Quelle: Magnus Hirschfeld & Richard Linsert: Liebesmittel — Eine Darstellung der geschlechtlichen Reizmittel / Aphrodisiaca (MAN Verlag, Berlin, 1930)


Hinweis: Niemand wird in irgendeiner Form aufgefordert, irgendeine der hier behandelten Substanzen, Potenzmittel oder Rezepturen zu sich zu nehmen. Kein Hinweis ist ein Ratschlag für Kranke. Keine hier dargebotene Information soll die Selbstmedikation unterstützen. Achtung – das Leben birgt Risiken und Gefahren und endet immer tödlich! Bis dahin kann es jedoch versüßt werden.
Liebesmittel – Eine Darstellung der geschlechtlichen Reizmittel (Aphrodisiaca)
von
Dr. Magnus Hirschfeld und Richard Linsert
vom Institut für Sexualwissenschaft in Berlin.
MAN Verlag, Berlin W. 15
Vorwort
Der Versuch einer systematischen Darstellung der geschlechtlichen Reizmittel, den wir hiermit der Öffentlichkeit übergeben, macht keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wir haben uns freilich bemüht, das in der Literatur zahlreich verstreute Material über die Aphrodisiaka und ihre Anwendung zu sichten und zu ordnen; wir haben uns auch angelegen sein lassen, die Erfahrungen einer langjährigen Praxis auf sexualwissenschaftlichem Gebiete zu verwerten; – trotz alledem werden sich Lücken finden, die ihre Ursache im wesentlichen darin haben, daß die im Geschlechtsleben zur Anwendung kommenden Hilfsmittel auch heute noch durch falsche Moral und unwissendes Recht in einem Maße verpönt sind, wie in vergangener Zeit das gesamte menschliche Liebes- und Geschlechtsleben überhaupt.
Die ungeheure Verbreitung und Vielgestaltigkeit geschlechtlicher Reizmittel, die zahlreichen Hinweise in alter und neuer wissenschaftlicher und schöngeistiger Literatur waren für uns ein Anlas, einmal den Versuch zu unternehmen, das gesamte Material nach einheitlichen Gesichtspunkten zusammenzufassen. Eine weitere Anregung zu dieser Arbeit bildeten die Erfahrungen, die durch unsere systematische Untersuchung der Mittel und Methoden zur Verhütung der Empfängnis gezeitigt wurden. Wir mussten nämlich feststellen, daß Herstellung, Angebot und Verbreitung der Aphrodisiaca und Antikonzipientien in vieler Beziehung verwandte Erscheinungen aufzeigen.
Die Untersuchung dieser Wesens Verwandtschaft ergab, daß neben unserer umfangreichen Sammlung empfängnisverhütender Mittel eine Sammlung geschlechtlicher Reizmittel entstand, deren Ergebnis zur Abfassung dieses Buches mitverwendet wurde.
Einen besonders lebhaften Antrieb erhielten wir aber durch die Feststellung der Tatsache, daß sowohl hinsichtlich der Antikonzipientien wie auch der Aphrodisiaka die Unwissenheit breiter Schichten der Bevölkerung in geradezu unglaublicher Weise ausgebeutet wird. Die Rücksichtslosigkeit eines gewissenlosen Händlertums wird dabei in gewisser Beziehung durch die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze unserer geschlechtlichen Moral unterstützt. Hat man sich eigentlich einmal überlegt, welche Unsummen Volksvermögens in “Geheimmitteln” zur Anregung und Steigerung des Geschlechtstriebes investiert werden? Hat man einmal darüber Erwägungen angestellt, welches Kapital in den Inseratenplantagen der großen Tageszeitungen und Wochenschriften arbeitet, um für Mittel gegen “Männerschwäche”, “Nervenschwäche”, “Sexuelle Neurasthenie” u. a. m. Kunden zu werben? Nein, wir wissen zwar genau, wann, warum und wie oft ein Hungernder ein Brot stahl – um den Nahrungstrieb zu befriedigen; – aber wir werden wohl nie erfahren, wie oft ein Mensch ausgebeutet wurde, weil er den Geschlechtstrieb befriedigen mußte. Not und Angst, Lust und Liebe sind eben seit Jahrhunderten vogelfrei. Und von hundert geschlechtlichen Reizmitteln taugt vielleicht eines; aber von hundert geschlechtlichen Reizmitteln sind neunundneunzig ein gutes Geschäft! Man soll diese Tatsache in aller Öffentlichkeit feststellen. Man soll aber auch aus dieser Erkenntnis die Konsequenzen ziehen, um schreiende Mißstände abstellen zu können. Wo arglistige Täuschung zutage tritt oder gar Betrug, wo Schaden für die Gesundheit zu erwarten ist, wo Lebensgefahr besteht, werden Aufklärung und Kritik zur Pflicht. Das lohnt noch eher, als neue Gesetze gegen Geheimmittelschwindel und Rauschgifthandel, denen bereits in den Ausschüssen der gesetzgebenden Körperschaften die Zähne ausgebrochen werden. Nicht neue Strafgesetze, Aufklärung tut not.
Die moderne Behandlung der Impotenz haben wir in dieser Darstellung absichtlich nur ganz kurz skizziert. Sollen die nach Art und Weise abstoßenden Verfahren der Vergangenheit zur Abschreckung dienen, so sollen die absichtlich knapp gehaltenen Hinweise auf die moderne Therapie dem Laien ein Hinweis darauf sein, daß man sich in diesen Dingen nicht von dem “Praktischen Hausarzt” oder dem Rat guter Freunde, sondern vom Facharzt zu helfen lassen hat. Zwischen dem Wunsch nach Lustgewinn und Krankheit gibt es eine unübersehbare Zahl von Übergängen. Die von uns gezogene Grenze liegt zwischen beiden. Mithin mußte sich diese Darstellung auf diejenigen Reizmittel beschränken, die der gesunde Mensch angewandt hat und wohl auch in Zukunft noch anwenden wird. Wir sind der Überzeugung, daß die mannigfachen Formen der Impotenz und ihre Behandlung Gegenstand einer besonderen Darstellung sein und bleiben müssen, die in erster Linie für die Hand des Arztes bestimmt ist. Und wir verleihen der Hoffnung Ausdruck, daß die grundlegenden Arbeiten des Leiters der Abteilung für Potenzstörungen am Institut für Sexualwissenschaft, Dr. Bernhard Schapiro, in absehbarer Zeit als Sonderdarstellung dieses Problems sexualwissenschaftlicher Forschung der Öffentlichkeit übergeben werden können.
Was wir in kulturhistorischer und sexualwissenschaftlicher Beziehung über die geschlechtlichen Reizmittel in diesem Buche sagen, geht nicht nur die Wissenschaft und den Arzt, sondern jeden gebildeten Laien an. Wir glauben, mit dieser anspruchslosen Darstellung über Sitten und Gebräuche, Einrichtungen und Verhältnisse Aufklärung zu schaffen, die für das Zusammenleben der Menschen seit Alters her von weitreichender Bedeutung gewesen sind. Dabei wissen wir sehr wohl, und betonen das noch einmal, daß diese erste Auflage keinen Anspruch darauf machen darf, das Thema erschöpfend zu behandeln. Wir hoffen aber, daß nicht nur die Kritik des Sachkenners, sondern auch die Erfahrungen des Laien dem Buche zugute kommen. Gerade der Laie ist auf geschlechtlichem Gebiete ganz besonders zur Mitarbeit berufen, indem er dem Sexualforscher die Erkenntnisse vermitteln hilft, die dieser im Interesse der menschlichen Gemeinschaft zu verwerten hat. Man braucht in diesem Zusammenhange nur auf die folkloristischen Arbeiten von Friedrich S. Kraus hinzuweisen, die er in seiner “Anthropophyteia” niedergelegt hat, um die Bedeutung des Sondergebietes sexualwissenschaftlicher Forschung hervorzuheben, dem wir uns mit dieser Darstellung der geschlechtlichen Reizmittel gewidmet haben.
Wir nehmen darum alle Mitteilungen gerne mit Interesse entgegen, die das Thema unseres Buches betreffen und von Sondererfahrungen des Lesers berichten. Als bescheidenes Hilfsmittel zur Erleichterung von solchen Hinweisen haben wir dem Buche einen Fragebogen beigegeben, um dessen gründliche Ausfüllung wir alle die bitten, die Mängel unseres Buches abstellen oder Angaben seiner Verfasser vervollständigen wollen.
Berlin, im Oktober 1929
Institut für Sexualwissenschaft
In den Zelten 10 und 9a
Sanitätsrat Dr. Magnus Hirschfeld
Leiter des Instituts für Sexualwissenschaft
Richard Linsert
Abteilungsleiter am Institut