
Wirkung
Schon Hippokrates2 ließ Mutterzäpfchen mit Secale als Emmenagogum anwenden, während die mittelalterlichen Kräuterbücher ihm wenig Beachtung schenkten.
Bei Matthiolus3 findet sich ein Hinweis auf die blutstillende und schrundenheilende Wirkung des Mutterkorns.
Von den ärztlichen Forschern des vorigen Jahrhunderts widmet Clarus4 dem Mutterkorn eine ausführliche Schilderung und gibt als Indikationen an: Abort und künstliche Frühgeburt (zur Anregung), Wehenschwäche, Nachwehen (zur Verhütung), prä- und postpuerperale Blutungen (“recht günstiger Erfolg” bei starken Menorhagien zu Beginn des Klimakteriums), Amenorrhöe (infolge vikariierender Sekretion anderer Organe), Hämorrhagien aus Darm, Harnorganen, Nase, Lunge usw., paralytische Zustände, Harn- und Stuhlinkontinenz infolge Sphinkterschwäche. Clarus gibt auch eine reiche Literaturübersicht.
Bei Blasenlähmung infolge zerebraler Affektionen oder übermäßiger Ausdehnung der Blase rühmte Allier5 den Secale-Gebrauch,
während er von Saucerotte6 bei Paralyse der unteren Extremitäten als Folge überstandener schwerer Krankheiten oder Erkältung der Füße befürwortet wird.
Vogt7 empfahl Secale cornutum im späteren Stadium der essentiellen Kinderlähmungen.
Bei Augenkrankheiten wie Exophthalmus, Blepharitis und pustulöser Konjunktivitis wurde Secale von Willebrand8 verordnet.
Kobert9 nennt in seinem Lehrbuche folgende Indikationen: schlechte Wehen während der Austreibungsperiode (cave Asphyxie!), post partum: Atonia uteri; im Wochenbette: mangelnde Rückbildung des Uterus, zu lange blutige Lochien; für die innere Medizin: 1. Hämorrhagien der Nase, Lunge, Speiseröhre, des Magens, Darms, der Harnwege, 2. paralytische Form der Migräne, 3. Erkrankungen des Zentralnervensystems: Tabes, spastische Spinalparalyse, progressive Bulbärparalyse, 4. “vielleicht nervöse Störungen” wie Morbus Basedowi, nicht-pankreatische Formen von Diabetes mellitus, Diabetes insipidus, Nausea marina, Pertussis; außerdem Spermatorrhöe und Enuresis nocturna.
Schulz10 führt außer diesen Indikationen noch an: Uterusmyome (gelegentlich wurde durch Secale-Gebrauch spontane Ausstoßung beobachtet), Uterusblutungen, Purpurea haemorrhagica (nach Henoch) und erwähnt, daß das Mutterkorn in der Volksmedizin häufig als Abortivum Anwendung finde.
Die außerordentlich reichhaltige neuere Literatur über den therapeutischen Gebrauch von Mutterkorn und seinen Bestandteilen kann hier nicht aufgeführt, sondern muß in den einschlägigen Zeitschriften und Lehrbüchern eingesehen werden. (Vgl. bes. Straub: Das Mutterkorn im Wandel der Zeiten, in der “Münch. med. Wschr.” 1934, I., S. 349, kurze Darstellung des therapeutischen Gebrauchs, der Chemie und Pharmakologie von Secale cornutum; den Artikel von Dale in der “Schw. med. Wschr.”, Jahrg. 65, H. 37, S. 885; ferner die Referate von Barger, Stoll, Rothlin, Langecker auf der 8. Tagung der Deutschen pharmakologischen Gesellschaft11 und den Abschnitt “Mutterkorn” in Heffters Handbuch)12.
Hier sei nur hingewiesen auf einige Arbeiten, die sich mit extrauterinen Indikationen von Secale befassen:
So sah Livingston13 gute Erfolge der Secalepräparate bei Zirkulationsstörungen, Drüseninsuffizienz, Hautleiden wie Urtikaria und Acne rosacea, bei Nervenleiden und zur Kupierung von Infektionskrankheiten. Bei Urtikaria, die ja bei Sympathikotonikern am häufigsten festgestellt wurde, verordnete auch Decaux14 das Ergotamin wegen seiner sympathikushemmenden Wirkung15.
Aus dieser Wirkung ergeben sich weiter die Indikationen für Basedow, paroxysmale Tachykardie, Migräne und Pruritus16.
Gute Ergebnisse wurden mit der Ergotaminbehandlung bei Basedow erzielt17, wobei aber die Gefahr einer Secale-Gangrän naheliegt18.
Froehlich19 beobachtete günstige Wirkung der Secalepräparate bei Blasenstörungen der Tabiker,
Leonhard20 bei manischen und melancholischen Zuständen.
Auf homöopathischer Basis beruhen die Verordnungen von Tischner21, der Secacornin stark verdünnt bei grauem Star gab und in 32 Fällen Stillstand des Prozesses, manchmal auch Steigerung der Sehschärfe beobachtete, und von Gerlach22, der mit homöopathischen Verdünnungen Thrombangitis obliterans und Secalegangrän heilen konnte.
Auch Gescher23 konnte eine Iritis mit Mercur. jodat., Belladonna und Secale in homöopathischen Verdünnungen heilen. Außerdem wird Secale in der Homöopathie bei Gangränformen, nervösen Gefäßspasmen und bei arteriosklerotischen Störungen in der Zirkulation der Beinarterien gebraucht. In höherer Verdünnung soll es von ausgezeichneter Wirkung bei Neigung zu habituellem Abort sein24.
Nach Stauffer25 wird es bei Brechdurchfällen zu wenig gewürdigt. Auch bei Angina acuminalis ist es nach ihm ein Hauptmittel. Bei inneren Blutungen ist die Wirkung nach ihm nicht ganz zuverlässig. Schulz zitiert einen Fall nach De Bierre: Eine Frau, die regelmäßig bald nach dem Eintreten der Menses Hämoptoe bekam, wurde mit einem wäßrigen Secale-Extrakt behandelt. Das Ergebnis war eine völlige physiologische Regulierung, die Blutung aus der Lunge hörte auf und die Menses nahmen ihren gewöhnlichen Verlauf.
Strümpel macht in seinem Lehrbuch auf die homöopathische, umkehrende Wirkung bei Tabes dorsalis aufmerksam. Er schreibt: “Darin, daß trotz des Vorkommens von Ergotintabes das Ergotin als ein Mittel gegen Tabes empfohlen wird, liegt nur ein scheinbarer Widerspruch. Es ist sehr wohl möglich, daß dasselbe Mittel, welches in großen Dosen gewisse Fasersysteme zur Atrophie bringt, in kleinen Dosen irgendwie günstig (erregend) auf dieselben einwirkt. Immerhin muß man aber bei der Anwendung des Ergotins vorsichtig sein.” Stauffer macht auch auf eine solche umkehrende Wirkung der Secale bei Rückenmarkserkrankungen aufmerksam. In großen Dosen führt es zur Degeneration, in kleinen Dosen zum Stillstand solcher Prozesse und Besserung der Beschwerden. Bei Diabetes kommt es zur Reduktion der Zuckermenge, Hebung des Allgemeinbefindens und günstiger Beeinflussung des Katarakts, Gangrän und wackelnder Zähne als etwaige Komplikationen des Diabetes.
Secale cornutum stellt eine vielfach zusammengesetzte Droge dar, die drei Gruppen aktiver Bestandteile enthält: Alkaloide, Amine und Acetylcholin26.
Secale wirkt hauptsächlich auf den Uterus, auf den Sympathikus bzw. die dem letzteren unterstehenden Funktionen27 und auf die Arterien. Es verursacht anhaltende spastische Verengerung der kleinen Arterien, am Uterus langdauernde Kontraktionen, so daß die Frucht asphyktisch wird und Abort eintritt. Sind die Kontraktionen periodisch und gleichen normalen Wehen, so kann eine reguläre Geburt herbeigeführt werden28.
Der Puls wird durch Mutterkornalkaloide verlangsamt, das Herz erweist sich als resistent, Niere und Darm zeigen infolge Lähmung des vasokonstriktorischen Mechanismus Gefäßveränderungen29.
Die wirksamste Substanz ist das Ergotoxin bzw. das ihm chemisch nahestehende Ergotamin, das peripher auf die glatte Muskulatur wirkt, Tonussteigerung, Beschleunigung des Rhythmus der Bewegungen, in kleinen Dosen Blutdrucksteigerung, in größeren Lähmung der sympathischen Nervenenden und Senkung des Blutdruckes hervorruft30. Es lähmt den sympathischen Speichelfluß31. Der Blutzucker Gesunder bleibt durch Ergotamin unbeeinflußt, während es bei Diabetikern eine leichte Senkung bewirkt32.
In den letzten Jahren wurde eine Reihe neuer Mutterkornalkaloide beschrieben, und zwar von Wolf das Sensibamin, von Küszner das Ergoclavin, von Moir und Dudley das Ergometrin und von Stoll und Burckhardt das Ergobasin. Über diese neuen Alkaloide berichtet zusammenfassend Dale in der erwähnten Arbeit in der “Schweizer Medizinischen Wochenschrift”. Dale vermutet, daß Ergometrin und Ergobasin miteinander identisch sind. Ergoclavin und Sensibamin schließen sich in ihrer Wirkung so eng den bekannten Secalealkaloiden Ergotoxin und Ergotamin an, daß man diese vier Substanzen zur “Ergotoxingruppe” zusammenfassen kann.
Im Mutterkorn bilden sich weiter Tyramin und Histamin, von denen das erstere nach Meyer-Gottlieb33 die glatte Muskulatur kontrahiert, Tonus und Rhythmus des Uterus steigert, ferner sowohl durch Wirkung an der Gefäßwand selbst, als auch vom Zentralnervensystem aus Gefäßverengerung verursacht. Es ähnelt dem Adrenalin, ist jedoch weniger giftig; es wirkt schwächer, aber anhaltender34.
Histamin erzeugt am Uterus starke Kontraktionen35, und zwar noch in einer Lösung von 1 : 250 Millionen; es dilatiert die Kapillaren, senkt den Blutdruck und ruft Atemlähmung hervor36. Die Wirkung des körpereigenen Histamins und Acetylcholins als gefäßerweiternde Stoffe der Gewebe werden zur Zeit lebhaft diskutiert. Verwiesen sei hier auf die Arbeiten von J. A. Gaddum und H. H. Dale37.
Das Acetylcholin senkt den Blutdruck, indem es vasodilatatorisch wirkt. Dale und Ewins38 stellten an Katzen nach subkutaner Anwendung kranial-sakrale Reizungen, Salivation, Schweiß, Tränenfluß, Herabsetzung der Herztätigkeit, Stuhlentleerungen und Erektionen fest.
Toxikologisches:
Die akute Secale-Vergiftung äußert sich durch Vomitus, Leibschmerzen, quälenden Singultus, starken Durst, Brennen im Epigastrium, Diarrhöe, Gliederschmerzen, Präkordialangst, Herzpalpitationen, Dyspnoe, spastische Uterusaffektionen, Kopfschmerzen, Schwellung der Lider, Mydriasis, Herabsetzung des Sehvermögens, Temperaturerhöhung, Zittern, Frösteln, Paräthesien, Kontrakturen, Konvulsionen, epileptiforme und maniakalische Anfälle, Zyanose, schließlich Temperatursenkung, Pulsschwäche, Bewußtseinsverlust, tiefes Koma und Exitus infolge Atem- und Herzlähmung39. Während der Secale-Verabreichung im Puerperium wird die Milchsekretion gehemmt, oder sie versiegt ganz40.
Uterus-Zerreißung wurde mehrfach beobachtet41.
Die durch Secale verursachte chronische Vergiftung, der Ergotismus, äußert sich in zwei Formen: der konvulsivischen und der gangränösen
Erstere beginnt mit Taubheitsgefühl an Fingern und Händen (“Kriebelkrankheit”), das sich allmählich über den ganzen Körper ausbreitet, Magendarmstörungen, Brechdurchfällen, dann folgen tonische Kontraktionen insbesondere der Flexoren mit typischen dauernden Kontrakturen und schließlich schwerste klonische epilepsieartige Krämpfe, hierauf schwere Nachkrankheiten des Zentralnervensystems, die tabesähnlich auftreten (Ergotintabes) und meist Verblödung nach sich ziehen42. Kobert beobachtete auch Polyneuritis toxica43. Wahrscheinlich beruhen epidemische Tetanie und Säuglingstetanie auf Secalevergiftung44.
Bei der gangränösen Form tritt zuerst auch oft Kriebeln und Durchfall auf45, Hämorrhagien und Geschwüre im Magendarm, ein Symptomenbild ähnlich dem Abdominaltyphus oder der intestinalen Sepsis46. Dann kommt es zur Verfärbung der Haut, Abhebung der Epidermis und trockenem Brand der Zehen und Finger, u. U. der Ohren und Nase, verursacht durch andauernde Verengerung der Gefäße und Thrombosierung. Häufig wurden Früh- und Fehlgeburten beobachtet47.
Bei Ergotaminbehandlung (Gynergen) der Basedowschen Krankheit sind öfters Vergiftungserscheinungen, die sich als Anfangssymptome des Ergotismus gangraenosus äußerten, beobachtet worden48.
Bezüglich der Ursachen des Ergotismus stellte Barger49 die Hypothese auf, daß der gangränöse Ergotismus als einfache Ergotoxinwirkung anzusehen sei, während der konvulsivische Ergotismus durch Zusammenwirken zweier Faktoren, und zwar eines positiven (Secale cornutum) und eines negativen (Vitamin-A-Karenz) Faktors, zustandekommt.
Charakteristisch für Mutterkorn ist eine bläuliche Verfärbung und später Nekrose des Hahnenkamms, eine Wirkung, die auch zur Wertbestimmung und zum Nachweis verwendet wird. Für die Auswertung kommen ferner die Blutdruckmethode und die Prüfung am isolierten Uterus in Frage. Eine zusammenfassende Darstellung der Wertbestimmung gibt u. a. Storm van Leeuwen50.