Rizinuswunderbaum

Hahnemanns Apothekerlexikon
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Rizi­nus­wun­der­baum, Rici­nus com­mu­nis, L. [Zorn, pl. med. tab. 131] mit schild­ar­ti­gen, fast hand­för­mi­gen, säge­ar­tig gezahn­ten Blät­tern, wel­che wie der Stamm mehr­far­big sind, ein mit­tel­mä­ßi­ger Baum, in den hei­ßen Erd­stri­chen, und im süd­li­chen Euro­pa ein­hei­misch, wel­cher in unsern Gär­ten zur ein- und zwei­jäh­ri­gen, fünf bis sechs Schuh hohen Pflan­ze wird.

Jede der rund­lich­ten, mit saf­ti­gen, wei­chen Sta­cheln besetz­ten, hasel­nuß­gro­ßen, drei­fä­che­ri­gen Samen­kap­seln ent­hält in jeder ihrer drei Fächer einen läng­lich­ten von bei­den Sei­ten plat­ten, einer klei­nen Zucker­boh­ne gro­ßen Samen­kern, (Pur­gir­kör­ner, Sem. Rici­ni vul­ga­ris, Cata­pu­tiae majo­res, rich­ti­ger aber Catap. mediae, um sie sorg­fäl­tig von den Samen der Schwarz­brech­nuß zu unter­schei­den, die in ältern Zei­ten eben­falls Cata­pu­tiae majo­reshie­ßen) wel­cher unter einer glän­zen­den, braun und grün gestreif­ten, mit einer her­vor­ste­chen­den blaß­gel­ben Nar­be ver­seh-nen, zer­brech­li­chen Scha­le einen wei­ßen, (mit einem wei­ßen, geschmack­lo­sen Häut­chen umklei­de­ten) zweit­hei­li­gen, fet­ten Kern ent­hält, von bit­term, schärf­lich­tem, bei­ßen­dem Geschma­cke, wel­cher lan­ge im Gau­men hän­gen bleibt. Auf zwei Wegen erhält man ein fet­tes Oel (Ole­um Rici­ni, Ol. de Ker­va, de Cher-va, Ole­um Palmae Chris­ti, unei­gent­lich Ole­um Pal-mae liqui­dumgenannt) dar­aus. Man zer­stampft ent­we­der die auf einem Digesto­ri­um getrock­ne­ten, noch war­men, von ihrer Scha­le in einem höl­zer­nen Mör­sel mit höl­zer­ner Keu­le befrei­ten Ker­ne so vor sich in einem stei­ner­nen Mör­sel, und kocht die Mas­se mit sechs bis acht­mahl so viel Was­ser in einem irde­nen Gefä­ße so lan­ge, als noch Oel auf die Ober­flä­che steigt, wel­ches man mit einem Löf­fel abnimmt, wor­aus zwar (oft die Hälf­te der Ker­ne) an Oele gewon­nen, aber der Ran­zig­keit sehr unter­wor­fen befun­den wird. Auf die and­re Wei­se wird das Oel durch blo­ßes Aus­pres­sen der Ker­ne erhal­ten, wenn man die Samen nach vor­gän­gi­ger völ­li­ger Trock­nung (damit der Schleim dar­in ver­här­te, und die Abschei­dung des Oels nicht hind­re) ent­we­der, wie oben gesagt, ent­hül­set, oder auch mit der Scha­le (in wel­cher die meis­te Pur-gir­kraft liegt) so ganz und unzer­sto­ßen kalt in einem här­nen Sack ein­ge­schlos­sen zwi­schen zwei erwärm­ten Plat­ten der Pres­se unter­wirft, da man dann ein wei­ßes, oder grün­li­ches, im fri­schen Zustan­de etwas trü­bes und zähes, sonst geruch­lo­ses, schwach schme­cken­des Oel, (gewöhn­lich 3/​14 bis 5/​14 an Men­ge), erhält, wel­ches in der stärks­ten Käl­te nicht gerinnt, und das schwers­te unter allen aus­ge­preß­ten Oelen, von 9612 spe­zi­fi­schem Gewich­te ist. (Sind die Samen nicht recht tro­cken gewe­sen, so wird das Oel sal­ben­ähn­lich dick und blaß­gelb an Far­be.) Durch das Alter wird es dick­li­cher und bekömmt die Kon­sis­tenz des Honigs.

So ist es mit dem Oele aus dem selbst gezo­ge­nen Samen die­ser Pflan­ze beschaffen.

Eini­ge haben sich aus Ame­ri­ka Samen zu die­sem Behu­fe kom­men las­sen, und (ver­muth­lich wegen des schwan­ken­den Nah­mens Sem. Rici­ni majo­ris, oder Cata­pu­tiae majo­ris) einen etwas grö­ßern in glat­ten, wall­nuß gro­ßen Frucht­bäl­gen ent­hal­te­nen Samen bekom­men, von dem Rici­nus iner­mis, Jacq. [Jac­quin, Misc. aus­tr. II. Icon. rar. tab. 28. S.]einen Bau­me, der sich von ersterm durch Drü­sen an den Blatt­stie­len und sta­chel­lo­se Samen­kap­seln unter­schei­det. Die­ser gewöhn­lich alte Samen gie­bt aber ein flüs­si­ges, etwas ran­zi­ges Oel, daher es immer Pflicht des Apo­the­kers ist, zumahl da auch das von aus­wärts gekauf­te Oel oft ran­zig ist, sich die Samen selbst zu zie­hen, und selbst das Oel dar­aus zu pres­sen, um von der Güte eines Arz­nei­mit­tels über­zeugt zu seyn, wel­ches man zuwei­len in sehr schwie­ri­gen Fäl­len anzu­wen­den pflegt; man müß­te denn den Samen von Rici­nus iner­misfrisch zu erhal­ten wis­sen, wie die Eng­län­der, wel­che dar­aus gewöhn­lich ihr cas­tor-oil pres­sen. Bei­de Samen schei­nen in fri­schem Zustan­de glei­che Arz­nei­kräf­te zu besit­zen. Die Ver­dor­ben­heit des Rizi­nus­sa­mens erkennt man an dem Hanf­sa­men ähn­li­chen Geschmacke.

Man gie­bt das Rizi­nus­öl am bes­ten in klei­nen Gaben auf ein­mahl, um Uebel­keit und Erbre­chen zu ver­mei­den, Erwach­se­nen etwa zu einer hal­ben Unze (einem Eßlöf­fel voll) alle Stun­den. Vor sich und ohne Zusatz neh­men es wenig Men­schen gern ein. Oft reibt man es mit einer glei­chen Men­ge Zucker zum Oel­zu­cker, oder mit einem Sirup oder Honig zusam­men, wie etwa für Kin­der; ange­neh­mer noch, wenn auch etwas Zitron­saft zuge­setzt wird. Auch gie­bt man es mit Eidot­ter (auf zwei Unzen Oel ein Dot­ter) abge­rie­ben und in Pfef­fer­münz­was­ser zur Emul­si­on auf­gelößt. Mit der dop­pel­ten Men­ge Schleim von ara­bi­schem Gum­mi zur Emul­si­on gerie­ben, und etwas Sirup dar­un­ter, scheint es eine noch ein­fa­che­re Form zu seyn. Doch geben es die Eng­län­der, wel­che am meis­ten Erfah­rung mit die­sem Mit­tel haben, wie mich deucht, am zweck­mä­ßigs­ten bloß auf etwas Pfef­fer­münz­was­ser schwim­mend ein.

Es wird mit gro­ßem Nut­zen in meh­rern Arten von Kolik, beson­ders der von Nie­ren­stei­nen und Blei­ver­gif­tung gege­ben; den Band­wurm (Tae­nia lata) hat es nicht nur in Ver­bin­dung ande­rer Mit­tel, son­dern sogar allein abge­trie­ben. In hart­nä­cki­ger Lei­bes­ver­stop­fung, selbst in der Darm­gicht ist es ein schätz­ba­res Mit­tel, vor­züg­lich da es unter die schnell­wirkends­ten Abfüh­rungs­mit­tel zu rech­nen ist; auch in der Ruhr hat man Diens­te davon gehabt.

Auch in abfüh­ren­den Klysti­ren hat man es verordnet.

Der Samen selbst ist bloß in der ältern rohern Pra­xis als Abfüh­rungs­mit­tel gege­ben wor­den, bis zu sechs Gran auf die Gabe; aber schon ein Paar Kör­ner sind eine gefähr­li­che Gabe, wenn sie noch mit ihrer Hül­fe umklei­det sind. Sich­rer und emp­feh­lens­wert­her wäre es, den abge­schäl­ten Samen zur Emul­si­on berei­tet und durch­ge­sei­het zu verordnen.