Wildaurin

Hahnemanns Apothekerlexikon
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Wildau­rin, Gra­tio­la offi­ci­na­lis, L. [Zorn, pl. med. tab. 449] mit lan­zet­för­mi­gen, säge­ar­tig gezahn­ten Blät­tern und gestiel­ten Blu­men; ein etwa fuß­ho­hes Kraut mit mehr­jäh­ri­ger Wur­zel auf feuch­ten Wie­sen und an Bächen, ver­muth­lich beson­ders da, wo der Boden etwas Küchen­salz ent­hält, wel­ches im August blaß­gel­be oder wei­ße Blu­men mit blaß­pur­pur­farb­nen Lip­pen trägt.

Das Kraut mit sei­nen ein­an­der gegen­über ste­hen­den Blät­tern und Zwei­gen und die zylin­dri­sche, stroh­halm­di­cke, schief­krie­chen­de, geglie­der­te, unten­her mit vie­len Fasern besetz­te, wei­ße Wur­zel (Hb. Rad. Gra­tio­lae) besit­zen bei­de zwar kei­nen Geruch, aber einen ekel­haft und hef­tig bit­tern, lang anhal­ten­den Geschmack, der bei lez­te­rer nicht nur bit­te­rer, son­dern auch adstrin­gi­rend ist. Das frisch getrock­ne­te Kraut kömmt dem fri­schen an Kräf­ten und sinn­li­chen Eigen­schaf­ten ziem­lich bei; das lang auf­be­wahr­te ist aber dage­gen um des­to unkräf­ti­ger. Der frisch aus­ge­preß­te Saft ist weni­ger bit­ter und mil­der an Wir­kung als der vom Aus­pres­sen übri­ge Rest. Die so häu­fig von die­sem Krau­te beob­ach­te­ten, Erbre­chen und Pur-giren, oft mehr­tä­gi­ges, dras­ti­sches, tor­mi­nö­ses Pur­gi­ren erre­gen­de Kraft scheint gar kei­ne die­sem Krau­te beson­ders eigent­hüm­li­che, son­dern blos durch Mis­brauch und über­mä­ßi­ge Gabe erzwun­ge­ne Wir­kung zu seyn, die in hoher gefähr­li­cher Gabe von jeder heroi­schen Arz­nei erfolgt; man gab das Pul­ver zu die­ser Absicht in ältern Zei­ten bis zu einem Quent­chen, in neu­ern bis zu einem Skru­pel, und Mut­ter­blut­flüs­se, Fehl­ge­bur­ten und and­re hef­ti­ge Zufäl­le waren oft die Fol­ge. Daß die­se Wir­kung nur mis­bräuch­lich erzwun­gen sei, sie­het man an den übri­gen mit einem blos abfüh­ren­den Mit­tel kon­trasti­ren­den Kräf­ten des Wildauri­ns, sei­ner Tugend in Wech­sel­fie­bern, selbst Quart­an­fie­bern, in Rheu­ma­tis­men, Fuß­ge­schwü­ren, Kno­chen­ge­schwü­ren und allen Nach­we­hen vom Queck­sil­ber­mis­brau­che, in der Fall­sucht und selbst in der Was­ser­sucht, wo die­ses Kraut nicht so hülf­reich seyn wür­de, wenn, wie die Erfah­rung lehrt, sei­ne Harn trei­ben­de Kraft nicht über­wie­gen­der, als sei­ne pur­gi­ren­de wäre. Auch sei­ne nicht gerin­ge ant­hel­m­in­thi­sche Tugend scheint unab­hän­gig von der pur­gi­ren­den zu seyn. Man wür­de weit heil­sa­me­re und aus­ge­brei­te­te­re Wir­kun­gen von ihm gese­hen haben, wenn man die Gaben nicht bis zur Erre­gung des Darm­ka­nals getrie­ben hät­te. Dieß scheint man in neu­ern Zei­ten geah­net zu haben, wo man in den gedach­ten Uebeln klei­ne­re Gaben des Pul­vers und den in mäsi­ger Gabe wenig oder gar nicht pur­gi­ren­den Dick­saft in eini­gen Manien in alten Fuß­ge­schwü­ren, u.s.w. mit gro­ßem Erfol­ge brau­chen ließ. Das durch Kochen aus­ge­zo­ge­ne und ein­ge­dick­te Extrakt wirkt heftiger.

Auch Spei­chel­fluß und Schweiß pflegt der Wald­au­rin zu erregen.

Man hat äus­ser­lich die frisch zer­quetsch­ten Blät­ter mit Erfolg auf alte Geschwü­re, auf gich­t­i­sche und rheu­ma­ti­sche Stel­len, auf Milch­kno­ten in den Brüs­ten und auf Blut­un­ter­lau­fun­gen gelegt, und durch die­ses äus­se­re Mit­tel selbst Was­ser­köp­fe, wie man ver­si­chert, geheilt.

Die Wur­zel hat man in allen die­sen Fäl­len fast noch wirk­sa­mer befun­den, und sie sogar in der Ruhr für spe­zi­fisch gehal­ten; das Pul­ver erregt in mehr als mit­tel­mä­si­gen Gaben vor­züg­lich Erbre­chen. Die geis­ti­ge Tink­tur scheint ein vor­züg­li­ches Prä­pa­rat zu seyn. Das Dekokt in Milch hat man als Klystir gegen die Spring­wür­mer des Afters gebraucht.