IX. Reisen.

ZurückInfosWeiter

Quel­le: Chris­toph Wil­helm Hufe­land — Makro­bio­tik oder die Kunst, das mensch­li­che Leben zu ver­län­gern (1796)












Henri de Toulouse-Lautrec, Die Reisende, 1896.

IX. Reisen.

Abbil­dung: Hen­ri de Tou­lou­se-Lautrec,
Die Rei­sen­de, 1896.

Ich kann unmög­lich unter­las­sen, die­sem herr­li­chen Genuß des Lebens eine eige­ne Stel­le zu wid­men, und ihn auch zur Ver­län­ge­rung des­sel­ben zu emp­feh­len. Die fort­ge­setz­te Bewe­gung, die Ver­än­de­rung der Gegen­stän­de, die damit ver­bun­de­ne Auf­hei­te­rung des Gemüts, der Genuß einer frei­en, immer ver­än­der­ten Luft wir­ken zau­be­risch auf den Men­schen, und ver­mö­gen unglaub­lich viel zur Erneue­rung und Ver­jün­gung des Lebens. Es ist wahr, die Lebens­kon­sum­ti­on kann dabei etwas ver­mehrt wer­den, aber dies wird reich­lich durch die ver­mehr­te Restau­ra­ti­on ersetzt, die teils in Absicht des Kör­per­li­chen durch die ermun­ter­te und gestärk­te Ver­dau­ung, teils geis­tig durch den Wech­sel ange­neh­mer Ein­drü­cke und die Ver­ges­sen­heit sei­ner selbst bewirkt wird. Denen vor­züg­lich, wel­che ihr Beruf zum Sit­zen nötigt, die anhal­tend mit abs­trak­ten Gegen­stän­den oder drü­cken­den Berufs­ar­bei­ten beschäf­tigt sind, deren Gemüt in Gefühl­lo­sig­keit, Trüb­sinn oder hypo­chon­dri­sche Ver­stim­mung ver­sun­ken ist, oder denen, was wohl das Schlimms­te von allen ist, kei­ne häus­li­che Glück­se­lig­keit zuteil wur­de — die­sen emp­feh­le ich die­ses gro­ße Hilfsmittel.

Aber gar vie­le benut­zen es nicht so, daß es die­se heil­sa­men Wir­kun­gen hat, und es wird hier nicht undien­lich sein, eini­ge der wich­tigs­ten Regeln mit­zu­tei­len, wie man rei­sen muß, um es für Gesund­heit und Leben heil­sam zu machen.

1. Am gesun­des­ten und zweck­mä­ßigs­ten sind die Rei­sen zu Fuß, und noch bes­ser zu Pfer­de. Nur wenn man schwäch­lich ist oder zu star­ke Tou­ren macht, ist das Fah­ren ratsam.

2. Beim Fah­ren ist es sehr heil­sam, im Wagen immer die Lage zu ver­än­dern, bald zu sit­zen, bald zu lie­gen usf. Dadurch ver­hü­tet man am bes­ten die Nach­tei­le des anhal­ten­den Fah­rens, die am meis­ten daher ent­ste­hen, wenn die Erschüt­te­rung immer einer­lei Rich­tung nimmt. Bei lan­gem, anhal­ten­dem Fah­ren ist die lie­gen­de Stel­lung die zuträglichste.

3. Die Natur ver­trägt kei­ne schnel­len Sprün­ge. Es ist des­halb nie­mand, der anhal­ten­des, sit­zen­des Leben gewohnt war, anzu­ra­ten, sich davon schnell auf eine rasche, stark erschüt­tern­de Rei­se zu bege­ben. Es wür­de unge­fähr das­sel­be sein, als wenn jemand, der Was­ser zu trin­ken gewohnt ist, plötz­lich anfan­gen woll­te, Wein zu trin­ken. — Man mache daher den Über­gang lang­sam, und fan­ge mit mäßi­gen Bewe­gun­gen an.

4. Über­haupt dür­fen Rei­sen, die Ver­län­ge­rung des Lebens und der Gesund­heit zum Zweck haben, nie Stra­pa­ze wer­den, wel­ches aber nur nach der Ver­schie­den­heit der Natu­ren und Kon­sti­tu­tio­nen bestimmt wer­den kann. Drei bis vier Mei­len des Tages, und alle drei bis vier Tage einen oder eini­ge Rast­ta­ge, möch­ten etwa der all­ge­meins­te Maß­stab sein. Vor­züg­lich ver­mei­de man das Rei­sen bei Nacht, das durch Stö­rung der nöti­gen Erho­lung, durch Unter­drü­ckung der Aus­düns­tung und durch unge­sun­de Luft immer sehr nach­tei­lig ist. Man kann sich am Tage dop­pelt so viel zumu­ten, wenn man nur die Nacht­ru­he respektiert.

5. Man glau­be ja nicht, daß man auf Rei­sen des­to unmä­ßi­ger sein kön­ne. Zwar in der Wahl der Spei­sen und Geträn­ke braucht man nicht ängst­lich zu sein, und es ist am bes­ten, in jedem Lan­de die da gewöhn­li­che Diät zu füh­ren. Aber nie über­la­de man sich. Denn wäh­rend der Bewe­gung ist die Kraft des Kör­pers zu sehr geteilt, als daß man dem Magen zu viel bie­ten dürf­te, und die Bewe­gung selbst wird dadurch müh­sa­mer. Ins­be­son­de­re darf man in hit­zi­gen Spei­sen und Geträn­ken (was doch auf Rei­sen so gewöhn­lich ist) nicht zu viel tun. Denn das Rei­sen an sich wirkt schon als Reiz, und wir brau­chen daher eigent­lich weni­ger rei­zen­de Spei­sen und Geträn­ke, als im ruhi­gen Zustan­de. Sonst ent­ste­hen gar leicht Über­rei­zun­gen, Erhit­zun­gen, Blut­kon­ges­tio­nen u. dgl. Am bes­ten ist es, auf Rei­sen lie­ber oft aber wenig auf ein­mal zu genie­ßen, mehr zu trin­ken, als zu essen, und Nah­rungs­mit­tel zu wäh­len, die leicht ver­dau­lich und den­noch stark näh­rend, nicht erhit­zend und nicht leicht zu ver­fäl­schen sind. Daher es auf dem Lan­de und in schlech­ten Wirts­häu­sern am sichers­ten ist, Milch, Eier, gut aus­ge­ba­cke­nes Brot, frisch gekoch­tes oder gebra­te­nes Fleisch und Obst zu genießen.

6. Man ver­mei­de die über­mä­ßi­ge Anstren­gung und Ver­schwen­dung der Kräf­te. Es ist zwar im all­ge­mei­nen eben­so schwer, das rech­te Maß der Bewe­gung anzu­ge­ben, als das rech­te Maß im Essen und Trin­ken. Aber die Natur hat uns da einen sehr guten Weg­wei­ser gege­ben, das Gefühl der Ermü­dung, wel­ches hier eben­so bedeu­tend ist, als das Gefühl der Sät­ti­gung beim Essen und Trin­ken. Müdig­keit ist nichts and­res, als der Zuruf der Natur, daß unser Vor­rat von Kräf­ten erschöpft ist, und wer müde ist, der soll ruhen. Aber frei­lich kann auch hier die Natur ver­wöhnt wer­den, und wir füh­len end­lich eben­so­we­nig das Müde­s­ein, als der bestän­di­ge Schlem­mer das Satt­sein, beson­ders wenn man durch rei­zen­de und erhit­zen­de Spei­sen und Geträn­ke die Ner­ven spannt. Doch gibt es dann and­re Anzei­chen, die uns sagen, daß wir das Maß über­schrit­ten haben, und auf die­se bit­te ich genau zu mer­ken. Wenn man anfängt miß­mu­tig und ver­dros­sen zu wer­den, wenn man schläf­rig ist und oft gähnt, und den­noch der Schlaf auch bei eini­ger Ruhe nicht kom­men will, wenn der Appe­tit sich ver­liert, wenn bei der gerings­ten Bewe­gung ein Klop­fen der Adern, Erhit­zung, auch wohl Zit­tern ent­steht, wenn der Mund tro­cken oder gar bit­ter wird, dann ist es hohe Zeit, Ruhe und Erho­lung zu suchen, wenn man eine Krank­heit ver­mei­den will, die denn schon im Ent­ste­hen ist.

7. Auf Rei­sen kann die unmerk­li­che Aus­düns­tung leicht gestört wer­den, und Erkäl­tung ist eine Haupt­quel­le der Krank­hei­ten, die da vor­kom­men. Es ist daher rat­sam, allen schnel­len Über­gang aus Hit­ze in Käl­te, und umge­kehrt, zu mei­den, und wer eine sol­che emp­find­li­che Haut hat, tut am bes­ten, auf Rei­sen ein Hem­de von dün­nem Fla­nell zu tragen.

8. Rein­lich­keit ist auf Rei­sen dop­pelt nötig, und daher das öfte­re Waschen des gan­zen Kör­pers mit fri­schem Was­ser sehr zu emp­feh­len, wel­ches auch zur Ver­min­de­rung der Müdig­keit viel beiträgt.

9. Im Win­ter oder im feuch­ten kal­ten Kli­ma wird man sich immer eher star­ke Bewe­gung zumu­ten kön­nen, als im Som­mer oder in hei­ßen Län­dern, wo uns schon der Schweiß die Hälf­te der Kraft ent­zieht. So auch früh­mor­gens mehr als des Nachmittags.