Ger­hard Mad­aus: Lehr­buch der bio­lo­gi­schen Heil­mit­tel. Ver­lag Georg Thie­me, Leip­zig, 1938
(Ori­gi­nal, voll­stän­dig erhal­ten) – bei eBay zu ver­kau­fenRezen­si­on 1938, Archiv der Pharmazie

Adonis vernalis – Seite 5 von 5 – Monographie Madaus

Lehr­buch der bio­lo­gi­schen Heilmittel
Mono­gra­phie Ado­nis ver­na­lis (Sei­te 5 von 5)
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Inhaltsstoffe und Pharmakologisches:

Das in der älte­ren Lite­ra­tur als wirk­sams­ter Bestand­teil der Dro­ge ange­ge­be­ne Ado­ni­din (in der Wur­zel 2%) ist wahr­schein­lich ein Gemen­ge aus dem neu­tra­len und dem sau­ren Gly­ko­sid, der Adon­in­säu­re. Mer­cier und Hoff­mann-LaRo­che iso­lier­ten zwei nicht hämo­ly­sie­ren­de Gly­ko­si­de aus Ado­nis: das Gly­ko­sid I, ein amor­phes, was­ser­lös­li­ches, schwach gelb­li­ches Pul­ver, und das Gly­ko­sid II, ein eben­falls amor­phes, leicht gelb­li­ches, aber in Was­ser unlös­li­ches, dage­gen in Alko­hol, Chlo­ro­form und Essi­ges­ter leicht lös­li­ches Pul­ver. Die Zucker­kom­po­nen­te des Gly­ko­sids II soll der Digi­to­xo­se nahe­ste­hen16. Wei­ter ent­hält Ado­nis u. a. 4% Zucker­al­ko­hol Ado­nit, die – neu­er­dings auch bestrit­te­ne – Aco­nit­säu­re, Cho­lin und Harz17.
Die Ado­nis­gly­ko­si­de zei­gen die cha­rak­te­ris­ti­schen Wir­kun­gen der digi­ta­li­s­ar­ti­gen Gly­ko­si­de18, sie zäh­len zu den soge­nann­ten Digi­ta­lis­gly­ko­si­den 2. Ord­nung und kumu­lie­ren nur wenig. So zeig­ten an Kat­zen durch­ge­führ­te Ver­su­che, daß nach Injek­tio­nen von 60% der Dosis leta­lis mini­ma vom Ado­nis­gly­ko­sid I nach 48 Stun­den nur noch 9%, vom Ado­nis­gly­ko­sid II noch 15,7% der Dosis leta­lis mini­ma nach­weis­bar waren. Nach fünf­mal 24 Stun­den konn­te über­haupt kein Gly­ko­sid gefun­den wer­den. Ein­zel­hei­ten über Digi­ta­lis­gly­ko­si­de sie­he im Kapi­tel Digi­ta­lis purpurea.
Hat­cher und Haag19 fan­den, daß Ado­nis außer der feh­len­den Kumu­la­ti­on Digi­ta­lis gegen­über kei­ne Vor­tei­le besit­ze, aber kli­nisch als Digi­ta­li­ser­satz Ver­wen­dung fin­den könne.
Aller­dings scheint Ado­nis durch star­ke Erre­gung der glat­ten Mus­ku­la­tur auf den Ver­dau­ungs­ka­nal stär­ker rei­zend zu wir­ken als Digi­ta­lis20.
Nach Huchard und Hare21 erhöht Ado­nis die arte­ri­el­le Span­nung, wäh­rend es nach Lemoi­ne22 nur durch Beschleu­ni­gung der Zir­ku­la­ti­on wirkt.
Die Ado­nis­gly­ko­si­de erzeu­gen eine peri­phe­re Gefäß­ver­en­ge­rung und dadurch – in toxi­schen Dosen – Blut­druck­erhö­hung23.
The­ra­peu­tisch wert­voll ist die kräf­ti­ge diure­ti­sche Wir­kung24, die außer durch den indi­rek­ten Weg über das Herz und das Gefäß­sys­tem auch direkt durch Rei­zung des Nie­ren­pa­ren­chyms erzeugt wird25. Wahr­schein­lich wird sie durch ande­re Stof­fe als durch Ado­ni­din ver­ur­sacht26, so daß sich auch hier wie­der die Ver­ord­nung der gan­zen Pflan­ze an Stel­le der Ein­zel­sub­stanz emp­fiehlt (Verf.). Die Aus­schei­dung von Harn­stoff und Chlo­ri­den wird durch Ado­nis eben­falls geför­dert27.
Das alko­hol­lös­li­che Ado­nis­gly­ko­sid besitzt außer der diure­ti­schen auch seda­tive Wir­kung, die wohl als Ursa­che der von Bech­te­rew28 beschrie­be­nen anti­epi­lep­ti­schen Heil­kraft der Ado­nis anzu­spre­chen ist29.
Die Ado­ni­din­säu­re hat hämo­ly­ti­sche Eigen­schaf­ten30.
Die nach grö­ße­ren Ado­ni­dinga­ben auf­tre­ten­den Ver­gif­tungs­er­schei­nun­gen äußern sich durch Erbre­chen, Diar­rhöe (nach Tages­ga­ben von 0,03 mg)31, Magen­be­schwer­den und ner­vö­sen Stö­run­gen32.
Durand33 beob­ach­te­te schar­fen Geschmack und einen Zustand der Übel­keit, der noch 12 Stun­den nach dem Erbre­chen anhielt. Bei Hun­den tra­ten Unru­he, Sali­va­ti­on, Vomitus, Erre­gung mit nach­fol­gen­der Läh­mung und schließ­lich Exitus im Koma ein. Nach intra­ve­nö­ser Injek­ti­on war der Puls zunächst ver­lang­samt und der Blut­druck leicht erhöht, dann trat Tachy­kar­die auf34.
Bei Krank­hei­ten der Aor­ta, Arte­rio­skle­ro­se und in der ers­ten Peri­ode der inters­ti­ti­el­len Nephri­tis ist Ado­ni­din infol­ge sei­ner die Gefäß­span­nung erhö­hen­den Wir­kung kon­tra­in­di­ziert35.
Redon­net36 fand, daß Ado­ni­din Merck und Ado­ver­ne Roche per os gege­ben nur schwach toxisch wirk­ten, wäh­rend ihre Toxi­zi­tät bei intra­ve­nö­ser Injek­ti­on um das 40fache stieg. Er warnt davor, Kran­ken im Anschluß an Digi­ta­lis­me­di­ka­ti­on Ado­nis­prä­pa­ra­te, nament­lich intra­ve­nös, zu verabreichen.
Über die ein­zel­nen Sta­di­en der Ado­nis­wir­kung auf das Herz berich­tet ein­ge­hend eine Dis­ser­ta­ti­on von Erel­man37; über die Wir­kungs­dif­fe­ren­zen von Ado­nis­dro­gen aus ver­schie­de­nen Ern­te­jah­ren gibt Moch­nače­va38 eine Übersicht.
Ado­nis­blät­ter sind durch­schnitt­lich weni­ger wirk­sam als Digi­ta­lis­blät­ter, auch unter­liegt ihre Wirk­sam­keit auf­fal­len­den Schwan­kun­gen, so daß 1 g Blät­ter­pul­ver zwi­schen 300 und 1200 Frosch­do­sen ent­hal­ten kann. Die­se Wirk­sam­keits­schwan­kun­gen schei­nen nach Weese39 auf dem raschen enzy­ma­ti­schen Abbau der Gly­ko­si­de beim Trock­nen zu beru­hen. In der mit beson­der Vor­sicht her­ge­stell­ten “Teep”-Zubereitung fand ich bis 3900 FD. pro g Tro­cken­sub­stanz, in der homöo­pa­thi­schen Tink­tur 500 FD. pro 1 ccm.
Wäh­rend Brot40 eine aus alten Blät­tern berei­te­te Tink­tur unver­än­dert halt­bar fand, stell­ten Hat­cher und Haag41 fest, daß die Ado­nistink­tur in 9 Mona­ten bereits 35% ihrer Wirk­sam­keit ver­liert. Ich fand bei wäß­ri­gen Lösun­gen, die im Kühl­schrank auf­be­wahrt wur­den, den­noch eine Wir­kungs­ab­nah­me von ca. 20% in 2 Monaten.
Nach Jaretz­ky42 sind die herz­wirk­sa­men Ado­nis­gly­ko­si­de ungleich­mä­ßig über die Orga­ne von Ado­nis ver­na­lis ver­teilt, haupt­säch­lich lie­gen sie in den Sten­geln und Blät­tern vor.

Verwendung in der Volksmedizin außerhalb des Deutschen Reiches (nach persönlichen Mitteilungen):

Ita­li­en: Als Diure­ti­kum und Kar­dia­kum, bei chro­ni­scher Nephritis.
Polen: Bei Hydrops.
Ungarn: Bei Nie­ren­schmer­zen und Nierensteinen.