Wer heilt, hat recht! Ein Grundsatz, der jahrhundertelang Bestand hatte. Schließlich ist es dem Patienten gleichgültig, wer ihm geholfen hat und welche Methoden dabei angewandt wurden. Das Ergebnis zählt. Doch diese alte Überzeugung fiel der Wissenschaft zum Opfer. Seit Mitte des letzten Jahrhunderts wird bei sämtlichen Heilverfahren, ob alt oder neu, nach dem „Wirksamkeitsnachweis“ gefragt. Erst wenn die Wirkung die Wissenschaftler überzeugt, wird dieses Verfahren offiziell anerkannt. Die Folge: Jahrhundertealtes Wissen von der Heilkraft der Natur ging fast verloren. Doch die reine Wissenschaftsmedizin hatte ihre Rechung ohne die Menschen gemacht. So ist das deutsche Gesundheitswesen nicht nur dank der zahlreichen Gesetzesreformen der letzten Jahre in Bewegung. Abgeschreckt von einer unpersönlichen Apparatemedizin und den Risiken und Nebenwirkungen vieler chemischer Medikamente folgen seit den 70er Jahren unseres Jahrhunderts immer mehr Menschen der Losung „Zurück zur Natur“.
Natur und Heilen
Mittlerweile würden sich Umfragen zufolge mehr als 90 Prozent der Deutschen im Krankheitsfall lieber naturheilkundlich behandeln lassen. Und die Tatsache, daß Patienten für Arzneimittel immer tiefer in die eigene Tasche greifen müssen, macht die alten Hausmittel, die schon so manches Zipperlein von Großvater und Großmutter lindern oder sogar heilen konnten, wieder attraktiv. Die Naturheilkunde präsentiert sich heute als vielfältige Alternative oder Ergänzung zur sogenannten Schulmedizin. Zu den klassischen Verfahren, als deren Väter Sebastian Kneipp, Samuel Hahnemann, Christoph von Hufeland, Vinzenz Prießnitz, Paracelsus und viele andere abendländische, sprich europäische Naturheiler gelten, werden mittlerweile auch die fernöstlichen gezählt. Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) hat sich mit einigen Methoden sogar in Arztpraxen und Fachkliniken durchsetzen können. Die Kosten beispielsweise für Akupunktur-Behandlungen werden heute von den meisten Krankenkassen, auch den gesetzlichen, übernommen.
Natur und Medizin
Schulmedizin und Naturheilkunde – in den Köpfen vieler einseitiger Verfechter zwei Lehren und zwei Welten. Sind die Unterschiede zwischen der Schulmedizin und der Naturheilkunde wirklich so groß? Und sind immer noch Schulmediziner und Naturheilkundler auf dem jeweils anderen Auge blind? Die beiden Heilslehren haben mehr gemeinsam als allgemein angenommen. So bedient sich zum einen die Schulmedizin vieler natürlicher Verfahren wie Bewegungstherapie, Atemtherapie, Wärme- und Kältetherapie sowie Massagen. Zum anderen greifen auch Naturheilkundler auf chemische Arzneistoffe zurück, so bei der Neuraltherapie. Eine von vielen Vertretern beider Seiten immer noch aufrechterhaltene Trennung der Denkweisen ist auch historisch nicht nachvollziehbar. Seit der Antike war die Medizin naturheilkundlich orientiert. Zum Bruch mit der alten Erfahrungsmedizin kam es erst mit der Begründung der naturwissenschaftlichen Schulmedizin im 19. Jahrhundert. Doch noch heute sieht die gesamte Ärzteschaft in Hippokrates (um 460 bis 370 v. Chr.) ihren ideellen Vater. Von dem weisen Griechen stammt der richtungsweisende Satz: „Der Arzt hilft, die Natur heilt!“ Tatsächlich unterscheiden sich die heutige Wissenschaftsmedizin und die Naturheilkunde in einem wesentlichen Punkt voneinander: Während die Schulmedizin versucht, Krankheiten ohne Beteiligung des Patienten beherrschbar zu machen, zielen die Naturheilverfahren darauf ab, die Selbstheilungskräfte des Patienten anzuregen und zu unterstützen. Schulmediziner gehen in ihren Therapie-Bemühungen nach folgenden drei Prinzipien vor: 1. Ausschaltung der Krankheitsursache und/oder der Symptome durch Medikamente, Operation, Chemo- oder Strahlentherapie. 2. Gezielte Korrektur der Normabweichungen (das heißt des Abweichens eines normalen Wertes, zum Beispiel bei Blutdruck oder Cholesterin) durch Medikamente. 3. Ersatz ungenügender oder ausgefallener Funktionen und Organe zum Beispiel durch Transplantation, Implantation und Hormonsubstitution. Die Naturheilkunde geht stets den indirekten Weg: 1. durch Schonung, 2. durch Regulierung und 3. durch Kräftigung des Körpers. Durch entlastende Maßnahmen wie Bettruhe, Ruhigstellung und Wärme lassen sich die körpereigenen Erholungs- und Abwehrvorgänge fördern und selbst komplizierte Steuerungsmechanismen im Körper verbessern. Der Organismus soll dazu gebracht werden, krankhafte Veränderungen selbst zu regulieren. Die Prinzipien der Naturheilkunde werden von den meisten Menschen akzeptiert und begrüßt. Und auch die etablierte Wissenschaft verschließt sich nicht mehr gänzlich den einst als „Schmalspurmedizin“ belächelten Methoden. So gibt es in Berlin mittlerweile einen Lehrstuhl für Naturheilverfahren, und in Bayern arbeitet seit vielen Jahren ein staatlich sanktionierter Verbund naturheilkundlicher Kliniken (Klinikverbund Münchner Modell, siehe Adressen ) auf wissenschaftlicher Basis. Die Zahl der Schulmediziner, die die Sehnsucht der Patienten nach einer menschlicheren Medizin erkannt und auch als neue „Marktstrategie“ entdeckt haben, wächst. Um nicht zusehen zu müssen, wie ihre eigenen Felle davonschwimmen, brechen viele Hausärzte zwar weder mit ihrem Berufsstand noch mit ihrer schulmedizinischen Hochschul- Ausbildung, aber sie denken um und setzen auf das „Sowohl-als-auch-Prinzip“ der ganzheitlichen Medizin: soviel Naturheilkunde wie möglich, soviel Schulmedizin wie nötig. Allein in den westlichen Bundesländern führen über 15 000 niedergelassene Ärzte den Zusatz „Naturheilverfahren“ auf ihrem Praxisschild. Sie wählen den Weg der Mitte und folgen dem Gedanken der Ganzheitsmedizin, einem Kerngedanken der Naturheilkunde.
Quelle
© Mit freundlicher Genehmigung des Honos Verlages, Köln, 2010.