Lehrbuch der biologischen Heilmittel

Anwendung in der Praxis auf Grund der Literatur und einer Rundfrage:
In der Schulmedizin ist Hyoscyamus durch die Einführung der Brom-Präparate fast vollständig verdrängt worden. Dies ist zu bedauern, denn die Pflanze gehört zu unseren wirksamsten Arzneimitteln. Sie wirkt ähnlich wie Belladonna auf das vegetative Nervensystem und kann darum auch bei den schweren Erkrankungen des Parkinsonismus, Paralysis agitans, senilem Tremor als Wechselmittel oder auch als Ersatzmittel der letzteren mit gutem Erfolge angewendet werden. Sie unterscheidet sich aber doch von der Belladonna durch eine ausgeprägte schmerzstillende und beruhigende Wirkung. Sie nähert sich in dieser Beziehung der Wirkung des Opiums, von dem sie sich grundsätzlich dadurch unterscheidet, daà sie keine Obstipation hervorruft. Man kann die Wirkung beschreiben als zwischen Opium und Belladonna liegend. Mit Opium gemischt bringt sie eine starke Wirkungssteigerung hervor. Bekannt ist die Scopolamin-Morphiummischung zur Einleitung des Dämmerschlafes.
AuÃerordentlich beliebt ist jedoch die Anwendung noch heute in der Homöopathie. Wir verdanken der homöopathischen Praxis eine sehr wichtige und beliebte Indikation, nämlich die gegen Reiz-und Krampfhusten. Im einzelnen verordnet man Hyoscyamus in der Homöopathie sehr häufig bei Delirien, Meningitis, Cephalitis, Geistesstörungen*) (manisch-depressivem Irresein, Schizophrenie), bei Krämpfen (Epilepsie, Chorea minor, Gesichtskrampf, Trismus) mit bleichem, eingefallenem Gesicht, im Gegensatz zu den “Belladonna-Krämpfen”, Nymphomanie, Hysterie, Schlaflosigkeit, Paralysen (Nervenlähmung, drohende Gehirnlähmung, Schüttellähmung, Genickstarre); ferner bei Sehstörungen (hier konnte von der Wiesche das Schielen bei einem zurückgebliebenen Kinde beseitigen), Nystagmus, Lichtscheu, Kopfschmerzen und Neuralgien (hier äuÃerlich). Ensinger, Haltingen, bezeichnet das Bilsenkraut als das beste Mittel bei Aufregungszuständen der Arteriosklerotiker und Delirien der Alkoholiker, insbesondere der heimlichen Schnapstrinker, und Fröhlich lobt es sehr bei Singultus nach Bauchoperationen.
Ganz ausgezeichnet wirkt Hyoscyamus, wie schon erwähnt, bei Krampf- und Reizhusten, auch Pertussis mit nächtlichen gehäuften Anfällen und Erstickungsgefühl, das sich nur beim Aufsitzen bessert. Bei solchen Anfällen läÃt Donner um 8, 9 und 10 Uhr abends 3 Tropfen Hyoscyamus D 3 nehmen. Von mehreren Seiten wird hier auch Hyoscyamus “Teep” D 2, 1–2 Tabletten, als besonders wirksam bezeichnet. Gelobt wird es weiter bei akutem und chronischem Bronchialkatarrh, Bronchialasthma, Laryngitis mit verlängerter Uvula (hier im Wechsel mit Kali chlor. D 4), Pneumonie, Kehlkopf- und Lungentuberkulose.
SchlieÃlich ist es gegen drohenden Kollaps bei Typhus und Scharlach, Strangurie, Blasenkrampf und ‑lähmung, Cystopathien, Dysmenorrhöe, klimakterische Beschwerden und nach Hauer gegen zu frühe und zu starke Menses indiziert.
Das Ãl der Droge wird von Dieterich, Stuttgart, als vielleicht bestes Eintropfmittel bei beginnender Otitis media (zwei- bis dreimal täglich einige Tropfen) bezeichnet.
Als Kontraindikation gilt die Erkrankung an Basedow. Stiegele beobachtete bei solchen Kranken nach Hyoscyamus D 3 das Auftreten schwerer manischer Zustände.
Als Wechselmittel werden u. a. Belladonna, Helleborus, Stramonium, Tarantula Oligoplex genannt, bei Krampfhusten werden Drosera und Corallium rubrum empfohlen.
+) Beispiel für die Anwendung:
(Nach Bonduel, “Biologische Heilkunst” 1930, S. 729.)
Raymond M., 16 Jahre alt, Mechaniker, kam am 21. November ins Krankenhaus wegen Geistesstörungen mit groÃer Aufregung. Einige Tage zuvor war er an einer leichten Angina erkrankt, welche ganz normal geheilt war. Seine Gesundheit schien wieder hergestellt, als nach einer Auseinandersetzung mit seiner Mutter Zeichen von Geistesstörungen auftraten. Er wollte kein Essen zu sich nehmen und war so aufgeregt, daà seine Angehörigen sich entschlossen, ihn ins Krankenhaus zu bringen. Die Zeichen waren folgende: Er versuchte dauernd aufzustehen, er wanderte im Saale umher, unterhielt sich mit nicht vorhandenen Personen, besonders seinem Bruder, und sprach andauernd von Maschinen und Flugzeugen. Manchmal war er ruhiger, blieb dann auf seinem Bett sitzen und machte ab und zu eine Bewegung, als wenn er ein imaginäres Insekt zwischen Daumen und Zeigefinger erhaschte. Dann wieder blieb er ganz ruhig mit starrem Blick dasitzen. Des Nachts schlief er nicht und sprach un-unterbrochen. Die ersten Tage konnte man ihm mit Mühe etwas Milch einverleiben. Die Temperatur war normal. Nach einigen Tagen der Behandlung mit Hyoscyamus D 6 war der Kranke viel ruhiger geworden. Die Nächte waren besser, er stand nicht mehr auf und fing auch an zu essen. Die Besserung schritt regelmäÃig weiter. Gegen Mitte Dezember blieb nur noch eine kleine geistige Umnebelung zurück, welche auch durch Hyoscyamus in höherer Verdünnung zum Verschwinden gebracht wurde. Gleichzeitig besserte sich das Allgemeinbefinden progressiv, und der Patient nahm in 14 Tagen 12 Pfund zu.
Angewandter Pflanzenteil:
Hippokrates verschreibt die Frucht oder die Samen oder auch die Blätter.
Paracelsus läÃt die Wurzel bzw. Wurzelrinde und die Samen verwenden.
Matthiolus führt die Verwendung von Blumen, Samen und Blättern an. v. Haller berichtet von der Verwendung der Blätter und des Ãls aus den Samen. Die gleichen Angaben machen Hecker und Geiger.
In der neueren Literatur werden die Blätter bzw. die ganze Pflanze genannt.
Das HAB. läÃt die Essenz aus der ganzenfrischen, blühenden Pflanze herstellen (§ 1). Aus dieser wird auch das “Teep” gewonnen.
Nach Untersuchungen von Dafert, Himmelbaur und Loidolt (Scientia pharmaceutica 1935, Heft 5) war der Gehalt der Alkaloidpflanze Hyoscyamus niger nach einer Regenperiode mit niederer Luft- und Bodentemperatur und kurzer Sonnenscheindauer höher als nach einer Reihe von heiÃen, trockenen Tagen mit hoher Luft- und Bodentemperatur sowie langer Sonnenscheindauer. Doch machen sich die Einflüsse der Witterung anscheinend erst als Nachwirkung längerer vorausgegangener Wetterperioden bemerkbar. Die Ernte wäre am besten während des Vollwachstums, und zwar nach einer Reihe regnerischer, trüber Tage und morgens durchzuführen.
Sammelzeit: Juli bis September.
Folia Hyoscyami sind offizinell in allen Staaten.
Dosierung:
Ãbliche Dosis:
1–2 Tropfen der Tinktur einmal, wenn nötig dreimal täglich (Friedrich).
3–4 Tabletten Hyoscyamus “Teep” forte bei Parkinsonismus.
(“Teep” forte ist auf 50% Pflanzensubstanz eingestellt, d. h. 1 Tablette enthält 0,125 g Fol. Hyoscyami
oder bei 0,14% Hyoscyamingehalt, berechnet auf trockene Pflanze, 0,18 mg Hyoscyamin.)
1–2 Tabletten Hyoscyamus “Teep” mite abends bei Reizoder Kitzelhusten.
(“Teep” mite ist auf 1% Pflanzensubstanz eingestellt, d. h. 1 Tablette enthält 0,0025 g Fol. Hyoscyami.)
In der Homöopathie:
dil. D 3–4.
Maximaldosis:
0,4 g pro dosi, 1,2 g pro die Fol. Hyoscyami (DAB. VI);
0,3 g pro dosi, 1 g pro die Fol. Hyoscyami (Helv.).
0,15 g pro dosi, 0,5 g pro die Extractum Hyoscyami (DAB. VI);
1,5 g pro dosi, 3 g pro die Tinct. Hyoscyami (Ergb.).
Rezeptpflichtig:
Folia Hyoscyami, Herba Hyoscyami, Extractum Hyoscyami.
Homöopathische Zubereitungen bis D 3 einschlieÃlich.
Rezepte:
Bei Asthma als Räuchermittel (nach Klemperer-Rost):
Rp.:
Fol. Hyoscyami
Fol. Stramonii
M.d.s.: Räucherpulver.
Rezepturpreis ad scat. etwa -.97 RM.
Zu beruhigenden Klistieren:
Rp.:
D.s.: Zum Infus mit 1 Tasse Wasser durchseihen und
zu 1 Klistier verwenden.
Rezepturpreis ad scat. etwa -.62 RM.
Fußnoten:
1 Dafert, Himmelbaur und Loidolt, Sci. pharmaceutica, 6, 45–53, 1935.
2 Fuchs, Hippokrates Sämtl. Werke, Bd. 2, S. 433, 544, Bd. 3, S. 566, 576.
3 Paracelsus Sämtl. Werke, Bd. 1, S. 722, 818, 854, 915, 1010, Bd. 2, S. 57, 68, 77, 78, 570, 575, Bd. 3, S. 410, 448, 507, 532.
4 Matthiolus, New-Kreuterbuch, 10!X!26, S. 372.
5 Osiander, Volksarzneymittel, S. 407.
6 Hufeland, Enchirid. medic., S. 73, 99, 115, 119, 122, 124, 135, 137, 142, 156, 164, 167, 174, 182, 190, 195, 217, 250, 275, 300, 308, 371, 405, 428, 505, 512 u. f.; Journal, Bd. 1, S. 115, 354, Bd. 2, S. 149, 247, 254.
7 Wendt, i. Hufelands Journal, Bd. 5, S. 383.
8 Harley, Royle’s Mat. med., S. 495.
9 Bentley and Trimen, Medicinal Plants, Bd. III, S. 194.
10 Stephenson and Churchill, Medical Botany, Bd. I, S. 9.
11 W. Demitsch, in historische Studien aus dem Pharmakol. Institut der Universität Dorpat, Bd. I, S. 208, 1889.
12 H. Leclerc, Précis de Phytothérapie, S. 265, Paris 1927.
13 Cushny, in Heffter-Heubners Handbuch der experim. Pharmakol. Bd. II, 2, S. 651.
14 Meyer-Gottlieb, Experimentelle Pharmakologie, S. 74.
15 Susanna, Arch. Farmacol. sper. 1929, Bd. 46, S. 267.
16 Burr and Snavely, Prov. soc. exp. Biol. a. Med. 1926, Nr. 23.
17 Klauber, Münchn. med. Wschr. 1911, Nr. 41.
18 Kobert, Lehrbuch der Intoxikationen, S. 613.
19 Miles. Amer. J. Physiol. 1929, Bd. 90, S. 451.
20 Sachs, Berliner klin. Wschr. 1912. Nr. 30.
21 Leschke, Die wichtigsten Vergiftungen, S. 190.
22 Cushny, Marris und Silberberg, 4, 33, 1912, u. a.
23 (Vgl. 12).
24 Touton, Zentralblatt f. Haut- und Geschlechtskrankheiten 1925, Bd. XVII, H. 13/14, S. 766.
25 Osetzky, nach Fühners Sammlung von Vergiftungsfällen, Bd. 2, Lief. 8, 1931.
26 Olbrycht, Dtsche. Zeitschrift d. ges. ger. Med. IV, 1924, S. 268.
27 Nach eigenen Untersuchungen; vgl. auch Kuhn u. Schäfer, Pharmaz. Zentralhalle, 76, 617, 1935.
28 Hahnemann, in Hufelands Journal, Bd. 26, II, S. 38.
29 Stauffer, Klin. hom. Arzneimittellehre, S. 521; derselbe, Hom. Taschenbuch, S. 238.