Quelle: Bernhard Kronenberger — Die neue Diagnostik Lingualis (Zungendiagnose) (1949, Kahl a. Main)
Einleitung.
Die Entdeckung der neuen Zungendiagnostik und ihre Grundsätze.
Wohl die meisten Entdeckungen, ganz gleich auf welchen Gebieten, dürften nicht dem reinen Zufall zuzuschreiben sein, sondern der aufopfernden Beschäftigung mit dem fraglichen Gegenstand oder einem Problem und so nebenher, vielfach unerwartet, ja fast zufällig, bringt eine Einwirkung die Lösung der Aufgabe, oder eine ganz andere als die beabsichtigte, gewollte. Der Vorgang ist dann in vielen Fällen so, daß die verstandesmäßig geleiteten Arbeiten plötzlich von unserem Unterbewußtsein, unserem eigentlichen Ich, dem kleinen Anteilfünkchen der göttlichen Allwissenheit, den einzig richtigen Weg zur Klärung des bisher Unbekannten in vollem Umfange aufgezeichnet bekommen.
Jeder erfolgbegnadete Erfinder und Forscher weiß, daß die schöpferische Kraft, nachdem sie einmal die Schwelle des Unterbewußtseins überschritten hat, die zur Gestaltung drängende Formgebung mit genauer Präzision weiter vollzieht. Ja, sie wacht gleichsam mit Argusaugen darüber, bis zur endgültigen, selbstverständlich immer im Bereiche des Möglichen liegenden Vollendung, wie sie auch alle ihr widerstrebenden Einflüsse, ihrem organischen Aufbau entsprechend überwindet.
Diesen Weg mußte auch die Entdeckung der neuen Zungen-Diagnose gehen. Lange Jahre schon beschäftigte ich mich mit den kausalen Zusammenhängen der verschiedensten Zungen-Symptome wie solche als Belag etc. in den vielseitigsten Verfärbungen auftreten, ziemlich eingehend, was teilweise aus dem ausführlichen Material über Zungen-Symptome in meinem 1931 herausgekommenen Werk “Codex interner Homöo-Therapie” zu resultieren ist. Von den mannigfachsten Gesichtspunkten aus suchte ich der Klärung dieser vorgelegten Fragen näher zu kommen, so auch nach dem “Simile-Gesetz”, das mir zu manchem guten Fingerzeig in der Weiterverfolgung dieser Aufgabe diente. Wie wir erkennen müssen, herrscht in unserem Organismus kein Wirrwarr und Durcheinander, sondern ein rein gesetzmäßiges Walten. Dementsprechend muß auch die gesamte Semiotik in allen ihren Arten und Formen eben in dieser Gesetzmäßigkeit fest begründet sein.
Bei jeder Konsultation innerer Leiden, besonders aber bei allen Erkrankungen der Verdauungsorgane, widmete ich der Zunge immer eine eingehende Inspektion. Hierbei sammelte ich in all den Jahren sehr zahlreiche Erkenntnisse aber auch neue Rätsel tauchten vor mir auf. Über das Ähnlichkeitsgesetz der homöopathischen Heilweise ließ sich vieles klarstellen, so, warum bei dieser Erkrankung etwa ein weißer oder grauer Belag, bei jener wieder ein roter, gelber, brauner oder streifenartiger aufzutreten pflegte, aber mit den hie und da auf der Zungenoberfläche sich vorfindenden kleineren oder größeren Rillen, Rissen, Einschnitten oder Einkerbungen, Impressionen, und wallartigen rötlichen Erhebungen mußte es noch eine andere Bewandtnis haben. Wieder folgte eine lange Zeit der Beobachtungen und Feststellungen in dieser Hinsicht, bis mir eines Tages durch einen vorliegenden Fall von Ulcus pylori et duodeni die große Bedeutung der Zungen-Semiotik offenbar wurde. Ein Mann in den mittleren Jahren litt an einem Pförtner- und Zwölffingerdarmgeschwür welche bereits zweimal durch Röntgung festgestellt waren. Bei der Inspektion der Zunge fiel mir an dem vorderen rechten Zungenabschnitt ein etwas geschwungener, fast querliegender, flacher Sulcus auf, den ich in ähnlicher Form einige Tage vorher schon einmal bei einem Patienten mit einem Ulcus duodeni gesehen hatte.
Nach meinen seitherigen Ermittlungen war es mir sodann klar, daß hier ein kausaler Zusammenhang angenommen werden durfte, da nach den Gesetzen der Logik in — Ursache und Wirkungen — einwandfreie, markante Parallelen in Erscheinung traten. Von dem Tage dieser fast zufälligen Entdeckung ab, unterstellte ich dann alle diesbezüglichen Beobachtungen vorwiegend dem Gesichtspunkt meiner neu gewonnenen Erkenntnisse, und zeichnete mir jedes interessante Zungenbild genau mit allen Einzelheiten auf, neben dem Vermerk aller bisher getätigten diesbezüglichen Diagnosen, samt der bereits erfolgten Röntgen-Diagnose und später der nachgeholten Röntgung.
An Hand dieses nach und nach gesammelten Materials von vielen Hunderten von Zungenbildern, fand ich dann bei den im Vordergrund stehenden Leiden auch fast vollkommen übereinstimmende Zeichen an gleichermaßen übereinstimmenden Zungenabschnitten, selbstverständlich neben individuell zu wertenden anderen Merkmalen, welche bei gleichem Vorkommen verschiedener Personen, ebenfalls gleiche Placierung und Zeichen aufwiesen.
Auf diese Weise wurde mir die Möglichkeit gegeben, zur Aufstellung der zunächst wesentlichsten Grundlagen und Richtlinien und zwar: 1. Die Sicherung und Ordnung der bei den einzelnen Arten von Erkrankungen der Verdauungsorgane in Erscheinung tretenden Zungenzeichen. 2. Die möglichst genaue Festlegung der topographischen Lagefelder aller Verdauungsabschnitte auf der Zungenoberfläche.
Außerdem konnte ich nach wiederholten Beobachtungen eine etwa bereits eingetretene Heilungstendenz oder erfolgte Heilung, wie auch ein Konstantbleiben dieser Zeichen oder gar Verschlimmerung derselben, einwandfrei ermitteln. Ferner gelang es mir auf Grund unzähliger Konsultationen, wie man an dem Ausprägungsgrad dieser Zeichen die Prognostik auf günstig oder ungünstig zuverlässig stellen kann.
Wie bei allen semiologischen Merkmalen, welche sich parallel zu den mannigfachsten Organstörungen am menschlichen Körper ausprägen, können wir nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten bei meiner neuen Zungen-Diagnostik ein physikalische Gesetzmäßigkeit nur in den Ausmaßen, sowie im Rahmen jedes sonstigen biologischen Geschehens annehmen. Diese vollkommen neue Diagnoseart fußt auf realen Tatsachen, denn die angeführten Veränderungen lassen sich, abgesehen von wenigen, wahrscheinlich nur individuell liegenden Ausnahmen, bei den entsprechenden Erkrankungen ständig, nachweisen, weshalb dieselbe für jeden Behandler in Zukunft diagnostisch äußerst wertvoll werden dürfte, wie sie es in meiner Praxis in den letzten Jahren bereits geworden ist.
Schließlich fehlt ja bis heute noch, auch der nunmehr wissenschaftlich anerkannten Semiologie, immerhin und im Gesamten das eigentliche kausale Fundament, da ihre dennoch unschätzbare Verwendbarkeit sich ebenfalls auf keiner anderen Beweisführung als auf dem Empire aufbaut.
Alle Arten der Semiotik, ganz gleich wie sie heißen mögen, einschließlich der Iris-Diagnostik, haben logischerweise im biologischen Geschehen unseres Organismus, in allen ihren Zusammenhängen nur ein Grundgesetz, zu dem ich in meiner wissenschaftlichen Begründung im III. Teil dieses Werkes versuchen will, den einzig richtigen Weg zu zeigen.
Die vorstehenden Ausführungen betreffen in erster Linie die erworbenen Zungenzeichen. Aber auch in kongenitaler Richtung d. h. in angeborenen, bezw. vererbten Fällen, vermögen uns die Zungenzeichen sowohl bei Kindern wie bei Erwachsenen, über den Zustand der Verdauungsorgane und etwa mitgeschleppte Erbmassen-Nachteile bestens Aufschluß zu geben.
Es ist für mich klar und menschlich auch verständlich, daß ich im Lager der Wissenschaft mit der Herausgabe dieser neuen Entdeckung mehr oder weniger Staub aufwirbeln werde, was mich aber nicht davon abhalten kann, das einmal als gut und wertvoll Erkannte, zum Nutzen der Allgemeinheit auch bekannt zu geben. Da jeder Stillstand im Getriebe unserer Welt gleichzeitig einen Rückgang darstellt, so müßte ein Fortschritt auf einem Gebiete immer willkommen sein. Jeder Vernünftige und Einsichtige wird deshalb auch jede neue Orientierung und Entdeckung begrüßen, zudem, wenn sich dieselbe auf der schöpferischen, der konstruktiven Ebene bewegt und nicht auf der zerstörenden destruktiven.
Wer sich nur einige Zeit mit dieser neuen Zungen-Diagnostik beschäftigt, der wird schon nach den allerersten Überprüfungen zur vollen Überzeugung kommen, daß er mit dieser Methodik in der Lage ist, die Beschaffenheit von Normalität und Mängel im gesamten Verdauungstraktus schnell und ohne zeitraubende sonstige Diagnostik überblicken zu können. Die auf diese Weise gewonnene Gesamtübersicht ist einzigartig und überzeugend. Sofern es als erforderlich erscheint, kann bei schwerer eingreifenden Störungen die geläufige übrige Diagnostik, Röntgung etc., die endgültige Sicherung der Diagnose ergänzen.
Solche Erhebungen bilden sonach die Beweisführung, daß es mit meiner neuen Zungen-Diagnostik seine Richtigkeit hat, dieselbe ein wertvolles diagnostisches Hilfsmittel darstellt und es auch verdient, im Interesse der leidenden Menschheit in das Gebiet der anerkannten Semiotik eingereiht zu werden.
Das Rad der Zeit zieht unaufhaltsam seine Kreise und wird jeden Versuch es aufzuhalten oder gar zurückzudrehen, mit dem der Kraft der Zeit innewohnendem elementarem Gang und Schwung beiseiteräumen.
Unsere allerjüngste Zeitgeschichte liefert wirklich Beweise genug, daß nur Anmaßung und Vermessenheit sich versteigen konnten, solche unnützen Versuche, zum Leidwesen aller schwer heimgesuchten Völker, zu unternehmen.
Wir wollen nicht darüber richten, wenn es leider auch Kreise gab, die in Verkennung ihrer eigentlichen Aufgaben, sich in Verblendung in vielen Fällen hinreißen ließen, dem destruktiven Gebahren Hilfestellung und Handlangerdienste zu leisten.
Wenn mit dieser neuen Zungen-Diagnose sich die aus den Volksheilweisen quellenden Erkenntnisse um ein weiteres Glied vermehren, so ist das ebenfalls nur zu begrüßen. Sind doch im Verlauf der Menschheitsgeschichte, sehr zahlreiche Fortschritte des Heilwesens, später auch von der Wissenschaft akzeptiert, dem nie versiegenden Born der Volksheilweisen entsprungen.
Mit dieser Signatura rerum offenbart sich uns gleichzeitig das schaffende, schöpferische Prinzip in der Natur, die Natura naturans, und gibt uns den Blick frei für viele, wenn nicht gar alle Zusammenhänge unseres Weltensystems. Bei dem durchgreifenden Studium dieser Diagnostik werden uns im Vergleich auch auf anderen Wissensgebieten wesentlich tiefere Lebenserkenntnisse zuließen, wodurch uns gleichzeitig die Möglichkeit gegeben wird, zu dem Kern aller Lebenszusammenhänge vorzudringen. Vieles ist noch zu klären und so mögen diese neuen noch unbekannten Richtlinien dazu dienen, einen Beitrag im Bau der Erkenntnis der uns umgebenden Schöpfung zu leisten.
Wer sich mit der neuen Zungen-Diagnose befassen will, wolle neben dem Studium dieses Werkes jede Möglichkeit wahrnehmen, sich Fälle von interessanten Zungenbildern durch genaue Aufzeichnung mit entsprechenden Randvermerken, sowie Namen, Alter, gesicherte Diagnose, Röntgung etc. festzuhalten. Dadurch wird eine schnellere Beherrschung und Erlernung dieser Diagnostik möglich gemacht und ferner wird durch die Beweiskraft von selbst gesammelten Unterlagen meine Ausführung über die topographische Lage, wie über die vielseitigen Zungenzeichen vollauf ihre Bestätigung finden. Zu beachten ist hierbei, daß wie bei allen Arten der Semiotik manche Zeichen auch eine untergeordnete Bedeutung haben können, oder als Zeichen von Begleitstörungen anderer Organe, von vielleicht weniger Empfindbarkeit als das vorherrschende Empfinden, anzusprechen sind.
Weiter ist zu beachten, daß z. B. Änderungen der einzelnen Zeichen wie Sulcen und Einrisse bereits eine gewisse Heilungstendenz durch Abflachung etc. aufweisen können, oder mit Rücksicht auf die früher vorliegenden Beschwerden eine diätetische Anpassung den Zustand der früheren Mängel überbrückt, wodurch die Grundstörung vielleicht im Augenblick weniger im Vordergrund stehen kann.
Außerdem merke man sich, daß viele derartigen Zungenzeichen als latente Anlagen, also für später auftretende Leiden in Betracht kommen können. Manche Zeichen für Speiseröhren‑, Magen- oder Darmkrebs lassen sich mit dieser Diagnostik oft schon lange Jahre vorher, wenn nicht gar Jahrzehnte vorher, bereits einwandfrei feststellen. Meine sich über bald zwei Jahrzehnte erstreckenden Beobachtungen in dieser Beziehung, bestätigen den schon lange bestehenden, förmlich niederziehenden, auf dem Erstarrungsprinzip der Materie beruhenden Verfall.
Hier gibt uns die Natur selbst den Fingerzeig, schon da, wo es noch Zeit ist, durch Umkehr der Lebensweise und entsprechenden Einsatz zerfallsverhütender Mittel einen Polwechsel zu erzielen und dadurch die nachlassende Strahlkraft wieder zu aktivieren, damit dieselbe wieder, eben durch Steigerung ihres Ionenverhältnisses, über das niederziehende Stoffliche dominiert.
Es soll an dieser Stelle nachdrücklichst darauf hingewiesen sein, neben dieser neuen Zungen-Diagnose, welche durchaus wertvolle Anhaltspunkte darbietet, zur Sicherung der Diagnose die anderen bekannten Methoden und wenn erforderlich auch die Röntgung zu verwenden.
Die Hauptgrundsätze der neuen “Diagnostik-lingualis” sind:
- Alle Leiden der Verdauungsorgane kennzeichnen sich nach den Gesetzen der Semiologie auch an der Zungenoberfläche, je nach der Art und dem Grad der Störung in Form von flacheren oder tieferen, schmäleren oder breiteren Rissen, Furchen, Eindrücken, wie Erhebungen, mit blasser, rötlicher oder sonstiger Verfärbung.
- Der anatomischen Gliederung des Verdauungs-Apparates entsprechend, unterteilt sich die Oberfläche der Zunge der Topographie zufolge in verschiedene Organfelder.