Lehrbuch der biologischen Heilmittel

Anwendung in der Praxis auf Grund der Literatur und einer Rundfrage:
Polygala treibt Schleim und Milch. Ihre allgemeine kräftigende Wirkung beruht u. a. auf ihrem Gehalt an Bitterstoffen. Bei bestehender starker Sekretion Lungen- und Kehlkopfkranker führt sie unter Erleichterung der Absonderung zu gesteigerten Abwehrvorgängen. Man verordnet die Bittere Kreuzblume bei: Tuberkulose, chronischer Bronchitis, auch mit eitrigem Auswurf, Hämoptoe, Lungenemphysem, Pneumonie und Asthma. Weiter reagieren schleimige Diarrhöen, Gastritis, Enteritis und Dyspepsie gut darauf.
Angewandter Pflanzenteil:
Lonicerus und Bock schreiben nur vom Kreuzblümlein, meinen also wohl die ganze Pflanze.
v. Haller kennt nur die Verwendung der Wurzel.
Bohn empfiehlt die ganze Pflanze, Wasicky Herba Polygalae amarae, Kroeber die blühende Pflanze mit Wurzel, Schulz Wurzel und Kraut ebenso wie Zörnig, Geiger und Thoms.
Friedrich läÃt nur die Wurzel verwenden, die er im Mai zu sammeln rät, wo sie am kräftigsten sei.
Geiger erwähnt, daà Polygala amara mit P. vulgaris verwechselt worden wäre, woraus sich wohl die Unwirksamkeit der daraus bereiteten Arzneien erklären lasse. Die Unwirksamkeit dieser Art hebt Schulz besonders hervor. Auch Zörnig betont, daà der P. vulgaris der bittere Geschmack fehle und sie deswegen unwirksam sei. Pharmazeutisch verwendbar sind nach der Meinung Geigers nur die an trockenen, gebirgigen Orten gesammelten Pflanzen.
Zur Gewinnung des “Teep” werden die
ganzen, frischen, blühenden Pflanzen mit Wurzel von Polygala amara benutzt.
Sammelzeit: Mai bis Juli.
Das HAB. nennt zur Herstellung der Essenz nur Polygala amara und verwendet die frische, blühende Pflanze ohne Wurzel (§ 3).
Herba Polygalae cum radice ist offizinell in Schweden, Dänemark, Portugal und Rumänien.
Dosierung:
Ãbliche Dosis:
1 g des Pulvers (Dinand);
0,1–0,5 g des Extraktes (Leclerc);
1 Teelöffel voll des Krautes (= 2,8 g) zum kalten Aufguà als Tagesmenge.
1 Tablette der Frischpflanzenverreibung “Teep” dreimal täglich.
(Die “Teep”-Zubereitung ist auf 50% Pflanzensubstanz eingestellt, d. h. 1 Tablette enthält 0,125 g Hb. Polygalae amarae c. rad.)
In der Homöopathie:
Wenig gebräuchlich.
Maximaldosis:
Nicht festgesetzt.
Rezepte:
Bei Tuberkulose und chronischer Bronchitis als Adjuvans:
Rp.:
(= Kreuzblumenkraut)
D.s.: 1 Teelöffel voll mit 2 Glas Wasser kalt ansetzen, 8 Stunden ziehen lassen und tagsüber verteilt trinken.
Rezepturpreis ad chart. etwa 1.03 RM.
Als Expektorans (nach Klemperer-Rost):
Rp.:
Decoct. Herbae Polygalae amarae
(25) 150 Liqu.
M.d.s.: Ein- bis zweistündlich 1 EÃlöffel.
Rezepturpreis c. vitr. etwa 2.33 RM.
Als Laktagogum (nach E. Becker):
Rp.:
Rad. Polygalae
(= Kreuzblumenwurzel)
(= Brennesselkraut)
C.m.f. species.
D.s.: 2 Teelöffel auf 2 Glas Wasser,
vgl. Zubereitung von Teemischungen S. 291.
Bei chronischer Bronchitis und Tuberkulose als Adjuvans (nach Wittlich):
Rp.:
Rad. Polygalae
(= Kreuzblumenwurzel)
Fruct. Anisi
(= Anissamen)
Fruct. Foeniculi
(= Fenchelsamen)
(= Melissenkraut)
C.m.f. species.
D.s.: 1 Teelöffel voll auf 2 Glas Wasser,
vgl. Zubereitung von Teemischungen S. 291.
Fußnoten:
1 Lonicerus, Kreuterbuch, 1564, S. 262 D.
2 Bock, Kreutterbuch, 1565, S. 212.
3 v. Haller, Medicin. Lexicon, S. 1143.
4 Hufeland, Journal, Bd. 48, II., S. 29.
5 Friedrich, Sammlung von Volksarzneimitteln, 1845, S. 88.
6 J. Alksnis, in Histor. Studien aus dem pharm. Inst. d. Univ. Dorpat, Bd. IV, S. 220, 232, Halle 1894.
7 Schulz, Wirkg. u. Anwendg. d. dtsch. Arzneipfl., S. 138.
8 Bohn, Die Heilwerte heim. Pfl., S. 53.
9 Wehmer, Die Pflanzenstoffe, S. 668.
10 E. Glaser u. H. Krauter, Ber. Chem. Ges. 1924, Nr. 57, S. 604.
11 H. Leclerc, Précis de Phytothérapie, S. 228, Paris 1927.
12 Nach eigenen Untersuchungen; vgl. auch Kuhn u. Schäfer, Pharm. Ztg. 1935, Bd. 80, S. 257.
13 Teezubereitung:
Der Extraktgehalt des im Verhältnis 1 : 10 heià bereiteten Tees beträgt 3,1% gegenüber 3,2% bei kalter Zubereitung. Der Aschengehalt des Extraktes beträgt in beiden Fällen 0,25%. In der kalten Zubereitung ist die Peroxydasereaktion sofort stark positiv, in der heiÃen Zubereitung ist sie nicht festzustellen. Auch ein im Verhältnis 1 : 100 bereiteter Tee ist infolge seines bitteren Geschmackes kaum noch trinkbar. Eintritt der Hämolyse in dem heià bereiteten Auszug 1 : 100 nach 1 Stunde, im kalt bereiteten Auszug nach 1 Stunde und 30 Minuten. Daraus ergibt sich ein hämolytischer Index in der heiÃen Zubereitung von 1 : 300 in der kalten Zubereitung von 1 : 200. 1 Teelöffel voll wiegt 1,4 g. Es wurde die Bitterstoffgrenze festgestellt, die bei einer Verdünnung von 1 : 15 000 liegt. Bei diesen Versuchen konnte ein Unterschied bei kalter und heiÃer Zubereitung nicht gefunden werden. Die Herstellung kann daher kalt oder heià erfolgen.