Ger­hard Mad­aus: Lehr­buch der bio­lo­gi­schen Heil­mit­tel. Ver­lag Georg Thie­me, Leip­zig, 1938
(Ori­gi­nal, voll­stän­dig erhal­ten) – bei eBay zu ver­kau­fenRezen­si­on 1938, Archiv der Pharmazie

Secale cornutum – Seite 2 von 4 – Monographie Madaus

Lehr­buch der bio­lo­gi­schen Heilmittel
Mono­gra­phie Seca­le cor­nu­tum (Sei­te 2 von 4)
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Botanisches:

Seca­le cor­nu­tum ist der Dau­er­zu­stand des auf dem Rog­gen und ande­ren Grä­sern schma­rot­zen­den Pil­zes Cla­viceps pur­pu­rea. In die­sem Zustan­de über­win­tert der Pilz in der Acker­kru­me und keimt erst im nächs­ten Früh­som­mer zur Zeit der Rog­gen­blü­te wie­der aus. Pilz­fä­den­bün­del wach­sen zu lang­ge­stiel­ten, blaß­ro­ten Köp­fen her­an, in denen zahl­rei­che, gleich­mä­ßig über die Ober­flä­che ver­teil­te Peri­the­ci­en (krug­för­mi­ge Ver­tie­fun­gen) ent­ste­hen. Aus ihnen gehen nach der Befruch­tung zahl­rei­che faden­för­mi­ge Spo­ren her­vor, die durch den Wind auf die Getrei­de­blü­te gelan­gen. Das Pilz­ge­flecht über­wu­chert nun den Frucht­kno­ten, schnürt unter Abson­de­rung eines süßen Saf­tes unge­schlecht­li­che Spo­ren ab, mit denen die Insek­ten wie­der ande­re Blü­ten infi­zie­ren. Zur Zeit der Frucht­rei­fe geht der Pilz durch fes­tes Anein­an­der­le­gen sei­ner Fäden in den bekann­ten Dau­er­zu­stand über.

Geschichtliches und Allgemeines:

Nach Kobert han­delt es sich bei der in den hip­po­kra­ti­schen Schrif­ten geschil­der­ten Mas­sen­er­kran­kung und der in Athen im Jah­re 430 v. Chr. aus­ge­bro­che­nen Pest, die der Geschichts­schrei­ber Thuky­di­des ein­ge­hend schil­dert, um Blat­tern­epi­de­mien bei einer an laten­tem Ergo­tis­mus lei­den­den Bevöl­ke­rung. Auch Cel­sus, Pli­ni­us, Dio­s­ku­r­i­des und Gale­nus schei­nen die Wir­kun­gen des mut­ter­korn­hal­ti­gen Getrei­des gekannt zu haben. Bei den Chi­ne­sen ist das Mut­ter­korn zum Zwe­cke der Geburts­hil­fe schon in frü­he­rer Zeit im Gebrauch gewe­sen. Die durch den Genuß des Mut­ter­korns her­vor­ge­ru­fe­nen Epi­de­mien las­sen sich in Frank­reich bis zum Jah­re 590 zurück­ver­fol­gen. Im Jah­re 1089 grün­de­te man dort zur Ver­hü­tung die­ser fürch­ter­li­chen Seu­che den St. Antons­or­den und errich­te­te das Hos­pi­tal St. Antoine. Auch in Deutsch­land wur­den gro­ße Epi­de­mien des Ergo­tis­mus oder der Krie­bel­krank­heit (wegen des eigen­tüm­li­chen, schmerz­haf­ten, jucken­den Krie­belns in den Fin­gern und Fuß­spit­zen) beob­ach­tet: 1577 in Hes­sen, 1588 und 1736 in Schle­si­en, 1641 im Vogt­lan­de, 1770 und 1771 in West­fa­len, Han­no­ver und Lau­en­burg. Man nimmt an, daß das Mehl, das die­se Epi­de­mien her­vor­ge­ru­fen hat, zu 1/​5 bis 1/​3 aus Mut­ter­korn bestan­den hat.
In den Kräu­ter­bü­chern der ers­ten Hälf­te des 16. Jahr­hun­derts wird das Mut­ter­korn wenig erwähnt. Im 18. Jahr­hun­dert schreibt Came­ra­ri­us, daß sich die deut­schen Heb­am­men sei­ner bedien­ten, um Kon­trak­tio­nen des Ute­rus her­vor­zu­ru­fen. Anfang des 19. Jahr­hun­derts wur­de das Mut­ter­korn all­ge­mein von den Ärz­ten gegen die Blu­tun­gen vor und nach der Ent­bin­dung und zur Erleich­te­rung der Ent­bin­dung gebraucht. Ein­zel­ne Fäl­le sind bekannt, in denen es in sehr bedeu­ten­den Dosen als Arz­nei­mit­tel ange­wandt, schäd­li­che Fol­gen hat­te. So erzählt Lev­rat-Ber­ro­ton von einer Frau, bei der infol­ge von Ver­ab­rei­chung hoher Dosen von Mut­ter­korn bei einer Geburt nach kur­zer Zeit hef­ti­ge Schmer­zen in den Fin­ger­spit­zen mit Anschwel­lung der Arme und Zei­chen eines Reiz­zu­stan­des der Ver­dau­ungs­we­ge sich ein­stell­ten, und zuletzt die Enden meh­re­rer Fin­ger bran­dig abstarben.
Auch inner­halb der letz­ten Jah­re sind in Eng­land sowie in ande­ren Län­dern ver­ein­zel­te Fäl­le von “Krie­bel­krank­heit” aufgetreten.
Oga­ta und Ohtani1 berich­ten über die Prü­fung von Flui­dex­trak­ten aus künst­lich an Seca­le cerea­le und Pha­la­ris arun­di­nacea gezüch­te­tem Mut­ter­korn. Unter­sucht wur­de die hem­men­de Wir­kung gegen die durch eine Adre­na­lin­lö­sung ver­ur­sach­te Kon­trak­ti­on am iso­lier­ten Ute­rus von Kanin­chen. Es zeig­te sich, daß das an Seca­le cerea­le gezüch­te­te Mut­ter­korn gar kei­ne Wir­kung, dage­gen das an Pha­la­ris arun­di­nacea ent­stan­de­ne die dop­pel­te Wirk­sam­keit des Han­dels­pro­duk­tes besaß.