Lehrbuch der biologischen Heilmittel

Anwendung in der Praxis auf Grund der Literatur und einer Rundfrage:
Carduus marianus ist ein Hauptmittel bei Hepato- und Choleangiopathien, insbesondere bei Leberschwellung*) und ‑stauung (Leber sehr druckempfindlich, häufig Urobilinogen, selten Urobilin im Harn), Hepatitis, Cholelithiasis mit Koliken (Janke sah nach Steinaustreibung keine Neubildung von Steinen mehr), Ikterus, Cholangitis, Milzleiden, bei durch Erkrankungen der Leber bedingten Kopfschmerzen, Ãbelkeit, Migräne, Schlaflosigkeit und Asthma, ferner bei Hämorrhoiden, Meteorismus und Obstipation. E. Meyer, Berlin, sah auch gute Erfolge bei Lebererkrankung nach Salvarsan.
Sehr gute Erfolge sind weiter mit Carduus marianus bei Varizen und Ulcus cruris*) erzielt worden. Bei Varizen empfiehlt Donner, Berlin, den Wechsel mit Calcium fluoratum, das noch besser auf den Tonus der Venenwandungen wirke. Er hat mit vielen anderen (Mattern, Pöller) mit dieser Behandlung häufig gute Resultate gehabt, so wurde ein Spinnereiarbeiter, der 1 ½ Jahre über Schmerzen durch Venenerweiterung klagte, in wenigen Tagen durch die Verabreichung von 5 Tropfen Carduus mar. à morgens und zweimal 1 Tablette Calcium fluoratum D 6 nachmittags schmerzfrei. Dagegen schreibt mir Schleihauf, Freiburg, daà Carduus Varizen nicht zum Verschwinden bringe. In schweren Fällen dürfte man ohne starkes Hautbürsten nicht auskommen. K. Bischoff, Berlin, nennt es ein vorzügliches Herzmittel bei Lebererkrankungen. SchlieÃlich werden als Indikationen mir noch empfohlen: Hydrops, auch Aszites, von der Leber ausgehend, Nasenröte (E. Stieber lobt es hier sehr), Schwindel, Magenleiden, Bauchspeicheldrüsenerkrankung, Amenorrhöe, Husten mit Seitenstechen, Fieber, Vermes und Hautjucken. MuÃler, Wiesbaden, beobachtete, daà bei Personen, die an Stirnhöhlenvereiterung operiert waren, und bei denen im Anschluà an die Operation der AbfluÃgang gesperrt war, jedesmal nach Einnahme von Lebermitteln, z. B. auch nach Carduus marianus, stärkere Sekretabsonderung mit heftigen Stirnkopfschmerzen eintrat.
M. Schlegel, Lindau, sah nach Verordnung von Carduus marianus D 2 Besserung bei intermenstruellen, regelmäÃigen Schmerzen im Unterleib. Auch bei habitueller Migräne wandte er das Mittel in Ã-D 2 erfolgreich an. AuÃerdem nennt Fröhlich Carduus gegen Kachexie der Bergarbeiter (Bergsucht). (Auch von anderer Seite wird es hier als das einzig wirksame Mittel bezeichnet.) Er verordnete hier vier- bis fünfmal täglich 5 Tropfen der Urtinktur.
Bevorzugte Wechselmittel sind: Chelidonium, Lycopodium, Nux vomica, Calc. fluor. und Natrium sulf.
Das Mittel wird häufig als Urtinktur gegeben, doch ist, falls Neigung zu Diarrhöe besteht, D 2–4 vorzuziehen.
+) Beispiel für die Anwendung:
(Nach Burnett, zit. bei Clarke, A. Dict. of pract. Mat. med., S. 418.)
I. Ein 16jähriges Mädchen litt während dreier Monate an heftigen Erbrechen mit gleichzeitigen Schmerzen im Abdomen. Das Erbrechen konnte durch Darreichung verschiedener Medizinen günstig beeinfluÃt werden, die Schmerzen dagegen nicht. Die Untersuchung ergab starke VergröÃerung der Leberund Milz. Die Verordnung von Carduus marianus 5 Tropfen der Urtinktur morgens und abends zu nehmen, brachte schnelle Heilung.
II. E. R., Hausfrau, 43 Jahre alt. Schmerzendes, juckendes, rezidivierendes Ulcus am rechten Unterschenkel von etwa 13 cm Durchmesser. Siebenwöchige Behandlung mit Carduus marianus Ã, Höhensonne und Verband mit Pyoktanningaze und Varicosanbinde. Später wurde noch Acid. hydrofl. Oligoplex und Symphytum Oligoplex gegeben. Patientin ist seit Jahresfrist beschwerdefrei.
Angewandter Pflanzenteil:
Matthiolus und Lonicerus nennen in erster Linie die Wurzel, ferner den Samen, dem sie vor den Blättern den Vorzug geben.
Nach v. Haller wurden hauptsächlich das Kraut und die Samen gebraucht. Rademacher rühmt die Samen, ebenso Schulz.
Nach Geiger waren im 19. Jahrhundert noch die Samen, früher auch das Kraut und die Wurzel, Semen, Herba et Radix Cardui Mariae, offizinell Zörnig nennt nur die Samen.
Als wirksame Substanz für die Bereitung der Arzneimittel kommen die reifen, im Herbst geernteten Samen in Betracht. Auch das “Teep” wird so bereitet. Homöopathische Urtinktur: Reife Samen (Arzneigehalt 1/3).
Dosierung:
Ãbliche Dosis:
1 Teelöffel des Pulvers vier- bis fünfmal täglich (Rademacher).
15–30 Tropfen der Tinktur (Rademacher).
1 Teelöffel voll der Frischpflanzenverreibung “Teep” dreimal täglich.
(Die “Teep”-Zubereitung ist auf 50% Pflanzensubstanz eingestellt.)
In der Homöopathie:
dil. D 1, dreimal täglich 10 Tropfen.
Maximaldosis:
Nicht festgestzt.
Rezepte:
Bei Leber‑, Milz- und Gallenleiden (nach Rademacher):
Rp.:
Sem. Cardui mar. cont.
30
(= Mariendistelsamen)
D.s.: Mit ½ l Wasser auf die Hälfte einkochen lassen. Stündlich 1 EÃlöffel zu nehmen.
Rezepturpreis ad chart. etwa -.72 RM. Oder:
Rp.:
Tinct. Sem. Cardui mariani Rademacheri
30
D.s.: Zweimal täglich 15 Tropfen.
Bei Gallen- und Leberleiden (nach Kroeber):
Rp.:
(= Mariendistelsamen)
Hb. c. Rad. Taraxaci
(= Kraut m. Wurzel vom Löwenzahn)
Rad. Cichorii intybi
ÄÄ 40
(= Wegwartenwurzel)
C.m.f. species.
D.s.: 1 EÃlöffel auf 1 Tasse Wasser aufgieÃen, zweimal täglich ½ Stunde vor dem Essen 1 Tasse zu nehmen.
Zubereitungsvorschlag des Verfassers: 2 Teelöffel voll auf 1 ½ Glas Wasser, vgl. Zubereitung von Teemischungen S. 291.
Rezepturpreis ad chart. etwa -.97 RM.
Fußnoten:
1 Lonicerus, Kreuterbuch, 1564, S. 147.
2 Matthiolus, New-Kreuterbuch, 1626, S. 225 C.
3 v. Haller, Medicin. Lexicon, 1755, S. 312.
4 Rademacher, Erfahrungsheillehre, 1851 (1. Bd.), S. 140.
5 Kissel, Handb. d. naturwissenschaftl. Therapie, S. 425–445; ders., Die Heilmittel Rademachers. S. 197.
6 Grävell, Med. Centr.-Ztg. 1850, S. 99; Brenschedt, Bernhardis Ztschr. 1851 V. 1; Lobach, Verh. d. phys.-med. Ges. in Würzburg 1858, Bd. 8, S. 288.
7 Reil, De carduo Mariae pharmaco, Halle 1852.
8 Schulz, Wirkg. u. Anwendg. d. dtsch. Arzneipfl., S. 256.
9 Westphal, Gallenwegsfunktion u. Gallensteinleiden, zit. b. Nadosy, Allg. hom. Ztg. 1936, S. 397.
10 H. Leclerc, Précis de Phytothérapie, S. 130, Paris 1927.
11 E. Meyer, Pflanzliche Therapie, S. 104, Leipzig 1935.
12 Ullmann, Biochem. Ztschr. 1922, Bd. 128, S. 402.
13 Die Tinktur wird aus den ganzen, unzerquetschten Samen zu gleichen Teilen mit Alkohol und Wasser hergestellt