Quelle: Magnus Hirschfeld & Richard Linsert: Liebesmittel — Eine Darstellung der geschlechtlichen Reizmittel / Aphrodisiaca (MAN Verlag, Berlin, 1930)


Hinweis: Niemand wird in irgendeiner Form aufgefordert, irgendeine der hier behandelten Substanzen, Potenzmittel oder Rezepturen zu sich zu nehmen. Kein Hinweis ist ein Ratschlag für Kranke. Keine hier dargebotene Information soll die Selbstmedikation unterstützen. Achtung – das Leben birgt Risiken und Gefahren und endet immer tödlich! Bis dahin kann es jedoch versüßt werden.
Tiere und tierische Stoffe (S. 206–238)
Im Gegensatz zu den Pflanzen und Pflanzenstoffen ist die Zahl der Aphrodisiaka, die aus Tieren oder tierischen Stoffen gewonnen wurden oder gewonnen werden, beträchtlich kleiner. Wir wollen damit nicht sagen, daß deshalb die tierischen erotisierenden Stoffe weniger bedeutungsvoll wären. Vielmehr begegnen wir einmal der für eine Darstellung der geschlechtlichen Reizmittel besonders wichtigen Gruppe kantharidinhaltiger Aphrodisiaka und schließlich müssen wir am Schluß dieses Kapitels die für die moderne Behandlung der Impotenz besonders wichtigen Organpräparate, wenigstens andeutungsweise, behandeln.
Die Anwendung von tierischen Stoffen als Mittel zur Anregung und Steigerung des Geschlechtstriebes ist ebenso alt, wie die Anwendung von Pflanzenstoffen. Schon vor annähernd fünftausend Jahren haben Ägypter, Perser und Hebräer, aber auch Inder und Chinesen, Tiere und ihre Organteile und deren Sekrete zur Behandlung der verschiedensten Krankheiten und Ausfallserscheinungen benutzt. In der indischen Ayurveda des Susruta (1400 v. Chr. ?) wird bereits die Anwendung des Hodens zur Heilung der männlichen Impotenz empfohlen. Plinius und zahlreiche Ärzte der Alten nach ihm, empfehlen ähnliche Mittel. In der Regel der Fälle bevorzugte man die Tiere, deren Generationskraft als besonders stark bekannt war. Hengste, Stiere, Hirsche, Hähne und Hunde lieferten vorzugsweise die Organteile und deren Sekrete, die als Anregungs- und Steigerungsmittel für den Geschlechtstrieb des Menschen benötigt wurden, und es ist überaus bedeutsam, daß sich die Bestrebungen und Betätigung der modernen Organotherapie auch heute noch in ungefähr gleicher Richtung bewegen.
Die Bestandteile der Tiere, die als Aphrodisiaka verwendet wurden, können in drei Gruppen eingeteilt werden. Die erste Gruppe umfaßt alle diejenigen Aphrodisiaka, bei denen das ganze Tier verwendet wurde, indem man es trocknete und dann in Pulverform zur Anwendung brachte. Hierher gehören einmal die berüchtigten Kanthariden (Lytta vesicatoria) und der Skink (Scincus officinalis). Bis zu einem gewissen Grade auch die Grana kermeo. Zur zweiten Gruppe gehören alle die Mittel, die aus Organteilen der Tiere gewonnen wurde, also aus den Genitalien, dem Hirn, der Leber, der Niere, den Flossen u. a. m. Zur dritten Gruppe gehören die Stoffe, die aus Sekreten und Inkreten von Tieren gewonnen wurden und werden; abgesehen von Blut und Samen, Kot und Urin, gehören hierher die Stoffe der Moschus- und Ambragruppe, des Zibet und Castoreum. Wir werden im Zusammenhang mit diesen tierischen Stoffen auch die Anwendung von Menschen- bezw. Menstrualblut des Menschen und menschlichem Samen kurz behandeln müssen.
Am Schlusse dieses Kapitels werden wir dann wiederum auf die Präparierung bestimmter tierischer Organteile zurückkommen, die in der modernen Organotherapie zur Anwendung gebracht wird. Wir nähern uns damit allerdings bereits stark der modernen Therapie der Impotenz, die wir aus grundsätzlichen Erwägungen heraus aus dieser Darstellung ausschalten müssen. Wir werden deshalb die Organotherapie und die dabei angewendeten Präparate nur kurz behandeln.
Was nun die einzelnen Mittel anbelangt, so müssen wir in erster Linie auf die Kanthariden eingehen. Bereits die Medizin des klassischen Altertums verwendete in ihrem Arzneischatz Käfer verschiedenster Art. Die Kanthariden des Dioscurides dürften aber wahrscheinlich einer Mylabrisart angehört haben, wahrscheinlich den M. cichorei oder variegata, die in Griechenland und Kleinasien vorkommen. Die Lytta vesicatoria ist unsere Kantharide und wird im Volksmunde fälschlich auch als “Spanische Fliege” bezeichnet. Sie heißt auf türkisch und arabisch: mubehyat oder muschteh, persisch: kuvetba, indisch: dova e kuvet.