2016/1: Samothrake: Eine Insel voller Heilpflanzen und Kräuter

Die griechische Insel Samothraki ist die Heimat von Urania Kaiser. Sie lebte die längste Zeit ihres Lebens in Deutschland, doch mit dem Rentenbeginn, zog es sie wieder zurück. Kaiser ist eine engagierte Heilpflanzenkundige. Bei einem Besuch während der Hochzeit der Heilpflanzen-Blüte lässt die Samothrakerin an ihren Erfahrungen teilhaben.

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Kultstätte der Großen Götter

Samothraki wird auch die Insel der Großen Götter oder die Mondinsel genannt. Sie liegt im Norden des Ägäischen Meeres nur 28 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Die poetischen Bezeichnungen verweisen auf die Geschichte der Insel: Samothraki war in der Antike eine heilige Insel mit einer bedeutenden Kult- und Einweihungsstätte. Einmalig in Griechenland ist Samothrake allerdings wegen ihrer ganzjährigen üppigen Natur. Verschiedene Besonderheiten tragen dazu bei: Die 180 Quadratkilometer große Insel wird durch das Fengari-Massiv beherrscht, welche verschiedene Klimas und damit höchst unterschiedliche Bedingungen für Flora und Fauna schafft. Auch die Wässer des höchsten Berges der Ägäis, des Saos, sorgen für großen Wasserreichtum durch unerschöpfliche Quellen. Samothraki ist für Naturliebhaber ein Kleinod. Uralte Platanenwälder, Olivenhaine, fruchtbares Ackerland an den Küsten, Macchie sorgen dafür, dass Kräuterinteressierte, Ornithologen und Lepidopterologen auf ihre Kosten kommen.

Bäuerliches Leben

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Fruchtbare Gärten sorgen für autarkes Leben

Urania Kaiser wuchs unbeschwert auf. Sie erinnert sich an eine schöne Kindheit. "Wir hatten alles", erzählt sie. Erst später begriff sie, dass das Leben auf der Insel doch nicht so unbeschwert war. Ihre Eltern lebten im Winter in der Hauptstadt Chorá, wie viele Inselbewohner und bewirtschafteten während der anderen Jahreszeiten ihr Land in der Gegend um Ano Meria. Die Bauern arbeiteten hart. Es gab keine Maschinen. Doch die fruchtbare Gegend sorgte dafür, dass die Bauern autark leben konnten. Sie hätten für ihre hochwertigen landwirtschaftlichen Erzeugnisse auch gute Preise erzielen können. Doch die Insel damals abgelegen. Händler,  sorgten für Abhängigkeiten, gaben für Olivenöl, Nüsse, Holzkohle, Wolle, Baumwolle nur wenig Geld.

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Selten geworden: Transport zu Pferde

"Wenn unser Vater im Herbst nach der Ernte und abgeschlossenen Handel nach Hause kam, war nie Geld übrig. Im Gegenteil, die Kosten für die Stoffe, Schuhe oder Zucker, Kaffee, Reis waren immer höher als die Einnahmen. Damit wuchsen die Schulden der Bauern bei den Händlern jedes Jahr weiter", erinnert sich Kaiser. Schon über viele Generationen lebten die Bauern abhängig von politischen und feudalen Ungerechtigkeiten. "Längst hatten die Bauern es satt in diesen Abhängigkeiten zu leben. Als Deutschland Gastarbeiter ins Land holte, war mein Vater einer unter den ersten, der Griechenland verließ", erinnert sie sich. Kaiser folgte ihrem Vater verließ als 15jährige ihre Heimat. Kaiser kam richtig in Deutschland an, heiratete und bekam zwei Kinder. Doch während ihres langen und harten Arbeitslebens in Deutschland, hegte sie immer den Traum, eines Tages auf die Insel zurückkehren zu können.

Die Düfte von Samothrake

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Urania Kaiser

In den Ferien war die Familie oft in Griechenland. Denn immer hatte die Samothrakerin Sehnsucht nach den Düften ihrer Insel. Wer die Insel kennenlernt, kann dieses nachvollziehen. Besonders im Mai, wenn Zistrosen, Oregano, Thymian, oder Quendel, blühen, entwickeln sich unter der warmen, intensiv strahlenden Sonne die ätherischen Öle der Pflanzen besonders gut. Bei Spaziergängen über die Berghaine, durch die Felder, Wälder oder am Meer entlang wechseln sich dann die intensiven Düfte der Kräuter, Heilpflanzen und die des Meeres oder Waldes ab. "Sobald ich den kräftig balsamische Oregano rieche, weiß ich: Ich bin zuhause", erklärt die Samothrakerin und strahlt. Ihre Großmutter brachte ihr als Kind einiges Wissen über die einheimischen Kräuter bei. Denn Krankheiten mussten die Inselbewohner meist selber kurieren. Die ärztliche Versorgung war damals auf der Insel bescheiden.

Kräuterwissen seit der Kindheit

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Macchia: Zistrosen, Wollblumen, Stechendes Sternauge

Das Kräuterwissen ihrer Großmutter hat Kaiser in Deutschland erweitert mit Bestimmungsbüchern oder dem Ausprobieren von Kräuterrezepten. Während der Griechenland-Urlaube, sorgte sie dafür, dass wiederum ihre Kinder etwas über Flora und Fauna ihres Heimatlandes lernten. "Heute geht meine erwachsene Tochter allein Kräuter sammeln", sagt sie nicht ohne Stolz. Interessierten zeigt Kaiser gerne ihre "Werkstatt", wie ihr Mann Jürgen, den umfunktionierten Wohnwagen nennt. Er diente als Bleibe während der Inselurlaube, bevor die Kaisers ihr Haus bauten. "Der Wohnwagen ist gut belüftet und warm. Dort trockne ich meine Kräuter und am Abend schließe ich die Tür, damit keine Feuchtigkeit eindringt", erzählt sie. Im Inneren des Wohnwagens duftet es schwer nach allen möglichen Heilpflanzen: Brennnesseln, Zitronenverbene, Zistrosen, Malven, Rosen, Thymian, Johanniskraut und Oregano. Die Kräuter liegen auf großen runden Tabletten zum Trocknen aus. Mit sicherer Hand fährt die Samothrakerin durch die Brennnesseln. Es knistert schon trocken. Doch sie ist nicht zufrieden. "Die Blätter müssen zerfallen", sagt sie.

Die Zistrose

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Zistrosen

Dann zeigt sie ihre getrockneten Zistrosen. "Die Hauptblüte ist schon vorbei. Doch als wir auf die Insel kamen blühten die Zistrosen überall. Ganze Berghänge waren in Rosa getaucht - wunderschön", schwärmt sie. Kaiser zeigt die getrockneten Blütenblätter und Blütenstände aus der Nähe. In den nächsten Wochen wird sie noch neue Triebe der Pflanze sammeln, ebenfalls trocknen und dann im Herbst mit den Blüten zu einem Zistrosentee zusammenmischen. "Diese wunderschöne Pflanze und ihre Heilwirkungen habe ich allerdings  in Deutschland kennengelernt", erzählt sie. Durch eine Reportage und Fotos erfuhr sie von der Zistrose. Mit ihren zerknittert anmutenden Blütenblättern, ihrem zarten Rosa ist die Heilpflanze unverkennbar. "Ich erinnerte mich natürlich sofort, dass die Zistrose überall auf Samothrake wächst. Danach wollte ich einfach nur auf die Insel, um selbst Zistrosen zu sammeln. Wir trinken Zistrosen-Tee jeden Winter, um unsere Abwehrkräfte zu aktivieren", sagt sie.

Grundsätzliches zum Sammeln und Trocknen von Heilpflanzen und Kräutern:

Die Heilpflanzen und Kräuter haben im Jahresverlauf unterschiedliche Wachstumsphasen. Über sogenannte Sammelkalender lässt sich leicht ermitteln, wann, welche Heilpflanzen gesammelt werden und vor allem welche Heilpflanzenbestandteile gesammelt werden sollen. Noch nicht so ganz Kräuterkundigen helfen diese Sammelkalender bei den ersten Erfahrungen. Wichtig ist, dass nur die Pflanzen gesammelt werden, die eindeutig bekannt oder bestimmt werden können. Denn manche Heilpflanzen können mit giftigen Pflanzen leicht verwechselt werden! Beim Sammeln sollte darauf geachtet werden, nur solche Mengen mitzunehmen, die tatsächlich benötigt werden. Auch das sachgemäße Ernten mit Schere oder Messer ist wichtig. Die Heilkräuter mit ganzer Wurzel auszureißen, verhindert ihr Nachwachsen. Gesammelt werden sollten ohnehin nur die Heilkräuter, die in großen Mengen vorhanden sind.

Eigene Kräutertees für jeden Bedarf

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Spitzwegerich-Honig

Ihre selbst gemachten Tees setzt Kaiser je nach Bedarf ein: Brennnesseltee zur Aktivierung des Stoffwechsels, Thymiantee bei Husten, Zitronenverbene oder Malven-Rosen-Tee zur Stimmungsaufhellung, um sich an die Sonne des Sommers zu erinnern. Doch an die dunkle Jahreszeit mag Kaiser im Frühjahr nicht denken. Während ihres ganzen Griechenland-Aufenthalts bis weit in den Herbst ist sie von morgens bis abends mit ihrem Haus, dem großen Garten und dem Sammeln von Kräutern, Einmachen oder Herstellen von Tinkturen oder Schnäpsen beschäftigt. Sie ist voller Geschichten und Tatendrang. Beim Erzählen fällt ihr ständig etwas ein, holt zur besseren Erklärung oder zum Probieren entweder Flaschen, Einmachgläser oder Kräuter aus ihrem Garten, Wohnwagen oder der Küche. Auf ihrem Fensterbrett stehen mehrere Gläser in der Sonne. Sie nimmt ein Glas vom Fensterbrett, welches dreiviertel mit goldgelbem Inselhonig und einem Drittel mit frischem Spitzwegerich gefüllt ist. Beim genauen Hinsehen sind die Blätter und Blütenstände des Spitzwegerichs deutlich erkennbar. "Den Spitzwegerich-Honig mögen alle Kinder, das ist eine wirksame Arznei, die schmeckt", erzählt sie lächelnd. In der Erkältungszeit bekommen die Kinder mit Husten diesen Spitzwegerich-Honig 3-4 mal täglich einem Teelöffel verabreicht.

Herstellung Spitzwegerich-Honig:

Die Herstellung ist einfach. Benötigt werden ein dreiviertel Glas flüssiger Honig und zwei Hände voll frischen Spitzwegerichkrauts und -Blüten. Nun hat nicht jeder das Glück auf Samothrake zu leben und überall Spitzwegerich sammeln zu können. In Deutschland muss darauf geachtet werden, dass die Heilpflanzen fernab von befahrenen Straßen, Gülle- oder Pestizid-bespritzten Feldern geerntet wird. Auch sollten keine Verschmutzungen durch z.B. Hunde möglich sein. Wichtig beim Sammeln ist zudem, dass die Spitzwegerichpflanzen trocken sind, wenn sie geerntet werden. Ein günstiger Zeitpunkt ist, wenn die Sonne das Kraut schon getrocknet hat am frühen Vormittag. Nach Regen oder wenn der Tau noch auf dem Kraut liegt, ist kein geeigneter Zeitpunkt. Gewaschen werden darf das Kraut auch nicht! Um eventuelle Insekten zu vertreiben, werden die gesammelten Spitzwegerichblätter- und Blüten vorsichtig ausgeklopft, auf 2-3 Zentimeter mit dem Messer zerschnitten und in das Honigglas gefüllt. Das Glas wird gut verschlossen in die Sonne gestellt, damit sich die Inhaltstoffe des Spitzwegerichs in den Honig verteilen. Das Glas wird häufiger umgedreht. Nach 6 Wochen Sonneneinstrahlung wird der Spitzwegerich dem Glas entnommen. Damit auch kein wertvoller Honig verloren geht, werden zum Schluss die Blätter und Blüten auf ein Sieb zum Abtropfen gelegt, der Resthonig aufgefangen und dem Honigglas zugefügt. Abschließend wird der fertige Spitzwegerich-Honig beschriftet und für die Erkältungszeit aufgehoben.

Bitteres Tausendgüldenkraut

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Tausendgüldenkraut

Den Magenbitter aus Tausendgüldenkraut, den sie dann vorstellt, ist allerdings eine ganz andere Sache. Kaiser holt ein kleines Marmeladenglas mit einer hellgelben Flüssigkeit aus ihrer Küche. Es ist ein Tausendgüldenkraut-Schnaps, hergestellt aus der ganzen frischen, oder getrockneten Pflanze, die üppig in ihrem Garten wächst. Der Probiertropfen ist unverdünnt unverträglich bitter. "Mit einem halben Glas warmem Wasser und nur einem Teelöffel von diesem Schnaps wird der Magenbitter hingegen verträglich", sagt sie. Diesen Tausendgüldenkraut-Trank verabreicht sie bei Magen-Darmbeschwerden, Blähungen und Völlegefühlen. "Er ist sehr wirksam allein schon wegen der Bitterkeit", erklärt sie.

Tausengüldenkraut-Magenbitter, Rezept:

3-4 ganze Tausendgüldenkrautpflanzen werden, wenn sie voll aufgeblüht sind, kurz über der Erde abgeschnitten und kopfüber getrocknet. Voll durchgetrocknet werden sie klein geschnitten. 1 Handvoll des getrockneten oder frischen Krauts wird in eine saubere Flasche gesteckt. Danach werden wahlweise entweder 0,75 Liter Ouzo, Korn oder Wodka hinzugegeben. Die Flasche wird fest verschraubt und vier Wochen in die griechische oder sechs Wochen in die deutsche Sonne gestellt. Danach wird das Kraut abgeseiht. Die Besonnungszeit ist unterschiedlich, weil die Wärme und Intensität der südlichen Gefilde eine wirksamere ist.

Süßer Abschluss mit einem Walnuss-Likör

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Walnuss-Likör

Wohl um den bitteren Geschmack zu vertreiben, stellt Kaiser anschließend einen zweijährigen, dunkelbraunen Likör zum Probieren auf den Tisch. Es ist ein Walnuss-Likör hergestellt aus Zucker, Nelken. Zimt Kakao, Schnaps und aus unreifen Walnüssen. Der Likör muss mindestens 4 Wochen in der Sonne reifen, dann wird er durch ein Tuch gesiebt und ein halbes Jahr ruhen gelassen.  "Je länger er zieht, desto milder wird er", erklärt Kaiser. Der zweijährige Likör, den sie anbietet, hat tatsächlich eine große Milde und einen unvergleichlich aromatischen Geschmack. Dieser Likör ist ein angenehmer Abschluss des ersten Besuches bei der Kräuterkundigen. Die Sonne verschwindet hinter dem Berg und nimmt die Wärme mit. Es wird Zeit, sich zu verabschieden.

Autor/In: Marion Kaden, Heilpflanzen-Welt (2016)