Viper

Hahnemanns Apothekerlexikon
vorheriges KapitelZurückInhaltsverzeichnisWeiternächstes Kapitel

Viper (Vipe­ra). Unter die­sem Nah­men kömmt nicht mehr, wie in ältern Zei­ten, in uns­re Offi­zi­nen die blos in Aegyp­ten ein­hei­mi­sche Colu­ber Vipe­ra, L. [Lau­rent. Amph.S. 105. N. 231] mit 118 Bauch­schil­dern, und 20 Schwanz­schup­pen, wel­che klein, glän­zend, weiß­licht, mit brau­nen unter­misch­ten Fle­cken besetzt ist und die Augen oben über dem Kop­fe ste­hen hat.

Viel­mehr ist die häu­figs­te unter dem Nah­men Viper jezt in unse­re Apo­the­ken ein­ge­führ­te Schlan­gen­art, die Colu­ber Berus, L. [Lau­rent. Amph.S. 97. N. 216, tab. 2. f. 1.] mit 146 Bauch­schil­dern und 39 Schwanz­schup­pen, wel­che etwa andert­halb Fuß lang, in der Mit­te dau­men­dick und von Far­be grau­licht braun ist, mit einer stumpf­ge­zack­ten, schwarz­brau­nen band­ar­ti­gen Strie­fe längs dem Rücken hin, in Ita­li­en, Frank­reich und selt­ner in dem wär­mern Deutsch­land zwi­schen Fel­sen und Stein­hau­fen, bei schö­nem Wet­ter auch unter dich­tem Gebü­sche anzu­tref­fen, von Insek­ten (Kant­ha­ri­den, Skor­pio­nen) und Amphi­bi­en (Frö­schen, Eidech­sen) lebt und nach vier bis fünf­mo­nat­li­cher Träch­tig­keit an zwan­zig Jun­ge leben­dig gebiert. Ein­zig belei­digt, oder getre­ten pflegt sie zu bei­ßen, und dann aus zwei Bläs­chen einen ölar­ti­gen gif­ti­gen Saft durch die Oef­nung in der Spit­ze zwei­er beweg­li­chen Zäh­ne in die Wun­de gehen zu las­sen, wovon gewöhn­lich star­ke Ent­zün­dung, Käl­te, Ohn­mach­ten, Irre­reden, aber sel­ten der Tod erfolgt.

Von die­ser Schlan­ge brach­te man ehe­dem zu uns den getrock­ne­ten Rumpf ohne Ein­ge­wei­de, Haut, Kopf und Schwanz aus Ita­li­en, (Viper­ae exsic­ca­tae, ita­li­cae) wovon das Pul­ver bis zu zwei Skru­peln als ein Stär­kungs­mit­tel und in lang­wie­ri­gen Haut­übeln unnüt­zer­wei­se gebraucht ward – fer­ner den wei­ßen, geschmack­lo­sen Rück­grat (Ossa, s. Spinae vipe­ra-rum, s. ser­pen­tum) des­sen Pul­ver man als ein Ale­xip-har­ma­kum in bös­ar­ti­gen Fie­bern (leicht­gläu­big) brauch­te – das gel­be, ölar­ti­ge Fett (Axun­gia vipe­ra-rum) wel­ches man in die Augen strich, um Ent­zün­dun­gen der­sel­ben, vor­züg­lich aber Ver­dun­ke­lun­gen der Horn­haut damit zu hei­len und die blos zum tech­ni­schen Gebrau­che bestimm­ten Schla­gen­häu­te (Exu­viae ser­pen­tum) des schö­nen, bun­ten, glän­zen­den Ansehns wegen, um Fut­te­ra­le, Käst­chen und Degen­schei­den damit zu überziehen.

Auch zog man aus die­sen gedörr­ten Schlan­gen durch trock­ne Destil­la­ti­on das dem Hirsch­horn­sal­ze sehr ähn­li­che, übel­rie­chen­de Ammo­ni­ak­lau­gen­salz (Vipern­salz, Sal vipe­rarum) wel­ches man in hys­te­ri­schen und söpo­rö­sen Krank­hei­ten zu sechs bis zwan­zig Gran auf die Gabe in Geträn­ken neh­men ließ, rek-tifi­zir­te auch wohl das dabei über­ge­gan­ge­ne bränz­lich­te Oel (ol. viper­ae rec­ti­fi­ca­tum), um es in Hys­te­rie ein­zu­ge­ben oder in gelähm­te Glie­der einzureiben.

So über­flüs­sig aber auch die ange­führ­ten Sub­stan­zen sind, so schei­nen doch die­se Schlan­gen­ar­ten ihren seit undenk­li­chen Zei­ten her­ge­brach­ten, nicht gerin­gen arz­nei­li­chen Ruf dem in den süd­li­chen Län­dern übli­chen Gebrau­che ihres fri­schen Flei­sches zu dan­ken zu haben, wel­ches man vor­züg­lich zu Brü­hen nutz­te und nach vie­len über­ein­stim­men­den Zeug­nis­sen gro­ßen Erfolg in Skro­pheln, in fres­sen­den Geschwü­ren, Aus­sat­ze und andern übel­ar­ti­gen Haut­aus­schlä­gen, so wie in Maras­men und Erschöp­fun­gen der Kräf­te davon sah, sehr ähn­lich dem Erfol­ge vom Gebrau­che der Eidech­sen. Zu die­ser Absicht wer­den die ent­häu­te­ten, aus­ge­wei­de­ten, von Kopf und Schwanz befrei­ten und leben­dig in Stü­cken geschnit­te­nen Schlan­gen mit Was­ser bei lang­sa­mem viel­stün­di­gem Feu­er so lan­ge in einem Geschir­re mit ver­kleb­tem Deckel gekocht, bis die Brü­he (Jus vipe­rinum) gal­lert­ar­tig wird, wor­auf man sie (nach Abneh­mung des oben schwim­men­den Fet­tes) ent­we­der warm, eini­ge Zeit über, in grö­ßern oder klei­nern Por­tio­nen trin­ken, oder stär­ker ein­ge­sot­ten und in der Käl­te zu Gal­ler­te gelie­fert, thee­löf­fel­wei­se neh­men läßt.

Da man hie­zu jene ange­führ­ten, aus­län­di­schen Schlan­gen nicht, lez­te­re wenigs­tens nicht über­all in Deutsch­land haben kann, und die gan­ze Gat­tung Colu­berglei­che oder doch ähn­li­che arz­nei­li­che Kräf­te besitzt, so wer­den mit Fuge ande­re Schlan­gen­ar­ten dazu gebraucht, näm­lich nach dem Bei­spie­le Frank­reichs und Schwe­dens uns­re gemei­ne Schlan­ge, Colu-ber Natrix, L. [Mey­er, Thie­re, tab. 89, 90] mit etwa 170 Bauch­schil­dern und etwa 60 Schwanz­schup­pen, wel­che von ver­schied­nen Far­ben und von drei bis vier­te­halb Fuß Län­ge sich an war­men Orten, in Gebü­schen und Stäl­len auf­hält, ihre zusam­men­kle­ben­den Eier­klum­pen in Mist­hau­fen oder ver­rot­te­te Baum­stäm­me legt, und von ganz unge­fähr­li­chem Bis­se ist.

Eben so kann man im käl­tern Deutsch­land die in Eng­land, zu ange­führ­ten Behu­fen gewöhn­li­che Schlan­ge, Colu­ber Pres­ter, L. [Lau­rent. Amphib.S. 98, N. 217] mit 152 Bauch­schil­dern und 32 Schwanz­schup­pen hie­zu wäh­len, wel­che unge­fleckt und von ganz schwar­zer Far­be, zwar im nörd­li­chen Asi­en, aber nicht im käl­tern Euro­pa von gif­ti­gem Bis­se ist, des­sen Fol­gen durch inner­lich genom­me­nes, und äu-sser­lich warm ein­ge­rie­be­nes Baum­öl zu ver­hü­ten sind – eine Behand­lung, die auch auf den Biß and­rer gefähr­li­chen Schlan­gen paßt, bei denen man etwa noch inner­lich genom­me­nes mil­des oder ätzen­des Ammo­ni­ak­lau­gen­salz zu Hül­fe zu neh­men pflegt.