Stickstoffoxydul (S. 244–246)

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Quel­le: Magnus Hirsch­feld & Richard Lin­sert: Lie­bes­mit­tel — Eine Dar­stel­lung der geschlecht­li­chen Reiz­mit­tel /​​ Aphro­di­sia­ca (MAN Ver­lag, Ber­lin, 1930)

Liebesmittel

Hin­weis:

  • Nie­mand wird in irgend­ei­ner Form auf­ge­for­dert, irgend­ei­ne der hier behan­del­ten Sub­stan­zen, Potenz­mit­tel oder Rezep­tu­ren zu sich zu neh­men. Kein Hin­weis ist ein Rat­schlag für Kran­ke. Kei­ne hier dar­ge­bo­te­ne Infor­ma­ti­on soll die Selbst­me­di­ka­ti­on unter­stüt­zen. Ach­tung – das Leben birgt Risi­ken und Gefah­ren und endet immer töd­lich! Bis dahin kann es jedoch ver­süßt werden.

Stickstoffoxydul (S. 244–246)

Ero­ti­sche Sen­sa­tio­nen und eine manch­mal gera­de­zu gewal­tig gestei­ger­te Geschlechts­lust sind am häu­figs­ten bei Anwen­dung des Stick­stoff­oxy­duls beob­ach­tet wor­den. Nach Bux­ton dürf­te die Reiz­wir­kung auf eine Rei­zung des Cen­trum geni­to­spi­na­le zurück­zu­füh­ren sein. Er schreibt (zit. nach Blum): “Die bei der N20 Nar­ko­se häu­fig vor­kom­men­de Rei­zung der Len­den­zen­tren bewirkt zuwei­len Aus­schei­dung von Kot und Harn, sowie sexu­el­le Erre­gung bei bei­den Geschlech­tern, wes­halb es höchst wich­tig für den Ope­ra­teur ist, bei allen Nar­ko­sen eine drit­te Per­son anwe­send zu haben.” Nach Lewin soll in 6% der Fäl­le eine ero­ti­sche Erre­gung des Kon­su­men­ten auf­tre­ten, die Lewin als Ersti­ckungs­sym­ptom auf­faßt. Krä­pe­lin sagt: “Die Stick­stoff­oxy­dul-Nar­ko­se hat eine gewis­se prak­ti­sche Wich­tig­keit erlangt, wegen der bei ihr beob­ach­te­ten Häu­fig­keit und Deut­lich­keit geschlecht­li­cher Hal­lu­zi­na­tio­nen, die schon mehr­fach zu fal­scher Anschul­di­gung der nar­ko­ti­sie­ren­den Zahn­ärz­te geführt hat.” Seitz führt aus: “Eine beson­de­re Wir­kung scheint das Gas noch auf die Zen­tren der Geni­tal­ap­pa­ra­te aus­zu­üben, indem sexu­el­le Erre­gun­gen bei die­sen Nar­ko­sen zu den Regel­mä­ßig­kei­ten gehö­ren. Aller­dings ist das Erek­ti­ons­zen­trum im Rücken­mark, dem domi­nie­ren­den Vaso­dila­to­ren­zen­trum der Oblon­ga­ta, von wel­chem aus abwärts durch das Rücken­mark Ver­bin­dungs­fa­sern zu jenem hin­zie­hen, unter­ge­ord­net und hat des­halb eine Rei­zung des Rücken­marks auf­wärts, wie sie z. B. durch Ersti­ckungs­blut statt­fin­det, Erek­ti­on oder doch wenigs­tens sexu­el­le Erre­gung zur Fol­ge, und läßt sich die­sel­be des­halb auch als Fol­ge­er­schei­nung der durch den Luft­ab­schluß beding­ten asphyk­ti­schen Blut­mi­schung betrach­ten, wel­che Annah­me noch an Wahr­schein­lich­keit gewinnt, wenn wir beden­ken, daß die dys­pnoe­ti­sche Blut­mi­schung bei der N20 Nar­ko­se schon vor Läh­mung der Rücken­mark­zen­tren statt­fin­det, also zu einer Zeit, wo die­sel­ben für eine Rei­zung noch emp­fäng­lich sind.” Ähn­li­che Schil­de­run­gen fin­det man noch bei Han­kel, Peter­mann, Busch u. a. m.

Die psy­cho­phy­sio­lo­gi­sche Wir­kung des Stick­stoff­oxy­duls fiel bereits sei­nem Ent­de­cker, dem eng­li­schen Che­mi­ker Hum­phry Davy (1778–1829) auf, weil sie neben kör­per­li­chem Wohl­be­ha­gen einen anwach­sen­den Lust- und Erre­gungs­zu­stand erzeug­ten. Davy hat in sei­ner Selbst­be­ob­ach­tung (1799) das Lach­gas­ex­pe­ri­ment genau beschrie­ben und wir geben dar­aus fol­gen­des wie­der: ” – - Die ange­neh­me Emp­fin­dung war anfangs bloß auf ein­zel­ne Stel­len beschränkt, ich bemerk­te sie nur in den Lip­pen und in den Wan­gen; dann ver­brei­te­te sie sich aber all­mäh­lich über den gan­zen Kör­per, und in der Mit­te des Ver­su­ches war sie einen Augen­blick lang so stark und so rein, daß sie mir in die­sem Augen­bli­cke, jedoch nicht frü­her, mein Bewußt­sein raub­te. Ich kam jedoch schnell wie­der zur Besin­nung, und durch Lachen und Stamp­fen such­te ich einem bei dem Ver­su­che gegen­wär­ti­gen Freund das gro­ße Wohl­be­ha­gen aus­zu­drü­cken, wel­ches mir das Atmen des Gases verursachte. -”

Sodann bei einem ande­ren Versuch:

“Ich hat­te wie­der ähn­li­che Emp­fin­dun­gen wie vor­her; jenes ange­neh­me Ent­zü­cken kehr­te schnell zurück und es dau­er­te dies­mal län­ger, wie das vori­ge Mal; mei­ne Fröh­lich­keit währ­te bei­na­he zwei Stun­den lang; aber noch weit län­ger das vor­her­be­schrie­be­ne, mit Träg­heit ver­bun­de­ne sanf­te Ver­gnü­gen. Ich ver­zehr­te mei­ne Mit­tags­mahl­zeit mit gro­ßem Appe­tit, und fühl­te mich unmit­tel­bar dar­auf recht mun­ter und zur Tätig­keit geneigt. Den Abend brach­te ich mit dem Anstel­len von che­mi­schen Ver­su­chen zu; in der Nacht fühl­te ich mich unge­wöhn­lich frisch und mun­ter, und zwi­schen 11 und 2 Uhr beschäf­tig­te ich mich damit, die hier mit­ge­teil­ten Nach­rich­ten aus mei­nem Tage­bu­che abzu­schrei­ben und die ange­stell­ten Ver­su­che zu ord­nen. Die Zeit im Bet­te brach­te ich in tie­fem Schlaf zu. Als ich mor­gens erwach­te, geschah es mit einem ange­neh­men Gefühl mei­nes Daseins, und die­ses Gefühl dau­er­te schwä­cher oder stär­ker den gan­zen Tag über”.

Das Gefähr­li­che der Lach­gas­ver­wen­dung liegt vor allen Din­gen in den Sin­nes­täu­schun­gen, denen die Pati­en­ten aus­ge­setzt sind. In der Lite­ra­tur wer­den zahl­rei­che Fäl­le berich­tet, in denen die Pati­en­ten nach der Nar­ko­se behaup­te­ten, daß sie der Nar­ko­ti­seur geschlecht­lich miß­braucht habe. Einen der bekann­tes­ten Fäl­le teilt Peter­mann mit: Ein Zahn­arzt Thein ver­ab­folg­te im Jah­re 1883 in Frank­furt am Main einem Dienst­mäd­chen eine Stick­stoff­oxy­dul­nar­ko­se in Gegen­wart einer drit­ten Per­son, die den Gaso­me­ter zu bedie­nen hat­te. Nach zwei Tagen erschien der Gelieb­te der Pati­en­tin und behaup­te­te, daß sei­ne Braut nach der Behand­lung hef­tig wei­nend mit zer­zaus­tem Haar, zer­kratz­ten Hän­den und zer­knit­ter­ter Schür­ze in der Küche von ihm ange­trof­fen wor­den sei und ihm mit­ge­teilt habe, sie sei wäh­rend der Nar­ko­se, wäh­rend der sie nicht betäubt gewe­sen sei, von dem Zahn­arzt geschlecht­lich miß­braucht wor­den. Die Behaup­tun­gen des Dienst­mäd­chens führ­ten tat­säch­lich zu einer gericht­li­chen Ver­hand­lung, in der übri­gens eine Rei­he bekann­ter Chir­ur­gen in einem Gut­ach­ten erklär­ten, daß das Stick­stoff­oxy­dul tat­säch­lich zu Sin­nes­täu­schun­gen geschlecht­li­cher Art füh­ren könne.

Die Vehe­menz die­ser Reiz­wir­kung wird deut­lich durch Witt beschrie­ben, der mit­teilt, daß ein Offi­zier nach dem sech­zehn­ten Atem­zug mit­ten in der begin­nen­den Nar­ko­se sich mit Gewalt die Bein­klei­der öff­ne­te, mit der Hand die Geni­ta­li­en erfaß­te und zu ona­nie­ren ver­such­te. Ein Metz­ger, der ganz ähn­lich ver­fuhr, erzähl­te hin­ter­her, er habe geträumt, im Coitus begrif­fen zu sein.