Arzneipflanzen-Merkblätter des Kaiserlichen Gesundheitsamts: Nr. 23, Fingerhutblätter (1917)

Fin­ger­hut­blät­ter

Der rote Fin­ger­hut, Digi­ta­lis pur­pu­rea L., ist eine zwei­jäh­ri­ge Pflan­ze, die im ers­ten Jahr eine ansehn­li­che Blatt­ro­set­te her­vor­bringt. Aus die­ser 1–3 cm dicke, auf­rech­te Sten­gel. Die­ser ist ein­fach und nur sel­ten ver­zweigt. Die Blät­ter ste­hen an ihm nicht ein­an­der gegen­über; an der Spit­ze trägt er die Blü­ten­trau­be. Die Blät­ter der Grund­ro­set­te wer­den bis 60 cm lang und 15 cm breit; sie sind läng­lich-eiför­mig und stumpf; am Grun­de gehen sie all­mäh­lich in den Blatt­stiel über, der oft die Hälf­te des gan­zen Blat­tes mißt; die Sten­gel­blät­ter wer­den nach oben hin all­mäh­lich immer klei­ner; die Blatt­flä­che ist am Ran­de gekerbt, auf der obe­ren Sei­te dun­kel­grün, matt und kurz weich­haa­rig, auf der unte­ren Sei­te hell­grün und dich­ter, fast fil­zig behaart; das dich­te und enge Ader­netz der Blät­ter ist auf der obe­ren Sei­te ein­ge­senkt, auf der unte­ren Sei­te vor­sprin­gend. Der Blü­ten­stand ist eine bis 1 m lan­ge, viel­blü­ti­ge Trau­be, die von unten nach oben auf­blüht. Die Blü­ten sind groß, hän­gend, von pur­pur­ro­ter Far­be; von ihrer fin­ger­hut­ar­ti­gen Gestalt hat die Pflan­ze den Namen.

Der rote Fin­ger­hut fin­det sich als eine Zier­de und zugleich als läs­ti­ges Forstun­kraut in Berg­wäl­dern Süd- und Mit­tel­deutsch­lands, nur in West­fa­len kommt er auch in der Ebe­ne vor. Der Fin­ger­hut liebt kie­sel­hal­ti­gen Boden und tritt stel­len­wei­se, so beson­ders auf Wald­schlä­gen, so zahl­reich auf, daß neben ihm kaum etwas ande­res wächst.

Nach der Vor­schrift des Deut­schen Arz­nei­buchs sol­len die Blät­ter, die­ser sehr gif­ti­gen Pflan­ze von wild­wach­sen­den, blü­hen­den Exem­pla­ren gesam­melt wer­den, was im Juli, August und Sep­tem­ber geschieht. Gewöhn­lich fin­det man aber als Dro­ge auch die Roset­ten­blät­ter ver­wen­det, die leich­ter zu sam­meln sind und eine schö­ne­re, gleich­mä­ßi­ge­re Dro­ge erge­ben. Die Roset­ten­blät­ter sind am bes­ten erst im Sep­tem­ber und Okto­ber zu sam­meln, wo sie ihre vol­le Grö­ße erlangt haben. Die Blät­ter sind sorg­fäl­tig rasch an der Luft zu trock­nen und vor Licht geschützt in gut schlie­ßen­den Gefä­ßen aufzubewahren.

Wenn die Fin­ger­hut­blät­ter von der blü­hen­den Pflan­ze abge­streift wer­den, so ist ein Irr­tum oder eine Ver­wechs­lung voll­kom­men aus­ge­schlos­sen, da die Pflan­ze leicht erkenn­bar ist. Wer­den jedoch die Roset­ten­blät­ter gesam­melt, so muß man sich vor einer Ver­wechs­lung beson­ders mit den Blät­tern des Woll­krauts (Ver­bas­cum-Arten) hüten, die, eben­falls in Roset­ten­form, oft an den­sel­ben Orten mit dem Fin­ger­hut zusam­men Vor­kom­men. Des­halb soll­te die Vor­schrift des Arz­nei­buchs, nur von der blü­hen­den Pflan­ze zu sam­meln, beach­tet werden.

Das Han­tie­ren mit den Fin­ger­hut­blät­tern soll der gro­ßen Gif­tig­keit der Pflan­ze wegen nur von Erwach­se­nen vor­ge­nom­men wer­den und zwar nur dann, wenn deren Hän­de kei­ne Wun­den auf­wei­sen und durch Hand­schu­he geschützt sind.

Auch die rei­fen Samen des .Fin­ger­huts kön­nen gesam­melt und an die Sam­mel­stel­len ver­kauft werden.

Beach­tet beim Sam­meln die in einem beson­de­ren Merk­blatt zusam­men­ge­stell­ten all­ge­mei­nen Regeln. Schont beim Sam­meln die Fel­der und Äcker. Geht nicht beim Sam­meln in die Fel­der hin­ein, sam­melt nur, was am Ran­de steht, reißt nicht die gan­zen Pflan­zen aus, wenn ihr nur die Blü­ten oder Blät­ter zu sam­meln braucht. Beschä­digt die Bäu­me nicht und reißt von ihnen kei­ne Äste ab. Sam­melt nur, wo die Pflan­zen zahl­reich vor­kom­men, laßt ver­ein­zel­te ste­hen, rot­tet sie nicht aus.

Quel­len
Arz­n­ei­pflan­­zen-Mer­k­­blä­t­­ter des Kai­ser­li­chen Gesund­heits­amts /​​ Bearb. in Gemein­schaft mit d. Arz­n­ei­pflan­­zen-Aus­­­schuß d. Deut­schen Phar­ma­zeut. Gesell­schaft Ber­­lin-Dah­­lem. Sprin­ger, Ber­lin, 1917.

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