Mehr Grippe, mehr Erkältungsmittel? |
Der Absatz von Heilpflanzen-Präparaten geht seit Jahren kontinuierlich zurück [1]. Dies gilt vor allem für die von Ärzten verordneten Pflanzenheilmittel (Phytotherapeutika), aber auch für die in Apotheken ohne Rezept erworbenen Produkte (over-the-counter, OTC). Lediglich in den Märkten der großen Discounter gibt es nachhaltige Zuwächse beim Naturmedizin-Umsatz. Trotzdem setzen Verbraucher immer noch rezeptfreie Arzneimittel pflanzlicher oder homöopathischer Herkunft sein. Besonders dann, wenn jahreszeitlich auftretende Beschwerden die Gesundheit empfindlich stören, wie dies bei den akuten Atemwegs-Erkrankungen (ARE) im Frühjahr deutlich wird.
Akute Atemwegserkrankungen (Grippe, Influenza, grippaler Infekt, Erkältung) kommen zu bestimmten Jahreszeiten häufiger vor als zu anderen. Anders als in den Medien gerne, aber falsch berichtet, liegt die „Hochzeit“ der Neuerkrankungen an akuten Atemwegsinfekten im Spätwinter und beginnendem Frühling, also etwa gegen Februar/März. Der mit Methoden der Online-Meinungsforschung erfasste FluSearch Index (FSI) zeigt dies eindrücklich (Methodik unter 2 dargestellt) [2, 3]. Die Ursachen für dieses Phänomen sind bis heute unklar. Die Aktivität akuter Atemwegserkrankungen wird als indirektes Maß aktuell laufender Grippe-Epidemien gewertet.
Die Symptomatik der Grippe beeinträchtigt, genauso wie die Beschwerden einer kräftiger verlaufenden Erkältung, viele Menschen: Halsweh, Schluckschmerzen, schmerzhafter Husten, Niesattacken, Schnupfen oder Fieber stehen dabei im Vordergrund. Da in Deutschland Medikamente zur Behandlung „banaler“ Gesundheitsstörungen nicht mehr von den Krankenkassen bezahlt werden dürfen, müssen von grippeartigen Symptomen Betroffene ihre Medikation selbst bezahlen. Kurzum, sie müssen in Apotheken, Reformhäusern, Drogerien oder Discountern nach Produkten suchen, die ihre Beschwerden lindern oder heilen.
Wie sehr Patienten unter den „banalen Beschwerden“ grippaler Infekte leiden, zeigen die erheblichen Umsatz-Zunahmen von Erkältungsmitteln während der Grippe-Saison. Mit Daten, die freundlicherweise von dem Marktforschungs-Unternehmen IMS Health (www.imshealth.de) in Frankfurt/Main zur Verfügung gestellt wurden, lässt sich dies gut darstellen.
Die dabei gewählte Gruppierung von „Erkältungspräparaten“ beinhaltet die ATC-Indikationsgruppen
- R01: Rhinologika (ohne antiallergische Rhinologika)
- R03: Halsschmerzmittel
- R05: Husten- und Erkältungspräparate
Als Quelle wurde der IMS-eigene „Pharmascope National“ verwendet. Dieser umfasst Daten aus abgerechneten Arzneimittelabgaben der öffentlichen Apotheken für den GKV-und Privatversicherungsmarkt sowie die Barverkäufe. Datenbasis sind über 99% der von den Apothekenrechenzentren getätigten GKV-Abrechnungen. Der Anteil Privatrezepte und Abgaben ohne Rezept wird über eine Stichprobe von mehr als 4.000 Apotheken erhoben.
Tatsächlich ist der mögliche Zusammenhang zwischen Erkältungsmittel-Verbrauch und saisonaler Erkrankungsbelastung nur bei Kindern in den USA wissenschaftlich untersucht worden. Dabei zeigte sich, dass im Winter häufiger typische Schnupfen- und Erkältungsmittel verwendet werden (außer Antihistaminika) [4]. Bei Erwachsenen, so zeigte eine britische Untersuchung 2003, konnte hingegen kein Zusammenhang zwischen Absatz von freiverkäuflichen Erkältungsmitteln und der national gemessenen Grippe-Aktivität festgestellt werden [5].
Auch wenn die hier vorgestellten Koinzidenz-Daten – Erkältungsmittel-Verbrauch versus Aktivität akuter Atemwegserkrankungen – einen kausalen Zusammenhang nahelegen, können nur entsprechende Untersuchungen, die die Verbrauchsursachen mit in Betracht ziehen, weitere Aufklärung bringen. Hierzu müssten die Käufer von Erkältungsmitteln direkt gefragt werden, zu welchem Zweck (für welche Indikation) sie die gekauften Präparate verwenden.
Hinweis: Es ist zu berücksichtigen, dass Winter und Frühling noch besondere Gesundheitsprobleme mit sich bringen. Beispielsweise die „winter bed crisis“, eine verstärkte Belegung von Krankenhausbetten etliche Wochen nach Weihnachten. Oder eine, gegenüber anderen Jahreszeiten stark erhöhte Sterblichkeit im Frühjahr.
- Rainer H. Bubenzer, multi MED vision - Berliner Medizinredaktion
- Danksagung: Besonderer Dank gilt Martina Wallach von IMS Health, die mit viel Geduld die vielen Daten sinnvoll zusammengefasst hat.
- Bubenzer RH: Phytomedizin / Naturmedizin – Status quo Schweiz und Deutschland. Heilpflanzen-Welt.de, Juli 2009 (Volltext).
- Bubenzer RH: Infodemiologie am Beispiel Influenza – Die neuen Chancen des Internets. Klinikarzt. 2009; 38(2): 62 (Volltext).
- Index (FSI). 2010, täglich bei www.grip.pe publiziert.
- Vernacchio L, Kelly JP, Kaufman DW, Mitchell AA: Cough and cold medication use by US children, 1999-2006: results from the slone survey. Pediatrics. 2008 Aug;122(2):e323-9 (Kurzfassung, Volltext).
- Davies GR, Finch RG: Sales of over-the-counter remedies as an early warning system for winter bed crises. Clin Microbiol Infect. 2003 Aug;9(8):858-63 (Kurzfassung).

