Ger­hard Mad­aus: Lehr­buch der bio­lo­gi­schen Heil­mit­tel. Ver­lag Georg Thie­me, Leip­zig, 1938
(Ori­gi­nal, voll­stän­dig erhal­ten) – bei eBay zu ver­kau­fenRezen­si­on 1938, Archiv der Pharmazie

Curare – Seite 3 von 4 – Monographie Madaus

Lehr­buch der bio­lo­gi­schen Heilmittel
Mono­gra­phie Cura­re (Sei­te 3 von 4)
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Wirkung

Die in ihrer Hei­mat als Pfeil­gift und Anti­dot gegen Schlan­gen­bis­se1 ver­wen­de­te Dro­ge ent­hält ver­schie­de­ne che­misch ver­wand­te Alka­lo­ide, die in 2 Grup­pen ein­ge­teilt wer­den: 1. die Curar­i­ne, die als Haupt­trä­ger der Cura­re­wir­kung gel­ten, und 2. die Curi­ne, denen nur eine sehr gerin­ge Cura­re­wir­kung zukommt2.
Ber­nard3 und Köl­li­ker4 stell­ten als ers­te in ihren grund­le­gen­den Arbei­ten über Cura­re fest, daß die elek­ti­ve Wir­kung in der Läh­mung der moto­ri­schen Ner­ven­endi­gun­gen besteht. Aus den zahl­rei­chen spä­te­ren Unter­su­chun­gen ergibt sich, daß z. B. sowohl die konstrik­to­ri­schen als auch die dila­to­ri­schen Gefäß­ner­ven des Kör­pers sowohl beim Frosch als auch beim Warm­blü­ter dem Gif­te gegen­über viel weni­ger emp­find­lich sind als der will­kür­li­che Nerv­mus­kel­ap­pa­rat5.
Eben­so konn­ten Küh­ne6 und Gar­ten7 nach­wei­sen, daß die moto­ri­schen Ner­ven­stäm­me an der Läh­mung nicht betei­ligt sind, daß also die Cura­re­wir­kung auf die End­ge­bie­te beschränkt bleibt.
Der Beginn der Curar­ever­gif­tung äußert sich in der zuneh­men­den Ermüd­bar­keit der moto­ri­schen Ner­ven­endi­gun­gen, so daß man bei rhyth­mi­scher Rei­zung immer kür­ze­re und kür­ze­re Zuckungs­rei­hen sieht8. Mit der Läh­mung der Atem­mus­keln tritt Ersti­ckung und Tod ein, jedoch blei­ben die Atem­mus­keln fast von allen Mus­keln unter Curare­ein­wir­kung am längs­ten erregbar.
So erfolgt nach Böhm9 nach Dar­rei­chung von eben töd­li­chen Dosen (0,34 mg pro Kilo sub­ku­tan appli­ziert) beim Kanin­chen der Tod gewöhn­lich nach 8–30 Minu­ten durch Läh­mung des Zwerch­fells. Es ist dabei nach Böhm auf­fal­lend, daß die Läh­mung stets in den ganz kur­zen Mus­keln der Ohr­mu­scheln und Zehen beginnt. Das ers­te Ver­gif­tungs­sym­ptom ist, daß die Tie­re die Ohr­mu­scheln nicht mehr auf­recht hal­ten kön­nen. Die Läh­mung befällt dann rasch alle ande­ren Ske­lett­mus­keln, und nur die Atem­be­we­gun­gen dau­ern noch mehr oder weni­ger lan­ge fort. Bei töd­li­chem Ver­lauf beob­ach­te­te er fast aus­nahms­los nach erlo­sche­ner Atmung und maxi­ma­ler Dila­ta­ti­on der Pupil­le meist kräf­ti­ge Zuckun­gen in den Haut­mus­keln des Rump­fes, die dem­nach der Ver­gif­tung noch län­ger als das Zwerch­fell zu wider­ste­hen scheinen.
Erst durch grö­ße­re Cura­re­ga­ben wer­den außer den moto­ri­schen Ner­ven­endi­gun­gen auch noch ande­re Funk­ti­ons­ge­bie­te geschä­digt. Sehr gro­ße Gaben Curar­in ernied­ri­gen den Blut­druck durch eine läh­men­de Wir­kung auf die vaso­konstrik­to­ri­schen Ner­ven10.
Wie Böhm11 berich­tet, ist auch bei den größ­ten Dosen ein direk­ter Ein­fluß des rei­nen Curarins auf das Herz der Säu­ge­tie­re nicht zu ermit­teln gewe­sen. Die an leben­den Tie­ren auch in der Ver­gif­tung mit Curar­in auf­tre­ten­de Abnah­me der dia­sto­li­schen Fül­lung des Ven­tri­kels, infol­ge deren bei gleich­zei­ti­gem Man­gel an Sau­er­stoff­zu­fuhr das Herz nach län­ge­rer Ver­suchs­dau­er still­steht, wird gewöhn­lich auf die Läh­mung der Vaso­mo­to­ren zurückgeführt.
Nach Bidder12 wer­den auch die Ner­ven­endi­gun­gen in der glat­ten Mus­ku­la­tur durch Cura­re wenig beein­flußt. Die Darm­pe­ris­tal­tik dau­ert auch nach den größ­ten Curar­in­do­sen an, wie dies Til­lie13 ver­schie­dent­lich beob­ach­ten konn­te. Im Gegen­satz hier­zu bemerk­te aller­dings Böhm14 im Läh­mungs­sta­di­um durch die Bauch­de­cke hin­durch gewöhn­lich kei­ne Darm­pe­ris­tal­tik, beob­ach­te­te aber, daß die­se mit gro­ßer Leb­haf­tig­keit wie­der ein­setz­te, sobald das Tier sich zu erho­len anfing.
Wich­tig ist auch die Fra­ge der Beein­flus­sung des Zen­tral­ner­ven­sys­tems. Nach Stei­ner15 konn­te bei Fischen schon vor der Mus­kel­läh­mung eine Groß­hirn­nar­ko­se fest­ge­stellt wer­den, doch ist die Fra­ge, ob bei höhe­ren Wir­bel­tie­ren das Groß­hirn durch Cura­re beein­flußt wird, noch nicht ein­deu­tig geklärt. Soll­mann und Pilcher16 konn­ten, ins­be­son­de­re nach intra­ve­nö­ser Cur­ari­sie­rung, eine deut­li­che Erreg­bar­keits­stei­ge­rung der vaso­mo­to­ri­schen Zen­tren beobachten.
Eck­hard17 unter­such­te die Diure­se unter dem Ein­fluß nicht sehr gro­ßer Curare­do­sen am Kanin­chen und am Hund. Er fand, daß bei zuneh­men­der Ver­gif­tung die Harn­se­kre­ti­on abnimmt, daß aber bei begin­nen­der Ent­gif­tung, wenn Anzei­chen spon­ta­ner Atmung auf­tre­ten, eine vor­über­ge­hen­de Poly­urie sich einstellt.
Bei cur­ari­sier­ten Kanin­chen wur­de außer Tem­pe­ra­tur­ab­fall auch eine star­ke Her­ab­set­zung des Stoff­wech­sels (Koh­len­säu­re­bil­dung und Sau­er­stoff­ver­brauch) beob­ach­tet18.
Die Aus­schei­dung des Cura­re erfolgt durch die Nie­ren. Bei Ver­gif­tun­gen mit sub­le­ta­len Dosen erho­len sich die Ver­suchs­tie­re meist sehr rasch von den Cura­re­schä­di­gun­gen. Nach Til­lie19 erfolgt die Ent­gif­tung bei intra­ve­nö­ser Injek­ti­on bedeu­tend schnel­ler als bei sub­ku­ta­ner, da im ers­te­ren Fal­le die gan­ze Resorp­ti­ons­zeit weg­fällt und die Aus­schei­dung durch die Nie­ren gleich ein­set­zen kann.
Die schnel­le Aus­schei­dung durch die Nie­ren, fer­ner die Schä­di­gung der leicht zer­setz­li­chen Curar­i­ne durch die Magen­säu­re20 und die bis zu einem gewis­sen Gra­de in der Leber statt­fin­den­de Ent­gif­tung der Curar­i­ne21 erklä­ren die Tat­sa­che, daß Cura­re nach Ein­füh­rung in den Magen weni­ger wirk­sam ist, und zwar auch in weit höhe­ren Dosen als in der bei sub­ku­ta­ner Injek­ti­on leta­len Dosis.

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Bei Strych­nin­ver­gif­tung kön­nen die lebens­ge­fähr­li­chen Krämp­fe bekämpft wer­den, indem man den moto­ri­schen Impul­sen mit­tels Cura­re den Weg zu den Ske­lett­mus­keln abschnei­det23. Shaklee und Melt­zer24 stell­ten fest, daß Hun­de das Dop­pel­te der intra­ve­nös töd­li­chen Strych­nin­do­sis ver­tra­gen, wenn die Krämp­fe durch Cura­re unter­drückt wer­den und durch intrat­ra­chea­le Insuf­fla­ti­on der Lun­ge genü­gend Luft zuge­führt wird. Bei Teta­nus- und Lys­sa­fäl­len wur­de ein Nach­las­sen der Krämp­fe erzielt25.
In neu­es­ter Zeit ist die Cura­re-Behand­lung des Teta­nus wie­der öfter ver­sucht wor­den. B. L. Cole26 berich­tet über zwei Fäl­le von schwers­tem, fast hoff­nungs­lo­sem Teta­nus, von denen der eine Fall durch intra­ve­nö­se Cura­re-Behand­lung geheilt wer­den konn­te, wäh­rend der zwei­te töd­lich ende­te. Cole macht dar­auf auf­merk­sam, daß die rich­ti­ge Dosie­rung des Cura­re noch die größ­ten Schwie­rig­kei­ten berei­tet. Auch J. S. Mit­chell27 schil­dert aus­führ­lich einen Teta­nus­fall, den er mit Curar­in­hy­dro­chlo­rid zur Hei­lung brin­gen konn­te. Es wur­den ins­ge­samt in 20 Tagen 48,1 mg salz­saures Curar­in sub­ku­tan in ste­ri­ler Lösung (1 ccm = 1 mg) ver­ab­reicht. R. Royo Vil­lano­va und J. Par­do Cana­lis28 erziel­ten bei Tre­mo­r­er­schei­nun­gen ver­schie­de­ner Gene­se gute Erfol­ge mit Cura­re. Beson­ders gut wur­den Fäl­le von seni­lem, hys­te­ri­schem, alko­ho­li­schem, pos­ten­ce­pha­li­ti­schem und dem bei Blei­ver­gif­tung und bei Hyper­thy­reo­idis­mus auf­tre­ten­dem Tre­mor beein­flußt, wäh­rend Tre­mo­r­er­schei­nun­gen bei mul­ti­pler Skle­ro­se weni­ger gut dar­auf anspra­chen und bei Para­ly­sis agi­tans der Tre­mor nur vor­über­ge­hend gebes­sert wur­de. J. R. Ris­quez29 inji­zier­te einem Pati­en­ten mit intesti­na­ler Into­xi­ka­ti­on und star­kem Tre­mor Cura­re sub­ku­tan. Er erreich­te durch lang­sa­me Stei­ge­rung der Dosen Bes­se­rung des Zustan­des des Kran­ken und Nach­las­sen des Tre­mors. Zur Behand­lung des Teta­nus mit Cura­re bedien­te sich West30 des Curarins, das er in Form sei­nes salz­sauren Sal­zes mit­tels der Tropf­me­tho­de intra­ve­nös appli­zier­te. Auf 1 kg Kör­per­ge­wicht kam in der Stun­de 0,25 mg Curar­in­hy­dro­chlo­rid, in Trau­ben­zu­cker­lö­sung gelöst. 10 Minu­ten vor Beginn der Tropf­in­fu­si­on wur­den noch 0,0013 g Atro­pin sub­ku­tan inji­ziert. West rät, nur in den schwers­ten Fäl­len von Teta­nus zur Curar­in-Behand­lung zu grei­fen. Unter allen Umstän­den muß an der Serum­be­hand­lung mit hohen Anti­to­xin­men­gen fest­ge­hal­ten wer­den. Der Autor macht auf die Gefahr auf­merk­sam, die bei Über­do­sie­rung des Curarins durch das Auf­tre­ten von Bron­chi­al­s­pas­men droht.
In der Homöo­pa­thie wird Cura­re bei den ver­schie­dens­ten Läh­mun­gen und Schwä­che­zu­stän­den, bei Para­ly­sis infol­ge Gehirn­kon­ges­tio­nen, bei Gesichts- und Augen­mus­kel­läh­mun­gen, bei Kata­lep­sie, bei Epi­lep­sie, wenn die Anfäl­le haupt­säch­lich vor der Mens­trua­ti­on ein­tre­ten, bei all­ge­mei­ner Mus­kel­schwä­che, beson­ders im Grei­sen­al­ter, bei ner­vö­ser Schwä­che infol­ge Säf­te­ver­lus­ten, bei Kinn­ba­cken­krampf, Toll­wut und Teta­nus (Ein­sprit­zun­gen unter die Haut) gege­ben31.
Stauf­fer32 rät von der par­en­te­r­alen Dar­rei­chung bei Prü­fung des Mit­tels ab, da nach einer sol­chen ein­mal ein pare­ti­scher Zustand der unte­ren Extre­mi­tä­ten ein­trat, der ein hal­bes Jahr anhielt. Auch soll nach ihm Cura­re nicht unter der 6. Potenz gege­ben werden.