2009/3: Schätze des Friedhofs: Heilpflanzen und Naturheilkundliches

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Olaf Tetzinski

Dort, wo zum Beispiel E.T.A Hoffmann (Schriftsteller 1776-1822) oder Felix Mendelssohn-Bartholdy (Komponist 1809-1847) begraben sind, findet oft unbemerkt, eine besondere Form des Lebens statt: Auf Friedhöfen haben Flora und Fauna kleine Refugien in der Großstadt Berlins gefunden. Unter den verschiedensten Spezies und Arten sind auch Heilpflanzen anzutreffen. Ein Grund für Olaf Tetzinski, Heilpraktiker und Gärtnermeister, seine pflanzenheilkundlichen Führungen auch auf Friedhöfen anzubieten.

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Besonderer Rückzugsort

„Das mag merkwürdig erscheinen, doch Friedhöfe sind in verschiedener Hinsicht besondere Orte“, erklärt er zu Beginn. „Angehörige oder Freunde legen für sich und im liebevollen Andenken an den Verstorbenen besondere Beete an“. Diese Grabbepflanzung, so hat er beobachtet, ist häufig vielfältiger, artenreicher und bunter als im eigenen Garten oder Schrebergarten angelegt. Entfernt von den Blicken gestrenger Nachbarn oder Auflagen des Schrebergartenvereins gestatten sich Menschen bei der Grabbepflanzung ein bisschen mehr Freiheit. Und: Weil auf dem Friedhof weder Dünger noch Unkrautvertilgungsmittel eingesetzt werden, wachsen überall Pflanzen, die sonst häufiger als Unkraut vernichtet würden. Nicht zuletzt, so erzählt Tetzinski, hat er Friedhöfe als Rückzugsorte innerhalb der lauten Großstadt kennengelernt: „Sie bieten Raum zum Nachdenken und für die Besinnung. Durch häufige Besuche habe ich meine Scheu verloren und erkannt, dass der Tod zum Leben gehört“.

Buchen sollst du suchen

Der Heilpraktiker beginnt seine Führung bei einer ausladend und schön gewachsenen Blutbuche (Fagus sylvatia). Wie schon ihr Name verrät, ist der Baum an der typischen Rotfärbung der Blätter leicht zu erkennen. Tetzinski pflückt einen Zweig und erklärt: „Die Blätter enthalten einen starken Farbstoff Antuzian; der auch in den Holunder- oder Maulbeerfrüchten vorkommt. Dieser wirkt antioxidativ und hemmt die freien Radikale. Das sind wertvolle Inhaltstoffe, die eine Oxidation innerhalb der Zellen des menschlichen Körpers verhindern können“. Wegen der positiven, auch vorbeugenden Gesundheitswirkungen empfiehlt er jeden Tag Salate, frisches Obst oder Gemüse zu sich zu nehmen. Ein paar Blätter der Blutbuche zum Beispiel klein geschnitten im Salat sind also nicht nur lecker, sondern auch gesund. Das gleiche gilt für das Bucheckernöl. „Nur Privatleute machen sich im Herbst noch auf den Weg, um Bucheckern zu sammeln und daraus ein reichhaltiges, lange haltbares Öl herzustellen“, sagt Tetzinski. Wegen des hohen Arbeitsaufwands – die Bucheckernkerne werden gepresst - und der relativ geringen Ausbeute gibt es das wertvolle Öl nicht kaufen. Auch im Winter kann die Blutbuche etwas zur gesunden Ernährung beitragen: „Die Knospen der Blutbuche werden ähnlich wie Kapern in Essig und Öl eingelegt und schmecken sehr lecker“, versichert der Heilpraktiker.

Bachtherapie

„Haben Sie schon einmal bemerkt, dass in einem Buchenwald eine besondere, ruhige Stimmung herrscht?“ fragt er in die Runde. Die Buche steht in der germanischen Symbolik für Schutz und Mütterlichkeit. Viele Menschen können in einem Buchenwald noch diesen Schutz verspüren und dort gut zu sich selbst finden, erklärt der Heilpraktiker weiter. Eine andere Verwendung fand Edward Bach, der Begründer der Bachblütentherapie. Er gab Menschen, die häufig negative Gefühle hegen oder zur Engstirnigkeit wie Verbissenheit neigen, das von ihm entwickelte Buchenpräparat. „So wird auf energetischer Ebene der Mangel an Offenheit und Vertrauen ausgeglichen“, so Tetzinski.

Rucola – ein vitales Kraut

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Rauke (Eruca sativa)

Weiter geht es über den ruhigen Friedhof. Nur in der Ferne ist das Rauschen des Verkehrs zu hören. Auf einer kleinen Rasenfläche zwischen den Gräbern verbreitet eine Pflanze einen intensiven Duft, wodurch der Heilpraktiker auf sie aufmerksam wird. „Die Rauke (Eruca sativa) oder Rucola kommt wahrscheinlich aus einem nahegelegenen Garten. Sie hat sich selbst ausgesät oder kam über Vogelfutter hierher,“ vermutet er. „ihre Blätter, Blüten, Samen können gegessen werden“. Tetzinski gibt einige Stängel in die Runde. Die Pflanze hat den bekannten Rucolageschmack, nur intensiver. „Lernen Sie Wildpflanzen schätzen, bevor Sie diese vernichten,“ sagt Tetzinski. Viele Wildpflanzen enthalten wertvolle Inhaltsstoffe, die in den gezüchteten Pflanzen nur noch abgeschwächt enthalten sind. Sie sind oft bitterer, geschmacksintensiver und enthalten viele Faserstoffe (Ballaststoffe). „Trainieren Sie ihren Dickdarm damit“, so der Heilpraktiker. „Außerdem wissen wir alle, dass uns nicht die leichten Begebenheiten des Lebens etwas beibringen. Wir wachsen und sammeln oft wichtige Erfahrungen durch Lebensumstände, wo wir uns durchbeißen müssen. Das Gleiche gilt für unsere Ernährung“.

Nordamerikanische Einwanderer

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Nachtkerze (Oenothera biennis)

Ein Grab, dass augenscheinlich wenig Pflege erhält, ist mit der Goldrute (Solidago canadensis) und Nachtkerze (Oenothera biennis) überwuchert. Dort macht Tetzinski seinen nächsten Halt. Die Nachtkerze kam im 16. Jahrhundert gemeinsam mit der Baumwolle aus Nordamerika nach Europa erfährt die Gruppe. Über die Botanischen Gärten fand sie weitere Verbreitung. Heute ist die Pflanze praktisch überall zuhause - in Straßengräben, auf Wiesen oder in der Stadt auf den Verkehrsinseln fühlt sie sich wohl. Die Nachtkerze trägt ihren Namen, weil sie zum Abend hin ihre Blüten öffnet, um mit ihrem zarten, lieblichen Duft Motten und Falter zur Bestäubung einzuladen. Sie weist den Insekten in der Nacht den Weg. „Auch den Menschen ist sie eine nützliche Heilpflanze“, sagt Tetzinski. Viele kennen das Nachtkerzenöl, dass aus den Samen der Pflanze gewonnen wird. Es wirkt entzündungshemmend und wird bei Hautekzemen eingesetzt. Es kann den Juckreiz wie Trockenheit der Haut hemmen (ungefähr Einnahmedauer 8 Wochen) oder wie bei der Akne den Gesamtzustandstand der Haut verbessern. „Die meisten wissen jedoch nicht, dass von der Nachtkerze alles verwendbar ist: Sowohl die Wurzel, Blüten, Blätter, als auch die Knospen sind essbar – die wunderschönen gelben Blüten krönen jeden Salat mit ihrem feinen Geschmack“.

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Goldrute (Solidago canadensis)

„Auch die Goldrute kam aus Nordamerika“, so Tetzinski, „die Kalifornische Goldrute hat mittlerweile fast die einheimische Art verdrängt“. Beide Arten gelten als große Wundheilpflanzen. Aus dem Mittelalter ist beispielsweise bekannt, dass Soldaten ihre Wunden damit versorgten. Denn ihre Wirkstoffe sind zusammenziehend (adstringierend) und bewirken eine Blutungsstillung. „Wer also zum Beispiel eine Schnittwunde hat, kann sich aus dem Garten Blätter der Goldrute nehmen, sie mit dem Nudelholz bearbeiten, bis sie leicht matschig sind. Dann werden die Blätter als erste Hilfemaßnahme zur Stillung des Blutes auf die Wunde gelegt und mit einem Verband versorgt“, sagt Tetzinski. (Nach zwei Stunden wird der Verband ohne neue Blätter erneuert).

Verwendung von Rotöl

Die nächste Pflanze, die der Heilpraktiker vorstellt, ist das blühende Johanniskraut (Hypericum perforatum). Er empfiehlt aus den Blüten eigenes Rotöl herzustellen. Rotöl kann zur Einreibung eines Sonnenbrands, zur Verbesserung der Hautstruktur von verhärteten Narben verwendet werden – oder als attraktives Salatöl mit beruhigender Wirkung.

Vitamin- und mineralstoffreiche Eberesche

Zuletzt bleibt Tetzinski bei einem Vogelbeerbaum – auch Eberesche genannt - (Sorbus aucuparia) stehen. Die Beeren zeigen schon eine leicht orangene Farbe. Sie werden nur noch wenig Zeit brauchen, um das tiefe Rot zu erreichen. „Aber die Beeren sind doch für Menschen giftig!“ wirft eine Besucherin ein. Tetzinski winkt beruhigend ab. „Wenn Sie massenweise von diesen Beeren essen, können Sie Durchfall bekommen“. So manche Pflanzen wurden durch die Schulmedizin verteufelt. „Doch schauen Sie sich die Grundlage der Studien an, mit der die sogenannte Schädlichkeit mancher Heilpflanzen nachgewiesen wurde: Mäuse oder Ratten bekommen vorwiegend diese Pflanze zu fressen. Das bei einer solchen einseitigen Ernährung über einen langen Zeitraum Schäden auftreten ist nachvollziehbar“, so Tetzinski. Weder Mensch noch Tier ernähren sich nur von einer Pflanze – es sei denn in Notzeiten. „Früher wurde aus den getrockneten Vogel- oder Mehlbeeren ein Mehl zur Streckung des kostbaren Getreidemehls hergestellt, um Brote zu machen“, erzählt Tetzinski. Oder Kleinkinder erhielten das sogenannte „Süßmehl“ in Breiform, weil es viele Mineralstoffe und Vitamin C enthielt, so der Heilpraktiker. Deshalb eignen sich Vogelbeeren in Kombination mit anderen Herbstfrüchten wie Äpfeln oder Brombeeren auch, um leckere Marmeladen oder Chutneys herzustellen.

Wild und gesund

„Trockene Vogelbeeren werden auch Sangesbeeren genannt“, so Tetzinski. Die Beeren enthalten starke Gerbstoffe, die zusammenziehend wirken. Sänger beispielsweise bekämpfen ihren rauen Hals, indem sie eine getrocknete Beere lutschen. „Probieren Sie es ruhig aus“, ermuntert der Heilpraktiker seine aufmerksam zuhörende Gruppe. „Durch Experimentieren mit Ihnen bekannten Pflanzen können Sie Pflanzen wiederentdecken. Mit Hilfe von Bestimmbüchern oder Wildkräuterführungen können Sie später die eigenen Kenntnisse erweitern. Dabei wird jeder einzelne die eigenen Vorlieben in den Vordergrund stellen. Und wer bestimmte, stark bittere Pflanzen gar nicht mag, kann in der “Apotheke Gottes„ sicherlich etwas anderes für sich finden“. Doch eines sollte klar sein: Wildpflanzen schmecken intensiver, würziger und erreichen nicht die Süße eines industriell hergestellten Zuckers. Dafür sind es mildherbe, süßsäuerliche Geschmacksrichtungen, die jedoch garantiert gesund sind.

Die Reportage entstand im Rahmen der „langer Tag der StadtNatur“ (www.langertagderstadtnatur.de). Diese Veranstaltung wird alljährlich Anfang Juli von der Stiftung Naturschutz Berlin ausgerichtet. Der Veranstalter der Führung „Schätze des Friedhofs – naturheilkundlicher Spaziergang“ ist die Stiftung Historische Kirchhöfe und Friedhöfe in Berlin-Brandenburg (www.stiftung-historische-friedhoefe.de).

Autor/In: Marion Kaden, Heilpflanzen-Welt (2009)