Papil­len und sekun­dä­ren Papil­len ver­zwei­gen. Klei­ne Arte­ri­en durch­boh­ren an der Zun­gen­wur­zel die Faser­hül­le der Zun­gen­bäl­ge und ver­zwei­gen sich in Kapil­la­ren auf­lö­send, bis ins Inne­re der Balg­höh­len­knöt­chen. Die Drü­sen-Blut­ge­fä­ße umspin­nen in einem Kapil­lar­netz die Tubuli. 

Die Lymph­ge­fä­ße der Zun­ge bestehen aus einem tie­fe­ren und selbst­ver­ständ­lich aus grö­be­ren Gefä­ßen zusam­men­ge­setz­tem Netz­werk und aus einem mehr ober­fläch­li­chen Netz­werk, das Lymph­ge­fä­ße der Papil­len auf­nimmt und fei­ner ist. An den Zun­gen­bäl­gen bil­den sie ein die Knöt­chen umspan­nen­des Netz.

Die Ner­ven der Zun­ge inter­es­sie­ren uns für unse­re neue Zun­gen-Dia­gno­se beson­ders, da die­se durch ihre Anas­to­mo­sen die gleich­zei­ti­gen Ver­bin­dun­gen mit dem Ver­dau­ungs­ap­pa­rat auf­zei­gen, wodurch einer­seits die Über­mitt­lung der Span­nun­gen in den Ner­ven­ge­flech­ten des­sel­ben, sowie das in Erschei­nung­tre­ten der Zun­gen­zei­chen gewähr­leis­tet ist. Zu den Zun­gen­ner­ven zäh­len der Ner­vus lin­gua­lis (der eigent­li­che Zun­gen­nerv), der Ner­vus hypo-glos­sus (Unter­zun­gen­nerv) und der Ner­vus glos­so­pha­ryn­geus (Zun­gen­schlund­kopf­nerv). Der Ner­vus lin­gua­lis ist einer der bei­den Endäs­te des Ner­vus tri­ge­mi­nus (V. Hirn­nerv). Vom Ner­vus facia­lis nimmt er die Chor­da tym­pa­ni im spit­zen Win­kel auf und geht dann seit­lich vom Mus­cu­lus sty­log­los­sus und Mus­cu­lus hyoglos­sus, sowie ober­halb der Unter­kie­fer­drü­se in die Zun­ge über, wo er sich in deren Schleim­haut ver­äs­telt. Er anas­to­mi­siert mit dem Ner­vus hypo­glos­sus, sen­det Ver­zwei­gun­gen sowie einen Teil der Chor­da tym­pa­ni zu dem Gan­gli­on sub­ma­xil­la­re, das über der Glan­du­la sub­ma­xil­la­re gele­gen ist und ist auf die­se Wei­se auch mit dem sym­pa­thi­schen Ner­ven­sys­tem ver­bun­den, da zu die­sem Gan­gli­on neben­bei auch sym­pa­thi­sche Fasern aus dem Ple­xus maxil­la­ris exter­nus zie­hen. Ent­spre­chend dem paa­ri­gen Tri­ge­mi­nus­ner­ven unter­schei­den wir auch einen Ner­vus lin­gua­lis dex­ter und einen Ner­vus lin­gua­lis sinis­ter, wel­che bei­der­seits Ver­bin­dun­gen mit den sym­pa­thi­schen Geflech­ten besitzen.

Der Ner­vus hypo­glos­sus kommt aus dem gleich­na­mi­gen Kanal, erst nach innen und hin­ter dem Vagus und der inne­ren Jugu­lar­ve­ne gele­gen, zieht dann nach vorn medi­al von den Mus­cu­li digas­tri­cus und sty­lo­h­yo­ide­us zur Regio sub­ma­xil­la­ris und von da zur Zun­ge. Neben ande­ren sen­det er Ver­zwei­gun­gen zu sämt­li­chen Zun­gen­mus­keln. Auch er weist Ver­bin­dun­gen mit dem Sym­pa­thi­kus und mit dem Vagus auf.

Der Ner­vus glos­so­pha­ryn­geus bil­det gleich nach dem Ver­las­sen des Fora­men jugu­la­re das klei­ne Gan­gli­on superi­us, erhält über das Gan­gli­on cer­vicale superi­us Fasern vom Ner­vus sym­pa­thi­cus und bil­det dann am Schlä­fen­bein das Gan­gli­on petro­sum. Neben ande­ren abge­hen­den Ästen gehen sei­ne eigent­li­chen Endäs­te, die Rami lin­gua­lis, bogen­för­mig um die Gau­men­man­del zum Zun­gen­grund. Die­ser Nerv ver­sorgt das hin­te­re Drit­tel der Zun­ge mit Gefühls- und Geschmacks­fä­den und dürf­te vor­wie­gend die­sem Zwe­cke die­nen, wäh­rend der Ner­vus lin­gua­lis die vor­de­ren zwei Drit­tel der Zun­ge ver­sorgt und für die Reiz­ver­mitt­lun­gen aus dem Ver­dau­ungs­trak­tus in ers­ter Linie und damit zur Ent­ste­hung der Zun­gen­zei­chen in Fra­ge kommt.