
Wirkung
Die in ihrer Heimat als Pfeilgift und Antidot gegen Schlangenbisse1 verwendete Droge enthält verschiedene chemisch verwandte Alkaloide, die in 2 Gruppen eingeteilt werden: 1. die Curarine, die als Hauptträger der Curarewirkung gelten, und 2. die Curine, denen nur eine sehr geringe Curarewirkung zukommt2.
Bernard3 und Kölliker4 stellten als erste in ihren grundlegenden Arbeiten über Curare fest, daß die elektive Wirkung in der Lähmung der motorischen Nervenendigungen besteht. Aus den zahlreichen späteren Untersuchungen ergibt sich, daß z. B. sowohl die konstriktorischen als auch die dilatorischen Gefäßnerven des Körpers sowohl beim Frosch als auch beim Warmblüter dem Gifte gegenüber viel weniger empfindlich sind als der willkürliche Nervmuskelapparat5.
Ebenso konnten Kühne6 und Garten7 nachweisen, daß die motorischen Nervenstämme an der Lähmung nicht beteiligt sind, daß also die Curarewirkung auf die Endgebiete beschränkt bleibt.
Der Beginn der Curarevergiftung äußert sich in der zunehmenden Ermüdbarkeit der motorischen Nervenendigungen, so daß man bei rhythmischer Reizung immer kürzere und kürzere Zuckungsreihen sieht8. Mit der Lähmung der Atemmuskeln tritt Erstickung und Tod ein, jedoch bleiben die Atemmuskeln fast von allen Muskeln unter Curareeinwirkung am längsten erregbar.
So erfolgt nach Böhm9 nach Darreichung von eben tödlichen Dosen (0,34 mg pro Kilo subkutan appliziert) beim Kaninchen der Tod gewöhnlich nach 8–30 Minuten durch Lähmung des Zwerchfells. Es ist dabei nach Böhm auffallend, daß die Lähmung stets in den ganz kurzen Muskeln der Ohrmuscheln und Zehen beginnt. Das erste Vergiftungssymptom ist, daß die Tiere die Ohrmuscheln nicht mehr aufrecht halten können. Die Lähmung befällt dann rasch alle anderen Skelettmuskeln, und nur die Atembewegungen dauern noch mehr oder weniger lange fort. Bei tödlichem Verlauf beobachtete er fast ausnahmslos nach erloschener Atmung und maximaler Dilatation der Pupille meist kräftige Zuckungen in den Hautmuskeln des Rumpfes, die demnach der Vergiftung noch länger als das Zwerchfell zu widerstehen scheinen.
Erst durch größere Curaregaben werden außer den motorischen Nervenendigungen auch noch andere Funktionsgebiete geschädigt. Sehr große Gaben Curarin erniedrigen den Blutdruck durch eine lähmende Wirkung auf die vasokonstriktorischen Nerven10.
Wie Böhm11 berichtet, ist auch bei den größten Dosen ein direkter Einfluß des reinen Curarins auf das Herz der Säugetiere nicht zu ermitteln gewesen. Die an lebenden Tieren auch in der Vergiftung mit Curarin auftretende Abnahme der diastolischen Füllung des Ventrikels, infolge deren bei gleichzeitigem Mangel an Sauerstoffzufuhr das Herz nach längerer Versuchsdauer stillsteht, wird gewöhnlich auf die Lähmung der Vasomotoren zurückgeführt.
Nach Bidder12 werden auch die Nervenendigungen in der glatten Muskulatur durch Curare wenig beeinflußt. Die Darmperistaltik dauert auch nach den größten Curarindosen an, wie dies Tillie13 verschiedentlich beobachten konnte. Im Gegensatz hierzu bemerkte allerdings Böhm14 im Lähmungsstadium durch die Bauchdecke hindurch gewöhnlich keine Darmperistaltik, beobachtete aber, daß diese mit großer Lebhaftigkeit wieder einsetzte, sobald das Tier sich zu erholen anfing.
Wichtig ist auch die Frage der Beeinflussung des Zentralnervensystems. Nach Steiner15 konnte bei Fischen schon vor der Muskellähmung eine Großhirnnarkose festgestellt werden, doch ist die Frage, ob bei höheren Wirbeltieren das Großhirn durch Curare beeinflußt wird, noch nicht eindeutig geklärt. Sollmann und Pilcher16 konnten, insbesondere nach intravenöser Curarisierung, eine deutliche Erregbarkeitssteigerung der vasomotorischen Zentren beobachten.
Eckhard17 untersuchte die Diurese unter dem Einfluß nicht sehr großer Curaredosen am Kaninchen und am Hund. Er fand, daß bei zunehmender Vergiftung die Harnsekretion abnimmt, daß aber bei beginnender Entgiftung, wenn Anzeichen spontaner Atmung auftreten, eine vorübergehende Polyurie sich einstellt.
Bei curarisierten Kaninchen wurde außer Temperaturabfall auch eine starke Herabsetzung des Stoffwechsels (Kohlensäurebildung und Sauerstoffverbrauch) beobachtet18.
Die Ausscheidung des Curare erfolgt durch die Nieren. Bei Vergiftungen mit subletalen Dosen erholen sich die Versuchstiere meist sehr rasch von den Curareschädigungen. Nach Tillie19 erfolgt die Entgiftung bei intravenöser Injektion bedeutend schneller als bei subkutaner, da im ersteren Falle die ganze Resorptionszeit wegfällt und die Ausscheidung durch die Nieren gleich einsetzen kann.
Die schnelle Ausscheidung durch die Nieren, ferner die Schädigung der leicht zersetzlichen Curarine durch die Magensäure20 und die bis zu einem gewissen Grade in der Leber stattfindende Entgiftung der Curarine21 erklären die Tatsache, daß Curare nach Einführung in den Magen weniger wirksam ist, und zwar auch in weit höheren Dosen als in der bei subkutaner Injektion letalen Dosis.
Bei Strychninvergiftung können die lebensgefährlichen Krämpfe bekämpft werden, indem man den motorischen Impulsen mittels Curare den Weg zu den Skelettmuskeln abschneidet23. Shaklee und Meltzer24 stellten fest, daß Hunde das Doppelte der intravenös tödlichen Strychnindosis vertragen, wenn die Krämpfe durch Curare unterdrückt werden und durch intratracheale Insufflation der Lunge genügend Luft zugeführt wird. Bei Tetanus- und Lyssafällen wurde ein Nachlassen der Krämpfe erzielt25.
In neuester Zeit ist die Curare-Behandlung des Tetanus wieder öfter versucht worden. B. L. Cole26 berichtet über zwei Fälle von schwerstem, fast hoffnungslosem Tetanus, von denen der eine Fall durch intravenöse Curare-Behandlung geheilt werden konnte, während der zweite tödlich endete. Cole macht darauf aufmerksam, daß die richtige Dosierung des Curare noch die größten Schwierigkeiten bereitet. Auch J. S. Mitchell27 schildert ausführlich einen Tetanusfall, den er mit Curarinhydrochlorid zur Heilung bringen konnte. Es wurden insgesamt in 20 Tagen 48,1 mg salzsaures Curarin subkutan in steriler Lösung (1 ccm = 1 mg) verabreicht. R. Royo Villanova und J. Pardo Canalis28 erzielten bei Tremorerscheinungen verschiedener Genese gute Erfolge mit Curare. Besonders gut wurden Fälle von senilem, hysterischem, alkoholischem, postencephalitischem und dem bei Bleivergiftung und bei Hyperthyreoidismus auftretendem Tremor beeinflußt, während Tremorerscheinungen bei multipler Sklerose weniger gut darauf ansprachen und bei Paralysis agitans der Tremor nur vorübergehend gebessert wurde. J. R. Risquez29 injizierte einem Patienten mit intestinaler Intoxikation und starkem Tremor Curare subkutan. Er erreichte durch langsame Steigerung der Dosen Besserung des Zustandes des Kranken und Nachlassen des Tremors. Zur Behandlung des Tetanus mit Curare bediente sich West30 des Curarins, das er in Form seines salzsauren Salzes mittels der Tropfmethode intravenös applizierte. Auf 1 kg Körpergewicht kam in der Stunde 0,25 mg Curarinhydrochlorid, in Traubenzuckerlösung gelöst. 10 Minuten vor Beginn der Tropfinfusion wurden noch 0,0013 g Atropin subkutan injiziert. West rät, nur in den schwersten Fällen von Tetanus zur Curarin-Behandlung zu greifen. Unter allen Umständen muß an der Serumbehandlung mit hohen Antitoxinmengen festgehalten werden. Der Autor macht auf die Gefahr aufmerksam, die bei Überdosierung des Curarins durch das Auftreten von Bronchialspasmen droht.
In der Homöopathie wird Curare bei den verschiedensten Lähmungen und Schwächezuständen, bei Paralysis infolge Gehirnkongestionen, bei Gesichts- und Augenmuskellähmungen, bei Katalepsie, bei Epilepsie, wenn die Anfälle hauptsächlich vor der Menstruation eintreten, bei allgemeiner Muskelschwäche, besonders im Greisenalter, bei nervöser Schwäche infolge Säfteverlusten, bei Kinnbackenkrampf, Tollwut und Tetanus (Einspritzungen unter die Haut) gegeben31.
Stauffer32 rät von der parenteralen Darreichung bei Prüfung des Mittels ab, da nach einer solchen einmal ein paretischer Zustand der unteren Extremitäten eintrat, der ein halbes Jahr anhielt. Auch soll nach ihm Curare nicht unter der 6. Potenz gegeben werden.