Ger­hard Mad­aus: Lehr­buch der bio­lo­gi­schen Heil­mit­tel. Ver­lag Georg Thie­me, Leip­zig, 1938
(Ori­gi­nal, voll­stän­dig erhal­ten) – bei eBay zu ver­kau­fenRezen­si­on 1938, Archiv der Pharmazie

Strophanthus – Seite 3 von 4 – Monographie Madaus

Lehr­buch der bio­lo­gi­schen Heilmittel
Mono­gra­phie Stro­ph­an­thus (Sei­te 3 von 4)
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Wirkung

Wie schon im geschicht­li­chen Teil erwähnt, wur­den die in Afri­ka als Pfeil­gift benutz­ten Stro­ph­an­thuss­a­men um die Mit­te des 19. Jahr­hun­derts in Euro­pa bekannt. Fag­ge und Ste­ven­son1 mach­ten zuerst auf die Herz­wir­kung des Pfeil­gif­tes auf­merk­sam, die sie mit der­je­ni­gen von Digi­ta­lis, Antia­ris, Hel­le­bo­rus und Scil­la verglichen.
Erfor­schung der Wirkstoffe:
Eini­ge Jah­re spä­ter gelang es dem schot­ti­schen Phar­ma­ko­lo­gen Fraser2, aus dem Samen von Stro­ph­an­thus Kom­bé ein amor­phes, in Was­ser lös­li­ches, sehr gif­ti­ges Gly­ko­sid zu iso­lie­ren. Schmie­de­berg3 reih­te 1883 die­ses Gly­ko­sid, Stro­ph­an­thin, in die Grup­pe der digi­ta­li­s­ar­ti­gen Stof­fe ein. Heu­te wer­den die Stro­ph­an­thi­ne mit ande­ren digi­ta­li­s­ar­ti­gen am Her­zen wir­ken­den, aber wenig kumu­lie­ren­den Gly­ko­si­den zu der Grup­pe der “Digi­ta­lis­gly­ko­si­de 2. Ord­nung” oder “Digi­talo­ide” gerech­net4. Nach Fraser beschäf­tig­ten sich eine gan­ze Rei­he von For­schern mit der Che­mie der Stro­ph­an­thuss­a­men. Die Dar­stel­lung von Rein­gly­ko­si­den gelang aus den Samen von drei Stro­ph­an­thus­ar­ten: näm­lich Stro­ph­an­thus Kom­bé, Stro­ph­an­thus hispi­dus und Stro­ph­an­thus gra­tus. Thoms5 iso­lier­te aus Stro­ph­an­thus gra­tus das kris­tal­li­ni­sche g‑Strophanthin. Die­ses ist nach Straub6 iden­tisch mit dem aus dem Ouabai­o­holz iso­lier­tem Gly­ko­sid Ouabain. Die von Heff­ter und Sachs7 aus Stro­ph­an­thus hispi­dus und Kom­bé gewon­ne­nen amor­phen h- und k‑Strophanthine sind sehr nahe ver­wandt. In bezug auf die Wir­kungs­qua­li­tät sind alle aus den genann­ten drei Stro­ph­an­thus­ar­ten gewon­ne­nen Stro­ph­an­thi­ne gleich, wäh­rend sich hin­sicht­lich der Wir­kungs­quan­ti­tät Unter­schie­de erge­ben haben8. Das g‑Strophanthinum crystal­li­sa­tum gilt als dop­pelt so wirk­sam wie das k‑Strophanthinum amor­phum (Klem­pe­rer-Rost). Am iso­lier­ten Tem­po­r­a­ri­en­her­zen konn­te Fasching9 aller­dings ent­ge­gen frü­he­ren Anga­ben kei­ne grö­ße­ren quan­ti­ta­ti­ven Unter­schie­de zwi­schen amor­phem k- und kris­tal­li­sier­tem g‑Strophanthin fest­stel­len. Über die Kon­sti­tu­ti­ons­for­mel des Stro­ph­an­thi­dins, des Genins des Stro­ph­an­thins vgl. Digi­ta­lis pur­pu­rea S. 1194. Stro­ph­an­thus gra­tus ent­hält angeb­lich 3,7–7,7% Strophanthin.
Außer den herz­wirk­sa­men Stro­ph­an­thi­nen ent­hal­ten alle drei ange­führ­ten Arten von Stro­ph­an­thuss­a­men 0,17–0,27% Sapo­nin, Stro­ph­an­thin­säu­re genannt, Cho­lin und Tri­go­nell­in, bis 35% fet­tes Öl, Lipa­sen, Ester­asen, Reduk­ta­sen und Gluta­ni­ne10.
Tschirch11 gibt außer­dem noch Harz, Schleim, Eiweiß, etwas Stär­ke, aber kei­ne Gerb­stof­fe an.
Aus­führ­li­che Dar­stel­lun­gen über die Che­mie der Stro­ph­an­thi­ne brin­gen Weese12 und Lend­le13.
Über die Nach­weis- und Wert­be­stim­mungs­me­tho­den vgl. das Kapi­tel Digi­ta­lis purpurea.

Pharmakologisches:

Wie schon oben gesagt, gehö­ren die Stro­ph­an­thi­ne zu den Digi­talo­iden, wir­ken also digi­ta­lis­ähn­lich. Die Zahl der Pul­sa­tio­nen wird durch sie ver­rin­gert, die Dia­s­to­le wird grö­ßer und län­ger, und die Systole kräf­ti­ger; die Gefä­ße im Splanch­ni­kus­ge­biet wer­den kon­tra­hiert, die des Gehirns und der Nie­ren dila­tiert. Klei­ne Stro­ph­an­thin­ga­ben erre­gen, gro­ße läh­men die Kon­trak­ti­li­tät der quer­ge­streif­ten Mus­ku­la­tur, ins­be­son­de­re des Myo­kards14.
Nach Fraen­kels15 ein­ge­hen­den Dar­stel­lun­gen über die Phar­ma­ko­gno­sie, Che­mie und Phar­ma­ko­lo­gie des Stro­ph­an­thins, sowie über die iden­ti­sche Wir­kungs­wei­se der Digi­ta­lis und des Stro­ph­an­thins exis­tie­ren kei­ne grund­sätz­li­chen Abwei­chun­gen der Herz­wir­kung des Stro­ph­an­thins gegen­über der Digi­ta­lis. Auch in den älte­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen über die ver­glei­chen­de Wir­kung des Stro­ph­an­thins und der Digi­ta­lis wur­de schon dar­auf hin­ge­wie­sen, daß es sich bei den Abwei­chun­gen nur um quan­ti­ta­ti­ve und zeit­lich beding­te Wir­kungs­un­ter­schie­de handelt.
Als prä­gnan­tes­te Eigen­schaf­ten des Stro­ph­an­thins gegen­über der Digi­ta­lis wer­den in den neu­es­ten Ver­öf­fent­li­chun­gen immer wie­der genannt: 1. Die schnel­le Wir­kung des Stro­ph­an­thins (intra­ve­nös appli­ziert); 2. die gerin­ge­re Haft­fä­hig­keit (schon nach 6 Stun­den ist der größ­te Teil der Stro­ph­an­thus­gly­ko­si­de aus dem Herz­mus­kel wie­der ver­schwun­den16, wodurch die Gefahr einer kumu­la­ti­ven Wir­kung bei den Stro­ph­an­thus­gly­ko­si­den sehr gering ist im Gegen­satz zu der der Digi­ta­lis­ku­mu­la­ti­on. Im Hin­blick auf die letz­te­re ist nach Sie­beck17 Vor­aus­set­zung für jede intra­ve­nö­se Stro­ph­an­thi­nin­jek­ti­on, daß min­des­tens zwei bis drei Tage vor­her kei­ner­lei Stof­fe von digi­ta­li­s­ar­ti­ger Wir­kung genom­men wer­den; 3. die vor­wie­gend systo­li­sche Wir­kung des Stro­ph­an­thins gegen­über der klas­si­schen Digi­ta­lis­wir­kung am kran­ken mensch­li­chen Her­zen, die vor allem eine Wir­kung auf die Dia­s­to­le ist.
Rühl18 zeig­te, daß unter Stro­ph­ant­hin­wir­kung der Sau­er­stoff­ver­brauch des Her­zens steigt. Zu die­sem Punkt sei vor allem auf das Kapi­tel Energe­tik und Stoff­wech­sel im Digi­ta­lis­buch von Weese hingewiesen.
Sehr wich­tig erschei­nen mir Hin­wei­se auf die Wir­kung am kran­ken Organismus.
Ein­ge­hen­de Ver­su­che über die Stro­ph­ant­hin­wir­kung im Fie­ber in der Medi­zi­ni­schen Kli­nik Bonn schil­dern P. Mar­ti­ni und Fr. Gro­ße-Brock­hoff19. Ich zitie­re wört­lich aus dem Bericht: “Unse­re Unter­su­chungs­er­geb­nis­se brin­gen nicht nur kei­ne Bewei­se für eine höhe­re Ver­träg­lich­keit = Unemp­find­lich­keit des fie­bern­den Tie­res gegen­über Stro­ph­an­thin, sie brin­gen viel­mehr Mate­ri­al, das dafür spricht, daß der fie­bern­de Kreis­lauf emp­find­li­cher gegen Stro­ph­an­thin ist als der nor­ma­le. Neben der gerin­ge­ren Dosis leta­lis bei den Fie­ber­tie­ren kann die im Gegen­satz zu den Nor­mal­tie­ren fast immer früh­zei­tig ein­set­zen­de Ernied­ri­gung der Schlag­fre­quenz nur als Aus­druck der grö­ße­ren Emp­find­lich­keit der Fie­ber­tie­re auf­ge­faßt wer­den. Trotz die­ser grö­ße­ren Ansprech­bar­keit auf Stro­ph­an­thin ist der the­ra­peu­ti­sche Effekt auf die För­der­leis­tung des Her­zens beim Fie­ber­tier auch bei die­sen klei­nen Dosen (die dem the­ra­peu­ti­schen Maß noch ent­spre­chen) eher gerin­ger als bei den Nor­mal­tie­ren. Geht man aber in der Erwar­tung, daß die Fie­ber­her­zen mehr Stro­ph­an­thin benö­ti­gen, zu grö­ße­ren Dosen über, so sieht man, daß der Kreis­lauf der Fie­ber­tie­re davon kei­ner­lei Vor­teil hat, son­dern im Gegen­teil viel frü­her noch ungüns­ti­ge Reak­tio­nen zeigt als die Normaltiere.”
Ähn­lich wie Digi­ta­lis setzt auch Stro­ph­an­thin die zir­ku­lie­ren­de Blut­men­ge her­ab. Mies20 fand nach Injek­tio­nen von 0,1–0,5 mg Stro­ph­an­thin an Per­so­nen mit dekom­pen­sier­ten Herz­feh­lern eine Abnah­me in deut­li­cher Abhän­gig­keit von der Dosie­rung, und zwar 350–800 ccm Blut. Das Blut wird nach sei­nen Kon­troll­ver­su­chen bei Kanin­chen haupt­säch­lich in Leber und Milz abgeschoben.
Bus­ac­ca21 beob­ach­te­te hämo­ly­ti­sche Wir­kung des Strophanthins.

Toxikologisches:

Die kleins­ten töd­li­chen Gaben je kg Kat­ze sind nach Ordyn­ski22 0,09902 mg g‑Strophanthin und 0,1606 mg k‑Strophanthin. Kinu­ka­wa23 gibt als ers­te Todes­ur­sa­che bei Rat­ten und wei­ßen Mäu­sen nach leta­len Dosen von Stro­ph­an­thin Atem­still­stand an.
Bei der intra­ve­nö­sen Injek­ti­on von Stro­ph­an­thin wur­den öfters Frös­te, Zya­no­se und Tem­pe­ra­tur­stei­ge­rung beob­ach­tet, bei der inner­li­chen Anwen­dung Durch­fall mit Blut und Schleim, übel­keit, Beklem­mungs­ge­fühl, Kopf­schmer­zen und zie­hen­de Schmer­zen in der Nacken­ge­gend, Bewußt­lo­sig­keit, Kon­vul­si­on, Hal­lu­zi­na­tio­nen, Anal­ge­sie, Myo­sis, Chey­ne-Sto­kes Atmungs­phä­no­men24.
Kott­mann und Hedin­ger25 berich­ten über je einen Todes­fall nach Injek­ti­on von 0,6 mg Strophanthin.
Nach Fest­stel­lun­gen bei einem Gift­mord durch Stro­ph­an­thin dürf­te als töd­li­che Stro­ph­an­thin­do­sis, falls das Stro­ph­an­thin in den Mast­darm gebracht wird, für einen Men­schen von 50 kg Gewicht 30–40 mg in Betracht kom­men, was etwa der hal­ben Men­ge der per­ora­len töd­li­chen Dosis ent­spricht26.
Mischung mit Trau­ben­zu­cker setzt die töd­li­che Dosis des Stro­phan­tins her­ab, eben­so Kom­bi­na­ti­on mit klei­nen Cof­fein­men­gen27.

Klinische Indikationen:

Ein All­ge­mein­gut der ärzt­li­chen Wis­sen­schaft wur­de Stro­ph­an­thin erst, als Fraen­kel vor etwa 30 Jah­ren auf die Erfol­ge der intra­ve­nö­sen Stro­ph­an­thin­the­ra­pie hin­wies. In sei­nen ers­ten Berich­ten28 emp­fahl er die intra­ve­nö­se Stro­ph­an­thin­the­ra­pie zunächst bei Fäl­len von aku­ter Herz­schwä­che, die schnells­te Hil­fe ver­lang­ten, bei den­je­ni­gen For­men von schwe­rer Insuf­fi­zi­enz, bei denen Digi­ta­lis nicht mehr half und bei sol­chen Herz­kran­ken, bei denen durch Stau­un­gen im Magen- und Darm­trak­tus und in der Leber die Resorp­ti­on der ente­ral gege­be­nen Digi­ta­lis zu stark ver­min­dert wird.
Die Erfah­run­gen der nächs­ten Jahr­zehn­te lie­ßen Fraen­kel zu der Ueber­zeu­gung kom­men, daß durch die grö­ße­re Sicher­heit der Wir­kung, die gerin­ge­re Haft­fä­hig­keit im Herz­mus­kel und die exak­te­re Dosier­bar­keit die intra­ve­nö­se Stro­ph­an­thin­the­ra­pie als die über­ge­ord­ne­te, die ente­r­ale Digi­ta­lis­the­ra­pie nur als die ergän­zen­de Metho­de der Behand­lung des Herz­mus­kels zu betrach­ten ist29.
Von gro­ßer Bedeu­tung für die Ent­wick­lung der Stro­ph­an­thus­the­ra­pie ist auch die schon erwähn­te, spe­zi­fi­sche systo­li­sche Wir­kung gewor­den. Edens30 erkann­te die über­wie­gend systo­li­sche Wir­kung des Stro­ph­an­thins schon im Jah­re 1907 und emp­fahl es auf Grund die­ser Eigen­schaft bei schwers­ter Herz­di­la­ta­ti­on, wenn durch eine wei­te­re Ver­tie­fung der Dia­s­to­le eine bes­se­re Herz­ar­beit nicht erwar­tet wer­den kann. Nach Edens31 ist Stro­ph­an­thin daher ange­zeigt bei rei­ner Mit­rals­teno­se, Aor­ten­in­suf­fi­zi­enz, Aor­ten­steno­se, Lei­tungs­stö­run­gen und Vor­hof­flim­mern mit lang­sa­mer Pulszahl.
Wei­ter erkann­te Edens32, daß das Stro­ph­an­thin im Gegen­satz zu Digi­ta­lis auch eine leis­tungs­stei­gern­de Wir­kung auf das Herz besitzt, wenn nur Insuf­fi­zi­enz ohne Hyper­tro­phie vor­liegt. Edens emp­p­fiehlt daher die Stro­ph­an­thin­the­ra­pie bei aku­ter Über­an­stren­gung eines gesun­den Her­zens, ein­schließ­lich des Herz­ver­sa­gens nach einem ope­ra­ti­ven Ein­griff, Herz­schwä­che bei Myo­kar­di­tis oder im Ver­lauf von Infek­ti­ons­krank­hei­ten ein­schließ­lich der Heil­fie­ber­be­hand­lung, Herz­schwä­che bei Adi­po­si­tas und vor allem bei Koro­nar­skle­ro­se. In allen die­sen Fäl­len ver­sagt Digitalis.
Beson­ders nach­drück­lich setz­te sich Edens33 für die Behand­lung der Angi­na pec­to­ris mit Zei­chen einer, wenn auch gerin­gen Leis­tungs­schwä­che durch Stro­ph­an­thin ein. Bei einer gro­ßen Anzahl von Fäl­len beob­ach­te­te er, daß durch Stro­ph­an­thi­nin­jek­tio­nen (durch­schnitt­li­che Gabe 0,3 mg) nicht nur die Beschwer­den des Kran­ken, son­dern auch die Kreis­lauf­schwä­che gebes­sert wur­den. Er ver­mu­tet, daß das Stro­ph­an­thin durch die Bes­se­rung der Kranz­ge­fäß­durch­blu­tung der Aus­deh­nung des Herz­in­farkts und der Ent­ste­hung von Kam­mer­ex­tra­sy­stolen ent­ge­gen­wirkt und so dem Her­zen hilft, die kri­ti­sche Zeit zu überwinden.
Zim­mer­mann34 ist der Ansicht, daß “die Ein­füh­rung des Stro­ph­an­thins in die Behand­lung der Angi­na pec­to­ris ohne Fra­ge eine Wen­dung in der Kli­nik die­ser gefürch­te­ten Krank­heit bedeu­tet”. Er behan­del­te in den letz­ten Jah­ren 66 an Angi­na pec­to­ris lei­den­de Kran­ke mit Stro­ph­an­thin, bei 14 von die­sen Kran­ken lag ein fri­scher oder älte­rer Herz­in­farkt vor. Es wur­de durch­weg das k‑Strophanthin Böh­rin­ger ange­wandt. Die Höhe der Ein­zel­ga­ben beweg­te sich zwi­schen 0,2 und 0,4 mg (intra­ve­nös), meist wur­de drei Tage hin­ter­ein­an­der 0,3 mg gege­ben und am 4. Tage eine Pau­se ein­ge­schal­tet. Auch in Fäl­len von schwe­rem, fri­schem Infarkt konn­te die Stro­ph­an­thin­be­hand­lung lebens­ret­tend wirken.
Im Hin­blick auf die von Edens in die Stro­ph­an­thin­the­ra­pie auf­ge­nom­me­nen Indi­ka­tio­nen, die auf Digi­ta­lis nicht anspre­chen, ist es nach H. Zim­mer­mann35 nicht mehr rich­tig, wie frü­her üblich zu sagen, daß der Wert des Stro­ph­an­thins nur dar­in liegt, daß es noch wirk­sam ist, wo Digi­ta­lis ver­sagt, son­dern dazu müß­te jetzt noch ergän­zend bemerkt wer­den, daß Stro­ph­an­thin auch bei bestimm­ten For­men von Herz­schwä­che wirkt, die noch nicht auf Digi­ta­lis anspre­chen oder über­haupt nicht die Vor­aus­set­zung für eine Digi­ta­lis­wir­kung mitbringen.
Jagič und O. Zim­mer­mann36 tei­len den Stand­punkt Edens in bezug auf die Behand­lung des fri­schen Herz­in­farkts mit Stro­ph­an­thus nicht. Solan­ge ein fri­scher Myo­kard­in­farkt deut­li­che Dekom­pen­sa­ti­ons­er­schei­nun­gen ver­mis­sen läßt, zie­hen sie nicht die Stro­ph­an­thus­the­ra­pie her­an, son­dern erst dann, wenn sich eine Dekom­pen­sa­ti­ons­er­schei­nung ein­stellt. Sie wen­den das Stro­ph­an­thin wegen sei­ner fast augen­blick­li­chen Wir­kung auf den Herz­mus­kel sehr häu­fig in der Behand­lung aku­ter schwe­rer Dekom­pen­sa­ti­ons­zu­stän­de an, und zwar bei akut auf­tre­ten­den Fäl­len von Asth­ma car­dia­le oder eines kar­dia­len Lun­gen­ödems. Fer­ner hal­ten sie Stro­ph­an­thin indi­ziert bei aku­ter kar­dia­ler Dekom­pen­sa­ti­on im Ver­lauf einer Infek­ti­ons­krank­heit, bei par­oxys­ma­ler Tachy­kar­die oder hoch­gra­di­gen Flim­mer­arhyth­mi­en und aku­ter Dila­ta­ti­on des Her­zens infol­ge beträcht­li­cher Über­an­stren­gung. Beson­ders befür­wor­ten sie die Anwen­dung pro­ba­to­ri­scher Stro­ph­an­thi­nin­jek­tio­nen, die bei merk­li­cher Bes­se­rung oft unbe­stimm­ter kör­per­li­cher oder psy­chi­scher Beschwer­den den Rück­schluß auf das Vor­han­den­sein gerin­ger laten­ter kar­dia­ler Insuf­fi­zi­enz­er­schei­nun­gen gestat­tet. Auch die bra­dy­kar­di­schen Dekom­pen­sa­tio­nen, bei denen Digi­ta­lis ver­sagt, sind nach ihnen für die Stro­ph­an­thin­be­hand­lung geeig­net. Bei schwe­rer mecha­ni­scher Behin­de­rung des Kreis­lau­fes sind nach Jagič und O. Zim­mer­mann auch der Stro­ph­ant­hin­wir­kung selbst­ver­ständ­lich nur enge Gren­zen gezo­gen (bei hoch­gra­di­ger Mit­rals­teno­se, schwe­rer Con­cre­tio peri­car­dii, Kyphos­ko­lio­se­h­er­zen, Emphy­sem­herz). Wenn Rechts­in­suf­fi­zi­enz dau­ernd und pri­mär im Vor­der­grun­de steht, so hal­ten sie die Stro­ph­an­thin­the­ra­pie für wir­kungs­los, dage­gen eher ange­zeigt bei Fäl­len, wo Links­in­suf­fi­zi­enz das Krank­heits­bild beherrscht (Aor­ten­feh­ler, dekom­pen­sier­ter Hochdruck).
Bei der Ent­wäs­se­rung, die bei der Behand­lung insuf­fi­zi­en­ter Herz­kran­ker so wich­tig ist, hat es sich nach Sie­beck37 aus­ge­zeich­net bewährt, zugleich Stro­ph­an­thin (0,25–0,3 mg) und ein Queck­sil­ber­prä­pa­rat intra­ve­nös zu inji­zie­ren; man erzie­le damit ohne Gefahr die bes­ten Diuresen.