2016/2: Heilpflanzen des Gehsteigbiotops

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A. Wanitschek bei der Führung im Reuterkiez

Zum 11. Male fand in Berlin der Lange Tag der StadtNatur statt. [1]. Natürlich stehen auch Kräuterwanderungen auf dem Programm. Denn Heilkräuter wachsen nicht nur auf dem Land, sondern auch dort, „wo sie gebraucht werden“, wie die Heilpraktikerin Anne Wanitschek betont. Während einer Kräuterführung stellt sie die „Heilpflanzen des Gehsteigbiotops“ im Stadtteil Neukölln vor.

Ihre Führung beginnt in der Nähe des Reuterplatzes, also direkt im beliebt belebten „Reuterkiez“. Er ist geprägt von hohem Ausländer- und Studentenanteil und einer sehr hohen Bevölkerungsdichte. Der Reuterplatz bietet Möglichkeiten der Naherholung für Menschen und Tiere. Den Mittelpunkt bildet ein großer Rasen, der von Gehwegen, Bäumen, Sträuchern umsäumt ist und Pflanzen, die sich selbst angesiedelt haben. Am Rande des Platzes steht eine Kastanie, unter der sich die Kräuter-Interessierten zusammengefunden haben. „Die Pflanzen, die ich euch heute zeige, sind zum Sammeln und Verwenden aufgrund der Verschmutzung nicht verwendbar“, erklärt Wanitschek zu Beginn. Deshalb erklärt und zeigt sie die Heilpflanzen zunächst nur. Die praktische Erfahrung zum Beispiel Anfassen oder das Kennenlernen der vorgestellten Pflanzen durch Tees ist am Ende der Führung in ihrer nahegelegenen Praxis vorgesehen. „Interessanterweise ziehen die Menschen immer die Heilpflanzen an, die sie brauchen“, sagt die Heilpraktikerin weiter. In einem derart besiedelten Gebiet wie dem Reuterkiez sind die Bewohner durch Lärm, soziale Enge deutlich höher belastet oder gestresst als Stadtteilen, in denen es wesentlich ruhiger zugeht.

Heilpflanzen wachsen dort, wo sie gebraucht werden

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Stadtdschungel: Brennnessel und Hopfen

Auch bringt die dichte Besiedlung einen stark Stickstoff angereicherten Boden mit sich, der beispielsweise durch Menschen verursachten Müll oder durch Hunde-Verschmutzungen entsteht. „Auf stickstoffreichen Böden wachsen Brennnesseln, Löwenzahn oder Kastanien besonders gut“, so Wanitschek. „Insbesondere Brennnessel und Löwenzahn lassen sich für eine Entgiftung einsetzen. Sie hilft gestressten, angespannten Menschen als erste Maßnahme, um wieder besser zu sich selbst zu kommen.“ Wanitschek zeigt auf die Gehwegränder, wo sich hohe Brennnesseln leicht im Winde wiegen. Sie tragen schon Brennnesselfrüchte. Wanitschek pflückt ein paar Früchte ab und zeigt diese in die Runde: „Die Brennnesselfrüchte könnt ihr sammeln, wenn sie ausgereift und dick sind. Sie werden vorsichtig abgezogen und für den Winter getrocknet“, so die Heilpraktikerin. Die Brennnesselfrüchte sind ausgesprochen öl- und mineralstoffhaltig und geben eine gute, gesunde Zutat beispielsweise für Salate ab.

Heilpflanzen und Wildkräuter für die Küche

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Rasenplatz im Reuterkiez zur Naherholung

„Schön wäre es, wenn ihr euch mit Heilpflanzen- und Wildpflanzen anfreunden könntet, denn sie bieten euch vielerlei Einsatzmöglichkeiten“, so Wanitschek. Die Brennnessel, als äußerst vitale Heilpflanze, steht dem Menschen fast das ganze Jahr zur Verfügung: Stetig nachwachsende jungen Blätter können als mineralstoffhaltiges Wildgemüse ähnlich wie Spinat auch noch im späten Herbst zubereitet und gegessen werden. Die Brennnessel viel gesünder, als der geschmacklose Kultur-Spinat, wie er meistens verkauft wird. „Heilpflanzen und Wildkräuter haben einen anderen, kräftigeren Geschmack als die Gemüse, die wir sonst verwenden“, so die Heilpraktikerin. Denn aus den meisten Gemüsen werden die natürlichen Bitterstoffe, die vielen Pflanzen eigen sind, herausgezüchtet. Bitterstoffe sind jedoch ein sinnvoller, gesunder Nahrungsbestandteil, denn er unterstützt die Verdauung. Die Verwendung von Heilpflanzen und Wildkräuter z.B. in der Küche bringt gesunde Nährstoffe und neue Geschmacksrichtungen mit sich. Doch Vorsicht: Nach einer Zeit der Umgewöhnung schmeckt das normale Gemüse ziemlich fade, so Wanitschek.

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Brennnessel mit Nüsschen

Die Mineralstoffe lagert die Brennnessel in den feinen Brennnadeln ein, mit denen sich die Pflanze gleichzeitig schützt. Eine besondere Anwendung hat Wanitschek noch parat: „Solltet ihr beispielsweise auf einer Wanderung einmal sehr müde werden, brecht einen Brennnesselzweig ab und schlagt ihn euch auf den nackten Nacken. Die Brennesselnadeln bohren sich in die Haut, zerbrechen dort und geben den Brennnessel-Mix ab. Ihr werdet sehen, dass ihr sofort wieder hellwach seid“, sagt sie lächelnd. Dieselbe Anwendung nutzen Rheumatiker, in dem sie Brennnesselzweige auf die Arthrose betroffenen Gelenke schlagen. „Das Histamin, der Wirkstoff der Brennnessel, gelangt in die Haut, die Poren öffnen sich. Die reaktive, gute Durchblutung ist förderlich für den Heilungsprozess“, so Wanitschek.

Die stickstoffliebende Kastanie

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Kräuter-Interessierte im Reuterkiez

Dann wendet sie sich der prächtig gewachsenen Kastanie zu. Kastanien oder Linden wurden früher gerne als „Dorfbäume“ aufgestellt. Sie standen in der Mitte des Dorfes, oft auch mit Bänken umgeben und markierten den Versammlungsplatz. Dort trafen sich die Dorfbewohner in geselliger Runde, um Erfahrungen oder Informationen auszutauschen. Ganz im Sinne dieser Tradition befindet sich unter der Kastanie am Reuterkiez ebenfalls eine Bank, die zum Ausruhen und Verweilen einlädt. „Die Früchte, Samen, Blätter und Rinde der Kastanie enthalten gefäßverstärkende Wirkstoffe, die beispielsweise bei dicken Beinen zum Einsatz kommen. Wasseransammlungen, die ursächlich bei schlaffen Beingefäßen auftreten können, werden damit behoben. Die Beingefäße beziehungsweise Venen werden gestärkt, aufgerichtet und wieder funktionstüchtig gemacht“, erzählt Wanitschek. Außerdem gehören Kastanien zur Gattung der Seifenbäume. Deshalb führen Kastanien Seifenstoffe (Saponine). Blätter, Rinde und auch die Früchte enthalten Saponine, die früher zu Seifenpulver verarbeitet wurden. In Notzeiten wurden die Kastanien in Netzen in Flüsse gehängt, um die Seifenstoffe auszuwaschen. „Aus den anschließend wieder getrockneten Samen konnte dann ein nahrhaftes Mehl bereitet werden“, so die Heilpraktikerin.

Hopfen tut Frauen gut

Die Führung geht weiter entlang des Rasens. Hinter den Brennnesseln haben sich Hopfenbüsche angesiedelt. Mit ihren Ranken überwachsen sie kleinere Sträucher. Wanitschek biegt die langen Hopfenranken herunter. „Diese Hopfenspitzen sind weit genug vom Boden entfernt, ihr könntet sie also verwenden. Sie geben gemeinsam mit Eiern in der Pfanne verarbeitet ein feines Hopfenspitzen-Omelett ab“, sagt sie. Auch die im Herbst wachsenden Hopfenzapfen können gesammelt und getrocknet werden. „Wenn die Hopfenzapfen deutlich knistern vor Trockenheit, können sie in ein kleines Kissen eingenäht und als Beruhigungskissen verwendet werden“, berichtet sie. Hopfen beruhigt, ebenso das daraus hergestellte Bier. „Allerdings ist das Hopfenkissen wie auch das Bier eher für Frauen geeignet. Denn Hopfen fördert die weiblichen Hormone“, sagt Wanitschek. Welche Auswirkungen der Gerstensaft bei Männern hat, zeigt sich bei Bier-Vieltrinkern: Sie haben „Schwangeren-Bäuche“ und Brüste wachsen ihnen ebenso.

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Unreife Holunderfrüchte

Überall findet Wanitschek Heilpflanzen oder Wildkräuter. Sie zeigt auf Wegrauke, die ähnlich der Kapuzinerkresse Senfglykoside enthält und zu den „pflanzlichen Antibiotika“ gezählt wird. Dann bleibt sie an einem Holunderbusch stehen und erzählt die Geschichte von Frau Holle, die im Laufe eines Jahres ihre Gestalt verändert. Ihr wird – wie der Name Hollerbusch abgeleitet werden kann – dem Holunder zugeordnet. Der strauchartig wachsende Baum gehört zu den uralten, wichtigen heidnischen Heilpflanzen, um die sich viele Geschichten ranken oder die mit besonderen Bedeutungen belegt sind. Der Flieder-, Holunder- oder Hollerbusch wurde beispielsweise auf Gehöften zum Schutz gegen Geister angebaut und als Lebensbaum verehrt. Er schenkte den Menschen seine duftenden Blüten im Frühjahr oder diente als frühe Bienenweide. Der dunkle Fliederbeersaft wurde im Herbst hergestellt. Konserviert als Saft diente er als wichtiges vitaminreiches Erkältungsmittel im Winter. „Fliederbeersaft vermehrt die weißen Blutkörperchen und wirkt antiviral“, so die Heilpraktikerin.

Dann entdeckt sie Beifuß-Pflanzen bekannt als Würzmittel für den Gänsebraten, eine große Klette, Breitwegerich, Spitzwegerich, Vogelknöterich oder das Schöllkraut. Es ist schon spannend, was auf einer einer kurzen Wegstrecke von ein paar Metern an Heilpflanzen versammelt ist.

Beifuß (Artemisia vulgaris): Küchengewürz für fette Speisen. Verdauungsfördernd mit vielen Bitterstoffen. Als Tee nur etwas für Hartgesottene. Denn er ist sehr bitter, aber auch außerordentlich wirksam bei Verdauungsstörungen oder Verstopfung.

Klette (Arctium lappa): Die Klettenwurzel wurde volkstümlich bei rheumatischen oder Hauterkrankungen verwendet. Auch bei Leberleiden oder Haarausfall. Heute werden die jungen Blätter gerne als Wildgemüse z.B. im Wok mitverarbeitet.

Breitwegerich (Plantago major): Junge Blätter können im Salat gegessen werden. Sie enthalten verschiedene Mineralien und Vitamin A. Der Breitwegerich enthält außerdem noch entzündungshemmende Stoffe. Er fördert die Wundheilung. Für Outdoorfans: Die breiten Blätter des Breitwegerichs können weich gemacht werden z.B. durch Kauen und dann auf Blasen gelegt werden.

Spitzwegerich (Plantago lancelota): Enthält antibakterielle (wichtiges Hustenmittel) und blutstillende Wirkstoffe. Zerkaute Blätter helfen z.B. bei Insektenstichen oder entzündlichen Veränderungen der Haut.

Vogelknöterich (Polygonom aviculare): Wegen des hohen Gerbstoffanteils wird Vogelknöterich-Tee gerne zum Gurgeln bei Entzündungen im Mund- und Rachenraum verwendet

Schöllkraut (Chelidonium majus): Volksmedizinisch ist Schöllkraut ein Anti-Warzenmittel.

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Notizen per Handy: Hirtentäschel

Viele der Gruppenmitglieder haben ein kleines Heftchen dabei, in das sie ihre Notizen schreiben. Ein junger Mann nutzt sein Smartphone und macht zusätzlich als Gedächtnisstütze noch ein Foto. Dann wird der Reuterplatz mit den lärmenden Menschen und Hunden der Rücken verlassen. Wanitschek führt die Gruppe in eine stillere Seitenstraße, wo sich die Praxis befindet. In den Praxisräumen sind die besprochenen Heilpflanzen als Tee auf einem Tisch vorbereitet. Die Kräuter-Interessierten können nun die getrockneten Tees anfassen, daran riechen und versuchen, sie den auf der Führung vorgestellten Heilpflanzen zuzuordnen.

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Tee-Verkostung in der Praxis

Auch mehrere vorbereitete Teekannen mit verschiedenen Heilpflanzen-Tees warten auf Verkostung. Dabei darf ebenso geraten werden: Der liebliche Lindenblütentee mit seinem Honigduft wird leicht erkannt. Oder den Brennnessel-Tee erkennen Einige am Geschmack wieder. Der Beifuß-Tee wird aufgrund seiner unglaublichen Bitterkeit schnell wieder weggestellt. Der Hirtentäschel-Tee hat ebenfalls keinen guten Geschmack: „Natürlich können nicht alle Heilpflanzentees so ausgezeichnet schmecken, wie der Lindenblüten-Tee“, so Wanitschek, „schließlich erfüllen sie medizinische, heilende oder lindernde Aufgaben“. Aufgemuntert durch die Tees und der Ruhe der Praxis beginnt unter den Kräuter-Interessierten ein kurzweiliger Austausch über ihre eigenen Erfahrungen. Einig sind sie sich am Ende, dass dies eine lohnenswerte Führung war.

Autor/In: Marion Kaden, Heilpflanzen-Welt (2016)
Quellen: [1] Langer Tag der StadtNatur, Berlin/2016
[2] "Heilpraktiker Wanitschek & Vigl Berlin"