Quelle: Christoph Wilhelm Hufeland — Makrobiotik oder die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern (1796)







IV. Glücklicher Ehestand.
Der Ehestand ist das einzige Mittel, um dem Geschlechtstrieb Ordnung und Bestimmung zu geben. Er schützt ebenso sehr vor schwächender Verschwendung, als vor unnatürlicher und kältender Zurückhaltung. So sehr ich der Enthaltsamkeit in der Jugend das Wort geredet habe und überzeugt bin, daß sie unentbehrlich zum glücklichen und langen Leben ist, so bin ich doch ebenso sehr überzeugt, daß männliche Jahre kommen, wo es ebenso nachteilig wäre, jeden natürlichen Trieb gewaltsam zu unterdrücken, als ihn da zu befriedigen, wo es noch nicht Zeit ist. — Es bleibt doch zum Teil, wenigstens in Absicht auf die gröbern Teile, eine Exkretion, und, was das Wichtigste ist, durch völlig unterlassenen Gebrauch dieser Organe veranlassen wir natürlich, daß immer weniger Generationssäfte da abgesondert und präpariert, folglich auch immer weniger ins Blut eingesaugt werden, und wir erleiden am Ende dadurch selbst einen Verlust. Und schon das allgemeine Gesetz der Harmonie erfordert es. Keine Kraft in uns darf ganz unentwickelt bleiben; jede muß angemessen geübt werden. — Coitus modicus excitat, nimius debilitat.
Er mäßigt und reguliert den Genuß. Eben das, was den Wollüstling vom Ehestand abschreckt, das Einerlei ist sehr heilsam und notwendig; denn es verhütet die durch ewige Abwechslung der Gegenstände immer erneuerte und desto schwächendere Reizung. Es verhält sich wie die einfache Nahrung zur komponierten und schwelgerischen; nur jene gibt Mäßigkeit und langes Leben.
Die Erfahrung lehrt uns: Alle, die ein ausgezeichnet hohes Alter erreichten, waren verheiratet.
Der Ehestand gewährt die reinste, gleichförmigste, am wenigsten aufreibende Freude, die häusliche. Sie ist zuverlässig diejenige, die der physischen und moralischen Gesundheit am angemessensten ist und das Gemüt am gewissesten in jenem glücklichen Mittelton erhalten kann, der zur Verlängerung des Lebens der vorteilhafteste ist. Er temperiert sowohl die überspannten und schwärmerischen Hoffnungen und Pläne, als die ebenso übertriebenen Besorgnisse. Alles wird durch die Mitteilung eines zweiten Wesens, durch die innige Verbindung unsrer Existenz mit einer andern gemildert und gemäßigt. Dazu nun die zarte Wartung und Pflege, die kein andres Verhältnis in der Welt für die Dauer so versichern kann, als das eheliche Band, der Himmel auf Erden, der in dem Besitz gesunder und wohlerzogener Kinder liegt, die wirkliche Verjüngung, die ihr Umgang uns gewährt, wovon der achtzigjährige Cornaro uns ein so rührendes Bild gemacht hat, und man wird nicht mehr daran zweifeln.
Wir gehen fast durch eben die Veränderungen aus der Welt, als wir hineinkommen; die beiden Extreme des Lebens berühren sich wieder. Als Kinder fangen wir an, als Kinder hören wir auf. Wir kehren zuletzt in den nämlichen schwachen und hilflosen Zustand zurück, wie im Anfange. Man muß uns heben, tragen, Nahrung verschaffen und reichen. Wir bedürfen nun selbst wieder Eltern, und — welche weise Einrichtung! — wir finden sie wieder in unsern Kindern, die sich nun freuen, einen Teil der Wohltaten erwidern zu können, die wir ihnen erzeigten. — Die Kinder treten nun gleichsam in die Stelle der Eltern, sowie unsre Schwäche uns in den Stand der Kinder versetzt. — Der Hagestolz hingegen macht sich dieser weisen Einrichtung selbst verlustig. Wie ein ausgestorbener Stamm steht er einsam und verlassen da, und sucht vergebens durch gedungene Hilfe sich die Stütze und Sorgfalt zu verschaffen, die nur das Werk des Naturtriebs und Naturbands sein kann.
Wirke so viel du willst, du wirst doch ewig allein stehen,
Bis an das All die Natur dich, die gewaltige, knüpft.
Schiller.