2011/2: Der DocMorris-Apotheker-Garten in Ettlingen/ Baden-Württemberg

Apothekergärten sind etwas Besonderes: Sie sind die Verbindung aus Schönem, Entspannendem und Lehrreichem zugleich. Besuche lohnen sich zu jeder Jahreszeit. Beispielsweise sehen Heilpflanzen im Frühjahr mit ihren Blüten anders aus als im Herbst mit den Samen oder Früchten. Und: Jeder Apothekergarten bietet etwas anders: Denn bei der Gestaltung eines Apothekergartens spielt die Heilpflanzen-Auswahl wie die Konzeption eine entscheidene Rolle. Folglich kann sich in den zahlreichen Apothekergärten Deutschlands allerorten etwas Neues oder Interessantes erschließen. Ein Beispiel:

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Sibylle Braun

Der DocMorris-Apotheker-Garten liegt mitten in der Altstadt des idyllischen Ettlingen bei Karlsruhe. Er ist leicht erreichbar über den Stadtbahnhof, der fußläufig nur etwa fünf Minuten entfernt liegt. Sibylle Braun, Apothekerin, nimmt sich die Zeit, selbst eine Führung zu machen: „Der Apothekergarten gehört der Stadt, doch 2009 konnten wir das Nutzungsrecht erwerben“, erklärt sie auf dem Weg dorthin. Nur ein paar Schritte über die Leopoldstraße führt die Klostergasse am „Klösterle“, einem Barockhaus aus des Zeit der Markgräfin Sibylla Augusta, vorbei zum städtischen Rosengarten. Dieser empfängt seine Besucher Anfang Juni mit einem betörenden Rosenduft. Ein Frühsommerregen hat dem Garten offensichtlich gut getan. Die voll erblühten Rosen biegen sich nicht nur unter ihrer Blütenlast, sondern auch unter den Regentropfen. Der Eingang des Apothekergartens ist unübersehbar. Nach dem Durchschreiten eines schmiedeeisernen Tores stehen Besucher am unteren Ende des Gartens. Das 400-Quadratmeter große Refugium ist in sich geschlossen: Auf der linken Seite wird er begrenzt durch die Rückseite des Sibylle-Augusta-Barockhauses. Vom Hause ausgehend wird er komplett von einer alten Ziegelmauer umfasst. Nachdenklich schaut die Apothekerin über den Garten und erinnert sich, „lange Zeit lag dieser Garten in einem Dornröschenschlaf. Der Schachtelhalm mit seinen langen Wurzeln hatte längst alles überwuchert“. Nach der Idee und dem Entschluss, den Garten neu zu beleben, begann die Suche nach Sponsoren, erzählt sie weiter.

Abbild des Menschen: Da Vinci’s Pentagramm

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Johanniskraut (Hypericum perforatum)

„Gemeinsam mit Prof. Dr. Alexander Schenk suchten wir nach einem Konzept für die Gestaltung. Wir entschieden uns dafür, den wunderschönen Walnussbaum mit einzubeziehen“, sagt Braun. Tatsächlich steht er genau gegenüber des Barockhauses am Kopf des Gartens. „Nun repräsentiert er in unserem Konzept auch den Kopf eines Menschen. Dabei lehnten wir uns zum einen an die Signaturenlehre des Paracelsus an, welche in der Walnuss wegen ihrer Ähnlichkeit zum menschlichen Gehirn als Heilmittel eingesetzt wurde“, so Braun. „Zum anderen nahmen wir das berühmte Pentagramm des Menschenabbildes von Leonardo Da Vinci zu Hilfe, um konzeptionell den menschlichen Körper abzubilden“, erklärt Braun. Sie führt in den Garten und bleibt im oberen Teil kurz vor dem Walnussbaum stehen. „Hier stehen wir in dem Gartenteil, der repräsentativ für die obere Körperhälfte steht, für das ZNS, die oberen und unteren Atemwege sowie das Herz-Kreislauf-System. Wir haben Pflanzen ausgesucht, die noch heute bedeutsam zum Beispiel bei Einschlafstörungen oder depressiven Verstimmungen sind“. Dabei zeigt sie auf weißlichen Baldrianblüten (Valeriana officinalis) oder die leuchtend gelben Blüten des Tüpfel-Johanniskrauts (Hypericum perforatum). Die Apothekerin zupft eine Johanniskrautblüte ab und zerreibt diese zwischen den Fingern. Der heraustretende rote Saft färbt leicht ihre Finger. „Als Hauptwirkstoff des Johanniskrauts wird das Hyperforin angesehen“, sagt sie. Es wird als Arzneimittel zur Behandlung von depressiven Verstimmungen bis hin zu mittelschweren Depressionen verwendet“.

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Das "Klösterle"

Dann führt Braun weiter zum Herzgespann (Herba Leonuri cardiacae). Die schöne Pflanze dient zur Behandlung von nervösen Herzbeschwerden. Gleich daneben wächst der Rote Fingerhut (Digitalis purpurea). Aus dieser sehr giftigen Pflanze werden Arzneimittel hergestellt, mit denen die Herzfunktion wieder verbessert werden kann. Im ganzen Garten sind etwa 200 Arzneipflanzen vertreten. Wie in den Botanischen Gärten stehen auch hier Hinweis-Schildchen, die sämtliche Pflanzen benennen. Außerdem sind im Garten noch 23 größere Informationstafeln aufgestellt. Diese liefern Interessierten Hintergrundmaterial: So wird beispielsweise die Signaturenlehre des Paracelsus dargestellt. Auch die Homöopathie des Samuel Hahnemann, die indische Medizinlehre Ayurveda oder anthroposophische Medizin werden auf diese Weise Besuchern näher gebracht.

Ein besonderer Kraftort

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Wasser als Heilkraft

In der Mitte des Gartens steht ein Springbrunnen, der leise vor sich hinplätschert. Vor ihm bleibt die Apothekerin stehen. „Der Garten ist ein Kraftort“, sagt sie. Sie besucht den Garten nicht nur, um Führungen zu machen, „auch während kurzer Pausen kann ich hier genügend Abstand vom stressigen Arbeitsalltag gewinnen“, so Braun. Bänke und Stühle am Gartenrand laden auch zum längerem Verweilen ein. Selbst an kühleren Tagen lohnt sich der Besuch des Gartens „denn durch die alte Ziegelmauer wird ein Mikroklima geschaffen“, Weiß die Apothekerin zu berichten. Die Mauer schützt vor Wind oder sorgt durch Abstrahlen von Wärme dafür, dass die Pflanzen im Garten früher und höher wachsen als anderswo. „Das angenehme Plätschern des Brunnens trägt jedoch nicht nur zur inneren Entspannung bei. Er soll auch noch auf die wichtige Heilkraft des Wassers hinweisen“, erläutert die Apothekerin weiter. „Immerhin hat Sebastian Kneipp mit seiner „Wasserkur“ eine bedeutsame, deutsche Heilslehre entwickelt“.

Immer etwas Neues

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Beinwell (Symphytum officinale)

Im Bereich in der Nähe des Barockhaus stehen Pflanzen, die wichtig für Knochen oder die Haut sein können. Braun zeigt beispielsweise auf den Beinwell (Symphytum officinale). „Die Wirkstoffe des Beinwell-Krauts oder der Wurzeln helfen äußerlich angewandt bei Sportverletzungen wie Prellungen, Zerrungen oder Verstauchungen.“, so Braun. Arnika-Wirkstoffe (Arnica monatana) werden bei Blutergüssen oder Insektenstichen verwendet. Arzneimittel aus den orangenen Ringelblumen (Calendula officinalis) dienen zur äußeren Behandlung von Wunden. Die Apothekerin rät, Arzneipflanzen in jeder Wachstumsphase zu beobachten. Zur Blütezeit sind die Blüten in ihren vielfältigen Ausprägungen und Farben natürlich besonders schön, gibt sie zu. Doch auch im Frühjahr oder im Herbst, wenn die Arzneipflanzen ihre Früchte und Samen ausgebildet haben, gibt es Neues zu entdecken.

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Herzgespann (Herba Leonuri cardiacae)

„Neueste Forschungen haben ergeben, dass Pflanzen über 20 verschiedene Sinneswahrnehmungen verfügen. Wer weiß, vielleicht sind sie uns in manchen Bereichen sogar überlegen?“ so die Apothekerin. Mit der intensiven Beschäftigung dieses Apothekergartens entdeckt sie verschiedene naturheilkundliche Aspekte auch für ihre tägliche Arbeit wieder. Oder sie setzt sich kritisch mit philosophischen Fragen auseinander: Kann es sein, dass sich Pflanzen für den Menschen „opfern“ – so wie Rudolf Steiner in seiner anthroposophischen Lehre behauptete? Oder besteht die Möglichkeit, dass Pflanzen aufgrund ihrer empathischen Fähigkeiten kranken Menschen anders helfen als gesunden? „Auch glaubten Menschen früher daran, dass weise, heilkundige Menschen nicht nur einen anderen Zugang zu Arzneipflanzen hatten. Sondern diese durch die Art der Pflanzenernte, der Trocknung wie auch Verabreichung einen wesentlichen Einfluss auf die Heilung nehmen konnten“, so die Apothekerin. „Derartige Einflüsse werden heute von der schulmedizinisch arbeitenden Naturwissenschaftlern abgelehnt, doch es gibt auch moderne Menschen, die dies für möglich halten“.

Für die Apothekerin sind Pflanzen mehr als nur Träger von heilsamen Arzneistoffen. „Es sind Lebewesen wie wir“, so die Apothekerin. Der sogenannte grüne Daumen, mit denen manche Menschen ausgestattet sind, zeigt, dass auch Menschen empathische Fähigkeiten für Pflanzen entwickeln können. „Solche Menschen erspüren genau, was Pflanzen benötigen und versorgen diese entsprechend. Die Pflanzen wiederum bedanken sich mit üppigem Wachstum oder besonders schönen Blüten“, so die Apothekerin zum Abschied. Unter diesem Licht betrachtet sorgen sich kundige Menschen, um diesen Apothekergarten.

Der Apothekergarten entstand 1988 im Rahmen einer Landesgartenschau. Er wurde gemeinsam mit dem Rosengarten im ehemaligen Gartengelände des markgräflichen Schlosses angelegt. Im Laufe der Jahrzehnte verwilderte der Apothekergarten stark. Seit 2009 wird der Garten in einem gemeinsamen Projekt weiter unterhalten: Das Unternehmen DocMorris finanzierte den Wiederaufbau des Gartens. Die Stadt Ettlingen übernimmt die Pflege. Der Apothekergarten ist im Sommerhalbjahr täglich von 8.30 bis 18.30 geöffnet. Regelmäßige Führung finden durch den Naturheilverein Bad Herrenalb (Tel: 07083 51233) statt. Über die Apotheke von Sibylle Braun können auch Fachleute wie beispielsweise PTAs Führungen erhalten. Nachfragen bei: DocMorris Apotheke Ettlingen: 07243 14099.

Ettlingen liegt südlich von Karlsruhe und hat eine lange Stadtgeschichte: Der Ort wurde schon 788 als Ediningom schriftlich in Urkunden wegen seiner bedeutsamen verkehrstechnischen Lage erwähnt. Auch verschiedene kulturhistorische Bauwerke weisen darauf hin. Die Innenstadt Ettlingens hat einen liebevoll restaurierten Stadtkern. Bemerkenswert sind unter anderem einige barocke Bauwerke, die auf Franziska Sibylla Augusta von Sachsen-Lauenburg zurück zu führen sind – unter anderem auch das „Klösterle“ am Apothekergarten. Weiteres: www.ettlingen.de

Autor/In: Marion Kaden, Heilpflanzen-Welt (Juli 2011)