Ger­hard Mad­aus: Lehr­buch der bio­lo­gi­schen Heil­mit­tel. Ver­lag Georg Thie­me, Leip­zig, 1938
(Ori­gi­nal, voll­stän­dig erhal­ten) – bei eBay zu ver­kau­fenRezen­si­on 1938, Archiv der Pharmazie

Anhalonium lewinii – Seite 2 von 4 – Monographie Madaus

Lehr­buch der bio­lo­gi­schen Heilmittel
Mono­gra­phie Anha­lo­ni­um lewi­nii (Sei­te 2 von 4)
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Botanisches:

Die Art­glie­de­rung der Gat­tung Lopho­pho­ra ist noch durch­aus nicht gänz­lich geklärt, so daß die Cha­rak­te­ri­sie­rung der Pflan­ze noch unsi­cher ist. Anha­lo­ni­um lewi­nii ist ein kuge­li­ger bis bir­nen­för­mi­ger Kak­tus, der etwa Faust­grö­ße errei­chen kann. Er ist tro­cken, grau­grün und mit einem schmut­zig-wei­ßen Haar­kis­sen geschmückt. Die Blü­ten ent­sprin­gen aus der etwas ein­ge­senk­ten Mit­te der Ober­flä­che des Kak­tus­kör­pers. Auf die­sem sit­zen spi­ra­lig gestell­te run­ze­li­ge Höcker mit dich­tem weiß­gelb­li­chem Filz­pols­ter. Im übri­gen ist er sta­chel­los. Hei­mat: Mexiko.

Pey­otl
(etwa 4/​5 nat. Gr.)
Anha­lo­ni­um lewi­nii Henn.
Cact­aceae
Dem Anha­lo­ni­um (Lopho­pho­ra) lewi­nii steht außer­or­dent­lich nahe die Form Lopho­pho­ra wil­liamsii. Dar­über berich­tet das Mai­heft 1937 von Cact­aceae, Jahr­bü­cher der Deut­schen Kak­teen-Gesell­schaft. Eine Tren­nung nach der äuße­ren Form ist kaum mög­lich. Da aber nach Heff­ter die Unter­schei­dung auf che­mi­schem Wege sehr leicht ist (in L. wil­liamsii fin­det sich Pel­lo­tin, in L. lewi­nii Anha­lo­nin), und da “auch die größ­ten Sen­dun­gen die eine oder die ande­re Form ent­hal­ten haben, also eine loka­le Tren­nung der bei­den For­men bestehen müs­se”, so wer­den sie wohl zumin­dest als Stand­orts­va­rie­tä­ten auf­zu­fas­sen sein. Ande­re Autoren geben – aller­dings gering­fü­gi­ge – ana­to­mi­sche Unter­schie­de an, und “J. Ocho­to­re­na (Las Cact­ace­as de Mexi­ko) stellt fest, daß es min­des­tens die bei­den Arten L. wil­liamsii mit fort­lau­fen­den Rip­pen, wei­ßen bis blaß­röt­li­chen Blü­ten und ‘laven­del­far­be­nen’ Früch­ten und L. lewi­nii mit war­zig-zer­leg­ten Rip­pen, gel­ben Blü­ten und roten Früch­ten gäbe.” .… “Die typi­sche ‘Williamsii’-Form hat nun ziem­lich zahl­rei­che, an den Areo­len kaum ver­brei­ter­te Rip­pen, die häu­fig leicht spi­ra­lig ver­lau­fen.” .… “Lie­gen in die­sem Fal­le die Rip­pen etwas spi­ra­lig und die Quer­fur­che wird – schräg blei­bend – stär­ker aus­ge­prägt, so zer­fal­len die Rip­pen in fla­che War­zen (‘Lewi­nii-Form’).”

Pey­otl Blü­te (etwa 2/​1 nat. Gr.)

Geschichtliches und Allgemeines:

Anha­lo­ni­um ist eine Dro­ge, die aus den in Schei­ben geschnit­te­nen, getrock­ne­ten Köp­fen der Kak­tee her­ge­stellt wird. Das Anha­lo­ni­um spielt bei vie­len India­ner­stäm­men und Ein­ge­bo­re­nen Ame­ri­kas (Chi­chime­ken, Hui­cho­len, Tara­hu­ma­ri, Coman­chen, Kio­was in Arkan­sas) seit Jahr­hun­der­ten als nar­ko­ti­sches Berau­schungs­mit­tel bei reli­giö­sen Zere­mo­nien, Pro­zes­sio­nen, Tän­zen, nächt­li­chen Gela­gen usw. eine gro­ße Rol­le. Ber­nar­do Saha­gun, der berühm­te mexi­ka­ni­sche Chro­nist des 16. Jahr­hun­derts, schreibt, daß die Chi­chime­ken den Pey­otl sehr viel äßen, er gäbe ihnen Mut und Kraft, lie­ße sie weder Hun­ger noch Durst ver­spü­ren und hül­fe ihnen in allen Gefah­ren. Auch ver­ur­sa­che die Pflan­ze schreck­li­che und lächer­li­che Visio­nen. Der unter Phil­ipp II. leben­de Natur­for­scher Her­nan­dez hör­te, daß die­je­ni­gen, die die Wur­zel der Pflan­ze äßen, wahr­sa­gen könn­ten. In spä­te­ren reli­giö­sen Schrif­ten fin­den sich Anga­ben, die dar­auf hin­deu­ten, daß die Kir­che dem Pey­otl zau­ber­haf­te Wir­kun­gen durch dämo­ni­sche Eigen­schaf­ten zuschrieb und in der Beich­te danach fra­gen ließ. – Da das Anha­lo­ni­um durch eine beson­de­re Erre­gung Genüs­se eige­ner Art, wenn auch nur als Sin­ne­s­phan­tas­men oder als höchs­te Kon­zen­tra­ti­on des reins­ten Innen­le­bens her­vor­ruft, so daß der davon Umfan­ge­ne sich in eine neue Sin­nen- und Geis­tes­welt ver­setzt glaubt, ist es zu ver­ste­hen, daß der alte India­ner Mexi­kos die Pflan­ze fast gött­lich ver­ehr­te und in ihr die pflanz­li­che Inkar­na­ti­on einer Gott­heit erblick­te. Bei den ein­zel­nen Stäm­men knüp­fen sich ver­schie­de­ne Gebräu­che an den Genuß des Pey­otl. So wird er bei den Hui­cho­len nur im Dezem­ber oder Janu­ar an einer Art Ern­te­dank­fest genos­sen. Wäh­rend der Zeit der Ein­samm­lung im Sep­tem­ber oder Okto­ber ent­hal­ten sich die an einer sol­chen etwa 43 Tage dau­ern­den Expe­di­ti­on sich betei­li­gen­den Hui­cho­len des Sal­zes, der Papri­ka und des Coitus. An dem Fes­te wer­den die getrock­ne­ten Anha­lo­ni­en mit Was­ser ver­mischt und zer­rie­ben als Getränk gereicht. Der Gebrauch des Pey­otls, der sich in einem frei­lich nicht sehr aus­ge­dehn­ten Gebiet schon durch Jahr­hun­der­te gehal­ten hat, dau­ert trotz ver­schie­de­ner Regie­rungs­ver­bo­te fort und hat sich seit Ende des 19. Jahr­hun­derts epi­de­mie­ar­tig aus­ge­brei­tet. Wie Reko berich­tet, sol­len sich in den letz­ten Jah­ren auch zahl­rei­che Ange­hö­ri­ge der wei­ßen Ras­se die­sem Rausch­gift erge­ben haben. Zum Teil tra­gen auch ver­schie­de­ne reli­giö­se Sek­ten zu der Ver­brei­tung bei, indem sie u. a. z. B. behaup­ten, daß das Pey­ot­les­sen hei­lig mache und den Cha­rak­ter läutere.