Echter Baldrian (Valeriana officinalis L.)

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Quel­le: Die Phy­to­the­ra­peu­ti­sche Welt (1983, her­aus­ge­ge­ben von H. G. Menßen)




















Echter Baldrian (Valeriana officinalis L.)
Phytotherapeutische Welt - 1983
Phytotherapeutische Welt - 1983
Phytotherapeutische Welt - 1983
Phytotherapeutische Welt - 1983

Literatur

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De Wit, H. C. D.: Knaurs Pflan­zen­reich in Far­ben. Ver­lag Droe­mer und Knaur, Zürich, 1963
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Furi­en­mei­er, M.: Wun­der­welt der Heil­pflan­zen. Rhein­gau­er Ver­lags­ge­sell­schaft, Elt­ville am Rhein, 1978
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Kating, H. und S.-W. Breck­le: Phar­ma­zeu­ti­sche Bio­lo­gie I. Georg Thie­me Ver­lag, Stutt­gart, 1978
Kosch, A. und D. Aiche­le: Was blüht denn da? Franck’sche Ver­lags­buch­hand­lung, Stutt­gart, 1966
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Stein­eg­ger, E. und R. Hän­sel: Lehr­buch der Phar­ma­ko­gno­sie. Sprin­ger Ver­lag, Ber­lin, Hei­del­berg, New York, 1973
Ursing, B.: Wild­pflan­zen. Baye­ri­scher Land­wirt­schafts­ver­lag, Mün­chen, Basel, Wien, 1966
Weiss, R. F.: Lehr­buch der Phy­to­the­ra­pie. Hip­po­kra­tes Ver­lag, Stutt­gart, 1980, 4. Aufl. 

Geschichte

Blü­hen­der Baldrian

Die Heil­kraft des Bal­dri­ans kommt in sei­nem latei­ni­schen Namen ‘Vale­ria­na’ zum Aus­druck, der wahr­schein­lich von ‘vale­re = kräf­ti­gen’ her­ge­lei­tet wer­den kann. Die deut­sche Bezeich­nung ‘Bal­dri­an’ geht ver­mut­lich auf den ger­ma­ni­schen Licht­gott Bai­dur zurück.

Der Bal­dri­an tauch­te bereits in den mytho­lo­gi­schen Vor­stel­lun­gen der nor­di­schen Völ­ker auf. Als stark aro­ma­tisch rie­chen­de Pflan­ze wur­de Bal­dri­an häu­fig über die Türe gehängt, um vor bösen Geis­tern zu schüt­zen. Im Mit­tel­al­ter wur­de er gegen die unter­schied­lichs­ten Krank­hei­ten wie Tuber­ku­lo­se und Gicht sowie bei Schlan­gen­bis­sen ange­wen­det. Außer­dem galt er als gutes Mit­tel gegen die Pest. Die ner­ven­be­ru­hi­gen­de Wir­kung des Bal­dri­ans wur­de erst mit Beginn des 17. Jahr­hun­derts ent­deckt, nach­dem der Ita­lie­ner Fabio Colon­na behaup­tet hat­te, durch Bal­dri­an von Epi­lep­sie geheilt wor­den zu

Verwendete Pflanzenteile

Getrock­ne­te Baldrianwurzeln

Die Arz­nei­bü­cher stel­len fol­gen­de Anfor­de­run­gen: Die Dro­ge besteht aus den getrock­ne­ten unter­ir­di­schen Tei­len von Vale­ria­na offi­ci­na­lis L., d. h. aus dem Wur­zel­stock, den Wur­zeln und den Aus­läu­fern. Der Gehalt an äthe­ri­schem Öl soll min­des­tens 0,4 Vol./ l Gew.% in der gan­zen oder geschnit­te­nen und min­des­tens 0,3 Vol./Gew.% in der pul­ve­ri­sier­ten Dro­ge betra­gen; fer­ner ist ein Extrakt­an­teil von min­des­tens 15% vorgeschrieben.

Die Dro­ge wird in Bel­gi­en, Deutsch­land, Polen, der Tsche­cho­slo­wa­kei, Jugo­sla­wi­en und Rumä­ni­en gewonnen.

Morphologie

In Mit­tel­eu­ro­pa wer­den die Bal­dri­an­ge­wäch­se durch den Bal­dri­an ver­tre­ten. Sein Kraut wird bis zu l½ m hoch und kommt aus einem kur­zen, dicken, reich­lich bewur­zel­ten Haupt­rhi­zom und Neben­rhi­zo­men. Der Sten­gel ist auf­recht und rund, gefurcht, die Blät­ter gekreuzt gegen­stän­dig, in ihrer Gestalt groß und ver­än­der­lich, unpaa­rig gefie­dert mit 15 bis 21 ein­ge­schnit­te­nen, gezähn­ten oder ganz­ran­di­gen Fie­der­blätt­chen. Die Blü­ten sind klein, weiß oder röt­lich über­haucht, sie ste­hen in end­stän­di­gen, reich­blü­ti­gen Trug­dol­den. Die Blüt­chen sind fünf­zäh­lig mit drei Staub­blät­tern und einem Grif­fel mit drei Nar­ben. Den Nek­tar bil­det die Blü­te in einer Kronröhre.

Das in der Dro­ge vor­han­de­ne äthe­ri­sche Öl ist in einem ein­schich­ti­gen Hypo­derm unter­ge­bracht, das aus dünn­wan­di­gen, ver­kork­ten Zel­len auf­ge­baut ist.

Verbreitung der Art, Vorkommen

Die Pflan­ze gehört zu der in der Fami­lie der Vale­ria­naceae (Bal­dri­an­ge­wäch­se) arten­reichs­ten Gat­tung Vale­ria­na. Die Fami­lie hat ca. 360 ver­schie­de­ne Arten, die auf der gan­zen nörd­li­chen Halb­ku­gel der Erde wach­sen und den Äqua­tor in Süd­ame­ri­ka in den Anden, in Asi­en in Java überschreiten.

Inhaltsstoffe

Die Vale­ria­naceae haben in der Wur­zel und in den Rhi­zo­men reich­lich Ölzel­len, die äthe­ri­sches Öl pro­du­zie­ren. Ein ande­res Cha­rak­te­ris­ti­kum die­ser Fami­lie ist das Vor­han­den­sein von labi­len Isova­le­ri­an­säu­re­e­stern, die in den Jah­ren von 1966 bis 1968 in ihrer Struk­tur auf­ge­klärt wer­den konn­ten. Das Ergeb­nis ist fol­gen­des: in den Wur­zeln und Rhi­zo­men von Vale­ria­na-Arten sind reich­lich Gemi­sche von Tri­es­tern mit iri­do­ider Struk­tur vor­han­den, für die der all­ge­mei­ne Name Val­epo­tria­te geprägt wur­de (Vale­ria­na-Epo­xy-Tri­es­ter).

Je nach dem Hydrie­rungs- und Hydra­tis­a­ti­ons­grad der Poly­al­ko­ho­le und der Natur und Stel­lung der Ester­säu­ren bil­den sich kom­ple­xe, mehr oder weni­ger sip­pen­spe­zi­fi­sche Val­epo­triat­ge­mi­sche. Die frei­en Alko­ho­le sind unbe­stän­di­ge Ver­bin­dun­gen; unmit­tel­bar nach der Abspal­tung der Säu­re­res­te ver­har­zen sie.

Als Abbau­pro­duk­te der Val­epo­tria­te in der Vale­rian­adro­ge sind Bal­dri­ana­le anzu­se­hen, die auch pyro­gen oder durch Ein­wir­kung von Halo­gen­was­ser­stoff- oder ande­ren Säu­ren aus Val­epo­tria­ten ent­ste­hen. Es han­delt sich um gelb­ge­färb­te Ver­bin­dun­gen, die nur aus Val­epo­tria­ten mit kon­jun­gier­ten Dop­pel­bin­dun­gen ent­ste­hen kön­nen. Die durch Thiess 1968 beschrie­be­nen, ursprüng­li­chen Val­epo­tria­te wur­den von Stahl und Schild 1969 noch durch das Vor­han­den­sein von blaufar­ben­den Hydro­xy­di­hy­d­r­o­valt­ra­ten ergänzt, die nur eine Dop­pel­bin­dung ent­hal­ten und aus der Radix Vale­ria­nae iso­liert wer­den konn­ten. Im Jah­re 1970 iso­lier­te Thiess das säu­re­emp­find­li­che Ester­glu­ko­sid Val­e­ro­si­da­tum aus den Wur­zel­stö­cken von Vale­ria­na officinalis.

Bis vor eini­ger Zeit nahm man an, daß die­se Ver­bin­dun­gen nur in den unter­ir­di­schen Tei­len der Vale­ria­naceae vor­han­den sei­en. Heu­te weiß man, daß Val­epo­tria­te auch im Kraut der Vale­ria­na offi­ci­na­lis vorkommen.

Seit 1891 ist bekannt, daß die Radix Vale­ria­nae Alka­lo­ide ent­hält. Es wur­den die Alka­lo­ide Cha­ti­nin und Vale­rin nach­ge­wie­sen. Da die­se aber sehr unbe­stän­dig sind, wech­seln die Anga­ben stark. Erst Tor­seil und Wahl­berg konn­ten in den Jah­ren 1966 und 1967 Klar­heit in die­ses Kapi­tel brin­gen. Sie gewan­nen aus der Dro­ge 0,05 bis 0,1 % Alka­lo­ide mit dem Haupt­al­ka­lo­id I (Anteil 0,03%) und einem Neben­al­ka­lo­id II (Anteil 0,01%); bei­de waren rein. Sie lie­fern beim Erwär­men das Alka­lo­id Acti­ni­din. Im Jah­re 1970 wur­de durch Franck et al. zusätz­lich noch Vale­ria­nin (= Meth­ox­yac­ti­ni­din) nach­ge­wie­sen. Gross et al. wie­sen ins­ge­samt 12 Alka­lo­ide nach und konn­ten eine neue Base, das (–)-Acti­ni­din, iso­lie­ren. Außer­dem erkann­ten sie, daß Tyro­sin und Meva­lon­säu­re von Vale­ria­na zur Syn­the­se des Haupt­al­ka­lo­ids I ver­wen­det wer­den. Wei­te­re basi­sche Bestand­tei­le in der Bal­dri­an­wur­zel wur­den als Pyr­rol-α-methyl-keton von Cion­ga 1936 ent­deckt. Auch in Blät­tern und Sten­geln ist die­se Ver­bin­dung zu 1% vorhanden.

Das in Wur­zeln und Rhi­zo­men vor­kom­men­de, von den Ölzel­len reich­lich pro­du­zier­te äthe­ri­sche Öl ver­läßt bei der Was­ser­dampf­de­stil­la­ti­on zusam­men mit den Iri­do­ide­s­tern oder deren Bestand­tei­len, wie flüch­ti­ge Säu­ren, die Zel­len. Dies ist der Grund, war­um fri­sches, nicht­ent­säu­er­tes, äthe­ri­sches Öl aus Radix Vale­ria­nae reich­lich freie Isova­le­ri­an­säu­re ent­hält. Dane­ben sind wei­te­re freie, flüch­ti­ge Säu­ren vor­han­den. Die cha­rak­te­ris­ti­schen Bestand­tei­le des Öles sind aber nicht die Säu­ren, son­dern Mono- und Ses­qui­ter­pe­ne. Da die Pflan­zen, aus denen die äthe­ri­schen Öle gewon­nen wur­den, und auch die Her­stel­lungs­ver­fah­ren unter­schied­lich sind, erhält man Öle von sehr dif­fe­ren­ter Zusam­men­set­zung. Trotz allem gel­ten für die Vale­ria­na­wur­zel­öle bestimm­te Merkmale:

Sie ent­hal­ten ali­pha­ti­sche, mono-und bicy­cli­sche Monoterpenkohlenwasserstoffe.

Freie und veres­ter­te Monoter­pen­al­ko­ho­le sind durch Ter­pi­neol, Gera­ni­ol, Myr­tenol und Bor­neol vertreten.

Cha­rak­te­ris­ti­sche Kom­po­nen­ten der Vale­ria­na­ceen­öle sind azu­leno­ge­ne und nichta­zu­leno­ge­ne Ses­qui­ter­pe­ne, so Kessan­de­ri­va­te, Valeran­de­ri­va­te, Deri­va­te der Valer­en­säu­re und Eremophilanderivate.

Die frisch gegra­be­ne Dro­ge riecht anders als die getrock­ne­te. Man nimmt an, daß aus geruch­lo­sen Vor­stu­fen der leben­den Pflan­ze zusätz­lich Geruchs­trä­ger ent­ste­hen. Aller Wahr­schein­lich­keit nach spie­len dabei Umes­te­run­gen der Val­epo­tria­te eine Rol­le, die leicht Isova­le­ri­an­säu­re, Iso­ca­pron­säu­re und ande­re Fett­säu­ren abspal­ten, die dann der Dro­ge den unan­ge­neh­men Geruch verleihen.

Wirkungsweise

Im Jah­re 1971 konn­te Thiess durch Tier­ver­su­che bele­gen, daß die Val­epo­tria­te wirk­sam sind, aber erst kli­ni­sche Unter­su­chun­gen konn­ten ihr Wirk­pro­fil ein­deu­tig ermit­teln: Psy­cho­trop akti­vie­ren­de Wir­kun­gen füh­ren durch Anhe­bung des Kon­zen­tra­ti­ons- und Leis­tungs­ver­mö­gens zu einer mil­den Sedie­rung. In der Kli­nik bezeich­net man die­se Wir­kung als äqui­li­brie­rend. Neben den Begriff des Tran­qui­li­zers wird der des Äquil­ans gestellt.

Papa­verin-ähn­li­che, spas­mo­ly­ti­sche Wir­kun­gen kom­men der Valer­en­säu­re zu, einem ter­pen­o­iden Inhalts­stoff, der nach G. Büchi et al. (1960) eine irre­gu­lär auf­ge­bau­te Ses­qui­ter­pen­säu­re ist. Das Koh­len­stoff­ge­rüst die­ser Säu­re kann man sich aus einem Ses­qui­ter­pen des Gua­jan­typs durch Ring­ver­en­ge­rung ent­stan­den denken.

Medizinische Verwendung

Die Dro­ge wird als Äquil­ans, Seda­tiv­um und Spas­mo­ly­ti­kum ver­wen­det. Sie ist ent­hal­ten in den Spe­ci­es car­mi­na­tiv­ae und Spe­ci­es seda­tiv­ae. Die Tinc­tu­ra vale­ria­nae wird aus der fri­schen Dro­ge bereitet.