Die Phytotherapeutische Welt (1983, herausgegeben von H. G. Menßen)

















Geschichte

Weißdornzweig mit Früchten
Der Weißdorn war zwar in alten Zeiten bekannt und wurde schon von Theophrast (371–286) und Dioskorides (um 50 n. Chr.) beschrieben, scheint aber erst im Mittelalter Eingang in die Heilkunde gefunden zu haben. Zu seinen Anwendungsgebieten zählten Gicht, Blutungen, Weißfluß und Brustfellentzündung; Louise Bourgeois, die Hebamme der Maria von Medici, verordnete ihren vornehmen Patienten Weißdorn zur Auflösung von Harnsteinen. Im frühen 16. Jahrhundert glaubte man, daß Crataegus gegen Wassersucht und innere Schmerzen wirke und – bei äußerlicher Anwendung – geeignet sei, Splitter und Dornen zu ziehen. Seine herz- und kreislaufwirksamen Eigenschaften wurden erst im späten Mittelalter erkannt. Der “syrupus senelorum”, den Quercetanus, der Leibarzt Heinrichs des IV. von Frankreich, seinem königlichen Herrn zur Linderung der Altersbeschwerden verordnete, ist vermutlich ein Weißdornfrüchtesirup gewesen. In der Folgezeit blieb die Pflanze dem französischen Heilschatz erhalten, dem sie als “Crategine” oder “Crategol” noch im 19. Jahrhundert angehörte und aus dem sie von dem irischen Arzt Green gegen Ende des 19. Jahrhunderts in die Homöopathie übernommen wurde. Etwa zur gleichen Zeit erkannten auch amerikanische Ärzte ihre therapeutische Wirkung. Erst viel später, im Jahre 1926, fand sie wegen der zahlreichen homöopathischen Erfolgsberichte Eingang in das DAB VI.
Der Ursprung sowohl des deutschen wie des botanischen Namens der Pflanze ist umstritten. Nach vorherrschender Meinung soll nicht, wie bei dem artverwandten Rotdorn, die Farbe ihrer Blüten, sondern das Weißgrau der Rinde ihrer Zweige zur Wahl ihres deutschen Namens geführt haben. Angezweifelt wird auch der Ursprung des Namens “Crataegus” in dem griechischen “krataios” (= fest, stark), das bisher als Ausdruck für die zähe Struktur ihres Holzes interpretiert wurde. Der Artname “oxyacantha” kommt ebenfalls aus dem Griechischen und bedeutet “spitzstachelig”, bedarf also keiner Erläuterung.
Verwendete Pflanzenteile
Als Droge werden Mischungen von getrockneten Blüten und Laubblättern genutzt; ferner getrocknete Weißdornfrüchte. Die Blätter mit den Blüten werden von Mai bis Juni und die Früchte von September bis November geerntet.
Morphologie

Getrocknete Weißdornblüten und ‑blätter
Die beiden Zwillingsarten Crataegus oxyacantha und Crataegus monogyna sind außerhalb der Blütezeiten an ihrem Laub nur schwer zu unterscheiden. Sie bilden bis zu 5 m hohe Bäume oder Sträucher und entwickeln ein dichtes Geflecht von dornigen Zweigen mit weißgrauer Rinde, deren Blätter ungelappt oder drei- bis fünflappig sein können mit mehr oder weniger tiefen Einschnitten, die bei Crataegus monogyna nicht selten den Hauptnerv des Blattes erreichen. Die eingriffelige Art ist einigermaßen sicher an der spitzen Form der Lappen zu erkennen.
Crataegus oxyacantha, im Volksmund Hagedorn genannt, blüht in den Monaten Mai und Juni. Die fünf weißen, manchmal schwach rosa gefärbten Kronblätter seiner 1 bis 1,5 cm großen Blüten umhüllen 20 bis 25 Staubgefäße mit roten Staubbeuteln und das Fruchtblatt, welches von einem unterständigen Fruchtknoten und meist zwei, seltener auch einem oder sogar drei grünen Griffeln gebildet wird. Die Blüten stehen in aufrechten Doldenrispen an kahlen Kurztrieben. Sie locken Insekten, vor allem Bienen und Hummeln, aber auch Aasfliegen herbei, die durch ihren unangenehmen, an faulende Heringslake erinnernden Geruch angezogen werden. In den Monaten August und September haben sich aus ihnen hagebuttenähnliche, aber kleinere, rote, eiförmige und meist zweisteinige, an der Spitze von den Kelchblättern gekrönte Früchte gebildet, die im Volksmund Mehlfäßchen oder Mehlbeeren genannt werden und für Drosseln und andere Vögel eine beliebte Nahrung sind.
Crataegus monogyna blüht 14 Tage später, besitzt behaarte Blütenstiele und bringt entsprechend seiner geringeren Griffelzahl einsteinige Früchte hervor. Beide Crataegus-Arten wirken medizinisch gleichartig. Deshalb dürfen nach DAB 8 Weißdornblätter mit Blüten von beiden Arten stammen; außerdem sind die selteneren Arten C. pentagyna, C. nigra und C. azarolus zugelassen.
Verbreitung der Art, Vorkommen
Der Weißdorn gehört wie die Heckenrose, der Apfelbaum und der Brombeerstrauch zur Familie der Rosengewächse (Rosaceae). Pharmazeutisch interessant sind die in Mitteleuropa heimischen Arten Crataegus oxyacantha (Gemeiner oder Zweigriffeliger Weißdorn) und Crataegus monogyna (Eingriffeliger Weißdorn).

Inhaltsstoffe
Die chemische Forschung nach den Inhaltsstoffen von Crataegus begann um die Mitte der zwanziger Jahre mit der Isolierung der “Crataegussäure” bzw. eines “Crataeguslaktons”. Dieser Inhaltsstoff erwies sich als ein Gemisch von wasserunlöslichen Triterpenkarbonsäuren, das zu 60 bis 65% aus Ursolsäure, einer pentacyclischen, ungesättigten Monooxytriterpensäure der α‑Amyringruppe, ferner ihrer entsprechenden Verbindung aus der β‑Amyrinreihe, der Öleanolsäure, und zu 20 bis 25% aus Crataegolsäure besteht. Diese Triterpenkarbonsäuren sind in den Früchten des Weißdorns zu 0,095 bis 0,69%, in Blättern und Blüten zu 0,51 bis 0,78% enthalten. Die Handelsdroge, ein Gemisch von C. oxyacantha und C. monogyna, soll in den Blättern bis 1,3%, in den Blüten bis 1,7% Triterpenkarbonsäuren aufweisen.

Neben diesen Inhaltsstoffen finden sich in Blatt, Blüte und Frucht mit wechselnden Anteilen die Flavonoide Hyperosid, Quercetin, Vitexin, Vitexin-4-rhamnosid, Acetylvitexin-4-rhamnosid, d‑Epicatechin und außerdem kreislaufwirksame Dimere und oligomere Dehydrocatechine. In der Fruchtschale ist das Anthocyan Leukocyanidinbiosid nachgewiesen worden, und die Rinde enthält Aesculin, ein Cumaringlykosid, das früher als Crataegin bezeichnet wurde. Die Früchte führen neben wenig Crataegussäure noch Cholin, Acetylcholin, Chlorogen- und Kaffeesäure.
Auch Gerbstoffe bzw. Phlobaphene, Glyzerinester der Öl‑, Stearin‑, Linol-und anderer Fettsäuren, Purinderivate wie Adenosin, Adenin, Guanin und Harnsäure sowie geringe Mengen von Thiamin und Askorbinsäure sind in der Droge enthalten. Einige Forscher geben das Vorhandensein von Saponinen an; Gessner und Orzechowski konnten jedoch bei neueren Untersuchungen diese Stoffe nicht nachweisen. Alle Untersucher sind sich jedoch einig, daß Alkaloide und Digitaloide nicht in der Pflanze vorhanden sind.
Wirkungsweise
Zur Pharmakologie des Crataeguswirkstoffkonzentrates ist folgendes zu bemerken: Pharmakologische Tierversuche am Warmblüterherzen haben zweierlei Wirkungen erkennen lassen. Erstens bewirkt Crataegus regelmäßig eine Gefäßerweiterung und damit eine Steigerung der koronaren Durchblutung. Zweitens wird durch kleine Crataegusdosen die Herzdynamik günstig beeinflußt, d. h. bei sinkender Herzfrequenz und leichter Blutdrucksenkung wird der vorher pathologisch erhöhte Vorhofdruck herabgesetzt.
Große Dosen wirken nachteilig; die Frequenz nimmt ab und außerdem sinkt der Blutdruck in einem Maße, daß eine Steigerung des Vorhofdruckes eintritt. Nach diesen Untersuchungen ist bei Crataegus sowohl eine Gefäßwirkung als auch eine gewisse Wirkung auf das Herz selbst vorhanden.
Medizinische Verwendung
Beim Menschen wird durch Crataegus schon beim Herzgesunden eine Verstärkung der Herztätigkeit, beim Herzkranken nach längerer Medikation neben einer subjektiven Besserung auch objektiv eine meßbare Tonisierung und Regulierung der Herztätigkeit festgestellt. Der Weißdorn ist kein schnell wirkendes Medikament, er eignet sich vielmehr zur Behandlung des Altersherzens, zur Therapie von Herz-und Kreislaufschäden des höheren Lebensalters. Er ist ein Herztonikum, das bei Herzschäden nach Grippe, in Begleitung von Hypertonie und Adipositas sowie Arteriosklerose Anwendung finden sollte. Von der Digitalis unterscheidet er sich grundsätzlich durch seine Unwirksamkeit bei Herzinsuffizienz. Dekompensierte Klappenfehler oder Myokarderkrankungen sind für ihn keine Indikationsgebiete.
Nach dem derzeitigen Stand der Crataegusforschung kommen für die Herz-und Kreislaufwirkung des Weißdorns die Flavonoide, einige Anthocyane und die Triterpensäuren in Frage. In chemisch isolierter Form stimmen diese Stoffe in ihrer Wirkung bei degenerativen Herzerkrankungen qualitativ weitgehend mit den galenischen Crataegus-Zubereitungen überein. Der früher oft behauptete Synergismus von Crataegus und Digitalis wird neuerdings in Frage gestellt. Obwohl ein ausgesprochen diuretischer Effekt des Weißdorns nicht nachweisbar ist, scheint eine mäßige Entwässerung des Organismus nach Gabe von Triterpensäure möglich. Auch ein antiarrhythmischer Effekt wird seinen Inhaltsstoffen zugeschrieben.
Crataegus zeigt an Organen mit glatter Muskulatur keine Kontrakturwirkung und hat keinerlei kumulative Effekte. Anders als Digitalis, die mit der ständigen Gefahr toxischer Begleiterscheinungen behaftet ist, läßt er solche Nebenwirkungen erst bei sehr hohen Dosen erwarten. Daraus ergibt sich eine große therapeutische Breite.
In der Heilkunde finden Extrakte oder Infuse aus Blüten oder Früchten bei Hypertonien, kompensierten Vitien, Frühformen der Herzinsuffizienz im höheren Lebensalter, Koronarschäden und Angina pectoris Anwendung. Wegen der klinisch und experimentell beobachteten Tatsache, daß das Herz bei gleichzeitiger oder intermittierender Anwendung von Crataegus besser auf Digitalis anspricht, wird eine Unterstützung der Digitalistherapie mit Weißdorn empfohlen.
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