
Wirkung
Bei Paracelsus1 wird der Hafer als hervorragendes Nahrungsmittel erwähnt.
Der Hortus Sanitatis2 schildert nur die Anwendung des Hafermehles zu Pflastern bei Geschwülsten, Verhärtungen, Fisteln und Impetigo und als Kosmetikum.
Auch Lonicerus3 hält es für “sonderlich gut für die Fistel”, das außerdem den Bauch stopfe, nähre und – gebrannt und mit Honigwasser getrunken – steten Husten lindere.
Gegen die Räude und den Grind kleiner Kinder kennt Matthiolus4 nichts Besseres als ein Bad in Haferstroh-Absud.
Der früher häufig verordnete Loewersche Hafertrank bestand aus Hafer, rotem Sandelholz und Zichorienwurzel, die in Wasser gekocht wurden und denen nach dem Durchseihen Spießglanzsalpeter und Zucker zugefügt wurden. Man trank diese Mischung zu ½ oder einem ganzen Pfunde täglich bei schleichenden und hektischen Fiebern, Gicht, Nierenschmerzen, Hypochondrie, Skorbut und a. m.5.
Auch Hufeland6 schätzte einen Hafertrank bei Phthisis.
Friedrich7 empfiehlt den Loewerschen Hafertrank als blutreinigend gegen Exantheme, Ulzera, Rheumatismus, rheumatische Fieber und Krampfhusten.
Clarus8 kennt die Anwendung der Hafergrützabkochung bei Schleimhautkatarrhen des Darmkanals, der Respirations- und der Harnorgane und den äußerlichen Gebrauch zu Kataplasmen.
Sehr häufig erwähnt der Pfarrer Kneipp9 den Hafer und das Haferstroh. So ist nach ihm bei vielen Leiden der Haferschleim das beste Linderungs- und Ernährungsmittel, z. B. bei Brust‑, Hals- und Magenleiden. Haferstrohbäder sollen bei Gicht und Grieß- und Nierenleiden helfen. Bei diesen Krankheiten soll auch der Haferstrohtee gute Dienste leisten. Zu große Mengen von Haferschleim sollen Kolik und starke Diarrhöe erzeugen.
In der tschechischen Volksmedizin wird nach Veleslavín Hafersuppe gegen Husten und Durchfall gebraucht. Äußerlich wird der Hafer bei Nierenleiden, Geschwülsten, das Hafermehl als Kosmetikum, das Haferstroh als Bad gegen Krätze und grindige Kopfhaut der Kinder gebraucht. Bei Krätze wird nach dem Waschen mit Haferstrohaufguß die befallene Stelle mit Holzasche bestreut. Der Haferstrohaufguß wird auch gegen Husten und alle Lungenkrankheiten getrunken. Bei inneren Schmerzen wird ein Leinensack mit heißen, gerösteten Haferkörnern aufgelegt10.
In der amerikanischen Medizin findet eine Tinktur aus Hafer Verwendung als Nerventonikum bei Chorea, Epilepsie, Insomnie, nervöser Erschöpfung, Alkoholismus und während der Opiumentwöhnung11. Allerdings wird die Wirksamkeit in letzterem Falle von sachverständigen Beobachtern stark bezweifelt.
Als Kräftigungsmittel bei nervöser Erschöpfung wird die Essenz auch von Dahlke12, Stauffer und Schmidt13 genannt.
Die im Sanatorium Küppelsmühle in Bad Orb mit Avena sativa (homöopathische Tinktur und Frischpflanzenverreibung “Teep”) angestellten Versuche als Sedativum ergaben nach Loben14 so gute Resultate, daß fast alle Schlaf- und Beruhigungsmittel durch Avena ersetzt wurden.
Hafer findet als Nahrungsmittel in der modernen Diabetesbehandlung große Beachtung. Bei azidosegefährdeten Diabetikern werden sogenannte Hafertage eingelegt.
Nach Kobert15 steigert ein im Hafer enthaltenes Alkaloid, Avenin, die neuro-muskuläre Reizbarkeit; durch reichlichen Hafergenuß werden Pferde psychisch exzitiert und berauscht. Von anderer Seite wird jedoch das Vorhandensein dieses Avenins bestritten16 und nur das Alkaloid Trigonellin17 wie auch in der Fruchtschale ein Vanillinglykosid18 als vorhanden erklärt.
Von mir angestellte Versuche ergaben, daß der Preßsaft von jungen grünen Haferpflanzen Mäuse schon nach Injektionen von geringen Mengen tötete. In der Literatur werden nur Saccharose, Secalose, Vitamine, Fructose, Glucose, Albuminoide usw. als Bestandteile19 genannt. Vor kurzem haben Boas und Steude20 in Avena sativa Saponin nachgewiesen. Diese Autoren beziehen die Wirkungen des Hafers auf den Saponingehalt.
Im Haferstroh, das neuerdings auch als kieselsäurehaltige Droge empfohlen wird, fand Gaudard21 2,05% Gesamtkieselsäure.
Hinsichtlich der Erhaltung der Fermente in Zubereitungen aus Avena sativa wurde festgestellt, daß Peroxydase und Katalase im “Teep”-Präparat erhalten waren, während die Katalase in der homöopathischen Tinktur nicht nachweisbar und die Peroxydase schwächer als im “Teep”-Präparat war22.
Verwendung in der Volksmedizin außerhalb des Deutschen Reiches (nach persönlichen Mitteilungen):
Dänemark: Haferschleim als Magenstärkungsmittel; das Destillat des Hafermehls mit Honigwasser gegen Husten; äußerlich Hafermehl gegen Geschwülste.
Italien: Gegen Hämorrhoiden.
Litauen: In Honig gekochte Haferkörner bei Dyspepsie.
Steiermark: Gegen Obstipation.
Ungarn: Äußerlich gegen Grind.