Lebensluft

Hahnemanns Apothekerlexikon
vorheriges KapitelZurückInhaltsverzeichnisWeiternächstes Kapitel

Lebens­luft (Aer dephlo­gi­sti­ca­tus, vita­lis, purus) nennt man den Theil uns­rer atmo­sphä­ri­schen Luft (sie beträgt etwa ein Vier­tel, höchs­tens ein Drit­tel der letz­tern), wel­cher ein­zig zum Athem­ho­len für Thie­re und zur Unter­hal­tung des Feu­ers taug­lich ist. Wenn sie rein und unver­mischt ist, so brennt ein Licht und glü­hen­de Koh­len weit leb­haf­ter und ein Thi­er lebt acht­mal län­ger in ihr, als in einem glei­chen Umfan­ge atmo­sphä­ri­scher Luft, wel­che noch zwey Drit­tel bis drey Vier­tel thiertöden­de und Flam­me aus­lö­schen­de (phlo­gis­ti­sir­te, azo­ti­sche) Luft in ihrer Mischung hat.

Die Lebens­luft hat gegen die atmo­sphä­ri­sche eine spe­zi­fi­sche Schwe­re von 1, 103:1000 und ihre spe­zi­fi­sche Wär­me ist über vier Mahl grö­ßer als die der letztern.

Zum Behu­fe der Arz­nei­kunst erhält man sie, wenn man eine glä­ser­ne, beschla­ge­ne Retor­te mit einem drei Fuß lan­gen, am Ende etwas auf­wärts gebo­ge­nen Hal­se, mit rohem gepül­ver­tem Braun­stein (w.s.) anfüllt, sie in frei­em Feu­er sehr all­mäh­lich erhitzt, bis der Schna­bel über die Hälf­te heiß ist, dann das auf­wärts gebo­ge­ne Ende des Schna­bels in die Mün­dung einer mit Was­ser ange­füll­ten, und umge­kehrt in einem Was­ser­ge­fä­ße befes­tig­ten Fla­sche steckt und nun die Retor­te bis zum völ­li­gen Glü­hen bringt. So steigt die ent­bun­de­ne Lebens­luft aus dem Braun­stei­ne in die umge­kehr­te Fla­sche, deren Was­ser sie unter­wärts her­aus­drängt. Ist die Fla­sche voll die­ser Luft, so wird sie auf ihrer Stel­le unter dem Was­ser wohl ver­korkt, dann weg­ge­nom­men, und eine ande­re gleich­falls mit Was­ser ange­füll­te, auf glei­che Art umge­kehrt, mit der Oef-nung des Retor­ten­hal­ses in Ver­bin­dung gesetzt, und so fort­ge­fah­ren, bis die Luft sich unter dem Glü­hen der Retor­te zu ent­wi­ckeln aufhört.

Man muß sehr sorg­fäl­tig bei der Regie­rung des Feu­ers seyn, und die Hit­ze all­mäh­lich ver­stär­ken, um durch ein jäh­lin­ges Feu­er nicht die Retor­te zu spren­gen, aber auch wäh­rend die­ser Arbeit das Feu­er bis zu Ende nie ver­min­dern, weil sonst die in der Retor­te ent­ste­hen­de Luft­lee­re das Was­ser aus der Fla­sche anzieht, wel­ches, so bald es in die erhitz­te Retor­te gelangt, sie zer­knickt und die Ope­ra­ti­on vernichtet.

Um die Luft in den Fla­schen unver­sehrt auf­zu­be­wah­ren, thut man wohl, den Kork dicht über dem Hal­se abzu­schnei­den und die Flä­che mit bren­nen­dem Sie­gel­la­cke luft­dicht zu überziehen.

Man erhält auf die­se Art aus sech­zehn Unzen rohem Braun­stei­ne 1528 Kubik­zoll rei­ne Lebensluft.

Die aus Sal­pe­ter auf ähn­li­che Art gezo­ge­ne ist zu arz­nei­li­chen Absich­ten untaug­lich, weil sie immer sal­pe­ter­sau­re Luft enthält.

Der zur Berei­tung der Lebens­luft gedien­te Braun­stein ist nun braun von Far­be und sogleich nicht wie­der fähig, die­se Luft zu erzeu­gen; er wird es aber nach kur­zer Zeit, wenn man ihn mit Was­ser ange­feuch­tet an die freye Luft legt, oder nur in einem feuch­ten Kel­ler ausbreitet.

Da die Lebens­luft in die Lun­gen erstick­ter Per­so­nen abwech­selnd gebla­sen und abwech­selnd wie­der aus den­sel­ben gedrückt (zur Nach­ah­mung des Athem-holens) das wirk­sams­te und fast spe­ci­fi­sche Bele­bungs­mit­tel für die­se Schein­tod­ten, (sie mögen nun durch ein­ge­sperr­te und ver­dor­be­ne Luft, durch Kohl­endunst, Erdros­seln oder Ertrin­ken ver­un­glückt seyn), abgie­bt, so muß der Apo­the­ker dieß unver­gleich­li­che Ret­tungs­mit­tel dem Arzte zu ver­fer­ti­gen wis­sen und, wenns ver­langt wird, es vor­räthig haben.

Die übri­gen Arz­nei­tu­gen­den der Lebens­luft sind noch nicht erör­tert; wenigs­tens scha­det sie im All­ge­mei­nen in der geschwü­ri­gen Lun­gen­sucht, (für die man sie emp­fahl), so wie ver­muth­lich in meh­rern ent­zün­dungs­ar­ti­gen Krank­hei­ten. Sie scheint die Reiz­bar­keit und den Ton der Faser unge­mein zu erhö­hen, und Lebens­wär­me anzufachen.

Wird die Lebens­luft, um sie bequem anwen­den zu kön­nen, in Bla­sen ver­langt, so füllt man eine gerei­nig­te Schweins­bla­se (die­se hal­ten am bes­ten) mit so viel Was­ser an, als unge­fähr der inne­re Raum der mit der Luft ange­füll­ten Fla­sche beträgt, bin­det dann den Hals der Bla­se über die Mün­dung der Fla­sche (von deren Stöp­sel man vor­her das Sie­gel­lack abge­schla­gen hat) fest, rich­tet nun die Bla­se auf, so daß die Fla­sche unter ihr zu ste­hen kömmt, drückt von außen durch die Haut der Bla­se den kurz abge­schnit­te­nen Pfropf in die Fla­sche, und läßt das Was­ser in letz­te­re aus der Bla­se lau­fen, die sich dage­gen mit der Lebens­luft anfüllt, und wohl ver­bun­den dis­pen­sirt wird.