Tanacetum vulgare – Seite 3 von 4 – Monographie Madaus

Lehr­buch der bio­lo­gi­schen Heilmittel
Mono­gra­phie Tanace­tum vul­ga­re (Sei­te 3 von 4)
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Wirkung

Die hl. Hil­de­gard1 führt den Rain­farn als Heil­mit­tel bei Nasen­ka­tarrh und Amenor­rhöe an.
Bei Para­cel­sus2 dien­ten die Rain­farn­sa­men als Bade­zu­satz bei Nierengrieß.
Als wurm‑, stein- und schweiß­trei­ben­des, fie­ber­wid­ri­ges und emme­nago­ges Mit­tel fin­den Blü­ten, Samen und Kraut bei Loni­ce­rus3 Ver­wen­dung. Hufe­land4 und sei­ne Mit­ar­bei­ter wand­ten es als Ant­hel­m­in­ti­kum an. Über die Ver­wen­dung in der rus­si­schen Volks­me­di­zin gibt nach­ste­hen­de Zusam­men­stel­lung von W. Demit­sch5 einen Überblick:
“Der Rain­farn ist ein von den Esten gekann­tes und gebrauch­tes Mit­tel gegen Darm­wür­mer: man gibt die Blät­ter und Blü­ten nicht ohne Erfolg (J. W. L. v. Luce: Heil­mit­tel der Esten auf der Insel Oesel, Per­n­au 1829, S. 65). Auch nach Par­pura (De reme­diorum dome­sti­corum usu atque praestan­tia. Diss. Mos­que. 1830) ist es ein Ant­hel­m­in­ti­kum. Im Gou­ver­ne­ment Pol­ta­wa wird das war­me Blät­ter­in­fus auf den Bauch der Gebä­ren­den gelegt, um die “fal­schen” Wehen zu besei­ti­gen. Ein Infus der fri­schen Blät­ter und Blü­ten wird bei Mens­trua­ti­ons­ver­hal­tung getrun­ken. Ein Infus der getrock­ne­ten Blät­ter mit Milch wird als Klys­ma benutzt (Augus­ti­no­witsch. über wild­wach­sen­de medi­ci­ni­sche Pflan­zen im Gou­ver­ne­ment Pol­ta­wa. Kiew 1853, S. 70). – Im Kau­ka­sus ist Tanac. vulg. ein Bestand­teil einer bei Wund­be­hand­lung ange­wand­ten Sal­be (P. Popow, Behand­lung der Wun­den bei kau­ka­si­schen Berg­völ­kern. Milit.-Medic. Jour­nal 1855 Th. LXV, Nr. 2). – Nach Kre­bel wird es bei Sis­tie­rung der Menses und als Ant­hel­m­in­ti­kum gebraucht (Volks­me­di­cin und Volks­mit­tel ver­schie­de­ner Völ­ker­stäm­me Ruß­lands. Skiz­zen. Leip­zig und Hei­del­berg. 1858). – Am Tobol wird eine Abko­chung bei Wür­mern, ein frisch aus­ge­preß­ter Saft der Pflan­ze äußer­lich bei Wun­den ver­wen­det (Abra­mow, Tobol­sche G.-Zeitung, 1863, Nr. 3). – Im Gou­ver­ne­ment Olo­nezk ist Tanac. vulg. ein uni­ver­sel­les Mit­tel gegen Fie­ber und Ikte­rus (W. Deri­ker, Zusam­men­stel­lung von Volks­heil­mit­teln, die von Zau­be­rern in Ruß­land gebraucht wer­den. St. Petrsb. 1866, S. 164). – Im Gou­ver­ne­ment Perm wird eine Abko­chung des­sel­ben bei Ikte­rus und Wür­mern ein­ge­ge­ben. Danach soll fer­ner Schlaf ein­tre­ten (P. Kry­low. Als Volks­heil­mit­tel gebräuch­li­che Pflan­zen im G. Perm. Arbei­ten der Natur­for­scher-Gesell­schaft bei der Uni­ver­si­tät Kasan, Bd. V, H. II, Kasan 1876). – Nach Annen­kow (Bota­ni­sches Lexi­con, S. 349, St. Petersb. 1878) wird es in vie­len Pro­vin­zen gegen Kopf­schmer­zen, Wür­mer, Ikte­rus etc., fer­ner als Anti­lys­sikum gebraucht. – Ein Blü­ten­in­fus wird oft bei Magen­krank­hei­ten getrun­ken (Roma­now­ski, Anti-Cho­le­ra-Volks­mit­tel, Wratsch 1885, Nr. 23).”
Dinand6 nennt Tanace­tum als Anti­s­pas­mo­di­kum und Sto­ma­chi­kum gegen Magen­krämp­fe, Kolik, Gicht, Wech­sel­fie­ber, Schwin­del­an­fäl­le, Hys­te­rie, Wür­mer und Dys­me­nor­rhöe. Äußer­lich wird das Öl zu Ein­rei­bun­gen bei Gicht und Rheu­ma­tis­mus gebraucht.
Neben der Haupt­ver­wen­dung gegen Wür­mer nennt Bohn7 noch Bleich­suchts­be­schwer­den, Blä­hun­gen und Peri­oden­sto­ckun­gen als Indi­ka­tio­nen. Die Samen sol­len am kräf­tigs­ten wirken.
Auch die Homöo­pa­thie8 kennt es als Anti­s­pas­mo­di­kum, das beson­ders bei Cho­rea, Epi­lep­sie und Ute­rus­krämp­fen Anwen­dung findet.
Crouy9 stell­te in Ver­su­chen an Para­si­ten­trä­gern (Men­schen und Hun­den) fest, daß dem Rain­farn tat­säch­lich die ihm nach­ge­rühm­te Wir­kung als unschäd­li­ches Wurm­mit­tel zukom­me und die Dro­ge es daher ver­die­ne, ihren Platz in der Medi­zin wie­der einzunehmen.
Nach Jaretz­ky und Küh­ne10 beruht die the­ra­peu­ti­sche Wir­kung der Dro­ge auf ihrem Gehalt an äthe­ri­schem Öl und Bit­ter­sub­stan­zen (Tanace­tin). Sie konn­ten aus Tanace­tum vul­ga­re weder Tanacet­säu­re noch Gal­lus­säu­re, Gerb­stoff oder ein Alka­lo­id, wohl aber einen bis­her unbe­kann­ten Stoff “Tanace­tin 2” (0,01%) isolieren.
Das äthe­ri­sche Öl ist thu­jon­hal­tig (etwa 70%) und daher sehr gif­tig11. Es ruft, in Dosen von 7–15 g ver­ab­reicht, Mydria­sis, Koma, Dys­pnoe, hef­ti­ge Krämp­fe mit Opist­ho­to­nus und Tris­mus her­vor; bei Tie­ren ver­ur­sacht es Rase­rei, Wut­an­fäl­le (“Rabies tanace­ti­ca”), Beiß­krämp­fe, Sali­va­ti­on und Epi­lep­sie12. Auch das Auf­tre­ten von pus­tu­lö­sem Ekzem wur­de beob­ach­tet13.
Wie fast alle thu­jon­hal­ti­gen Pflan­zen ist auch der Rain­farn oft zur Her­bei­füh­rung von Abor­tus benutzt wor­den14.
Grö­ße­re Men­gen der Pflan­zen sol­len auch Übel­keit, Erbre­chen und Diar­rhöe ver­ur­sa­chen15. Nach Flamm16 kann durch Über­schrei­ten der übli­chen Men­ge (2–3 g) sogar töd­li­che Ver­gif­tung her­vor­ge­ru­fen werden.
Bei Unter­su­chun­gen über Toxin­ge­halt wur­den in Tanace­tum gerin­ge Men­gen von aus­fäll­ba­rem Eiweiß von mitt­le­rer Gif­tig­keit gefun­den. Die blü­hen­de Pflan­ze wirkt in vitro nicht bak­te­ri­zid bzw. fun­gi­zid17. Hin­sicht­lich der Erhal­tung der Fer­men­te in Zube­rei­tun­gen aus Tanace­tum wur­de gefun­den, daß im “Teep”-Präparat Per­oxy­da­se und Oxy­da­se gut erhal­ten geblie­ben waren, wäh­rend die­se in der homöo­pa­thi­schen Urtink­tur nicht nach­weis­bar waren18.
Ich möch­te hier auch noch auf die Spe­ci­es Tanace­tum bal­sa­mi­ta L., die Frau­en­min­ze, auf­merk­sam machen, die von Stirn­a­del19 als gal­len­se­kre­ti­ons­för­dern­des Mit­tel emp­foh­len wird. Auch Köh­ler, Krumm­hü­bel, teil­te mir mit, daß er damit in vie­len Fäl­len Gal­len­stö­run­gen behe­ben konnte.

Verwendung in der Volksmedizin außerhalb des Deutschen Reiches (nach persönlichen Mitteilungen):

Däne­mark: Bei Magen­lei­den, als Wurm­mit­tel und schweiß­trei­ben­des Mittel.
Litau­en: Die Blü­ten und Samen als Wurmmittel.
Nor­we­gen: Als Wurm­mit­tel, frü­her auch bei Gelb­sucht, Kolik und Zahn­schmer­zen (I. R‑K.).
Polen: Blü­ten und Kraut gegen Askariden.
Ungarn: Als Wurm­mit­tel und bei Frauenkrankheiten.