Beifuss - Kraut der Magier und Schamane

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Das Kraut ist eine der wichtigsten Ritualpflanzen der Welt: Kein Schamane oder Heiler auf der nördlichen Halbkugel kam ohne sie aus. Beifuss ist ebenso eine uralte Heilpflanze. Doch während sie heute in Europa rituell wie medizinisch praktisch bedeutungslos ist, erfährt sie in Asien noch eine hohe Wertschätzung. Dort ist sie wesentlicher Teil der Moxa-Behandlung. In der Zukunft könnten Beifuss-Extrakte im Kampf gegen Malaria helfen.

Beifuss (Artemisia vulgaris) ist eine unscheinbare Heilpflanze. Obwohl sie auf allen nährstoffreichen Böden wuchert, Wegränder oder unbebaute Plätzen belebt, bleibt sie dennoch oft unbeachtet. Die meisten Menschen betrachten Beifuss als Unkraut und das mag auch mit ihrem Erscheinungsbild zu tun haben. Sie macht auf den ersten Blick einen unattraktiven Eindruck: Ihre Blätter sind tief gesägt und von dunkelgrün-grauer Farbe. Selbst die Blüten sind kaum als solche erkennbar, denn sie sind unauffällig und fast farblos. Vielleicht verleitet uns ihre Allgegenwart dazu, sie zu übersehen? Für unsere Altvorderen hingegen hatte sie eine geradezu sagenhafte Bedeutung. Die Sachsen verehrten Beifuss beispielsweise als heilige, schützende Pflanze des Wotan. Römer bauten sie entlang ihrer Heerstraße an, um Soldaten und Reisenden eine leicht greifbare Heil-Anwendung zu ermöglichen: Sie wurde um die Füße gebunden und half gegen Erschöpfung und müde Füße. Welcher Bedeutung Beifuss als magischer Pflanze beigemessen wurde, lässt sich an diesem angelsächsischen Zaubersegen erkennen:

„Erinnere dich, Beifuss, was du verkündest, was du anordnetest in feierlicher Kundgebung. Una heisst du, das älteste der Kräuter; Du hast Macht gegen 3 und gegen 30, Du hast Macht gegen Gift und Ansteckung, Du hast Macht gegen das Übel, das über das Land dahinfährt“.[1]

Das Kraut wurde nicht nur bei Vergiftungen oder Bissen von Tieren aller Art eingesetzt, sondern auch vorbeugend gegen wilde Tiere, Sonnenstich oder sogar zum Schutz gegen den Teufel selbst verwandt. Denn wer „byfuß in synem huß hait, dem mag der tuffel keyn schaden zu fugen“.[2] Das machtvolle Kraut wurde deshalb auch zur Abwendung von Unheil oder dem bösen Blick über der Eingangstür aufgehängt. Am Johannistag umgürteten sich Menschen mit Beifuss und warfen ihn in der Nacht in ein Feuer - eine vorbeugende Maßnahme, um ein Jahr lang vor Krankheiten geschützt zu sein.

Magie/Schamanismus

So alt wie die magische Praxis des Entzündens von Räucherwerk ist, so alt ist die Verwendung von Beifuss - nachweisbar zehntausende von Jahren. Modernen Drogenforscher oder Pharmazeuten bleibt völlig unklar, warum unsere Vorfahren eine Pflanze ins Zentrum ihrer schamanischen Ritualpraktiken wählten, die nicht nur unscheinbar aussieht, sondern auch keinerlei nachweisbar psychotrope oder halluzinogene Wirkung hat. Aber Vorsicht: Diese Frage lenkt bereits so sehr von einer unvoreingenommenen wissenschaftlichen Phänomenologie der Beisfuss-Verwendung ab, wie nur irgendmöglich. Psychotrope oder halluzinogene Drogen erzeugen eben nur ein neuronales Ungewitter im Kopf. Dessen vergängliche Traumprodukte erlauben keine Unterscheidung, ob das Erleben einfach nur chemisch erzeugt ist oder nicht. Beifuss hingegen wird seit Jahrzehntausenden rituell und medizinisch verwendet. Das ist ein Fakt - auch wenn wir anhand seiner chemischen Zusammensetzung nicht verstehen, wie es beispielsweise den Teufel austreiben soll, an den wir sowieso kaum noch glauben. Zusammengefasst hat Beifuss bei den überlieferten Ritual-Praktiken zwei Hauptkomponenten: Erstens ist es ein wichtiges „Reisekraut“, das Verwendung findet, wenn Verbindung zwischen der „jenseitigen“ Ahnen- oder Götterwelt aufgenommen werden sollen. Zweitens gilt es als dämonenvertreibend, zauberabwehrend oder reinigend. Der „Verlust“ von Beifuss im christlichen Abendland - zu Gunsten halluzinogener Weihrauche - ist weitgehend erfolgreich. Lediglich die Weiterverwendung bei der ursprünglich aus dem Schamanismus stammenden Behandlungstechnik der Moxibustion - ebenfalls ein Entzünden von Räucherwerk - kommt Beifuss noch zu vollen magischen Ehren.

Das Frauenheilmittel

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Beifuss (Artemisia vulgaris)

Der Name des Krauts lässt sich auf die griechische Göttin der Jagd Artemis (lat. Diana) zurückführen, unter deren besonderen Schutz die Heilpflanze stand. In Ägypten war sie der Isis geweiht. Beifuss galt als besonders wirksam bei Frauen-Erkrankungen oder -Beschwerden. Hippokrates beispielsweise beschrieb die Pflanze als menstruationsfördernd, Loncicerus als erleichternd für Geburt und Nachgeburtsphase. Beifuss wurde auch als Wurmmittel verwendet. Diese Einsatzmöglichkeit wird von Dioskurides ausführlich dokumentiert. Der griechische Arzt beschreibt die Pflanze in seiner Arzneimittellehre aus dem ersten Jahrhundert nach Christi genau und unterscheidet zwischen Wermut, dem See- und Santoninbeifuss: „Der Seebeifuss - einige nennen ihn auch Seriphon - (...) ist voll von kleinen Samen, etwas bitter, dem Magen nicht bekömmlich, von durchdringendem Geruch und mit einer gewissen Wärme adstringierend. Dieser (...) tödtet Askariden und runde Würmer und treibt sie leicht aus“.[3] Auch der Santoninbeifuss wird von Dioskurides mit ähnlicher Wirkung beschrieben.

Volksheilkundliche Verwendungen

In der Humoralpathologie wurde Beifuss als trocken, warm und zusammenziehend (adstringierend) eingeordnet. Deshalb wurden seine „erwärmenden“ Fähigkeiten bei „kaltem“ und „schlecht verdauendem Magen“ oder bei Erkältungskrankheiten mit „kaltem, zähem Schleim“ als Gegenmaßnahme empfohlen. Auch als Wärme zuführendes Zusatzmittel wie zum Beispiel zu Salben oder Pflastern ist Beifuss bekannt. Sie wurden in Form von Wickeln, Auflagen oder Kompressen bei Rheumaerkrankungen auf die schmerzenden Gelenke oder bei Rückenschmerzen verwendet. Der Pflanze kam auch eine reinigende Wirkung zu: Magen- und Darmstörungen einhergehend mit Mundgeruch oder übel riechenden Durchfällen wurden mit Beifuss behandelt. Traditionell kam auch die Wurzel zum Einsatz. Sie galt als Mittel gegen Angst- und Schwächezustände, Depression, allgemeine Reizbarkeit und Unruhe, wie auch Psychoneurosen oder Schlafstörungen. Beifuss, der in der Literatur oft als „kleiner Bruder des Wermut“ bezeichnet wird, wirkt schwächer als Wermut und ist auch nicht so bitter. Seine verdauungsfördernde Wirkung ist bei uns nicht vergessen: Der aromatisch bittere Geschmack des Krauts und die süßlich-scharf schmeckende Wurzel werden immer noch geschätzt. Und so findet Beifuss bei traditionellen, schweren Gerichten wie zum Beispiel bei Aal, Enten, Hammel- oder Gänsebraten als Gewürz zur „Unterstützung der Verdauung“ Verwendung.

Botanik:

Synonyme:

Gewürzbeifuss, Jungfernkraut, Beifusskraut, Weibergürtelkraut, Fliegenkraut, Gänsekraut, Johannishaupt, Johannisgürtelkraut, Sonnenwendkraut, Wilder Wermut, Besenkraut, Werzwisch, Amarella (it.), Armoise (franz.), Mugwort (engl.)

Die Pflanze gehört zur Familie der Korbblütler (Asteraceae). Sie wird bis zu 1,50 Meter hoch. Die Stängel sind aufrecht, derb und kantig. Sie sind außerdem rispig verzweigt angeordnet, flaumig und behaart. Die Blätter sind 5-10 cm lang, derb, an der Oberseite von dunkelgrüner Farbe und meist unbehaart. Die Unterseite ist weiss und filzig. Beifuss hat untensitzende rosettenständig angeordnete kurzgestielte Blätter mit darunter sitzenden 1 bis 2 Paaren kleiner Seitenblättchen. Die übrigen Blätter sitzen fast stillos am Stängel und sind einfach lanzettlich, ganzrandig mit Zähnen versehen, die 3-6 Millimeter tief ins Blatt eingeschnitten sind. Die Blüten sind eiförmig und kurzgestielt. Sie können hängen oder aufrecht stehen und sitzen zahlreich in einer reichästig durchblätterten Rispe. Die Hüllblätter der Blüten sind außen grauweiss, filzig und mit grünem Mittelnerv. Die Blüten haben eine leicht gelbliche oder rotbraune Farbe. Die inneren Blüten sind zwittrig, die äußeren weiblich.

Im Kampf gegen Malaria

Beifuss enthält Öle wie Cineol, Thujon oder Kampfer sowie Bitterstoffe (Sesquiterpenlactone) und Gerbstoffe. In einjährigem Beifuss ist auch Artemisinin (0,1-0,09%), ein Sequiterpenlacton-Endoperoxid, enthalten. Dieser Wirkstoff und seine Anti-Malariawirkung beschäftigt Forscher in aller Welt, vor allem in China. Malaria ist eine in den Tropen und Subtropen weit verbreitete Erkrankung: Etwa 100 Millionen erkranken alljährlich neu an durch Moskitos übertragenen Malaria, etwa eine Million Menschen sterben daran. Die Erkrankung ist durch die weltweit zu¬nehmenden Resistenzbildungen der Erreger (Plasmodien) gegen Chinin und andere Antimalariamittel besonders bedrohlich und verschlechtert die Situation in den Endemiegebieten sehr. Artemisinin und einige halbsynthetische Derivate werden schon heute sehr erfolgreich in Süd-Ostasien und teilweise in Afrika bei unkomplizierten Malaria-falciparum-Erkrankungen eingesetzt. Im Gegensatz zu den klassischen Malariamitteln wurden bisher kaum Resistenzen beobachtet. Es wird angenommen, dass Artemisinin-Wirkstoffe sich in von Malariaerregern befallen roten Blutkörperchen (Erythrozyten) anreichern. Durch Abtötung früher Entwicklungsstufen der Malariaerreger (Schizonten) wird dann die Weiterentwicklung und Ausbreitung der Erreger über das Blut blockiert.

Die Moxabehandlung

Dass asiatische Wissenschaftler sich besonders mit dem Beifuss beschäftigen, hat besondere Hintergründe: In China, Tibet, Mongolei, Japan, Korea und Vietnam ist das Kraut auch heute noch wichtiger Therapie-Bestandteil traditioneller Medizinsysteme. Bei der Moxabehandlung (Moxibustion) häufig auch in Kombination mit der Akupunktur (chinesisch Zhen-Jiu) wird Beifuss in getrockneter und gepresster Form verbrannt. Während das Nadelstechen (Akupunktur) in Europa viele Anhänger als alternative Behandlungsmethode mit wissenschaftlicher Reputation hat, ist die Moxabehandlung eher eine exotische Therapieanwendung. Bei Moxabehandlungen wird zwischen direkter und indirekter Therapie unterschieden: Bei der direkten Moxabehandlung werden glimmende Moxakegel bei besonderen Indikationen direkt auf die Haut gebracht, wo sie langsam bis auf 2/3 Drittel ihrer Ausgangsgröße herunterbrennen. Oft werden auch Ingwer- oder Knoblauchscheibchen zwischen Kegel und Haut gelegt oder sogenannte Moxa-Boxen verwendet. Dies sind kleine hölzerne oder Kunststoff-Kästchen, in dem sich ein metallenes Gitter befindet. Auf diesem wird der Moxakegel abgebrannt. Um Verbrennungen zu vermeiden, müssen die Therapeuten sehr vorsichtig und umsichtig arbeiten. Beifusskegel werden häufig in Kombination mit Akupunkturnadeln (indirekte Therapie) verwandt: Auf speziellen Nadeln sitzen Moxakegel, deren in das Gewebe weitergeleitete Verbrennungswärme zusätzliche Stimulation der Akupunkturpunkte im Sinne der Traditionellen Chinesischen Medizin bewirken soll.

Selbstbehandlungen sind wegen der Verbrennungsgefahr nicht ratsam. Außerdem sind für diese Therapieform umfassende Kenntnisse über die Akupunkturpunkte notwendig, da die Kegel immer gezielt nach individueller Diagnostik auf ausge¬wählten Punkten aufgestellt werden. Nach den Vorstellungen traditioneller chinesischer Mediziner wird durch Moxabehandlung Wärme zugeführt und damit fehlende Lebensenergie (Qi) ausgeglichen. Eintritts- beziehungsweise Austritts¬punkte für die Lebensenergie sind Akupunkturpunkte, die wiederum den Meridianen, einem komplexen Qi-Leitsystem zugeordnet werden. Diesem System sind verschiedene Funktionskreise, Gefühlsqualitäten oder Umwelteinflüsse zugeordnet. Über die Behandlung von Akupunkturpunkten können Therapeuten den gestörten Energiefluss in den 12 Haupt- und 2 Sondermeridianen verändern und damit zur Selbstheilung des Organismus beitragen.

Hao Zi (Zeichen)

In China wurde Beifuss auch als „Medizinkraut“ bezeichnet. Seine Blätter waren Bestandteil eines stärkenden Tonikums. Es wurde als Mittel gegen Menstruationsbeschwerden verwendet, die Asche gegen Nasenbluten und die Samen als Tee gegen Husten verordnet. Chinesische Ärzte setzten Moxa-Behandlungen bei Kindern, älteren oder geschwächten Personen ein, weil sie nicht so anstrengend wie die Akupunktur galt. Moxa-Behandlungen an bestimmten Akupunkturpunkten hatten schützenden Charakter. Der in China berühmte Pflanzenheilkundler Sun Simiao (581-681) verweist darauf, dass Beifuss auf den Akupunkturpunkten San li vor drei Erkrankungen schützt - Malaria, Pest und Geschwüre. Und so unterzogen sich kaiserliche Beamte, die Reisen in die südlichen Regionen vornehmen mussten oder dorthin versetzt wurden, vor der Reise einer Moxa-Behandlung, um die Lebensenergie anzuregen. Bemerkenswert ist, dass auch in diesem Kulturkreis die Zahl drei (san), genau wie beim Zauberspruch der Germanen, auftaucht. Den magischen Kräften der Pflanze bedienten sich die Taoisten: Sie nutzten das Kraut, um sich ein langes Leben zu sichern, oder versuchten damit Unsterblichkeit zu erlangen.

Autor/In: Marion Kaden, natürlich leben (2008)
Quellen: 1. Madaus G: Lehrbuch der biologischen Heilmittel. 1938. Georg Thieme Verlag, Leipzig.
2. Bäumler S: Heilpflanzen Praxis heute. 2007. Elsevier Verlag, München.
3. Arzneimittellehre in fünf Büchern des Pedanios Dioskurides aus Anazarbos. Übersetzte Wiederausgabe. Verlag von Ferdinand Enke, Stuttgart 1902

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