Otto Reutter: Das Hirschfeldlied (1908)

ZurückInfosWeiter

Quel­le: Magnus Hirsch­feld & Richard Lin­sert: Lie­bes­mit­tel — Eine Dar­stel­lung der geschlecht­li­chen Reiz­mit­tel /​​ Aphro­di­sia­ca (MAN Ver­lag, Ber­lin, 1930)

Liebesmittel

Das Hirschfeldlied

Otto Reut­ter (1908)

Herr Dr. Magnus Hirsch­feld ist ein Sachverständiger,
ja die­ser Herr ist in Ber­lin jetzt rie­sig populär.
Der Hirsch­feld hat, das geb ich zu, in man­chen Punk­ten recht,
jedoch mir scheint bei­nah, er glaubt, die gan­ze Welt sei schlecht.
Er wit­tert über­all Skandal.
Er hält fast kei­nen für normal.
Drum sieht man täg­lich in Berlin
Herrn Hirsch­feld durch die Stra­ßen ziehn.

Und jeder kriegt ’nen Schreck,
kommt Hirsch­feld um die Eck!

Der Hirsch­feld kommt!
Der Hirsch­feld kommt!

Dann rücken alle aus.
Er holt aus allen Din­gen sich noch was Ver­deck­tes raus.
Der Hirsch­feld sagt, selbst die Natur bla­miert sich kolossal,
denkt an den letz­ten Som­mer nur:
Auch der war nicht normal!
Zur Köchin geht der Grenadier
mit trau­ri­gem Gesicht.
Sie sagt zu ihm: Was ist mit dir?
Du isst ja heu­te nicht!
Er sagt: Es schimp­fen man­che jetzt
auf unser deut­sches Heer.
So schlimm stehts doch noch lan­ge nicht
mit unserm Militär.
Das stimmt, sagt sie da inniglich,
für dich da garan­tie­re ich!
Sei wie­der froh, gib mir ’nen Kuß!
Heut nicht, sagt er da voll Verdruß.
In dem Moment, oh Schreck,
kommt Hirsch­feld um die Eck.

Der Hirsch­feld kommt!
Der Hirsch­feld kommt!

Nun schwin­det sein Verdruß.
Er geht auf sei­ne Köchin los
und gibt ihr einen Kuß.
Zum Hirsch­feld sagt er ich bewies:
Ich bin noch ganz normal!
Und Sie sagt Fritz, er zwei­felt noch,
beweis es schnell noch mal.
Wer heut nicht jedes Mäd­chen küsst,
der kommt gleich in Verdacht,
bleibt heut ’ne Ehe kinderlos,
dann wird er ausgelacht,
wer einen Buckel heutzutag,
wer etwas lang und schmal
oder wer so dick ist als wie ich,
der ist schon nicht normal.
Mei­nen klei­nen Nef­fen Friederich,
den traf ich heut, dem schenk­te ich,
’ne Zucker­tü­te, wel­che Pracht.
Doch grad, als er sie aufgemacht,
in dem Moment, oh Schreck,
kommt Hirsch­feld um die Eck.

Der Hirsch­feld kommt!
Der Hirsch­feld kommt!

Steck schnell die Tüte ein!
Das Süße in der Tüte
könn­te sehr ver­däch­tig sein.
Friß gan­ze Zucker­tü­ten auf,
das ist dem Mann egal,
aber pust nicht in die Tüte,
sonst bis­te nicht normal.
’ne alte Jung­fer sitzt ver­gnügt auf einer Bank im Freien,
hat auf dem Schoß ihren Mops, der schaut phleg­ma­tisch drein,
er ist gesät­tigt und gepflegt,
das Asth­ma plagt ihn sehr,
was sonst ein Hun­de­herz bewegt,
das rührt ihn gar nicht mehr.
Zwei Hun­de stelln sich zu ihm ran,
doch er schaut nur die Her­rin an,
als woll­te sagen er zu ihr:
Sei unbe­sorgt, ich bleib bei dir!
In dem Moment, oh Schreck,
kommt Hirsch­feld um die Eck.

Der Hirsch­feld kommt!
Der Hirsch­feld kommt!

Nun springt der Mops vom Schoß,
jetzt läuft er wie der Dei­bel gleich
auf bei­de Hun­de los.
Den einen, den erwischt er noch,
an ’nem Laternenpfahl.
Sonst schreibt ihn Hirsch­feld auf und sagt:
Der Mops ist nicht normal.
Ich hab mal frü­her nen Freund gehabt,
jetzt sehn wir uns fast nie.
Wir haben frü­her “Du” gesagt,
jetzt sagen wir wie­der “Sie”.
Wir gin­gen als Freun­de Hand in Hand,
das tun wir jetzt nicht mehr.
Nur kürz­lich, an nem Regentag,
kam er mir in die Quer.
Er war ver­schnupft und sprach:
Ich such ver­ge­bens nach ’nem Taschentuch!
Ich sprach: Nimm meins! Du tust mir leid.
Nimms schnell, es wird die höchs­te Zeit.
In dem Moment, oh Schreck,
kommt Hirsch­feld um die Eck.

Der Hirsch­feld kommt!
Der Hirsch­feld kommt!

Das Tuch schnell wie­der her!
Denn so ein Taschen­tuch vom Freund,
das ist ver­däch­tig sehr.
Das Taschen­tuch wird nicht benutzt,
laß loo­fen, ’s ist egal,
wenn du dir jetzt die Nee­se putzt,
dann bis­te nicht normal!

Text­mit­schrift nach:
“Die schwu­le Plat­ten­kis­te – vom Hirsch­feld­lied zum Lila Lied.
Schwu­les und Les­bi­sches in his­to­ri­schen Auf­nah­men 1908 – 1933”
Edi­ti­on Ber­li­ner Musen­kin­der, Ber­lin 2001 (Bestel­lung bei Ama­zon).
dar­in Nr. 8: “Der Hirsch­feld kommt! (Das Hirschfeldlied)”
Otto Reut­ter mit Orches­ter; Diri­gent Bru­no Seidel-Winkler

Hin­weis: Nie­mand wird in irgend­ei­ner Form auf­ge­for­dert, irgend­ei­ne der hier behan­del­ten Sub­stan­zen, Potenz­mit­tel oder Rezep­tu­ren zu sich zu neh­men. Kein Hin­weis ist ein Rat­schlag für Kran­ke. Kei­ne hier dar­ge­bo­te­ne Infor­ma­ti­on soll die Selbst­me­di­ka­ti­on unter­stüt­zen. Ach­tung – das Leben birgt Risi­ken und Gefah­ren und endet immer töd­lich! Bis dahin kann es jedoch ver­süßt werden.