Daucus Carota - viel mehr als nur eine Möhre

Vorschau

Möhren (Daucus Carota)

Jedes Baby weiss: Nach der Muttermilch kommt Möhrenbrei. Trotz der frühen Erfahrungen mit der leckeren Pfahlwurzel, wissen nur wenig Erwachsene vom enormen Potential der Möhren. Sie sind nicht nur ernährungsphysiologisch bedeutsam, sondern haben breit angelegte, heterogene Heilwirkungen.

Ergebnis vieler Kreuzungen

Die Mutter aller Möhren ist die Wilde Möhre (Daucus carota L.). Sie gehört zur Familie der Doldenblütler (Umbelliferae) und ist in Asien und Europa beheimatet. Sie wächst auf mageren, trockenen Böden, im Berg- und Flachland an Straßen- und Wegrändern. Die Pflanze ist unübersehbar und kann bis zu einem Meter hoch aufschiessen. Sie hat weisse oder rosafarbene vielstrahlige Dolden, ihre Blätter sind fiederteilig zerschlitzt und haben haarfeine Zipfel. Sie blüht von Mai bis Oktober und entwickelt zwei bis vier Millimeter lange Früchte, die länglich-eiförmig aussehen. Ihre Wurzel ist rübenförmig, holzig, innen und aussen weiss. Die wilde Möhre hat mit der modernen, orangefarbenen und stark carotinhaltigen Möhre nur noch wenige Gemeinsamkeiten. Wie die heutige Möhre entstand, aus welchen Kreuzungen oder Mutationen sie hervorging, darüber sind sich Botaniker nicht einig. Eine Theorie, die häufiger kolportiert wird, geht davon aus, dass sich unsere Möhre in mehreren Mutationsschritten entwickelte. Im 10. Jahrhundert sollen afghanische Wildmöhren mit purpurroter Wurzel (Anthocyane, wasserlösliche Pflanzenfarbstoffe) in den Mittelmeerraum gelangt sein und dort gelbe Mutanten entwickelt haben. Im 14. und 15. Jahrhundert sollen weiße, rote und gelbe Sorten nach Mitteleuropa gelangt sein. Die heutige, orange Möhre, die weltweit Verbreitung findet, entwickelte sich aus der Weissen Möhre und ist ein Zuchtergebnis des 20. Jahrhunderts. Die Möhre, Karotte, Wurzel oder Gelbe Rübe wie sie auch genannt wird, gehört zu den wichtigsten Gemüsepflanzen. Ihre Beliebtheit beruht auf dem süsslichen, milden Geschmack und den wertvollen Inhaltstoffen. Möhren werden von der Nahrungsmittelindustrie zu Nass-, Gefrierkonserven, Trockenprodukten und Säften verarbeitet. Für die Pharmaindustrie sind sie wegen der medizinisch wirksamen Inhaltstoffe Grundlage verschiedener Präparate.

nur eine Auswahl der wichtigsten Inhaltsstoffe...

Möhren haben eine ganze Reihe von medizinischen wirksamen Inhaltsstoffen (untersucht wurden praktisch nur kultivierte Karotten, bzw. deren Extrakte). Die wichtigste Gruppe sind die Carotinoide. Das ist eine Gruppe von, im Pflanzen- und Tierreich weit verbreiteter gelber und roter Farbstoffe. Chemisch sind es hochungesättigte, teilweise gradkettig, teilweise gradkettig-ringförmig aufgebaute Kohlenwasserstoffe und deren Sauerstoffverbindungen. Die überragende physiologische Bedeutung der Carotinoide liegt in ihrer Beteiligung an der Energieübertragung bei der Photosynthese, sowie der Funktion, Zellen vor schädigendem Lichteinfluss zu schützen, und bei der Untergruppe der Carotine in ihrer Funktion als Provitamin (=inaktive Vitamin-Vorstufe). Bekannte Möhren-Carotine sind Betacarotin (Provitamin des lebensnotwendigen Vitamin A1, auch Retinol genannt, wird in der Leber zu Vitamin A umgebaut) oder Lycopin (ein krebsschützender Inhaltsstoff, der besonders auch bei Tomaten vorkommt). Die Menge der ätherischen Öle (z. B. Limonen), die in der Möhre enthalten sind, ist - zumindest bei der Wurzel, nicht aber den Samen - eher gering für therapeutische Wirkungen. Trotzdem wurden sie gerne in Kombination mit anderen ätherischen Ölen verwendet, z. B. für Bronchial-Inhalationskapseln. Die Gruppe der Polyine, das sind hoch-reaktive, instabile Kohlenstoffverbindungen mit mehreren Dreifachbindungen, ist in letzten Jahren besonders in den Focus wissenschaftlicher Aufmerksamkeit geraten. Ihr Hauptvertreter bei der Möhre, das Falcarinol (auch Carotatoxin genannt) schützt die Möhre vor Pilzbefall, ist also ein natürliches Pestizid. Bei Säugetieren, so zeigen aktuelle Untersuchungen, kann Falcarinol die Krebsentstehung aus Krebsvorläufern (Präkanzerose) hemmen. Dies ist eine späte Bestätigung für eine Anwendung von Möhren bei der Behandlung von offenen Tumoren in vergangenen Jahrhunderten. Hinweis: Auch die Superheilpflanze Kamille hat höhere Anteile ähnlicher Polyine. Der hohe Gehalt an Zuckerverbindungen aus den Gruppen der Mono- und Oligosaccharide, z. B. Glucose (Traubenzucker) oder Saccharose (Rohrzucker), ist zwar kaum therapeutisch bedeutsam, bietet aber eine ernährungsphysiologische Erklärung, warum Möhren bei uns zumeist das erste Lebensmittel überhaupt ist, das Babys beim oder nach dem Abstillen erhalten („nährstoffreich und verträglich fast wie Muttermilch“). Neben diesen pharmakologisch auffallenden Inhaltsstoffen haben Möhren einen hohen Anteil von Mineralstoffen, an Polysacchariden wie z. B. Pektin, für die menschliche Verdauung vorteilhaften Ballaststoffen oder Vitaminen der B-Gruppe und Vitamin C.

Haut und Möhre - eine besondere Beziehung

Daucus carota hat eine mehrfache und besondere Beziehung zur menschlichen Haut. Die Vorstufen von Vitamin A sind wichtig für die Hautgesundheit. Fehlt das Vitamin, verhornen die Talgdrüsen, die Hautzellen regenerieren sich langsamer, die Haut trocknet aus, wird rissig, spröde und infiziert sich leichter. Die Möhrenfarbstoffe haben aber noch eine andere Wirkung. Diese ist besonders von Säuglingen oder Kleinkindern bekannt, denen Möhrensaft oder andere Karotten-Nahrungsmittel in gutgemeintem Übermaß verabreicht werden: Sie bekommen hierdurch bald eine kräftige, gelblich-/orange-bräunliche, jedoch völlig ungefährliche Färbung (Hypercarotinämie), die aber nicht ganz der durch normale Hautbräunung hervorgerufenen Melaninfärbung der Europäer gleicht. Gleiche Effekte hat die Möhre aber bei Erwachsenen. Wirkung: Die in die Haut eingelagerten Karottenfarbstoffe sehen nicht nur enorm gesund aus, sondern schützen die Haut ähnlich wie der natürliche Hautfarbstoff Melanin vor den schädigenden Wirkungen des Sonnenlichtes, besonders seiner UV-Anteile. Menschen, die wie die verstorbene deutsche Bundeskanzlergattin Hannelore Kohl an einer Sonnenallergie leiden, können somit die Haut künstlich bräunen und ertragen dadurch leichter den Aufenthalt in der Sonne. Entsprechende Präparate gibt es zum Eincremen aber auch zum Einnehmen.

Karotte - Freundin aller Augen

Bei der Wirkung der Möhre muss wie bei allen auch medizinisch wirksamen Lebensmitteln oder Gewürzen zwischen der primär nutritiven, durch die Lieferung von wertvollen Nahrungsbestandteilen bedingten Wirkung (z. B. Stimulation der Dickdarmaktivität durch Ballaststoffe) und den primär therapeutischen Wirkungen (z. B. durchfall-hemmende Wirkung der Möhren-Pektine) unterschieden werden. Zudem ist zwischen traditionellen, z. B. durch Erfahrungsheilkunde oder Signaturlehre vorgegebenen Wirkungen (Beispiel: Die Möhre gilt aus verständlichen Gestalt-Gründen seit alters her als Aphrodisiakum für Männer..., siehe Kasten) und wissenschaftlich belegten Effekten zu unterscheiden. Klar ist: Zubereitungen aus der Möhrenwurzel begünstigen die Sehschärfe und das Dämmerungssehen (beugen Nachtblindheit vor), wirken vorteilhaft bei bestimmten Augenkrankheiten (Retinitis pigmentosa) und beeinflussen die Harnausscheidung positiv (wirken diuretisch, u. a. wegen des hohen Kaliumgehaltes). Weitere belegte Effekte: Möhrenzubereitungen wirken als Wurmmittel (Anthelmintika) und haben antimikrobielle Effekte. Die wurmtreibende (vermifuge) Wirkung ist vermutlich primär durch den Gehalt an ätherischen Ölen bedingt: Diese wirken auf die unerwünschten Darmbewohner zunächst leicht erregend und dann lähmend. Auch die bakterizide Wirkung, besonders auf grampositive Bakterien (z. B. die Erreger der Lungenentzündung - Pneumokokken), entsteht durch die ätherischen Öle der Möhre. In zahlreichen Untersuchungen der letzten Jahre sind eine Reihe weiterer potentiell therapeutischer Wirkungen bekannt geworden:

  • Möhrensamenöl beseitigt im Tierversuch bis zu 30% aller Helicobacter pylori-Infektionen des Magens (Ursache für Magengeschwüre, Sodbrennen etc.)
  • Schmerz- und entzündungshemmende Wirkstoffe der Samen wirken fast ebenso stark wie typische Schmerz- und Rheumamittel (Aspirin, Ibuprofen, Naproxen).
  • Möhren sind das drittwichtigste Lebensmittel mit krebspräventiver Wirkung (nach Paprika und Brokkoli), untersuchte Krebsarten u. a. Prostata-, Leberzell- oder Lungenkrebs.
  • Die Carotine aus frischen Möhren schützen vor hohen Blutzucker-Werten (Diabetes mellitus). Der Verzehr von Möhren führt nach dem Essen zu einer besseren „metabolischen Antwort“, d. h. verringert den Anstieg von Blutzucker und Insulinausschüttung, führt zu rascherem Sättigungsgefühl.
  • Saure Oligosaccharide in normaler Möhrensuppe machen es krankmachenden Bakterien unmöglich, sich an die Darmwand anzuheften und so eine Infektionskrankheit auszulösen (siehe Kasten Moro'sche Karottensuppe).
  • Möhrensaft hat membranprotektive und antioxidative Effekte, wirkt deshalb leberschützend und hat unterstützende Heilwirkungen bei akuter Leberentzündung.
  • Frisch geriebene Karotten verbessern die Vitamin A- und Eisen-Werte im Blut stillender Mütter mindestens ebenso gut wie entsprechende Betacarotin-Präparate.
  • Möhren enthalten blutdrucksenkende Wirkstoffe ähnlich den oft eingesetzten Kalzium-Kanalblockern (führen zu Gefäßerweiterung).
  • Möhrensaft beeinflusst das Immunsystem, kann übermäßige allergische Reaktionen und anaphylaktischen Schock unterdrücken (Tierversuch).
  • Möhrenkonsum mehr als 2x die Woche ist mit verringertem Brustkrebs-Risiko assoziiert. Unklar ist, ob dies kausal zusammenhängt, oder beides eher auf eine gesündere und damit schützende Lebensweise hindeutet.
  • Möhrensaft schützt die Magenschleimhaut vor alkoholbedingten Schäden (z. B. als Ursache von Magengeschwüren bei Alkohlkranken).
  • Die Heilnahrung aus Reis und Möhren nach Bessau ist bei massiven, akuten Durchfallerkrankungen von Säuglingen und Kindern wirksamer als herkömmliche Glukose-Elektrolyt-Lösungen gegen Dehydratation.

Daucus carota als Aphrodisiakum
Die gelbe Rübe, gemeinhin Mohrrübe, Karotte wurde von den Griechen geradezu „philtron“ (Liebesmittel) genannt. Ihr Genuss sollte den Geschlechtstrieb auffällig steigern. Dioscurides: „Der Same getrunken oder in Zäpfchen eingelegt befördert die Menstruation, ferner befördert er die Empfängnis. Die Wurzel aber reizt zum Beischlaf, im Zäpfchen eingelegt wirft sie den Embryo hinaus." - Von den Römern übernahmen die Deutschen frühzeitig den Anbau der gelben Rübe (schon im Capitulare erwähnt). Auch bei uns galt sie sehr frühe als beliebtes Aphrodisiacum. So heißt es später bei Mattioli: „die gelben Rüben bringen die Lust zu ehelichen Werken. - Auch die andern Arten der Rüben (Kohlrüben, rote Rüben) füllen, blähen den Bauch und machen Begier zur Unkeuschheit“, und „Der Rübensamen mit Theriack genommen, bewegt die unkeuschen Gelüste. Die Steckrüben (Kohlrüben), mit langem Pfeffer bestreut, erregen dasselbe“. Heutzutage wird auch noch in Oberägypten Karottensamen mit Honig gekocht als Stimulationsmittel gegessen. - Auch in Japan gelten die Rüben als hervorragendes Aphrodisiacum.
aus: Hirschfeld M, Linsert, R: Liebesmittel - Eine Darstellung der geschlechtlichen Reizmittel (Aphrodisiaca). MAN Verlag, Berlin, 1930.

Daucus carota in der Literatur
Auszug: E.T.A. Hoffmann: Die Serapionsbrüder. Die Königsbraut
„Es ist der Gemüsekönig Daucus Carota der Erste, der Ihnen, - o süßeste Anna, seine Hand und seine Krone darreicht. Alle Gemüsefürsten sind meine Vasallen, und nur einen einzigen Tag im Jahre regiert, nach einem uralten Herkommen, der Bohnenkönig. “ „Also, “ rief Fräulein Ännchen freudig, „also eine Königin soll ich werden und diesen herrlichen prächtigen Gemüsegarten besitzen?“ König Daucus Carota versicherte nochmals, dass dies allerdings der Fall sei, und fügte hinzu, dass seiner und ihrer Herrschaft alles Gemüse unterworfen sein werde, das nur emporkeime aus der Erde. So was hatte nun Fräulein Ännchen wohl gar nicht erwartet, und sie fand, dass der kleine Corduranspitz seit dem Augenblick, als er sich in den König Daucus Carota den Ersten umgesetzt, gar nicht mehr so hässlich war als vorher, und dass ihm Krone und Zepter sowie der Königsmantel ganz ungemein artig standen..

Gut zum Darm und zur Haut

Die traditionell berichteten Heilwirkungen oder die experimentellen Hinweise auf therapeutische Effekte werden heute in einigen bewährten Gesundheitsstörungen oder Erkrankung umgesetzt. In der Kinderheilkunde ist die Möhre ein bewährtes Mittel bei Mandelentzündungen, bei Ernährungsstörungen und als Diätetikum zur Heilung von Verdauungsstörungen. Beispiel: Der Pektingehalt (=eine langkettige Zuckerverbindung) ist vermutlich verantwortlich für die stopfende Antidurchfall-Wirkung der Möhre. Für dermatologische Indikationen wie polymorphe Lichtdermatosen („Sonnen-Allergie“) und Pigmentanomalien (Über- oder Unterpigmentierung, auch fleckförmig) sind Fertigarzneimittel in der Anwendung. Zum Austreiben von Darmparasiten ist sie auch in Teemischungen enthalten (u. a. als Samen - Heshi - in der chinesischen Medizin). Gerade bei Oxyuren, Darmwürmern („Madenwürmer“), die bei Kindern besonders häufig sind -, ist die Möhre als therapeutisches Hilfsmittel jedoch nicht sehr zuverlässig (Anwendung bei Würmern: Morgens 1 Glas Saft oder 1-2 große Möhren, bei Spulwürmern: frische, geschabte Möhren über mehrere Tage). Die leicht wassertreibende (diuretische) Wirkung wird therapeutisch zwar nur selten genutzt. Reinigungs- und Entschlackungskuren (z. B. im Vorwege einer medizinischen Fastenkur) können Möhren mit ihrer leberunterstützenden und diuretischen Wirkung jedoch gut unterstützen („Entgiftung“). Weitere Wirkungen: Entblähung, milchtreibend oder im Rahmen von Nierenerkrankungen harntreibend (wichtig z. B. bei Blasenentzündung), steintreibend (Nieren, Blasen, z. B. Nierengriess) und ödemausschwemmend (z. B. bei „dicken Füßen“). Traditionell empfohlen (aber kaum belegt) wird die Möhrenanwendung bei Störungen wie alkoholbedingtem Kater, Höhenkrankheit, Faltenbildungen oder verlängertem Menstruationszyklus. Für Naturheilkundler interessant: Die phythotherapeutisch so vielgestaltig wirkende Pflanze führt als Daucus carota in der Homöopathie ein Schattendasein, wird in den meisten Arzneimittellehren nicht einmal erwähnt.

Gegen Krebs

Wesentlich als Erklärung der klinischen Wirkungen der Möhre ist ihr Gehalt an Betacarotin und ähnlicher Verbindungen (Lycopin, Lutein u. a.): Deren stark antioxidative Wirkungen reduzieren durch Entschärfung bestimmter Zellgifte (z. B. Sauerstoffradikale) die Gefahr von Herzinfarkten und Schlaganfällen. Zudem verbessern hohe Betacarotin-Werte im Blut die Rekonvaleszenz und erhöhen die Überlebensdauer bei diesen oft lebensbedrohlichen Komplikationen einer, oft mit Bluthochdruck kombinierten Arterienverkalkung. Soweit erforscht, könnten die antioxidativen Effekte durch eine Senkung schädlicher Blutfette in Kombination mit einer Erhöhung der Vitamin E-Spiegel im Blut (ebenfalls ein wichtiges Antioxidans) durch Karottenzubereitungen noch verstärkt werden. Ebenfalls von der antioxidativen Potenz von Betacarotin und anderen Carotinoiden sind die onkologischen Karotteneffekte abgeleitet: So senkt regelmäßiger Möhrenkonsum die Gefahr von Lungen- und Kehlkopfkrebs deutlich, auch bei ehemaligen Rauchern (bislang nur bei Frauen untersucht). Auch Krebserkrankungen der Vorsteherdrüse (Prostatakarzinom) soll Betacarotin vorbeugen. Hinzu kommen die bereits erwähnten, kanzerogenese-hemmenden Polyine.

Natürlich natürlich!

Hersteller von isoliertem Betacarotin, Lutein und anderen entsprechenden antioxidativen Präparaten in Tablettenform versuchen seit Jahren die natürlichen Quellen dieser Wirkstoffe und deren Alltagskonsum als unliebsame Konkurrenz auszuschalten. Hauptargument: Die Carotinoide in Möhren oder anderem Gemüse würden nicht aufgenommen, würden durch Zubereitung oder im Magen-Darmtrakt zerstört, seien also nicht bioverfügbar. Zahlreiche Studien der letzten Jahre haben diesen Marketing-Einwand mittlerweile vollständig entkräftet. Der Verzehr von qualitativ hochwertigen Möhren als Gemüse, Salat oder Saft bekommt also auch weiterhin das Prädikat „besonders wertvoll für die Gesundheit“.

Bioaktive Substanzen in Möhren und anderen Pflanzen

Die alte Frage, warum bestimmte Heilpflanzen der Gesundheit des Menschens so gut tun, findet heute eine recht martialische, neo-darwinistisch geprägte Antwort: Viele Substanzen sind über Jahrmillionen durch Mutation und Selektion herausgebildete chemische Kampfstoffe der Pflanzen, mit denen sie sich gegen Fress- und andere Feinde zu behaupten versuchen. Viele dieser Feinde wiederum sehen auch uns Menschen nur als leckere Speise oder interessanten Brutplatz für ihre Nachkommenschaft. Das bekannteste Beispiel sind die aus Schimmelpilzen hergestellten Antibiotika - Ausdruck eines in diesem Fall Milliarden dauernden Kampfes zwischen Schimmelpilzen und Bakterien. Vergleichbares gilt auch für die vermifuge Potenz von Karotten - während sie die Pflanze vor Würmern schützt, vertreibt sie im Bedarfsfall auch unangenehme Schmarotzer aus unserem Darm.

Hausrezept Moro'sche Karottensuppe

Anhaltender Durchfall ist vor allem bei Kindern gefährlich. Aufgrund des hohen Wasser- und Mineralstoffverlustes kann es schnell zu lebensbedrohlichen Situationen kommen. Ein wichtiges Hausmittel: Die Moro'sche Karottensuppe. Diese Suppe wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von dem Münchner Kinderarzt Ernst Moro entwickelt und mit großem Erfolg gegen die hohe Kindersterblichkeit infolge Durchfallerkrankungen eingesetzt. Hierzu 500g geschälte Karotten in 1 l Wasser ca. eine Stunde kochen. Anschließend durch ein Sieb streichen oder pürieren. Mit Wasser (oder auch Fleischbrühe) wieder auf die Menge von 1l auffüllen. Zum Schluss einen gestrichenen Teelöffel Salz hinzufügen (3g). So wirkt es: Spezielle Kohlenhydrate, Oligogalacturonsäuren, die in Karotten (aber auch Äpfeln, Preiselbeeren oder Heidelbeeren) vorkommen, entstehen erst beim Kochen oder Reiben dieser Lebensmittel. Diese können sich anstelle der Bakterien an Rezeptoren der Darmwand anheften, an die normalerweise Krankheitserreger andocken. Können die Bakterien sich nicht an die Darmschleimhaut anheften, bilden sie keine Giftstoffe, werden ausgeschieden und der Durchfall wird besser.

Möhren - „functional food per se“

Karotten sind eine der populärsten Gemüsesorten überhaupt und functional food per se. Abhängig von der Art der Zubereitung (roh/gerieben, gekocht, gepresst) wirkt die Pflanze entweder abführend oder stopfend und ist ein ideales Diätetikum bei Verdauungsstörungen aller Art. Auch bei dyspeptischen Magenbeschwerden („Reizmagen“) mit Völlegefühl, Appetitlosigkeit oder Sodbrennen, bewähren sich Möhren als adjuvantes Nahrungsmittel immer wieder. Und - bereits erwähnt: Auch als ständiger Bestandteil der Ernährung können Möhren die Sehkraft oder die Hautgesundheit verbessern.

Risiken und Nebenwirkungen

Durch die Anwendung der Möhre als Lebensmittel auch schon bei Säuglingen ist hinlänglich belegt, dass sie praktisch nebenwirkungsfrei ist. In sehr seltenen Fällen können hochdosierte Präparate zu allergischen Reaktionen, Lichtempfindlichkeit oder Hautentzündungen führen. Entsprechende Präparate sollten wegen ihrer potentiell anregenden Wirkung auf die Gebärmuttermuskulatur nicht von Schwangeren eingenommen werden. Gegen den Verzehr der Möhre als Lebensmittel durch Schwangere ist hingegen nichts einzuwenden.

Typische Zubereitungen

  • industriell hergestellter Möhrensaft (Lebensmittelshandel) - geeignet als gelegentlicher (Pro-)Vitamin- oder Mineralstoffspender für Kinder und Erwachsener. Wegen der Vitamin-Degradation bei der normalen Saftherstellung ist der Saft kein Ersatz für selbst hergestellten, frischen Saft.
  • frischer Möhrensaft, gepresst am besten aus ökologisch hergestellten Karotten. Geeignet für die Behandlung z. B. von Vitaminmangelzuständen (Alkoholiker), Rekonvaleszenz nach schweren Erkrankungen (z. B. nach einer Krebs-OP), Kinder-Ernährung, leichter, nicht-infektiöser Durchfall, Verstopfung (Reizdarm). Anwendung in jedem Fall kurmässig, d. h. 3-5 Wochen lang, 2-3 Gläser frischer Saft täglich.
  • Frischpflanzen-Presssaft aus Mohrrüben, industriell hergestellt. Diese traditionellen Heilmittel aus qualitativ höchstwertiger Produktion sind besonders für medizinische Kuren geeignet. Sei es eine Entschlackungskur im Frühling, sei es, um nach schweren Belastungen besser wieder auf die Beine zu kommen.
  • Kapseln (innere Anwendung) zum Hautschutz, zumeist mit dem Hauptwirkstoff Betacarotin.
  • Cremes oder Hautöle aus Karotten(-samen) (kaltgepresst!) wirken einerseits direkt tönend und lichtschützend, andererseits dringen ihre Wirkstoffe in die Haut ein. Achtung: Reines ätherisches Karottensamenöl nicht direkt auf die Haut auftragen, sondern nur nach Mischung mit z. B. Avocado-Öl.
  • weitere Zubereitungen im Text.

Autor/In: Marion Kaden,

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