
Wirkung
Matthiolus1 behandelt die Clematis tertia, unsere Pflanze, zusammen mit der Clematis altera, der Italienischen Waldrebe (C. viticella L.) und sagt von ihrer Wirkung, daß “der samen zu Pulver gestoßen / treibt den Phlegmatischen Schleim und Gallen durch den Stuhlgang / Die Bletter zerstoßen und aufgelegt / etzet die Haut auff und ziehen auß die böse verdorbene Nägel an den Fingern”.
Bock2 schreibt: “Dise Reben werden bey uns nit vil in der artzney genützt.” Als Wirkung nennt er aber doch unter Berufung auf Dioskurides und Serapio, daß die in Meerwasser gesottene Wurzel die Wassersucht “ausführen” solle. Die Flecken und Makeln auf der Haut, wie Flechten und Zittermäler, werden durch äußerliche Verwendung der Pflanze vertrieben.

Deutsche Waldrebe
(etwa 2/3 nat. Gr.)
Clematis vitalba L.
Ranunculaceae
Orfila3 setzt die verschiedenen Clematisarten in ihren Wirkungen gleich.
Hecker4 ist der Meinung, daß Clematis vitalba nach Geschmack, Geruch und Wirkung auf den menschlichen Körper und wahrscheinlich auch in ihren chemischen Bestandteilen mit denen der C. recta übereinstimme. Er zitiert Wendt, der die Pflanze bei rheumatischem Kopfweh, eingewurzelter Lustseuche und skrofulöser Schärfe nützlich befunden habe. Ehemals sei die Pflanze angewendet worden bei Quartanfieber, Wassersucht und äußerlich bei rheumatischen, gichtischen Schmerzen sowie bei Krätze.
Der Ansicht, daß C. vitalba in “ihren medizinischen Tugenden” denen der C. recta nahe stehe, ist auch Geiger5.
Beim Verarbeiten von frischem Kraut von Clematis vitalba und anderen anemoninhaltigen Pflanzen in einer Fleischmaschine entsteht eine fast unerträgliche Atmosphäre, welche Nasenschleimhaut und Augen zu starkem Niesen bzw. Tränenfluß reizt6.
Nach einer von Muszynski7 veröffentlichten Mitteilung von Wolanski benutzen die Neger des Kongogebietes die frische Wurzelrinde oder einige frische Blättchen und Blüten der Gemeinen Waldrebe als Kopfschmerzenmittel, indem sie die Pflanzenteile zerreiben, mit wenig Wasser befeuchten und je einige Tropfen des zwischen den Blättern ausgepreßten Saftes in die Nasenlöcher bringen. Bei Nachprüfung dieser Anwendung fand Wolanski, daß selbst der heftigste Migräneanfall sich auf diese Weise in einigen Minuten beseitigen ließ. (Nach den mir zur Verfügung stehenden botanischen Unterlagen erscheint mir das Vorkommen von Cl. vitalba im Kongogebiete fraglich. Verf.)
Schulz8, der die Wirkung von C. recta ausführlich bespricht, erwähnt von C. vitalba nur, daß man sie nicht mit jener verwechseln dürfe.
Clematis vitalba enthält u. a.: Anemonin, Caulosaponin (= Leontin), Clematitol (= Clematitin), das Stigmasteringlucosid, Cerylalkohol, Myricylalkohol, Behensäure, Melissensäure, Sitosterin, Trimethylamin9.
Die Blüten von Clematis vitalba wirken nicht bakterizid bzw. fungizid10. In der homöopathischen Tinktur konnte Anemonin nicht aufgefunden werden. Bezüglich des Saponingehaltes wurde in der homöopathischen Tinktur ein hämolytischer Index von 1 : 20 festgestellt11.
L. Kofler und W. Aufermann (Pharmakognostisches Institut Innsbruck)12 fanden, daß beim Trocknen bei 70° die hämolytische Wirkung von Clematis vitalba nicht mehr feststellbar ist. Sie bleibt jedoch nachweisbar, wenn man die Pflanze im Schatten und in der Sonne trocknet. Doch auch in diesem Fall sinkt sie von 280 der frischen Pflanze auf 190 bzw. 170.