
Botanisches:
Secale cornutum ist der Dauerzustand des auf dem Roggen und anderen Gräsern schmarotzenden Pilzes Claviceps purpurea. In diesem Zustande überwintert der Pilz in der Ackerkrume und keimt erst im nächsten Frühsommer zur Zeit der Roggenblüte wieder aus. Pilzfädenbündel wachsen zu langgestielten, blaßroten Köpfen heran, in denen zahlreiche, gleichmäßig über die Oberfläche verteilte Perithecien (krugförmige Vertiefungen) entstehen. Aus ihnen gehen nach der Befruchtung zahlreiche fadenförmige Sporen hervor, die durch den Wind auf die Getreideblüte gelangen. Das Pilzgeflecht überwuchert nun den Fruchtknoten, schnürt unter Absonderung eines süßen Saftes ungeschlechtliche Sporen ab, mit denen die Insekten wieder andere Blüten infizieren. Zur Zeit der Fruchtreife geht der Pilz durch festes Aneinanderlegen seiner Fäden in den bekannten Dauerzustand über.
Geschichtliches und Allgemeines:
Nach Kobert handelt es sich bei der in den hippokratischen Schriften geschilderten Massenerkrankung und der in Athen im Jahre 430 v. Chr. ausgebrochenen Pest, die der Geschichtsschreiber Thukydides eingehend schildert, um Blatternepidemien bei einer an latentem Ergotismus leidenden Bevölkerung. Auch Celsus, Plinius, Dioskurides und Galenus scheinen die Wirkungen des mutterkornhaltigen Getreides gekannt zu haben. Bei den Chinesen ist das Mutterkorn zum Zwecke der Geburtshilfe schon in früherer Zeit im Gebrauch gewesen. Die durch den Genuß des Mutterkorns hervorgerufenen Epidemien lassen sich in Frankreich bis zum Jahre 590 zurückverfolgen. Im Jahre 1089 gründete man dort zur Verhütung dieser fürchterlichen Seuche den St. Antonsorden und errichtete das Hospital St. Antoine. Auch in Deutschland wurden große Epidemien des Ergotismus oder der Kriebelkrankheit (wegen des eigentümlichen, schmerzhaften, juckenden Kriebelns in den Fingern und Fußspitzen) beobachtet: 1577 in Hessen, 1588 und 1736 in Schlesien, 1641 im Vogtlande, 1770 und 1771 in Westfalen, Hannover und Lauenburg. Man nimmt an, daß das Mehl, das diese Epidemien hervorgerufen hat, zu 1/5 bis 1/3 aus Mutterkorn bestanden hat.
In den Kräuterbüchern der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wird das Mutterkorn wenig erwähnt. Im 18. Jahrhundert schreibt Camerarius, daß sich die deutschen Hebammen seiner bedienten, um Kontraktionen des Uterus hervorzurufen. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde das Mutterkorn allgemein von den Ärzten gegen die Blutungen vor und nach der Entbindung und zur Erleichterung der Entbindung gebraucht. Einzelne Fälle sind bekannt, in denen es in sehr bedeutenden Dosen als Arzneimittel angewandt, schädliche Folgen hatte. So erzählt Levrat-Berroton von einer Frau, bei der infolge von Verabreichung hoher Dosen von Mutterkorn bei einer Geburt nach kurzer Zeit heftige Schmerzen in den Fingerspitzen mit Anschwellung der Arme und Zeichen eines Reizzustandes der Verdauungswege sich einstellten, und zuletzt die Enden mehrerer Finger brandig abstarben.
Auch innerhalb der letzten Jahre sind in England sowie in anderen Ländern vereinzelte Fälle von “Kriebelkrankheit” aufgetreten.
Ogata und Ohtani1 berichten über die Prüfung von Fluidextrakten aus künstlich an Secale cereale und Phalaris arundinacea gezüchtetem Mutterkorn. Untersucht wurde die hemmende Wirkung gegen die durch eine Adrenalinlösung verursachte Kontraktion am isolierten Uterus von Kaninchen. Es zeigte sich, daß das an Secale cereale gezüchtete Mutterkorn gar keine Wirkung, dagegen das an Phalaris arundinacea entstandene die doppelte Wirksamkeit des Handelsproduktes besaß.