Entfärbung

Hahnemanns Apothekerlexikon
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Ent­fär­bung, ist die Ver­rich­tung, wodurch man eine zwar durch­sich­ti­ge, aber dun­kel­far­bi­ge, meh­rent­heils gel­be oder brau­ne Flüs­sig­keit hell und farbelos zu machen sucht durch Zer­stö­rung ihres Extrak­tiv­stof­fes, wel­cher meis­tent­heils ein bränz­licht gewor­de­nes Glu-ten ist. Die­sen Zweck hat man weder bei fri­schen Pflan­zen­säf­ten, noch bey Aus­zü­gen oder Abko­chun­gen dür­rer Gewäch­se, wel­che roh oder ein­ge­dickt als Arz­ney ver­braucht wer­den sol­len; ihre Kraft ist gemei­nig­lich mit ihrer Far­big­keit unzer­trenn­bar: wohl aber hat man dieß bei Auf­lö­sun­gen der Sal­ze zur Absicht, die man in ihrer Rei­nig­keit nicht eher her­stel­len kann, als bis die sie ent­hal­ten­de Lau­ge was­ser­hell gewor­den ist.

Sal­ze, wel­che ohne sich zu zer­set­zen, einen hohen Grad von Feu­er aus­hal­ten kön­nen, las­sen sich ohne Umschwei­fe und am gewis­ses­ten von dem braun­fär-ben­den Stof­fe durch ein stär­ke­res oder schwä­che­res Glü­hen rei­ni­gen, z.B. rohe Pota­sche, roher Borax, schmu­zi­ges Glau­ber­salz, u.s.w.

And­re Flüs­sig­kei­ten und Sal­ze las­sen sich durch behut­sa­mes Ueber­trei­ben und Rek­ti­fi­zi­ren (z.B. Vitriol­öl, Sal­mi­ak, u.s.w.) rei­ni­gen und weiß machen.

And­re Sal­ze las­sen sich ihrer Schwer­auf­lös­lich­keit wegen (z.B. Vitriol­wein­stein, Gyps, Wein­stein, u.s.w.) durch öfte­res Anschie­ßen, and­re hin­ge­gen, ver­mö­ge ihrer leich­ten Anschieß­bar­keit in der Käl­te, durch Krystal­li­si­ren bei Fros­te rein her­stel­len, z.B. Sal­pe­ter, Alau­ne, u.s.w.

Aus andern Sal­zen las­sen sich die brau­nen Lau­gen durch eine Art von Sei­ge­rung her­aus­brin­gen, wie der Sirop aus dem schlech­tern Zucker durch Auf­le­gung feuch­ten Thons, wel­ches man erden nennt. Und so läßt sich noch aus dem Potasch­essig­s­al­ze die brau­ne Lau­ge und aus dem Diges­tiv­sal­ze das Mine­ral­lau­gen­salz (bei Ver­fer­ti­gung des lez­tern aus Koch­salz durch Pota­sche) ausscheiden.

Doch, von allen die­sen Hand­grif­fen ist man längst unter­rich­tet, und wir haben es hier weni­ger mit der Abson­de­rung der brau­nen Lau­gen von den rei­nern Sal­zen, als viel­mehr mit Ent­fär­bung der ihres Extrak­tiv­stof­fes wegen unan­schies­ba­ren, zähen, brau­nen Lau­gen selbst zu thun vor­züg­lich sol­chen, wel­che wegen ihrer leich­ten Zer­stör­bar­keit im Feu­er nur in der Käl­te oder doch bei gerin­ger Wär­me ent­färbt wer­den müssen.

Die älte­re Phar­ma­zie hat­te hie­zu fast gar kei­ne Hülfs­mit­tel (denn das beschwer­li­che öfte­re Auf­lö­sen und Wie­der­an­schie­ßen war wenigs­tens bei leicht auf­lös­li­chen Sal­zen, z.B. dem Potasch­essig­s­al­ze, von höchst gerin­gem Nut­zen) und nur in ganz neu­ern Zei­ten ist man dar­inn wei­ter gekom­men. Lowitz hat die meis­ten Ver­diens­te hier­um, indem er zufäl­lig ent­deck­te, daß ein star­ker Zusatz von frisch gepul­ver­ter Holz­koh­le brau­ne Lau­gen hell­fär­bi­ger und zuwei­len farb­los macht. Die Umstän­de bei die­ser Ent­fär­bung sind noch nicht völ­lig aufs rei­ne, da sie eini­gen Schei­de­künst­lern gelun­gen, andern mis­lun­gen ist. So viel ist nach mei­nen neu­ern Erfah­run­gen gewiß, daß Salz­lau­gen vor­züg­lich die mit her­vor­ste­chen­der Säu­re in mehr­tä­gi­ger kal­ten oder doch nur lau­en Diges­ti­on immer hell­fär­bi­ger und flüs­si­ger wer­den; (vor­aus­ge­setzt, daß man eher zu viel als zu wenig wohl aus­ge­glüh­te und sehr fein gepül­ver­te Holz­koh­len dazu gemischt hat­te) ob die­se Ent­fär­bung aber durch stär­ke­re Wär­me beschleu­nigt wer­den kön­ne und ob auch alka­li­sche Sal­ze auf die­se Art ent­brenn­bart wer­den, ist noch man­chen Zwei­feln unter­wor­fen. Zuver­läs­sig ist indeß, daß die­ser Zusatz des Holz­koh­len­pul­vers in einer mehr­tä­gi­gen Diges­ti­on, bei Berei­tung der wesent­li­chen Wein­stein­säu­re, des Sau­er­klee­sal­zes, der Essig­krystal­len aus dem ent­wäs­ser­ten Essig, und einer Men­ge Neu­tral­sal­zen, vort­re­f­li­chen Nut­zen leis­tet, nur daß ein Theil Säu­re dabei zer­setzt und zer­stört wird. Fin­det man nun die Lau­gen hell­far­big genug, so wer­den sie von Koh­len­pul­ver mit­telst des Durch­sei­hens durch dich­te Fil­tra befrei­et und zum Anschie­ßen voll­ends abge­dampft. Wol­len sie nicht klar durchs Fil­t­rum gehen, so war nicht hin­rei­chend viel Koh­len­pul­ver genom­men worden.

Da ich ver­mu­the­te, daß das an den Koh­len hän­gen­de Kaus­ti­kum eine ver­dich­ten­de Kraft auf den Extrak-tiv­s­tof äuße­re, und ihn so mit sich nie­der­schla­ge, so ver­such­te ich auch den gebrann­ten Kalk, und fand, daß der Zusatz eines Zehn­tels des­sel­ben zu brau­nen Lau­gen die­sel­ben in kal­ter Diges­ti­on ent­fär­be, wenn sie flei­ßig umge­rührt wer­den; nur sind die sau­ren Lau­gen, eini­ge mit­tel­sal­zi­gen als die metal­li­schen und alau­nen­erdi­gen, und eini­ge neu­tral­sal­zi­gen (z.B. wein­st­ein­saure) hie­von aus­ge­nom­men, weil sie durch dieß Zwi­schen­mit­tel in ihrer Natur ver­än­dert und zer­stört wer­den. Die übri­gen neu­tral­sal­zi­gen sowohl, als alka­li­schen Lau­gen wer­den sehr gut durch dieß Medi­um ent­färbt. Sobald nach zwölf bis vier und zwan­zig­stün­di­gem Umrüh­ren die Lau­ge ent­färbt wor­den ist, gießt man sie von dem Kalk­bo­den­sat­ze ab, läßt sie noch eini­ge Tage an der frei­en Luft stehn und fil­trirt sie denn.