Ger­hard Mad­aus: Lehr­buch der bio­lo­gi­schen Heil­mit­tel. Ver­lag Georg Thie­me, Leip­zig, 1938
(Ori­gi­nal, voll­stän­dig erhal­ten) – bei eBay zu ver­kau­fenRezen­si­on 1938, Archiv der Pharmazie

Hyoscyamus niger – Seite 4 von 4 – Monographie Madaus

Lehr­buch der bio­lo­gi­schen Heilmittel
Mono­gra­phie Hyos­cya­mus niger (Sei­te 4 von 4)
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Anwendung in der Praxis auf Grund der Literatur und einer Rundfrage:

In der Schul­me­di­zin ist Hyos­cya­mus durch die Ein­füh­rung der Brom-Präparate fast vollständig verdrängt wor­den. Dies ist zu bedau­ern, denn die Pflan­ze gehört zu unse­ren wirk­sams­ten Arz­nei­mit­teln. Sie wirkt ähnlich wie Bel­la­don­na auf das vege­ta­ti­ve Ner­ven­sys­tem und kann dar­um auch bei den schwe­ren Erkran­kun­gen des Par­kin­so­nis­mus, Para­ly­sis agi­tans, seni­lem Tre­mor als Wech­sel­mit­tel oder auch als Ersatz­mit­tel der letz­te­ren mit gutem Erfol­ge ange­wen­det wer­den. Sie unter­schei­det sich aber doch von der Bel­la­don­na durch eine ausgeprägte schmerz­stil­len­de und beru­hi­gen­de Wir­kung. Sie nähert sich in die­ser Bezie­hung der Wir­kung des Opi­ums, von dem sie sich grundsätzlich dadurch unter­schei­det, daß sie kei­ne Obs­ti­pa­ti­on her­vor­ruft. Man kann die Wir­kung beschrei­ben als zwi­schen Opi­um und Bel­la­don­na lie­gend. Mit Opi­um gemischt bringt sie eine star­ke Wir­kungs­stei­ge­rung her­vor. Bekannt ist die Sco­pol­amin-Mor­phi­um­mi­schung zur Ein­lei­tung des Dämmerschlafes.
Außerordentlich beliebt ist jedoch die Anwen­dung noch heu­te in der Homöopathie. Wir ver­dan­ken der homöopathischen Pra­xis eine sehr wich­ti­ge und belieb­te Indi­ka­ti­on, nämlich die gegen Reiz-und Krampf­hus­ten. Im ein­zel­nen ver­ord­net man Hyos­cya­mus in der Homöopathie sehr häufig bei Deli­ri­en, Menin­gi­tis, Cepha­li­tis, Geistesstörungen*) (manisch-depres­si­vem Irre­sein, Schi­zo­phre­nie), bei Krämpfen (Epi­lep­sie, Cho­rea minor, Gesichts­krampf, Tris­mus) mit blei­chem, ein­ge­fal­le­nem Gesicht, im Gegen­satz zu den “Belladonna-Krämpfen”, Nym­pho­ma­nie, Hys­te­rie, Schlaf­lo­sig­keit, Para­ly­sen (Nervenlähmung, dro­hen­de Gehirnlähmung, Schüttellähmung, Genick­star­re); fer­ner bei Sehstörungen (hier konn­te von der Wie­sche das Schie­len bei einem zurück­ge­blie­be­nen Kin­de besei­ti­gen), Nys­tag­mus, Licht­scheu, Kopf­schmer­zen und Neur­al­gi­en (hier äußerlich). Ensin­ger, Hal­tin­gen, bezeich­net das Bil­sen­kraut als das bes­te Mit­tel bei Aufregungszuständen der Arte­rio­skl­ero­ti­ker und Deli­ri­en der Alko­ho­li­ker, ins­be­son­de­re der heim­li­chen Schnaps­t­rin­ker, und Fröhlich lobt es sehr bei Sin­gul­tus nach Bauchoperationen.
Ganz aus­ge­zeich­net wirkt Hyos­cya­mus, wie schon erwähnt, bei Krampf- und Reiz­hus­ten, auch Per­tus­sis mit nächtlichen gehäuften Anfällen und Ersti­ckungs­ge­fühl, das sich nur beim Auf­sit­zen bes­sert. Bei sol­chen Anfällen läßt Don­ner um 8, 9 und 10 Uhr abends 3 Trop­fen Hyos­cya­mus D 3 neh­men. Von meh­re­ren Sei­ten wird hier auch Hyos­cya­mus “Teep” D 2, 1–2 Tablet­ten, als beson­ders wirk­sam bezeich­net. Gelobt wird es wei­ter bei aku­tem und chro­ni­schem Bron­chi­al­ka­tarrh, Bron­chi­al­asth­ma, Laryn­gi­tis mit verlängerter Uvu­la (hier im Wech­sel mit Kali chlor. D 4), Pneu­mo­nie, Kehl­kopf- und Lungentuberkulose.
Schließlich ist es gegen dro­hen­den Kol­laps bei Typhus und Schar­lach, Stran­gu­rie, Bla­sen­krampf und ‑lähmung, Cys­topa­thien, Dysmenorrhöe, kli­mak­te­ri­sche Beschwer­den und nach Hau­er gegen zu frühe und zu star­ke Menses indiziert.
Das Öl der Dro­ge wird von Die­te­rich, Stutt­gart, als viel­leicht bes­tes Ein­tropf­mit­tel bei begin­nen­der Oti­tis media (zwei- bis drei­mal täglich eini­ge Trop­fen) bezeichnet.
Als Kon­tra­in­di­ka­ti­on gilt die Erkran­kung an Base­dow. Stie­ge­le beob­ach­te­te bei sol­chen Kran­ken nach Hyos­cya­mus D 3 das Auf­tre­ten schwe­rer mani­scher Zustände.
Als Wech­sel­mit­tel wer­den u. a. Bel­la­don­na, Hel­le­bo­rus, Stra­mo­ni­um, Taran­tu­la Oli­go­plex genannt, bei Krampf­hus­ten wer­den Dro­se­ra und Coral­li­um rubrum empfohlen.

+) Beispiel für die Anwendung:

(Nach Bon­du­el, “Bio­lo­gi­sche Heil­kunst” 1930, S. 729.)
Ray­mond M., 16 Jah­re alt, Mecha­ni­ker, kam am 21. Novem­ber ins Kran­ken­haus wegen Geistesstörungen mit großer Auf­re­gung. Eini­ge Tage zuvor war er an einer leich­ten Angi­na erkrankt, wel­che ganz nor­mal geheilt war. Sei­ne Gesund­heit schien wie­der her­ge­stellt, als nach einer Aus­ein­an­der­set­zung mit sei­ner Mut­ter Zei­chen von Geistesstörungen auf­tra­ten. Er woll­te kein Essen zu sich neh­men und war so auf­ge­regt, daß sei­ne Angehörigen sich ent­schlos­sen, ihn ins Kran­ken­haus zu brin­gen. Die Zei­chen waren fol­gen­de: Er ver­such­te dau­ernd auf­zu­ste­hen, er wan­der­te im Saa­le umher, unter­hielt sich mit nicht vor­han­de­nen Per­so­nen, beson­ders sei­nem Bru­der, und sprach andau­ernd von Maschi­nen und Flug­zeu­gen. Manch­mal war er ruhi­ger, blieb dann auf sei­nem Bett sit­zen und mach­te ab und zu eine Bewe­gung, als wenn er ein imaginäres Insekt zwi­schen Dau­men und Zei­ge­fin­ger erhasch­te. Dann wie­der blieb er ganz ruhig mit star­rem Blick dasit­zen. Des Nachts schlief er nicht und sprach un-unter­bro­chen. Die ers­ten Tage konn­te man ihm mit Mühe etwas Milch ein­ver­lei­ben. Die Tem­pe­ra­tur war nor­mal. Nach eini­gen Tagen der Behand­lung mit Hyos­cya­mus D 6 war der Kran­ke viel ruhi­ger gewor­den. Die Nächte waren bes­ser, er stand nicht mehr auf und fing auch an zu essen. Die Bes­se­rung schritt regelmäßig wei­ter. Gegen Mit­te Dezem­ber blieb nur noch eine klei­ne geis­ti­ge Umne­be­lung zurück, wel­che auch durch Hyos­cya­mus in höherer Ver­dün­nung zum Ver­schwin­den gebracht wur­de. Gleich­zei­tig bes­ser­te sich das All­ge­mein­be­fin­den pro­gres­siv, und der Pati­ent nahm in 14 Tagen 12 Pfund zu.

Angewandter Pflanzenteil:

Hip­po­kra­tes ver­schreibt die Frucht oder die Samen oder auch die Blätter.
Para­cel­sus läßt die Wur­zel bzw. Wur­zel­rin­de und die Samen verwenden.
Mat­thio­lus führt die Ver­wen­dung von Blu­men, Samen und Blättern an. v. Hal­ler berich­tet von der Ver­wen­dung der Blätter und des Öls aus den Samen. Die glei­chen Anga­ben machen Hecker und Geiger.
In der neue­ren Lite­ra­tur wer­den die Blätter bzw. die gan­ze Pflan­ze genannt.
Das HAB. läßt die Essenz aus der gan­zen­fri­schen, blühen­den Pflan­ze her­stel­len (§ 1). Aus die­ser wird auch das “Teep” gewonnen.
Nach Unter­su­chun­gen von Dafert, Him­mel­baur und Loidolt (Sci­en­tia phar­maceu­ti­ca 1935, Heft 5) war der Gehalt der Alka­lo­id­pflan­ze Hyos­cya­mus niger nach einer Regen­pe­ri­ode mit nie­de­rer Luft- und Boden­tem­pe­ra­tur und kur­zer Son­nen­schein­dau­er höher als nach einer Rei­he von heißen, tro­cke­nen Tagen mit hoher Luft- und Boden­tem­pe­ra­tur sowie lan­ger Son­nen­schein­dau­er. Doch machen sich die Ein­flüs­se der Wit­te­rung anschei­nend erst als Nach­wir­kung längerer vor­aus­ge­gan­ge­ner Wet­ter­pe­ri­oden bemerk­bar. Die Ern­te wäre am bes­ten während des Voll­wachs­tums, und zwar nach einer Rei­he reg­ne­ri­scher, trü­ber Tage und mor­gens durchzuführen. 
Sam­mel­zeit: Juli bis September.
Folia Hyos­cya­mi sind offi­zi­nell in allen Staaten.

Dosierung:

Übliche Dosis:
1–2 Trop­fen der Tink­tur ein­mal, wenn nötig drei­mal täglich (Fried­rich).
3–4 Tablet­ten Hyos­cya­mus “Teep” for­te bei Parkinsonismus.
(“Teep” for­te ist auf 50% Pflan­zen­sub­stanz ein­ge­stellt, d. h. 1 Tablet­te enthält 0,125 g Fol. Hyoscyami
oder bei 0,14% Hyos­cya­min­ge­halt, berech­net auf tro­cke­ne Pflan­ze, 0,18 mg Hyoscyamin.)
1–2 Tablet­ten Hyos­cya­mus “Teep” mite abends bei Rei­zo­der Kitzelhusten.
(“Teep” mite ist auf 1% Pflan­zen­sub­stanz ein­ge­stellt, d. h. 1 Tablet­te enthält 0,0025 g Fol. Hyoscyami.)
In der Homöopathie:
dil. D 3–4.
Maxi­mal­do­sis:
0,4 g pro dosi, 1,2 g pro die Fol. Hyos­cya­mi (DAB. VI);
0,3 g pro dosi, 1 g pro die Fol. Hyos­cya­mi (Helv.).
0,15 g pro dosi, 0,5 g pro die Extra­c­tum Hyos­cya­mi (DAB. VI);
1,5 g pro dosi, 3 g pro die Tinct. Hyos­cya­mi (Ergb.).
Rezept­pflich­tig:
Folia Hyos­cya­mi, Her­ba Hyos­cya­mi, Extra­c­tum Hyoscyami.
Homöopathische Zube­rei­tun­gen bis D 3 einschließlich.

Rezepte:

Bei Asth­ma als Räuchermittel (nach Klemperer-Rost):
Rp.:
Fol. Hyos­cya­mi
Fol. Stra­mo­nii
Kal. nitric.
āā 10
M.d.s.: Räucherpulver.
Rezep­tur­preis ad scat. etwa -.97 RM.
Zu beru­hi­gen­den Klistieren:
Rp.:
Fol. Hyos­cya­mi
0,4
D.s.: Zum Infus mit 1 Tas­se Was­ser durch­sei­hen und 
zu 1 Klis­tier verwenden. 
Rezep­tur­preis ad scat. etwa -.62 RM.

Fußnoten:

1 Dafert, Him­mel­baur und Loidolt, Sci. phar­maceu­ti­ca, 6, 45–53, 1935.

2 Fuchs, Hip­po­kra­tes Sämtl. Wer­ke, Bd. 2, S. 433, 544, Bd. 3, S. 566, 576.

3 Para­cel­sus Sämtl. Wer­ke, Bd. 1, S. 722, 818, 854, 915, 1010, Bd. 2, S. 57, 68, 77, 78, 570, 575, Bd. 3, S. 410, 448, 507, 532.

4 Mat­thio­lus, New-Kreu­ter­buch, 10!X!26, S. 372.

5 Osi­an­der, Volks­arz­ney­mit­tel, S. 407.

6 Hufe­land, Enchi­rid. medic., S. 73, 99, 115, 119, 122, 124, 135, 137, 142, 156, 164, 167, 174, 182, 190, 195, 217, 250, 275, 300, 308, 371, 405, 428, 505, 512 u. f.; Jour­nal, Bd. 1, S. 115, 354, Bd. 2, S. 149, 247, 254.

7 Wendt, i. Hufe­lands Jour­nal, Bd. 5, S. 383.

8 Har­ley, Royle’s Mat. med., S. 495.

9 Bent­ley and Tri­men, Medi­cinal Plants, Bd. III, S. 194.

10 Ste­phen­son and Chur­chill, Medi­cal Bota­ny, Bd. I, S. 9.

11 W. Demit­sch, in his­to­ri­sche Stu­di­en aus dem Phar­ma­kol. Insti­tut der Universität Dor­pat, Bd. I, S. 208, 1889.

12 H. Leclerc, Précis de Phytothérapie, S. 265, Paris 1927.

13 Cush­ny, in Heff­ter-Heub­ners Hand­buch der expe­rim. Phar­ma­kol. Bd. II, 2, S. 651.

14 Mey­er-Gott­lieb, Expe­ri­men­tel­le Phar­ma­ko­lo­gie, S. 74.

15 Susan­na, Arch. Farm­a­col. sper. 1929, Bd. 46, S. 267.

16 Burr and Sna­vely, Prov. soc. exp. Biol. a. Med. 1926, Nr. 23.

17 Klau­ber, Münchn. med. Wschr. 1911, Nr. 41.

18 Kobert, Lehr­buch der Into­xi­ka­tio­nen, S. 613.

19 Miles. Amer. J. Phy­si­ol. 1929, Bd. 90, S. 451.

20 Sachs, Ber­li­ner klin. Wschr. 1912. Nr. 30.

21 Lesch­ke, Die wich­tigs­ten Ver­gif­tun­gen, S. 190.

22 Cush­ny, Mar­ris und Sil­ber­berg, 4, 33, 1912, u. a.

23 (Vgl. 12).

24 Tou­ton, Zen­tral­blatt f. Haut- und Geschlechts­krank­hei­ten 1925, Bd. XVII, H. 13/​14, S. 766.

25 Osetz­ky, nach Füh­ners Samm­lung von Vergiftungsfällen, Bd. 2, Lief. 8, 1931.

26 Olbrycht, Dtsche. Zeit­schrift d. ges. ger. Med. IV, 1924, S. 268.

27 Nach eige­nen Unter­su­chun­gen; vgl. auch Kuhn u. Schäfer, Phar­maz. Zen­tral­hal­le, 76, 617, 1935.

28 Hah­ne­mann, in Hufe­lands Jour­nal, Bd. 26, II, S. 38.

29 Stauf­fer, Klin. hom. Arz­nei­mit­tel­leh­re, S. 521; der­sel­be, Hom. Taschen­buch, S. 238.