
Wirkung
Die hl. Hildegard1 führt den Rainfarn als Heilmittel bei Nasenkatarrh und Amenorrhöe an.
Bei Paracelsus2 dienten die Rainfarnsamen als Badezusatz bei Nierengrieß.
Als wurm‑, stein- und schweißtreibendes, fieberwidriges und emmenagoges Mittel finden Blüten, Samen und Kraut bei Lonicerus3 Verwendung. Hufeland4 und seine Mitarbeiter wandten es als Anthelmintikum an. Über die Verwendung in der russischen Volksmedizin gibt nachstehende Zusammenstellung von W. Demitsch5 einen Überblick:
“Der Rainfarn ist ein von den Esten gekanntes und gebrauchtes Mittel gegen Darmwürmer: man gibt die Blätter und Blüten nicht ohne Erfolg (J. W. L. v. Luce: Heilmittel der Esten auf der Insel Oesel, Pernau 1829, S. 65). Auch nach Parpura (De remediorum domesticorum usu atque praestantia. Diss. Mosque. 1830) ist es ein Anthelmintikum. Im Gouvernement Poltawa wird das warme Blätterinfus auf den Bauch der Gebärenden gelegt, um die “falschen” Wehen zu beseitigen. Ein Infus der frischen Blätter und Blüten wird bei Menstruationsverhaltung getrunken. Ein Infus der getrockneten Blätter mit Milch wird als Klysma benutzt (Augustinowitsch. über wildwachsende medicinische Pflanzen im Gouvernement Poltawa. Kiew 1853, S. 70). – Im Kaukasus ist Tanac. vulg. ein Bestandteil einer bei Wundbehandlung angewandten Salbe (P. Popow, Behandlung der Wunden bei kaukasischen Bergvölkern. Milit.-Medic. Journal 1855 Th. LXV, Nr. 2). – Nach Krebel wird es bei Sistierung der Menses und als Anthelmintikum gebraucht (Volksmedicin und Volksmittel verschiedener Völkerstämme Rußlands. Skizzen. Leipzig und Heidelberg. 1858). – Am Tobol wird eine Abkochung bei Würmern, ein frisch ausgepreßter Saft der Pflanze äußerlich bei Wunden verwendet (Abramow, Tobolsche G.-Zeitung, 1863, Nr. 3). – Im Gouvernement Olonezk ist Tanac. vulg. ein universelles Mittel gegen Fieber und Ikterus (W. Deriker, Zusammenstellung von Volksheilmitteln, die von Zauberern in Rußland gebraucht werden. St. Petrsb. 1866, S. 164). – Im Gouvernement Perm wird eine Abkochung desselben bei Ikterus und Würmern eingegeben. Danach soll ferner Schlaf eintreten (P. Krylow. Als Volksheilmittel gebräuchliche Pflanzen im G. Perm. Arbeiten der Naturforscher-Gesellschaft bei der Universität Kasan, Bd. V, H. II, Kasan 1876). – Nach Annenkow (Botanisches Lexicon, S. 349, St. Petersb. 1878) wird es in vielen Provinzen gegen Kopfschmerzen, Würmer, Ikterus etc., ferner als Antilyssikum gebraucht. – Ein Blüteninfus wird oft bei Magenkrankheiten getrunken (Romanowski, Anti-Cholera-Volksmittel, Wratsch 1885, Nr. 23).”
Dinand6 nennt Tanacetum als Antispasmodikum und Stomachikum gegen Magenkrämpfe, Kolik, Gicht, Wechselfieber, Schwindelanfälle, Hysterie, Würmer und Dysmenorrhöe. Äußerlich wird das Öl zu Einreibungen bei Gicht und Rheumatismus gebraucht.
Neben der Hauptverwendung gegen Würmer nennt Bohn7 noch Bleichsuchtsbeschwerden, Blähungen und Periodenstockungen als Indikationen. Die Samen sollen am kräftigsten wirken.
Auch die Homöopathie8 kennt es als Antispasmodikum, das besonders bei Chorea, Epilepsie und Uteruskrämpfen Anwendung findet.
Crouy9 stellte in Versuchen an Parasitenträgern (Menschen und Hunden) fest, daß dem Rainfarn tatsächlich die ihm nachgerühmte Wirkung als unschädliches Wurmmittel zukomme und die Droge es daher verdiene, ihren Platz in der Medizin wieder einzunehmen.
Nach Jaretzky und Kühne10 beruht die therapeutische Wirkung der Droge auf ihrem Gehalt an ätherischem Öl und Bittersubstanzen (Tanacetin). Sie konnten aus Tanacetum vulgare weder Tanacetsäure noch Gallussäure, Gerbstoff oder ein Alkaloid, wohl aber einen bisher unbekannten Stoff “Tanacetin 2” (0,01%) isolieren.
Das ätherische Öl ist thujonhaltig (etwa 70%) und daher sehr giftig11. Es ruft, in Dosen von 7–15 g verabreicht, Mydriasis, Koma, Dyspnoe, heftige Krämpfe mit Opisthotonus und Trismus hervor; bei Tieren verursacht es Raserei, Wutanfälle (“Rabies tanacetica”), Beißkrämpfe, Salivation und Epilepsie12. Auch das Auftreten von pustulösem Ekzem wurde beobachtet13.
Wie fast alle thujonhaltigen Pflanzen ist auch der Rainfarn oft zur Herbeiführung von Abortus benutzt worden14.
Größere Mengen der Pflanzen sollen auch Übelkeit, Erbrechen und Diarrhöe verursachen15. Nach Flamm16 kann durch Überschreiten der üblichen Menge (2–3 g) sogar tödliche Vergiftung hervorgerufen werden.
Bei Untersuchungen über Toxingehalt wurden in Tanacetum geringe Mengen von ausfällbarem Eiweiß von mittlerer Giftigkeit gefunden. Die blühende Pflanze wirkt in vitro nicht bakterizid bzw. fungizid17. Hinsichtlich der Erhaltung der Fermente in Zubereitungen aus Tanacetum wurde gefunden, daß im “Teep”-Präparat Peroxydase und Oxydase gut erhalten geblieben waren, während diese in der homöopathischen Urtinktur nicht nachweisbar waren18.
Ich möchte hier auch noch auf die Species Tanacetum balsamita L., die Frauenminze, aufmerksam machen, die von Stirnadel19 als gallensekretionsförderndes Mittel empfohlen wird. Auch Köhler, Krummhübel, teilte mir mit, daß er damit in vielen Fällen Gallenstörungen beheben konnte.
Verwendung in der Volksmedizin außerhalb des Deutschen Reiches (nach persönlichen Mitteilungen):
Dänemark: Bei Magenleiden, als Wurmmittel und schweißtreibendes Mittel.
Litauen: Die Blüten und Samen als Wurmmittel.
Norwegen: Als Wurmmittel, früher auch bei Gelbsucht, Kolik und Zahnschmerzen (I. R‑K.).
Polen: Blüten und Kraut gegen Askariden.
Ungarn: Als Wurmmittel und bei Frauenkrankheiten.