
Wirkung
In Indien findet der Jequirity-Same als Aphrodisiakum Verwendung1, und eine daraus hergestellte Paste wird zum Töten von Vieh benützt2.
Die englische Medizin läßt eine Paste aus dem pulverisierten Samen bei Lupus, bei tuberkulösen und syphilitischen Ulzerationen applizieren3.
Zu therapeutischen Zwecken viel benützt wurde die auffallende Eigenschaft der Jequiritysamen, beim Einbringen ins Auge eitrige und kruppöse Konjunktivitis hervorzurufen, durch welche die alten Granulationen bei Trachom und Hornhautflecken zerstört werden; auch Epitheliome der Lider sollen günstig beeinflußt werden4. Bei einer solchen Behandlung ist selbstverständlich größte Vorsicht nötig, weil nicht selten heftige Nebenwirkungen, wie Diphtherie der Konjunktiva, Hornhauttrübungen, ja sogar Verlust beider Augen infolge Phthisis bulbi, ferner Dacriocystitis, Periostitis der Nasen- und Tränenbeine, Symblepharon, Exophthalmus, akuter Glaukomanfall, Lidabszeß oder Hypertrophie der oberen Lider, Erythema faciei und Erysipel beobachtet wurden5.
Die als “Jequirity-Ophthalmie” bezeichnete Konjunktivitis ist eine sekundäre Entzündung und beruht auf einer durch das in Abrus prec. enthaltene Toxalbumin Abrin verursachten Gerinnung in den Gefäßen der Bindehaut6. Diese die roten Blutkörperchen agglutinierende Wirkung (Thrombenbildung) ist die hervorstechendste Eigenschaft des Abrins7, das außerdem an der Applikationsstelle Indurationen hervorruft8 und spezifisch auf den Haarboden wirkt, wobei es Haarausfall erzeugt9.
Wird dagegen Abrin längere Zeit in kleinen Dosen parenteral verabreicht, dann ist es imstande, im Blut eine die Gerinnung hemmende Substanz mit immunisierender Wirkung zu bilden, das Antiabrin. Ehrlich10 gelang es, Versuchstieren, die einige Wochen systematisch mit Abrin gefüttert worden waren, einen dicken Abrinbrei in den Konjunktivalsack einzustreichen, ohne daß sich eine Reaktion zeigte. Es wurde eine Immunität gegen die 400fache tödliche Dosis erzielt.
Die experimentelle – angeblich streng spezifische – Abrin-Immunität der Mäuse wird durch die Milch auch auf die Jungen übertragen11.
Die auch emetisch, anthelmintisch und diaphoretisch wirkenden12 Abrussamen enthalten außer Abrin u. a. ein tetanisierendes kristallinisches Glykosid13, die giftigen Eiweißkörper Globulin und Albumose14, fettspaltendes Enzym, Abrin und Abrussäure15 sowie Hämagglutinin16.
Bei der innerlichen versuchsweisen Darreichung der Samen-Verreibungen vertrugen nach meiner Beobachtung 6 Prüflinge die 1%ige Verreibung (3 Tabletten zu 0,25 g) ohne jede Beschwerden. Beim Einnehmen der 10%igen Verreibung in Dosen bis zu 1 g zeigten sich bei 3 von 6 Prüflingen je einmal Brennen im Halse, einmal Übelkeit und einmal pelzige Zunge.
Harmlos scheinen die Blätter und Blattstielchen zu sein. Nach Kloppenburg-Versteegh17 läßt man solche Blätter mit den Stielchen in Indien bei innerlichem Fieber essen. Als Teeaufguß werden bis 2 Unzen (60 g) auf ½‑1 Liter Wasser zur Hälfte eingekocht mit Zucker als tägliches Getränk bei unregelmäßigem Stuhlgang und Hämorrhoidalleiden gegeben. Man wendet solche Aufgüsse auch bei Mundfäule, gastrischem Fieber, bei Husten der Kinder vor dem Schlafengehen und bei trockenem Husten als schleimlösendes Mittel an.
Die Blätter enthalten neben Abrin: Glycyrrhizin18, das sich auch in der Wurzel, der sogen. “Indischen Liquiritia” findet19.