Hormesis: Ein roter Faden der Naturmedizin

Der fol­gen­de Aus­flug zu einer der Fun­da­men­te der Natur­me­di­zin dreht sich um einen “roten Faden”, der von Para­cel­sus bis ins 21. Jahr­hun­dert reicht und schließ­lich in das moder­ne Ver­ständ­nis der “Hor­me­sis” mün­det. Hier­zu wer­den eini­ge Bei­spie­le genannt (eini­ge hier­von fol­gen nicht hor­me­ti­schen Lebens­re­ak­tio­nen). Hier­aus sind aller­dings kei­ne direk­ten Hand­lungs­an­wei­sun­gen für den the­ra­peu­ti­schen All­tag, die Gesund­heits­ver­sor­gung oder die Krank­heits­vor­beu­gung abzu­lei­ten. Viel­mehr sind die Bei­spie­le ein Ange­bot, mit der Hor­me­sis-Theo­rie krea­tiv, indi­vi­du­ell und unvor­ein­ge­nom­men eige­ne Vor­ge­hens­wei­sen als Pati­ent, Ange­hö­ri­ger, Arzt, Heil­prak­ti­ker, Psy­cho­the­ra­peut, Pfle­ge­kraft oder Ernäh­rungs­be­ra­ter neu zu beleuch­ten und zu hinterfragen.

Para­cel­sus: Auch Heil­mit­tel kön­nen Gift sein

“Alle Din­ge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, daß ein Ding kein Gift sei. Zum Exem­pel: eine jeg­li­che Spei­se und ein jeg­lich Getränk, wenn es über sei­ne Dosis ein­ge­nom­men wird, so ist es Gift.”

Quel­le: Theo­phrast von Hohen­heim (Para­cel­sus): Sep­tem Defen­sio­nes (Sie­ben Ver­tei­di­gungs­re­den), 1538. Erst­druck in latei­ni­scher Über­set­zung: Argen­to­ra­ti (Myli­us) 1566. Ers­te deut­sche Aus­ga­be: Basel (Per­na) 1574.
In: Will-Erich Peu­kert (Hrsg.): Theo­phrast Para­cel­sus: Wer­ke. Wis­sen­schaft­li­che Buch­ge­sell­schaft, Darm­stadt, 1965.

Die­ses wich­ti­ge Zitat des gro­ßen mit­tel­al­ter­li­chen Gelehr­ten und Heil­kun­di­gen Para­cel­sus (Theo­phrast von Hohen­heim, 1493–1541) wird in der medi­zi­ni­schen Lite­ra­tur bis heu­te oft zitiert. Der Grund scheint offen­sicht­lich: irgend­wie kann alles gif­tig oder gar töd­lich sein, wenn man davon zu viel nimmt, auch und vor allem Heil­mit­tel. Doch Para­cel­sus bringt weit­aus mehr zum Aus­druck, was dann über Jahr­hun­der­te wie ein roter Faden bis in die moder­ne Natur­me­di­zin hin­ein­reicht: Alles, was wir in der Welt vor­fin­den, in der wir jetzt leben, oder was wir the­ra­peu­tisch tun kön­nen, so Para­cel­sus, kann im Über­maß ver­wen­det, gif­tig sein, kann das Leben schä­di­gen oder sogar den Tod her­bei­füh­ren. Alles!

Anders als vie­le Men­schen heu­te glau­ben, wur­de das irdi­sche Leben in mit­tel­al­ter­li­chen Zei­ten vor allem als ein von Gott geschaf­fe­nes Jam­mer­tal erlebt – vol­ler Krank­heit, Schmer­zen, Not und Leid. Es war damit – so die christ­li­che Idee – ein Weg zum ewi­gen Jeru­sa­lem, zurück in den Him­mel (Psalm 84, 7: “Durch­que­ren sie das dür­re Jam­mer­tal, so wird es durch sie zu einem Ort mit Quel­len”). Ärz­te und Hei­le­rin­nen wur­den als Weg­be­glei­ter ver­stan­den, die ganz­heit­lich die­sen Weg “zurück zu Gott” erleich­tern hal­fen – also bei der Rück­ver­bin­dung (“Re-ligio”). Die Auf­ga­ben von Ärz­ten und Pries­tern über­schnit­ten sich damals noch häufig.

Aberglauben in der wissenschaftlichen Medizin

Heu­te unter­liegt die moder­ne Medi­zin dem Aber­glau­ben, ein Leben ohne Krank­heit und Leid sei mög­lich und wün­schens­wert, ewi­ge Glück­se­lig­keit, luxu­riö­ser Dau­er­ge­nuss oder stän­di­ge ver­zück­te Ent­rü­ckung sei anstre­bens­wert und (mit viel Geld) rea­li­sier­bar. Das geht so weit, dass z. B. die ita­lie­ni­sche Ver­fas­sung seit 1993 ein “grund­le­gen­des Recht des Indi­vi­du­ums auf Gesund­heit” eta­blier­te. Dass Kran­ke die­ses Grund­recht über­haupt nicht ein­for­dern kön­nen, son­dern höchs­tens eine opti­ma­le Vor­beu­gung oder Behand­lung, ist dem ita­lie­ni­schen Gesetz­ge­ber nicht aufgefallen!

In den fol­gen­den Jahr­hun­der­ten nach Para­cel­sus wur­den die Grund­prin­zi­pi­en der Wis­sen­schaft her­aus­ge­ar­bei­tet, die Bedeu­tung der Reli­gi­on für All­tag und Lebens­füh­rung trat zuneh­mend zurück und die Auf­fas­sun­gen von Krank­heit und Gesund­heit drif­te­ten zuneh­mend aus­ein­an­der. Im 19. Jahr­hun­dert wur­de schließ­lich Gott aus der (wis­sen­schaft­li­chen) Schöp­fung ver­bannt und ein bra­chia­les Über­le­bens-Kon­zept des Stär­ke­ren als grund­le­gen­der Impuls der Evo­lu­ti­on defi­niert (ent­spre­chend des men­schen­ver­ach­ten­den Den­kens dama­li­ger Kolo­ni­al­herr­scher). Doch zur glei­chen Zeit gab es auch ande­re Ent­wick­lun­gen: In dem deut­schen Sozi­al­sys­tem wur­de ab 1883 z. B. die Idee einer umfas­sen­den und für alle Men­schen gül­ti­gen Soli­dar­ge­mein­schaft ein­ge­führt, die in unse­rem Gesund­heits­sys­tem bis heu­te – inter­na­tio­nal benei­det – leben­dig ist. Und: Etwa zur glei­chen Zeit prä­zi­sier­ten die bei­den Greifs­wal­der Pro­fes­so­ren Rudolf Arndt (1835–1900) und Hugo Paul Fried­rich Schulz (1853–1932) die oben zitier­te Aus­sa­ge von Paracelsus:

Bio­lo­gi­sches Grund­ge­setz – die Arndt-Schulz-Regel

“Schwa­che Rei­ze fachen die Lebens­t­hä­tig­keit, d. h. die, an wel­cher wir das Leben erken­nen, stär­ke­re, mit­tel­star­ke beschleu­ni­gen, för­dern sie, star­ke hem­men und stärks­te heben sie auf.”

Quel­le: Rudolf Arndt: Bio­lo­gi­sche Stu­di­en. I. Das bio­lo­gi­sche Grund­ge­setz. Abel, Greifs­wald, 1892.

Die­ses “bio­lo­gi­sche Grund­ge­setz” wird heu­te in erwei­ter­ter als “Hormesis”-Theorie bezeich­net (aus dem grie­chi­schen von “Anre­gung, Anstoß”). Mit aller­höchs­tem Erstau­nen haben nicht nur Arndt und Schulz, son­dern vie­le wei­te­re Wis­sen­schaft­ler seit­her erkannt, dass die Hor­me­sis nicht nur ein grund­le­gen­des Lebens­prin­zip zu sein scheint, wie schon von Para­cel­sus fest­ge­stellt, son­dern dass sie auch vie­le Metho­den der Natur­me­di­zin in ihrer Wir­kung cha­rak­te­ri­siert oder deut­li­che abgrenzt. Zwei der welt­weit ange­se­hens­ten Hor­me­sis-For­scher der USA, Mark P. Matt­son und Edward J. Cala­bre­se, fas­sen nach­fol­gend den Sta­tus quo ihres For­schungs­ge­bie­tes zusammen:

Matt­son & Cala­bre­se: Die Wis­sen­schaft der Hormesis

“Mit Hor­me­sis wird ein Vor­gang beschrie­ben, bei dem eine Zel­le, ein Orga­nis­mus oder eine Grup­pe von Orga­nis­men eine dop­pel­pha­si­ge Reak­ti­on auf die Expo­si­ti­on gegen­über stei­gen­der Men­gen einer Sub­stanz (z. B. eines Arz­nei­stof­fes) oder ande­rer Ein­flüs­se (z. B. che­mi­sche oder sen­so­ri­sche Rei­ze oder meta­bo­li­scher Stress) zeigt. Typi­scher­wei­se lösen nied­rig dosier­te Sub­stan­zen oder Ein­flüs­se eine sti­mu­lie­ren­de oder posi­ti­ve Reak­ti­on im Orga­nis­mus aus, wäh­rend hohe Dosen eine Hem­mung oder Toxi­zi­tät ver­ur­sa­chen. Toxi­ko­lo­gi­sche Expe­ri­men­te bei der Hor­mon­bil­dung konn­ten bei­spiels­wei­se oft­mals einen sol­chen dop­pel­pha­si­gen Dosis-Wir­­kungs-Ver­­lauf zei­gen. Aller­dings wur­den die Ergeb­nis­se nach nied­ri­ger Expo­si­ti­on meist weit­ge­hend igno­riert. So kommt es zur vor­herr­schen­den Mei­nung, dass es wich­tig ist, grund­sätz­lich die Men­ge von Gift­stof­fen oder poten­ti­ell schäd­li­chen Ein­flüs­sen so weit wie mög­lich zu ver­rin­gern. In vie­len Fäl­len haben “Toxi­ne” in nied­ri­ger Dosie­rung jedoch funk­tio­nell ent­schei­den­de oder vor­teil­haf­te Wir­kun­gen für Lebe­we­sen. Bekann­te Bei­spie­le für sol­che nütz­li­chen “Gift­stof­fe” sind Spu­ren­me­tal­le wie Selen, Chrom und Zink. Auch die grund­le­gen­de Infor­ma­ti­ons­wei­ter­ga­be inner­halb oder zwi­schen Zel­len weist oft hor­me­ti­sche Reak­ti­ons­ver­läu­fe auf, ein­schließ­lich Hor­mo­nen, Neu­ro­trans­mit­tern, Wachs­tums­fak­to­ren, Kal­zi­um oder Pro­te­in­ki­na­sen. Dar­über hin­aus wir­ken all­täg­li­che, gesund­heits­för­dern­de Lebens­stil­fak­to­ren, ein­schließ­lich Bewe­gung oder Kalo­ri­en-Ein­­schrän­­kun­­gen, zumin­dest teil­wei­se, durch hor­me­ti­sche Mecha­nis­men vor­teil­haft auf den Orga­nis­mus. Dabei wer­den auch adap­ti­ve zel­lu­lä­re Stress­ant­wort­bah­nen akti­viert (ACSRPs). Die­se beinhal­ten typi­scher­wei­se an Kina­sen gekop­pel­te Rezep­to­ren und die Akti­vie­rung von Tran­skrip­ti­ons­fak­to­ren, die zusam­men die Bil­dung von Zel­l­­schutz-Eiwei­­ßen wie z. B. anti­oxi­da­tiv­en Enzy­men, eiweiß­schüt­zen­den Cha­pe­ro­nen oder lebens­not­wen­di­gen Wachs­tums­fak­to­ren auf Grund­la­ge von Erb­gut­in­for­ma­tio­nen ansto­ßen. Ein­sich­ten in hor­me­ti­sche Reak­ti­ons­ver­läu­fe bei der Hor­mon­bil­dung haben bereits zu neu­en Ansät­zen für die Vor­beu­gung und Behand­lung einer Rei­he von Krank­hei­ten, dar­un­ter Krebs, Herz-Kreis­lauf-Erkran­­kun­­gen und neu­ro­de­ge­nera­ti­ven Erkran­kun­gen geführt.”

Quel­le: Mark P. Matt­son, Edward J. Cala­bre­se (eds.): Hor­me­sis – A Revo­lu­ti­on in Bio­lo­gy, Toxi­co­lo­gy and Medi­ci­ne. Sprin­ger, New York, 2010.

Das Hormesis-Axiom durchzieht die traditionelle und moderne Naturmedizin, aber nicht immer

KältekammerKäl­te­an­wen­dung: Klar, enor­me und vor allem andau­ern­de Käl­te ist mit dem Über­le­ben kaum ver­ein­bar – alle Lebens­tä­tig­kei­ten kom­men von außen nach innen fort­schrei­tend zum Erlie­gen. Ein inten­si­ver Käl­te­reiz von z. B. minus 110 Grad Cel­si­us, der aber nur für weni­ge Minu­ten ange­wandt wird, feu­ert jedoch die Lebens­tä­tig­keit und vor allem die Selbst­hei­lung enorm an. In der Schmerz‑, der Rheu­ma­the­ra­pie und selbst der Psych­ia­trie wird die­se “Kryo­the­ra­pie” in der Käl­te­kam­mer bereits erfolg­reich erprobt und ange­wandt. Aus “Omas Zei­ten” oder von den Wassertherapie-“Päpsten” Vin­cenz Prieß­nitz (1799–1851) und Sebas­ti­an Kneipp (1821–1897) sind vie­le Anwen­dun­gen von kur­zen Käl­te­rei­zen zur The­ra­pie vie­ler, auch inne­rer Erkran­kun­gen bekannt (Wech­sel­du­schen oder kur­ze Kalt­was­ser­güs­se). Das bio­lo­gi­sche Grund­ge­setz fin­det sich genau­so auch bei der vor­beu­gend oder the­ra­peu­tisch ein­ge­setz­ten Anwen­dung von Wär­me­rei­zen (wobei die Pyro­va­sie, das Gehen über glü­hen­de Koh­len, eher psy­cho­mo­ti­vie­ren­de Effek­te hat).

Hor­mo­ne: “Viel hilft viel” stimmt in vie­len Lebens­be­rei­chen über­haupt nicht. Zum Bei­spiel bei der Wir­kung von hor­mo­nel­len Signal­sub­stan­zen im Kör­per. Eine Über­schüt­tung mit Hor­mo­nen, z. B. krank­haft gestei­gert gebil­de­ten Stress­hor­mo­nen, kann eher zu Krank­heit und Tod füh­ren. Umge­kehrt gibt es vie­le Hor­mo­ne oder hor­mon­ähn­li­che wir­ken­de Sub­stan­zen, die bereits in unglaub­lich nied­rig erschei­nen­den Men­gen wirk­sam sind, manch­mal rei­chen nur weni­ge Mole­kü­le aus. Zum Bei­spiel bei der schmerz­lin­dern­den Wir­kung des Geburts- und Kuschel­hor­mons Oxy­to­cin, die der­zeit erforscht wird. Dies wird vor allem bei der staat­li­chen Risi­ko­be­wer­tung ger­ne ver­ges­sen! Hor­mon­ar­ti­ge wir­ken­de Umwelt­schad­stof­fe wie der Plas­tik­weich­ma­cher Bis­phe­nol grei­fen nicht nur in hohen Kon­zen­tra­tio­nen, son­dern auch bereits in gerings­ten Dosie­run­gen in unse­ren Hor­mon­haus­halt ein und füh­ren nach­hal­tig zu Schä­di­gun­gen. Von einer “Anfa­chung der Lebens­t­hä­tig­keit” kann also in kei­nem Fall die Rede sein.

Krebs­aus­lö­sung: Einen Schritt wei­ter als die Hor­me­sis-Theo­rie geht heu­te die moder­ne Krebs­me­di­zin. Sie stellt ganz klar fest, dass es bei vie­len erb­gut­schä­di­gen­den Stof­fen oder Ein­flüs­sen in unse­rer schad­stoff­ver­seuch­ten Umwelt weder eine linea­re Dosis-Wir­kungs-Bezie­hung noch einen U‑förmigen Ver­lauf gibt, wie er für hor­me­tisch wir­ken­de Reize/​Stoffe gilt. Bereits ein ein­zi­ges Mole­kül oder eine ein­zi­ge Strah­lungs­ein­heit kann in sol­chen Fäl­len aus­rei­chen, eine Muta­ti­on in einem für die Krebs­ent­ste­hung kri­ti­schen Gen her­bei­zu­füh­ren (sie­he unten bei Radio­ak­ti­vi­tät). Dies deckt sich mit neu­es­ten For­schungs­er­geb­nis­sen, die frü­he mali­gne Ver­än­de­run­gen im Kör­per bereits 30 Jah­re vor dem Auf­tre­ten sym­pto­ma­ti­scher Krebs­er­kran­kun­gen nach­wei­sen kön­nen. Und es stellt die Grund­la­gen der Krebs­me­di­zin auf den Kopf: Die Onko­lo­gie der Zukunft wird antre­ten, nicht um die Beschwer­den einer mani­fes­ten Krebs­er­kran­kung zu lin­dern oder zu hei­len, son­dern die grund­le­gen­de Krank­heits­nei­gung, die Dis­po­si­ti­on, zu erken­nen und die Men­schen mit einem geeig­ne­ten Vor­ge­hen vor Scha­den zu bewahren.

Wirksam, einfach und kostengünstig: Handauflegen

HandauflegenBe-Hand­lung: Die älte­ren von uns ken­nen sie noch: Die “schwe­di­sche Mas­sa­ge”, mit der kräf­ti­ge Mas­seu­re, z. B. älte­re Rin­ger oder Matro­sen, die Mus­ku­la­tur durch­walk­ten, weil dies eine Hei­lung von Rücken­schmer­zen und ande­ren Lei­den ver­sprach. Tat­säch­lich sind die Hei­lungs­ef­fek­te bei solch über­mä­ßi­gen Rei­zen jedoch begrenzt oder feh­len völ­lig. Ähn­li­ches gilt für die in der Lebens­wirk­lich­keit oft bru­tal erschei­nen­de chi­ne­si­sche Tui­na-Mas­sa­ge und ‑Manu­al­the­ra­pie. Ande­re Mas­sa­gen hin­ge­gen, bei denen sehr viel weni­ger kör­per­li­che Rei­ze aus­ge­übt wer­den – zum Bei­spiel bei der rhyth­mi­schen Mas­sa­ge nach Haus­ch­ka, Rei­ki oder “The­ra­peu­tic Touch” -, wir­ken hin­ge­gen oft viel tief­grei­fen­der und nach­hal­ti­ger. Zumin­dest ansatz­wei­se zeigt sich hier die Gül­tig­keit des Hor­me­sis-Axi­oms (star­ke ~ schwa­che Rei­ze). Wider­sprüch­li­che wis­sen­schaft­li­che Ergeb­nis­se zei­gen sich bei Behand­lun­gen, wo nur noch “Geis­ti­ges” zum Ein­satz kom­men soll: Geist­hei­lung oder Für­bit­ten mit Fern­wir­kung sind zwar in den USA mehr­fach unter­sucht wor­den. Sie haben jedoch kei­ne in der Lebens­wirk­lich­keit umsetz­ba­ren “Pra­xis­an­wei­sun­gen” erbracht, die über die sehr kon­kre­ten Hin­wei­se vie­ler Reli­gio­nen zum Beten für ande­re Lebe­we­sen hin­aus­ge­hen. Wich­tig: Am wirk­sams­ten ist die “Be-hand­lung” von Kran­ken im ambu­lan­ten und vor allem kli­ni­schen The­ra­pie­um­feld dann, wie wis­sen­schaft­li­che For­schun­gen ein­deu­tig zei­gen, in Form des “Hand­auf­le­gens”, einer uralten “Tech­nik” der Mensch­heit, die auch ohne irgend­wel­che obsku­ren Meis­ter funk­tio­niert. Da Hand­auf­le­gen jedoch wirk­sam, ein­fach umsetz­bar und nahe­zu kos­ten­los ist, wird das Ver­fah­ren – trotz sei­ner viel­fa­chen wis­sen­schaft­li­chen Vali­die­rung – prak­tisch nie­mals im medi­zi­ni­schen All­tag angewandt.

Eustress: Schon das Stress­kon­zept von Wal­ter Brad­ford Can­non (1871–1945) und Hans Selye (1907–1982) ent­hielt eine Defi­ni­ti­on von Rei­zen (“Stress­fak­to­ren”), die den Orga­nis­mus posi­tiv oder sogar heil­sam beein­flus­sen, der sog. “Eustress”. Hier wird jeder eige­ne Bei­spie­le fin­den: Die kako­pho­ni­sche Laut­stär­ke eines Hea­vy Metal-Kon­zert bedeu­tet für fast jede See­le “Dys­stress” (das sind Rei­ze, die als unan­ge­nehm, bedroh­lich oder über­for­dernd wir­ken). Wäh­rend ein wohl­klin­gen­des Schu­bert-Streich­quar­tett eher see­len­pfle­gend und heil­sam wirkt (selbst bei Milch­kü­hen…!). Und auf die­se Wei­se einen har­mo­ni­schen Gleich­ge­wichts­zu­stand in einem offe­nen dyna­mi­schen Sys­tem för­dert (Homöo­sta­se), wie ihn auch Can­non schon beschrieb. Ins­ge­samt ist das Stress-Kon­zept trotz der gewal­ti­gen For­schung und Lite­ra­tur dazu in keins­ter Wei­se ein­heit­lich und auch nicht mit dem Hor­me­sis-Axi­om in Deckung zu brin­gen. Dies gelingt nur, wenn ein­zel­ne Rei­ze die von innen oder außen auf uns ein­wir­ken iso­liert betrach­tet wer­den. Der erwähn­te “Stres­sor” Käl­te ist z. B. ein hor­me­ti­scher Reiz, ist also in nied­ri­ger Dosis lebens- und sogar heilungsfördernd.

Stress und Salutogenese

“Stres­so­ren wer­den nicht als etwas Unan­stän­di­ges ange­se­hen, das fort­wäh­rend redu­ziert wer­den muss, son­dern als all­ge­gen­wär­tig. Dar­über hin­aus wer­den die Kon­se­quen­zen von Stres­so­ren nicht not­wen­di­ger­wei­se als patho­lo­gisch ange­nom­men, son­dern als mög­li­cher­wei­se sehr wohl gesund – abhän­gig vom Cha­rak­ter des Stres­sors und der erfolg­rei­chen Auf­lö­sung der Anspannung.”

Quel­le: Aaron Anto­novs­ky: Salu­to­ge­ne­se – Zur Ent­mys­ti­fi­zie­rung der Gesund­heit. dgvt, Tübin­gen, 1997.

Homöo­pa­thie: Vor über 200 Jah­ren trat der Apo­the­ker und Arzt, Samu­el Hah­ne­mann (1755–1843) in die Fuß­stap­fen von Para­cel­sus und schuf mit der Ent­wick­lung der Homöo­pa­thie einen “intel­lek­tu­el­len Reiz”, der Schul­me­di­zin und Natur­me­di­zin bis heu­te von­ein­an­der trennt. Dabei fing alles so ein­fach an: Hah­ne­mann wuss­te und kri­ti­sier­te, dass vie­le sei­ner Kol­le­gen damals übli­che The­ra­pien, z. B. mit Queck­sil­ber oder Ader­läs­se, so über­do­sier­ten, dass sie die Lebens­tä­tig­kei­ten mas­siv schä­dig­ten (“viel hilft viel”, sie­he oben). So begann Hah­ne­mann mit der Suche nach einer geringst­mög­li­chen Heil­mit­tel-Dosis, bei der sich aber noch the­ra­peu­ti­sche Wir­kun­gen ein­stel­len. Er bestä­tig­te mit jahr­zehn­te­lan­gen For­schun­gen, dass vie­le pflanz­li­che, tie­ri­sche oder mine­ra­li­sche Wirk­stof­fe erst dann “kein Gift” mehr sind und eine Heil­wir­kung ent­fal­ten, wenn sie ver­dünnt wer­den (“schwa­che Rei­ze”). Auf dem Weg der fort­schrei­ten­den Ver­dün­nung von Wirk­stof­fen über­schritt er irgend­wann, und das war ihm durch­aus bewusst, eine Gren­ze: Wird näm­lich die “Poten­zie­rung” genann­te Ver­dün­nung immer wei­ter fort­ge­setzt, fehlt irgend­wann der ursprüng­li­che Wirk­stoff völ­lig (ab der 23. 1:100-Potenzierungsstufe). Sei­ne Tech­nik, die Wirk­stoff-Ver­dün­nung durch rhyth­mi­sche Ver­schüt­te­lung bis in die­se – stoff­frei­en – Berei­che fort­zu­set­zen, ist medi­zin­his­to­risch betrach­tet ein alche­mis­ti­sches Ver­fah­ren, wie jene, die auch Para­cel­sus für sei­ne Pati­en­ten nutzte.

Hah­ne­mann und vie­le Homöo­pa­then nach ihm sind sicher, dass auch die­se stoff­frei­en Prä­pa­ra­te (“Hoch­po­ten­zen”) hei­len kön­nen. War­um, ist seit über 200 Jah­re unklar geblie­ben. Hah­ne­mann selbst hat immer betont, es sei nicht wich­tig, wie es funk­tio­niert, son­dern dass es funk­tio­niert. Die zuvor erwähn­ten Pro­fes­sen Arndt und Schulz waren übri­gens der Ansicht, dass ihr bio­lo­gi­sches Grund­ge­setz die Homöo­pa­thie erklä­ren kön­ne (mit Aus­nah­me der geist­ar­tig wir­ken­den Hoch­po­ten­zen natür­lich). Tat­säch­lich hat die Homöo­pa­thie als Gan­zes (Ähn­lich­keits­prin­zip, homöo­pa­thi­sche Arz­nei­mit­tel­prü­fung, Poten­zie­rung u. a.) aber nichts mit dem Hor­me­sis-Axi­om zu tun. Die Homöo­pa­thie gehört zu jenen The­ra­pie-Kon­zep­ten, bei denen klas­si­sche Wir­kungs­be­grif­fe der Medi­zin über­wun­den wer­den, wo also auch das Kon­strukt von Dosis-Wir­kungs-Bezie­hun­gen nicht mehr gilt, und damit the­ra­peu­ti­sches Neu­land betre­ten wird. Genau die­ser Vor­stoß ins Unbe­kann­te macht den Dau­er­streit zwi­schen Homöo­pa­then und All­o­pa­then seit rund 200 Jah­ren aus, wobei sich übri­gens auch vie­le Homöo­pa­then selbst von der inno­va­ti­ven Groß­ar­tig­keit der Hahnemann’schen Ideen erschla­gen füh­len und hän­de­rin­gend nach Erklä­run­gen suchen (der hält dem jedoch als zen­tra­le Hand­lungs­an­wei­sung ent­ge­gen: “Macht’s nach, aber macht’s genau nach!”).

Hah­ne­mann: “Des Arz­tes höchs­ter und ein­zi­ger Beruf ist, kran­ke Men­schen gesund zu machen, was man Hei­len nennt”.
Fuß­no­te: Nicht aber (womit so vie­le Aerz­te bis­her Kräf­te und Zeit ruhm­süch­tig ver­schwen­de­ten) das Zusam­men­spin­nen lee­rer Ein­fäl­le und Hypo­the­sen über das inne­re Wesen des Lebens­vor­gangs und der Krank­heits­ent­ste­hun­gen im unsicht­ba­ren Innern zu soge­nann­ten Sys­te­men, oder die unzäh­li­gen Erklä­rungs­ver­su­che über die Erschei­nun­gen in Krank­hei­ten und die, ihnen stets ver­bor­gen geblie­be­ne, nächs­te Ursa­che der­sel­ben u. s. w. in unver­ständ­li­che Wor­te und einen Schwulst abs­trac­ter Redens­ar­ten gehüllt, wel­che gelehrt klin­gen sol­len, um den Unwis­sen­den in Erstau­nen zu set­zen, wäh­rend die kran­ke Welt ver­ge­bens nach Hül­fe seufz­te. Sol­cher gelehr­ter Schwär­me­rei­en (man nennt es theo­re­ti­sche Arz­nei­kunst und hat sogar eig­ne Pro­fes­su­ren dazu) haben wir nun gera­de genug, und es wird hohe Zeit, daß, was sich Arzt nennt, end­lich ein­mal auf­hö­re, die armen Men­schen mit Geschwät­ze zu täu­schen, und dage­gen nun anfan­ge, zu han­deln, das ist, wirk­lich zu hel­fen und zu heilen.
Quel­le: Samu­el Hah­ne­mann: Orga­non der Heil­kunst, 6. Auf­la­ge, 1842 (Para­graph 1).

Pla­ce­bo: Das bio­lo­gi­sche Grund­ge­setz und sei­ne moder­ne Form der Hor­me­sis-Theo­rie ist – wie der Abschnitt zur Homöo­pa­thie zeigt – nicht in Stein gemei­ßelt und for­dert nicht nur die Hah­ne­mann-Schü­ler gera­de­zu her­aus, wei­ter zu den­ken. Dies tun auch welt­weit vie­le zehn­tau­send Medi­zi­ner und Wis­sen­schaft­ler, die tag­täg­lich The­ra­pie­for­schung mit dem Ver­gleich von neu­en Arz­nei­mit­teln und “wirk­stoff­frei­en” Prä­pa­ra­ten betrei­ben – also mit den soge­nann­ten Pla­ce­bos (nicht aber mit homöo­pa­thi­schen Hoch­po­ten­zen!). Nur weni­ge For­scher den­ken jedoch laut dar­über nach, wie fas­zi­nie­rend es eigent­lich ist, dass Pla­ce­bos über­haupt so häu­fig, so deut­lich hei­len­de Wir­kun­gen haben kön­nen (und manch­mal auch Neben­wir­kun­gen!). Laut­hals und quer­den­ke­risch hat aller­dings der ehe­ma­li­ge deut­sche Ärz­te­kam­mer­prä­si­dent Prof. Dr. Dr. Jörg-Diet­rich Hop­pe (1940–2011) dar­über nach­ge­dacht. Nach Publi­ka­ti­on einer maß­ge­ben­den Ärz­te­kam­mer-Zusam­men­fas­sung der Pla­ce­bo­ef­fek­te (“sie wir­ken”, “sie wir­ken umso bes­ser, je grö­ßer und bun­ter sie sind und je teu­rer sie sind”, “sie wir­ken auch, wenn die Pati­en­ten genau wis­sen, dass sie wirk­stoff­freie Pla­ce­bos ein­neh­men”) stell­te Hop­pe fest, dass die­ses The­ra­pie­kon­zept unbe­dingt in die Pra­xis aller Ärz­te gehört. Eine For­de­rung, die bis heu­te nicht gehört wird.

Die von Hop­pe ange­reg­te Idee, wie Pla­ce­bos die Hor­me­sis-Theo­rie erwei­tern, ist schon sehr anspruchs­voll: Her­kömm­li­che medi­zi­ni­sche Maß­nah­me sind oft nicht nur wir­kungs­los, son­dern auch extrem neben­wir­kungs­reich – sie schä­di­gen die Lebens­tä­tig­keit maxi­mal (z. B. absicht­lich bei der Strah­len- oder Che­mo­the­ra­pie gegen Krebs). Und für Ärz­te kommt es noch ärger: Wirk­lich nach­hal­ti­ge Hei­lung kommt nicht hier­durch, son­dern pri­mär durch Eigen­ak­ti­vi­tä­ten des Men­schen zustan­de. Bei­spiel: Anti­bio­ti­ka kön­nen zwar Bak­te­ri­en bei einer Infek­ti­on schwä­chen oder in ihrer Anzahl ver­rin­gern. Die kör­per­li­chen Schä­den durch die Infek­ti­ons­krank­heit und die Anti­bio­ti­ka muss der Kör­per aber selbst repa­rie­ren, was er schlecht und recht auch meis­tens schafft. Jen­seits jeder “mate­ri­el­len” The­ra­pie könn­te es des­we­gen sein, so Hop­pe, dass mit der Pla­ce­bo-Gabe eine Bot­schaft an den kran­ken Men­schen gesen­det wird, sei­ne Selbst­hei­lung zu akti­vie­ren oder zu ver­stär­ken. Und so – eigen­stän­dig – eine Hei­lung oder Beschwer­de­lin­de­rung zu errei­chen. Ärz­te und Hei­ler als “Kata­ly­sa­to­ren von Hei­lung” sind des­we­gen so gut für eine Pla­ce­bo­the­ra­pie geeig­net, da sie aus­ge­präg­te und leben­di­ge inne­re Vor­stel­lun­gen von Krank­heit und Gesund­heit haben und die­se qua­si als “Hei­lungs­idee” mit einem Pla­ce­bo an ihre Pati­en­ten weiterreichen.

Lebensmittel sind zum Gift geworden, zum lebensfeindlichen Stressor

Lebens­mit­tel: “Eure Lebens­mit­tel sol­len Eure Heil­mit­tel sein”, stell­te der Über­va­ter der grie­chi­schen Medi­zin Hip­po­kra­tes von Kós (um 460 v.Chr. – um 375 v.Chr.) vor rund 2.500 Jah­ren fest. Wer bedenkt, dass heu­te mehr Men­schen an Über­ge­wicht ster­ben als an Hun­ger, wird klar erken­nen, dass “Lebens­mit­tel” heu­te kei­ne dem gesun­den Leben die­nen­den Heil­mit­tel sind. Sie sind eher krank­ma­chen­de Mega-Rei­ze aus indus­tri­el­ler Mas­sen­pro­duk­ti­on, die – neben Krieg – zu den größ­ten Gesund­heits­schä­den der Mensch­heits­ge­schich­te füh­ren – Zucker­krank­heit, Über­ge­wicht und krebs­be­ding­tem Tod. Zusam­men mit dem Stress­kon­zept erklärt die Hor­me­sis-Vor­stel­lung, wel­ches ein­fa­che Pro­blem fast alle Gesell­schaf­ten welt­weit heu­te haben: Lebens­mit­tel sind zum Gift gewor­den, zum lebens­feind­li­chen Stres­sor (Dys­stress). Und da die­se agro­in­dus­tri­el­len Mas­sen­pro­duk­te unfä­hig sind, ihren eigent­li­che Zweck zu erfül­len – uns näm­lich mit not­wen­di­gen Nähr­stof­fen und auf­bau­en­der Lebens­en­er­gie zu ver­sor­gen – ent­steht eine zuneh­men­de, aber immer unbe­frie­digt blei­ben­de Sucht, mehr und mehr von die­sen Gif­ten auf­zu­neh­men. Eine Fül­le ernäh­rungs­be­ding­ter Erkran­kun­gen, krank­haf­tes Über­ge­wicht und vie­le wei­te­re schä­di­gen­de Aus­wir­kun­gen sind die Fol­gen. Im Sin­ne der Hor­me­sis ist die Alter­na­ti­ve klar: Gna­den­lo­se Reduk­ti­on der täg­li­chen Gift­auf­nah­me, ernst­haf­te Suche nach “ech­ten” Lebens­mit­teln und ein, dem wirk­li­chen Bedarf ent­spre­chen­der Ver­zehr die­ser Nah­rung. Nur dann kön­nen Lebens­mit­tel wie­der Heil­mit­tel sein und uns am bes­ten vor Gif­ten und unnö­ti­gen Schä­den schüt­zen und uns Hei­lung brin­gen, wie Hip­po­kra­tes meinte.

Oster­spa­zier­gang: Töd­li­che Arznei

“Der Men­ge Bei­fall tönt mir nun wie Hohn.
O könn­test du in mei­nem Innern lesen,
Wie wenig Vater und Sohn
Solch eines Ruh­mes wert gewesen! (…)
Hier war die Arzen­ei, die Pati­en­ten starben,
Und nie­mand frag­te: wer genas?
So haben wir mit höl­li­schen Latwergen
In die­sen Tälern, die­sen Bergen
Weit schlim­mer als die Pest getobt.
Ich habe selbst den Gift an Tau­sen­de gegeben,
Sie welk­ten hin, ich muß erleben,
Daß man die fre­chen Mör­der lobt.”

Quel­le: Johann Wolf­gang von Goe­the: Faust – Eine Tra­gö­die. Cotta’sche Ver­lags­buch­hand­lung, Tübin­gen, 1808.

Lebens­qua­li­tät: Vie­les im Leben ist nicht mit Geld zu kau­fen, klar. Hier­zu gehört auch das, was seit weni­gen Jahr­zehn­ten in der Medi­zin als “Lebens­qua­li­tät” (QOL – qua­li­ty of life) bezeich­net wird. Zunächst wur­de damit ein see­lisch-geis­tig-kör­per­li­ches Wohl­be­fin­den gemeint, das jedoch in der Gesund­heits­for­schung völ­lig unbe­rück­sich­tigt blieb. Beson­ders in der Krebs­me­di­zin war und ist es ein­fach, ein­fach das, durch eine bestimm­te The­ra­pie erreich­te Mehr an Lebens­ta­gen, ‑wochen oder ‑mona­ten zu zäh­len. Wie aber soll­te Lebens­qua­li­tät gemes­sen wer­den? Die Welt­ge­sund­heit-Orga­ni­sa­ti­on WHO defi­niert Gesund­heit zwar als “ein Zustand voll­stän­di­gen kör­per­li­chen, see­li­schen und sozia­len Wohl­be­fin­dens und nicht nur das Frei­sein von Krank­heit oder Gebre­chen.” Was jedoch Wohl­be­fin­den sei, ist wei­ter­hin unklar (zumal dies von Staat zu Staat oft unter­schied­lich ver­stan­den wird). Klar ist jedoch, dass es um ein The­ma geht, dass sehr viel wei­ter­reicht, als bis­her ange­nom­men (sie­he Abschnitt Placebo).

So waren Krebs­ärz­te in aller Welt erschüt­tert, als die US-ame­ri­ka­ni­sche Krebs­ärz­tin und Pal­lia­tiv­me­di­zi­ne­rin Prof. Dr. Jen­ni­fer Temel vor rund 10 Jah­ren Stu­di­en­ergeb­nis­se vor­leg­te, die unzwei­fel­haft zeig­ten: Eine frü­he, nur Beschwer­den lin­dern­de, also pal­lia­tiv­me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung von Pati­en­ten mit metasta­sier­tem Lun­gen­krebs ver­län­gert – gegen­über fort­ge­setz­ter Che­mo­the­ra­pie – nicht nur erheb­lich die Lebens­qua­li­tät, son­dern auch die Lebens­dau­er der Betrof­fe­nen. Heu­te wird in Deutsch­land kaum noch eine Krebs­stu­die durch­ge­führt, ohne die Lebens­qua­li­tät zu erfas­sen. Auch bei die­sem Bei­spiel zeigt sich, dass die Been­di­gung maxi­mal schäd­li­cher Krebs­the­ra­pien bei Ster­bens­kran­ken und die alter­na­ti­ve, an den wah­ren Bedürf­nis­sen der Pati­en­ten ori­en­tier­te Behand­lung, die hor­me­tisch bes­te Alter­na­ti­ve ist. Und es kommt noch bes­ser: Jen­seits von der Pal­lia­tiv­me­di­zin fra­gen man­che Onko­lo­gen und For­scher heu­te sogar nach den indi­vi­du­el­len Wün­schen der schwer­kran­ken Pati­en­ten. Zum Bei­spiel hin­sicht­lich ihrer Zie­le, die es noch zu errei­chen gilt oder hin­sicht­lich inne­rer Ent­wick­lun­gen, die ihnen wich­tig sind. Dies sind Ele­men­te der Selbst­hei­lung, die Men­schen dann mög­lich wird, wenn sie selbst­be­stimmt über ihr Leben zu entscheiden.

Fasten ist Hormesis pur, Fasten ist aber nicht Hungern!

Fas­ten: Es gibt wohl kei­ne Lebens­si­tua­ti­on, die Men­schen seit Anbe­ginn an so kon­ti­nu­ier­lich beglei­tet, wie das Fas­ten – also der Nah­rungs­ver­zicht. Und es gibt nur weni­ge Bei­spie­le, die so ele­men­tar die Hor­me­sis-Theo­rie bestä­ti­gen. Wenn “Nah­rungs- oder Ener­gie­auf­nah­me” als ein Lebens­reiz (für vie­le auch ein Stres­sor) betrach­tet wird, ist klar: Ein “zu viel” macht krank (sie­he Lebens­mit­tel), und ein “zu wenig” führt nach Tagen, Wochen oder Mona­ten zum Tode. Es stellt sich nur die Fra­ge, wel­che “Dosis” des Heil­mit­tels Lebens­mit­tel (Hip­po­kra­tes) ist “rich­tig”, also am nach­hal­tigs­ten vor­teil­haft für unse­re Gesund­heit wirksam?

Und hier hat einer der renom­mier­tes­ten US-Alters­for­scher, Prof. Dr. Mark P. Matt­son, Bal­ti­more, eine bahn­bre­chen­de Ent­de­ckung gemacht, die tief in das Näh­käst­chen der Schöpfung/​Evolution bli­cken lässt. Bei sei­nen jahr­zehn­te­lan­gen Unter­su­chun­gen zu den Effek­ten von vor­über­ge­hen­der Nah­rungs­ein­stel­lung auf die Alte­rung zeig­te sich: Obwohl dies land­läu­fig ein hor­me­tisch schä­di­gen­der Reiz sein soll­te und Gesund­heit und Lebens­er­war­tung ein­schrän­ken soll­te, zeig­ten nahe­zu alle Ver­suchs­tie­re eine uner­war­te­te gegen­tei­li­ge Reak­ti­on. Die deut­li­che und län­ger­fris­ti­ge Reduk­ti­on der Energieaufnahme/​Nahrung erhöh­te bei ihnen die Vita­li­tät, lös­te Hei­lungs­pro­zes­se aus, beug­te Erkran­kun­gen vor und erhöh­te signi­fi­kant die Lebens­er­war­tung der Labor­tie­re. Teil­wei­se, bei nie­de­ren Tie­ren, bis zum tau­send­fa­chen ihrer “nor­ma­len” Lebens­er­war­tung. Dies bestä­tig­te erst­mals wis­sen­schaft­lich die alte Aus­sa­ge von Natur­me­di­zi­nern, dass Fas­ten nicht nur eine reli­gi­ös wich­ti­ge Metho­de ist, son­dern zu den grund­le­gen­den Heil­ver­fah­ren der Geschich­te gehört.

War­um dies so ist, began­nen Matt­son und Kol­le­gen zu ver­ste­hen, als sie uralte, im Erb­gut vor­han­de­ne Mecha­nis­men ent­deck­ten, die bei län­ger anhal­ten­dem Stopp der Nah­rungs­zu­fuhr ansprin­gen und uns dadurch vita­ler und gesün­der wer­den las­sen. Evo­lu­tio­när erscheint dies logisch: Alle Lebe­we­sen auf der Erde sind seit Urzei­ten ver­traut mit Pha­sen des Hun­gers und des Hun­gerns. Und anstatt sich dabei erschöpft und kraft­los in eine Höh­le zu ver­krie­chen (Stan­dard­pro­gramm im Erb­gut), wer­den die Lebens­ak­ti­vi­tä­ten zuneh­mend sti­mu­liert (Fas­ten­pro­gramm im Erb­gut). Auf die­se Wei­se wur­de der Höh­len­be­woh­ner der Ver­gan­gen­heit wacher, auf­merk­sa­mer, schnel­ler, aus­dau­ern­der und kräf­ti­ger, um die Her­aus­for­de­rung des Nah­rungs­man­gels opti­mal zu bewäl­ti­gen. Die­se gene­ti­schen Pro­gram­me sind übri­gens so alt und fun­da­men­tal, dass fast alle Tie­re über sie ver­fü­gen – sie sind also sehr früh in der Ent­wick­lung des Lebens entstanden.

Matt­son und ande­re For­scher­grup­pen ken­nen mitt­ler­wei­le vie­le der Mecha­nis­men, die bei der Umschal­tung auf den Fas­ten-Stoff­wech­sel anlau­fen. Bei­spiel Ener­gie­ge­win­nung: Nor­ma­ler­wei­se lie­fern uns vor allem die Koh­len­hy­dra­te aus der Nah­rung die wesent­li­che zucker­ba­sier­te Ener­gie fürs Leben. Bleibt die­se Nah­rung aus, läuft nach etwa 24 Stun­den die Bil­dung von Ener­gie aus kör­per­ei­ge­nem Fett­ge­we­be an. Die­ser alter­na­ti­ve Stoff­wech­sel­zu­stand wird Keto­se genannt. Ein schö­ner Neben­ef­fekt: Fas­ten führt, wie schon die alten Fas­ten­päps­te wie Otto Buch­in­ger (1878–1966) wuss­ten, zu fort­schrei­ten­dem Abbau von über­flüs­si­gem Fett­ge­we­be, zum gesund­heits­er­hal­ten­den Gewichts­ver­lust. Die Ener­gie­trä­ger in der Keto­se, die sog. Keton­kör­per, gelan­gen gut ins Gehirn, regen vie­le von des­sen Akti­vi­tä­ten an, schüt­zen vor neu­ro­de­ge­nera­ti­ven Erkran­kun­gen wie der Alz­hei­mer­krank­heit und sind sogar the­ra­peu­tisch bei Epi­lep­sie hochwirksam.

Die moder­nen Fas­ten-For­schun­gen, vor allem aus den USA, haben noch eine wei­te­re Ein­sicht gebracht: Die Umschal­tung von Glu­ko­se­stoff­wech­sel auf Keto­se erfolgt weit­aus rascher als z. B. von Buch­in­ger ange­nom­men. Der glaub­te noch, min­des­tens drei Tage Nah­rungs­ver­zicht, kom­bi­niert mit dras­ti­schem Abfüh­ren (Glau­ber­salz­kur), Ein­läu­fen und Was­ser­trin­ken sei­en nötig, um die “Umschal­tung” her­bei­zu­füh­ren. Heu­te ist klar, bereits etwa 24 Stun­den frei­wil­li­ger Nah­rungs­ver­zicht rei­chen aus, um in die Keto­se zu kom­men. Und zwar ohne alle Darm­flo­ra-schä­di­gen­de Glau­ber­salz­kur­zen! Viel­leicht wür­den die Fas­ten­päps­te von damals zustim­men, dass das mehr­wö­chi­ge Heil­fas­ten in Wirk­lich­keit der klei­ne Bru­der des sehr viel mäch­ti­ge­ren Inter­vall­fas­tens ist – ein­fach, weil es zum Bestand­teil des täg­li­chen, gesün­de­ren Lebens wer­den kann.

So ein­fach geht Intervallfasten
Für den moder­nen Men­schen bedeu­tet dies: An einem belie­bi­gen Tag in der Woche (am bes­ten an wech­seln­den Tagen) wird gefas­tet – vom Auf­ste­hen zum Schla­fen­ge­hen. Am Mor­gen danach darf dann wie­der das Fas­ten gebro­chen wer­den. In etwas wird also für ca. 32 Stun­den kei­ne Nah­rung auf­ge­nom­men (wohl aber belie­big viel Was­ser). Inter­es­sant: Ein oft befürch­te­tes Hun­ger­ge­fühl bleibt meist aus, genau­so wie irgend­wel­che Schwä­che­ge­füh­le oder Mat­tig­keit. Kein Wun­der, der Darm ist noch voll mit Nähr­stof­fen von den Tagen vor­her. Die mit dem Fas­ten ein­her­ge­hen­den vor­teil­haf­ten Effek­te auf Leis­tungs­fä­hig­keit, Lebens­freu­de, geis­ti­ges Ange­regt­sein, Moti­va­ti­on, Gefühls­tie­fe, Aus­dau­er oder Heilung/​​Linderung von chro­ni­schen Krank­hei­ten (ein­schließ­lich Dia­be­tes oder Krebs) stel­len sich auch beim Kurz­zeit­fas­ten ein.
   Mitt­ler­wei­le ist klar, dass der maxi­ma­le hor­me­ti­sche Effekt auf die mensch­li­che Gesund­heit dann ein­tritt, wenn das Kurz­zeit­fas­ten zum Bestand­teil des Lebens wird – das soge­nann­te Inter­vall­fas­ten oder iFas­ten. Zu Beginn viel­leicht ein­mal pro Woche, am bes­ten an wech­seln­den Tagen. Nach Bedarf und wach­sen­der Erfah­rung kann dann auch mehr­fach pro Woche gefas­tet wer­den bis hin zum sog. 1:1‑Schema – ein Tag iFas­ten, ein Tag essen. Die ein­zi­ge Regel: An den iFas­­ten-Tagen nur Was­ser trin­ken, evtl. auch unge­süß­te Tees oder Kaf­fee. Neben dem Zuwachs an Lebens­qua­li­tät (sie­he oben), Kör­­per­­ge­­wichts-Abnah­­me und Ver­bes­se­rung der Gesund­heit ver­än­dert sich beim iFas­ten all­mäh­lich das Ess­ver­hal­ten: Heiß­hun­ger­pha­sen wer­den sel­te­ner, unstill­ba­rer Hun­ger ver­geht all­mäh­lich, das Bedürf­nis nach “ech­ten” Lebens­mit­teln (sie­he oben) steigt. Vie­le Men­schen, die regel­mä­ßig ifas­ten berich­ten auch davon, dass sie an den Ess­ta­gen weni­ger und vor allem sel­te­ner essen. Matt­son z. B. gibt an, dass er selbst mit nur einer Mahl­zeit am Tage gut auskommt.
Quel­le: Rai­ner H. Buben­zer, Mario Hirsch­ler: Abneh­men mit iFas­ten. mul­ti­MED­vi­si­on Ver­lag. Ber­lin. 2015 (ISBN 978–3‑00–046699‑1).

Inter­vall­fas­ten ist dem­zu­fol­ge ein­deu­tig ein hor­me­ti­sches Ver­fah­ren, da der schä­di­gen­de Reiz ins­ge­samt redu­ziert wird und sich damit schä­di­gen­de Aus­wir­kun­gen ver­rin­gern. Es ist aber auch noch mehr: Wird in den ande­ren Stoff­wech­sel­zu­stand der Keto­se umge­schal­tet wird, wer­den die Gren­zen der Hor­me­sis ähn­lich wie bei Hoch­po­ten­zen in der Homöo­pa­thie, einer Pla­ce­bo­the­ra­pie oder der Rück­be­sin­nung auf die eige­ne Selbst­be­stim­mung und Frei­heit über­schrit­ten. Beson­ders die­se inne­re Frei­heit, auch die Frei­heit über den Ver­lauf eige­ner Krank­hei­ten mit zu ent­schei­den und aktiv und wirk­sam ein­zu­grei­fen, hat Medi­zi­ner und Hei­ler von Anfang an maß­los irri­tiert. Im bes­ten Fall belä­cheln sie das Inter­vall­fas­ten, im schlimms­ten Fall betrei­ben sie intel­lek­tu­el­le Gehirn­akro­ba­tik, bei der nur schwäch­li­che Argu­men­te gegen das iFas­ten gefun­den werden.

Fas­ten ist ein nur dem Men­schen mög­li­ches Verfahren

“… das Heil­fas­ten (ist) wohl der ältes­te und einer der edels­ten the­ra­peu­ti­schen Wege. … Fas­ten ist ein nur dem Men­schen mög­li­ches Ver­fah­ren und hat mit dem Abscheu vor Spei­sen, der sich bei gewis­sen Erkran­kun­gen ein­stellt, ledig­lich das gemein, dass in bei­den Fäl­len kei­ne Nah­rung auf­ge­nom­men wird. Es gibt kein Volk der Erde, sowohl im Rau­me als auch in der Zeit, wel­ches nicht das Fas­ten kennt. Seit je gehört lang­dau­ern­des Fas­ten zu den Initia­­ti­ons-Vor­­­be­­rei­­tun­­gen, seit je auch zur The­ra­pie. … Das Homöo­pa­thi­sche des Fas­tens ergibt sich ohne wei­te­res aus dem, was im Orga­nis­mus des Fas­ten­den vor­geht. Auch der Fas­ten­de “isst. Da er sich kei­ne Nah­rung zuführt, muss er von den Bestän­den sei­nes eige­nen Orga­nis­mus zeh­ren. Wie wir wis­sen, greift er dabei sein ent­behr­lichs­tes, sein uner­wünsch­tes Mate­ri­al an: er bringt sei­ne (…) “ver­schlack­ten” Gewe­be ins Feu­er des Stoff­wech­sels, er führt “Lum­pen­ver­bren­nung” durch, wie Buch­in­ger es nennt. Das, was an Krank­haf­tem in ihm ruh­te – und kei­nes­wegs nur “ruh­te” -, wird wäh­rend des Fas­tens sehr all­mäh­lich, fein dosiert, dem Orga­nis­mus als Nah­rungs­er­satz zur Ver­fü­gung gestellt. … Immer wie­der beob­ach­ten die Fas­­ten-The­ra­­peu­­ten, dass wäh­rend einer Heil­­fas­­ten-Kur der Orga­nis­mus des Kran­ken gera­de­zu ver­blüf­fen­de Erschei­nungs­bil­der sei­ner frü­he­ren Erkran­kun­gen pro­du­ziert und als­dann wie­der aus­löscht. Man kann sich dem Ein­druck nicht ver­schlie­ßen, dass alles Uner­le­dig­te, alles nicht ganz Getilg­te aus sei­nem Einst (das laten­te Gegen­wart geblie­ben ist) her­vor­kommt, dass mit­hin der Kran­ke an sei­ner eige­nen Kran­ken­ge­schich­te gesund wird, wenn er fastet. …”

Quel­le: Her­bert Frit­sche: Die Erhö­hung der Schlan­ge – Mys­te­ri­um, Men­schen­bild und Mira­kel der Homöo­pa­thie. Klett, Stutt­gart, 1953 (Frit­sche war u. a. sie­ben Jah­re Schü­ler von Otto Buchinger).

Darmflora: Darmträgheit eine Geißel der Moderne

Darm­flo­ra: Im Zusam­men­hang mit Fas­ten und Inter­vall­fas­ten taucht immer wie­der ein Pro­blem auf, gegen das schon die alten Fas­ten­päps­te kaum ein ein­fa­ches Gegen­mit­tel kann­ten (außer Glau­ber­salz): Ver­stop­fung. Jede natur­me­di­zi­ni­sche Behand­lung, vor allem von chro­ni­schen Erkran­kun­gen, lässt auch längst ver­ges­se­ne Ele­men­te aus der Krank­heits­ge­schich­te auf­tau­chen (sie­he oben). Dazu gehört bei fast allen Men­schen eine oft län­ger anhal­ten­de Stö­rung der Darm­flo­ra mit Ver­stop­fung, Durch­fall, aber auch Bauch­drü­cken oder Sod­bren­nen, die nicht sel­ten bereits in der Kind­heit vor­kam. Der groß­ar­ti­ge Gas­tro­en­te­ro­lo­ge Dr. Franz Xaver Mayr (1875–1965) erkann­te vor rund 100 Jah­ren, dass hier­aus eine der größ­ten medi­zi­ni­schen Gei­ßeln der Moder­ne folgt – die “chro­ni­sche Darm­träg­heit”. Die Ursa­chen für die oft anhal­ten­de Stö­rung der Darm­flo­ra und die Fol­ge-Beschwer­den (“Dys­bio­se”) sind viel­fäl­tig: Über­mä­ßi­ger Dau­er­stress, Anti­bio­ti­ka-Behand­lun­gen, lang­jäh­ri­ge Ernäh­rungs­feh­ler (“junk food”), Umwelt­ein­flüs­se und vie­les andere.

Für die Behand­lung sind die­se Ursa­chen jedoch meist ohne aktu­el­len Belang – bei vie­len Betrof­fe­nen hat sich das Beschwer­de­bild ver­selbst­stän­digt und hat sich unab­hän­gig gemacht von den ursprüng­li­chen Ursa­chen. Das Fas­ten legt das Pro­blem nur wie­der auf den Tisch. Wäh­rend aber eine Fas­ten­kur von viel­leicht 10 Tagen nicht in der Lage ist, die­se Pro­ble­ma­tik zu lösen, ver­mag Inter­vall­fas­ten als Teil des Lebens ener­gi­sche Hei­lungs­im­pul­se zu set­zen – auch in Rich­tung der gestör­ten Darm­flo­ra (Mikro­bi­om). Wird dies ergänzt durch eine präbiotika-(ballaststoffreiche) Ernäh­rung und mehr Sport, gehört die chro­ni­sche Darm­träg­heit (beim Fas­ten und als Dau­er­pro­blem im All­tag) irgend­wann der Ver­gan­gen­heit an. Dras­ti­sche Maß­nah­men wie “Darm­sa­nie­rung”, “Kolon-Hydro-The­ra­pie”, pflanz­li­che Abführ­mit­tel oder die Ein­nah­me von Bak­te­ri­en-Sus­pen­sio­nen zei­gen zwar kurz­zei­ti­ge Effek­te, lösen aber auf Dau­er nicht das grund­le­gen­de Pro­blem des “gestör­ten Ver­hält­nis­ses” von Darm­flo­ra und Mensch.

Exkurs
Grund­im­pul­se der Ent­wick­lung: Krea­ti­vi­tät und Kooperation

F. X. Mayr, der von den gigan­ti­schen Ein­sich­ten der moder­nen Mikro­biom­for­schung (Mikro­bi­om = Gesamt­heit aller in und auf dem Men­schen leben­den Bak­te­ri­en) noch nichts ahnen konn­te, wür­de sich von die­sen wis­sen­schaft­li­chen Resul­ta­ten zutiefst bestä­tigt füh­len. Min­des­tens so alt wie das oben erwähn­te erb­lich wei­ter­ge­ge­be­ne “Fas­ten­pro­gramm” ist das Zusam­men­le­ben von völ­lig unter­schied­li­chen Lebe­we­sen in einem ein­zi­gen Orga­nis­mus. Kaum jemand hat so maß­geb­lich und gleich­zei­tig fast unbe­merkt das moder­ne Den­ken beein­flusst, wie die US-Bio­­­lo­­gin Prof. Dr. Lynn Mar­gu­lis (1938–2011), die es schaff­te, die schon älte­re Endo-Sym­­­bi­on­ten­­theo­rie als Lebens­tat­sa­che in den Lebens­wis­sen­schaf­ten zu ver­an­kern: Sie konn­te zwei­fels­frei zei­gen, dass die ener­gie­lie­fern­den Zell­or­ga­nel­len namens “Mito­chon­dri­en” vor Urzei­ten in tie­ri­sche Zel­len ein­ge­wan­der­te Bak­te­ri­en sind, die seit­her mit die­sen in Sym­bio­se zusam­men­le­ben (bei Pflan­zen pas­sier­te das glei­che – die dort ein­ge­wan­der­ten “Kraft­wer­ke” hei­ßen Chlo­ro­plas­ten). Was bereits Mar­gu­lis zeig­te, hat sich voll­um­fäng­lich auch in Bezug auf das Mikro­bi­om bestä­tigt: Mensch und die mehr als 1.200 ver­schie­dens­ten Bak­te­ri­en­spe­zi­es in und auf dem Men­schen leben ein­hel­lig zusam­men, zum aller­größ­ten Nut­zen aller. Ohne die­se Sym­bio­se hät­ten die Säu­ge­tie­re ein­schließ­lich der Mensch­heit sich kaum ent­wi­ckeln kön­nen und wären hoff­nungs­los unter­ge­gan­gen (vie­le der mit uns leben­den Bak­te­ri­en aller­dings auch). Die zehn­tau­sen­den ein­zel­ner For­schungs­er­geb­nis­se der Mikro­biom­for­schung nur der letz­ten Jah­re zei­gen: Auf heu­te noch fast unvor­stell­ba­re Wei­se sind die vie­len ver­schie­de­nen Lebe­we­sen, die “den Men­schen” aus­ma­chen mit­ein­an­der ver­zahnt. Bis hin zu unse­ren see­li­schen Regun­gen, Lebens­mit­tel­prä­fe­ren­zen oder unse­rer Part­ner­aus­wahl. Neben die­sen bahn­bre­chend neu­en, bio­­­lo­­gisch-wis­­sen­­schaf­t­­li­chen Grund­la­gen, die Mar­gu­lis und ande­re erforscht haben, hat ihre Idee von Koope­ra­ti­on und Krea­ti­vi­tät als Motor der Ent­wick­lungs­ge­schich­te des Lebens end­lich eine Befrei­ung des Den­kens gebracht. Und zwar von den immer noch vor­herr­schen­den dar­wi­nis­ti­schen Ver­kleis­te­run­gen einer angeb­lich nur belie­bi­gen Schad­rei­zen, den hier­durch beding­ten Muta­tio­nen und der nach­fol­gen­den bru­ta­len Zucht­aus­le­se der Stärks­ten unter­lie­gen­den Evo­lu­ti­on. Die­se Frei­heit ist die glei­che Frei­heit, die F. X. Mayr mein­te: Wird die chro­ni­sche Darm­träg­heit, die “von staats- und welt­po­li­ti­scher Bedeu­tung aller­ers­ten Ran­ges ist”, gelöst (Mar­gu­lis: “wird also Har­mo­nie aller den Men­schen bil­den­den Spe­zi­es erreicht”), dann kann die Zivi­li­sa­ti­on end­lich wie­der mensch­li­cher wer­den und “kör­per­lich, geis­tig, see­lisch, mora­lisch und sozi­al gesun­den” (Mar­gu­lis: “mit Hil­fe unse­res Mikro­bi­oms”). So pes­si­mis­tisch die der­zei­ti­ge Zukunfts­ein­schät­zung vie­ler Men­schen der­zeit ist, die­se Ein- und Aus­sich­ten zei­gen strah­len­de Zukunfts­mög­lich­kei­ten. Mög­lich­kei­ten, die aber über­wie­gend weder in der Natur­me­di­zin noch der Schul­me­di­zin über­haupt gese­hen werden …

Schädliche Stressoren: Sitzen ist das neue Rauchen

NEAT-DesktopSport: Berech­nun­gen zei­gen, dass die mitt­le­re täg­li­che Geh­stre­cke in Deutsch­land zwi­schen 1910 und 2010 von 20 km auf 400 Meter pro Tag gesun­ken ist (Hof­meis­ter, 2012). Dass allei­ne dies zen­tral krank­ma­chen­de Effek­te auf den größ­ten Teil der Bevöl­ke­rung hat, und wesent­lich für die Aus­brei­tung von Zucker­krank­heit, Über­ge­wicht und Krebs ist, wird wis­sen­schaft­lich kaum noch in Fra­ge gestellt. Dass umge­kehrt sport­li­che Akti­vi­tä­ten gesund sein kön­nen, ist eben­falls klar. Sport/​körperliche Akti­vi­tät hat zwei Schä­di­gungs­mög­lich­kei­ten: Ein Zuviel schä­digt die Gesund­heit, kann sogar das Leben kos­ten. Ein Zuwe­nig ist eben­falls schä­di­gend und nur wenig ver­ein­bar mit einem gesun­den Lebens­ver­lauf oder der wirk­sa­men Vor­beu­gung von Zivi­li­sa­ti­ons­krank­hei­ten. Ohne Zwei­fel gibt es einen für jeden Men­schen indi­vi­du­ell för­der­li­chen Bewe­gungs­um­fang, der vor allem durch ein abso­lu­tes Zuviel an Sit­zen nicht rea­li­siert wird (der­zeit 8–14 Stunden/​Tag – “Sit­zen ist das neue Rauchen”).

Mehr als drei Stun­den täg­lich zu Sit­zen gilt nach moder­ner Ein­sicht als defi­ni­tiv gesund­heits­schä­di­gend, oder dras­ti­scher aus­ge­drückt, als töd­lich. Das sind beun­ru­hi­gen­de Tat­sa­chen, die vie­le betref­fen – trotz­dem wird das enor­me Aus­maß die­ses schä­di­gen­den Stres­sors nicht beson­ders publik gemacht. Mög­li­che Grün­de: Der hohe Preis, Büros auf gesund­heits­för­der­li­che Ein­hei­ten umzu­rüs­ten oder die feh­len­de Bereit­schaft von Unter­neh­men, in kos­ten­lo­se, betriebs­ei­ge­ne Fit­ness­stu­di­os zu inves­tie­ren. Oder auf der ande­ren Sei­te die feh­len­de Bereit­schaft vie­ler Arbeit­neh­mer zu “gesün­de­ren, ver­ord­ne­ten Arbeits­be­din­gun­gen”. Oder könn­ten Sie sich pro­blem­los vor­stel­len, wäh­rend der Arbeit täg­lich 5 oder gar 20 Kilo­me­ter zu gehen oder zu lau­fen? Die­se – hor­me­ti­sche – Idee ent­wi­ckel­te einer der krea­tivs­ten und bemer­kens­wer­tes­ten US-Ernäh­rungs­for­scher und Ärz­te, Prof. Dr. James A. Levi­ne von der Mayo-Kli­nik, vor über 15 Jah­ren und ließ gleich ent­spre­chen­de Arbeits­platz­mo­del­le in Zusam­men­ar­beit mit Büro­her­stel­lern bau­en. Mit sei­nem NEAT-Desk­top (Non-Exer­cise-Acti­vi­ty-Ther­mo­ge­ne­sis) wird ein Gut­teil der Ener­gie ver­braucht, die sonst zu Über­ge­wicht führt. Dazu wer­den modi­fi­zier­te Lauf­bän­der mit varia­blen Geschwin­dig­kei­ten wie im Fit­ness­stu­dio unter Steh­pul­te oder höhen­ver­stell­ba­re Schreib­ti­sche gestellt. Levi­ne expe­ri­men­tier­te mit die­sen bis heu­te revo­lu­tio­nä­ren Arbeits­plät­zen und führ­te dazu etli­che Stu­di­en durch. Die Ergeb­nis­se: Das Arbei­ten an sol­chen spe­zi­el­len Arbeits­plät­zen kann bei mini­ma­ler Lauf­ge­schwin­dig­keit bei Über­ge­wich­ti­gen einen Gewichts­ver­lust von bis zu 30 Kilo­gramm im ers­ten Jahr brin­gen. Eini­ge weni­ge Sport­ge­rä­te- und Büro­mö­bel­her­stel­ler bie­ten in Euro­pa das Levine’sche Kon­zept in aus­ge­reif­ten For­men an.

Bei den Berich­ten von Dauer-Anwender*innen fühlt man sich an Berich­te von inter­vall­fas­ten­den Men­schen erin­nert: Der Kopf wird wie­der frei, die Schul­tern und der Nacken ent­span­nen sich, die Krea­ti­vi­tät nimmt zu, der Gedan­ken­fluss kommt leich­ter in Gang und es stellt sich all­mäh­lich wie­der Bewe­gungs­drang ein. Und schließ­lich zei­gen Hun­dert­tau­sen­de Nutzer*innen welt­weit, dass fast alle nor­ma­le Büro­tä­tig­kei­ten auch in an einem Steh­pult mit Lauf­band durch­führ­bar sind (nur hoch­auf­lö­sen­des Zeich­nen oder Retu­schie­ren von Bil­dern kann schwie­rig sein)!

Fleisch: Sicher kein Heilmittel für unsere Gesundheit

Vege­ta­ris­mus: Wis­sen­schaft­lich heu­te ohne Fra­ge – eine vege­ta­ri­sche Ernäh­rung geht mit einer bis zu sie­ben Jah­ren län­ge­ren Lebens­er­war­tung ein­her gegen­über der Lebens­er­war­tung von Fleisch­essern, wie gro­ße Mega­stu­di­en aus den USA gezeigt haben. Eine der­ar­tig erhöh­te Lebens­er­war­tung ist ein siche­rer Hin­weis dar­auf, dass Vege­ta­ris­mus für Men­schen auch “gesund” ist (tat­säch­lich sind die meis­ten Vege­ta­ri­er im Durch­schnitt gesün­der als Fleisch­esser). Anders als bei ande­ren Bei­spie­len zuvor gibt es beim Vege­ta­ris­mus jedoch kei­ne “U‑Kurve”. Fleisch­kon­sum ist also immer unge­sund (abge­se­hen von den mora­lisch-ethi­schen, reli­giö­sen und öko­lo­gi­schen Fra­gen). Wenig Fleisch zu essen ist hin­ge­gen kein hor­me­ti­scher Hei­lungs­reiz ent­spre­chend des bio­lo­gi­schen Grund­ge­set­zes, son­dern nur der völ­li­ge Ver­zicht auf tie­ri­sche Pro­duk­te. Auch bei die­sem The­ma war­ten Fleisch­esser und Ver­tre­ter des agro­in­dus­tri­el­len Kom­ple­xes mit enor­mer Gehirn­akro­ba­tik auf, um mit Fake-Argu­men­ten die geschil­der­ten Tat­sa­chen zu ent­kräf­ten. Nicht anders wie die meis­ten Rau­cher vie­le gute Argu­men­te haben, war­um sie rau­chen müs­sen, war­um ihnen das gut­tut und sie sowie­so jeder­zeit auf­hö­ren kön­nen (Rau­chen ist übri­gens auch nicht hor­me­tisch – es macht immer krank und selbst gerin­ge Dosen kön­nen Krebs erregen).

Radio­ak­ti­vi­tät: Das Hor­me­sis-Axi­om ist auch in “fal­sche” Hän­de gera­ten, und wird miss­bräuch­lich ver­wen­det, um das Risi­ko lebens­ge­fähr­den­der Tech­no­lo­gien zu mar­gi­na­li­sie­ren. Radio­ak­ti­ve Strah­lung ist, so die Ein­sicht der meis­ten Wis­sen­schaft­ler, in jeder Dosis schäd­lich sein – im Sin­ne einer gerad­li­ni­gen Dosis-Wir­kungs-Abhän­gig­keit ohne Schwel­len­wert. Schon seit Jahr­zehn­ten geis­tert aber eine Alter­na­tiv­auf­fas­sung durch die Medi­en – näm­lich die, dass Wir­kun­gen radio­ak­ti­ver Strah­lung der Arndt-Schultz-Regel fol­gen wür­den. Dass also hohe Strah­len­do­sen schäd­li­che bis töd­li­che Fol­gen haben, eine nied­ri­ge Dosie­rung jedoch sogar lebens­för­dern­de, posi­ti­ve Effek­te hat. So behaup­te­ten schon sowje­ti­sche For­scher, dass nied­rig­do­sier­te Strah­lung ihrer Atom­kraft­wer­ke und löch­ri­gen Atom­müll­la­ger eher vor­teil­haf­te Effek­te auf die Men­schen haben könn­ten. Auch nach den Tscher­no­byl- und Fuku­shi­ma-Desas­tern kamen wie­der ent­spre­chen­de ver­harm­lo­sen­de Behaup­tun­gen auf, genau­so wie ent­spre­chen­de Bewer­tun­gen hin­sicht­lich der Nied­rig­strah­lung um deut­sche Atom­kraft­wer­ke her­um. Immer­hin, auch in der Toxi­ko­lo­gie (der Wis­sen­schaft von Gif­ten und Ver­gif­tun­gen), zeigt sich immer häu­fi­ger, dass vie­le Gif­te kei­ne linea­re Dosis-Wir­kung haben, son­dern in ihrer Wir­kung dem bio­lo­gi­schen Grund­ge­setz fol­gen, in hohen Dosie­run­gen also schäd­lich und in nied­ri­gen lebens­för­der­lich sind (zum Bei­spiel Selen oder Chrom). Die Natur­me­di­zin, wenn sie das bio­lo­gi­sche Grund­ge­setz als einen ihrer ele­men­ta­ren Grund­sät­ze aner­kennt, soll­te ange­sichts von “ideo­lo­gi­schen Mit­es­sern” im Inter­es­se bestimm­ter Indus­trie­zwei­ge mehr als wach­sam bleiben.

Autor
• Rai­ner H. Buben­zer, Eich­städt bei Ber­lin, Dezem­ber 2021.
Bild­nach­wei­se
• Kajet­an Sumi­la (unsplash.com, SX6XK-8qa_Q).
• Rod Long (unsplash.com, y0OAmd_COUM).
• Mari­on Kaden, Ber­lin, Juli 2016.
Lese­tipps
• Richard Frie­be: Hor­me­sis – Das Prin­zip der Wider­stands­kraft – Wie Stress und Gift uns stär­ker machen. Han­ser, Mün­chen, 2016.
• Mark P. Matt­son, Edward J. Cala­bre­se (eds.): Hor­me­sis – A Revo­lu­ti­on in Bio­lo­gy, Toxi­co­lo­gy and Medi­ci­ne. Sprin­ger, New York, 2010.
• Lynn Mar­gu­lis: Der sym­bio­ti­sche Pla­net oder Wie die Evo­lu­ti­on wirk­lich ver­lief. West­end, Frank­furt, 2017.
• Joa­chim Bau­er: Das koope­ra­ti­ve Gen: Evo­lu­ti­on als krea­ti­ver Pro­zess. Heyne/​​Random House, Mün­chen, 2010.
wei­te­re Infos
Inter­­vall-Fas­­ten: Der klei­ne Bru­der des Heilfastens.
Selbst­hei­lung: Ver­mitt­ler zwi­schen Krank­heit und Gesundheit.

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