2015: Die Heilpflanzen und –Kräuter Samothrakes

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Ein Blick über die grüne Insel
© Urania Kaiser

Die griechische Insel Samothrake ist urwüchsig und ein Paradies für Heilpflanzen-Fans. Sie liegt im nordägischen Meer und ist bekannt für ihr eher raues Klima. Die Heimatinsel der Siegesgöttin Nike war in der Antike die „Große Insel der Götter“. Das Heiligtum der Kabiren mit seinen Säulen bezeugt beispielsweise noch die heiligen Stätten mit ihren Mysterienkulten. Auf der grünen Insel wachsen küstennahe Platanen- und Eichenwälder, Nussbäume, Oleander oder Myrtenbüsche, Maulbeeren, Olivenhaine und natürlich viele uns bekannte oder auch unbekannte Heilpflanzen. Urania Kaiser, eine gebürtige Samothrakerin und Kräuterfrau erzählt von ihrer Insel:

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Das Meer ist fast überall einsehbar
© Dr. Friedrich Schliemann

Mit seinen 180 Quadratkilometern und etwa 2.500 Einwohnern ist die Insel relativ überschaubar – der Tourismus nicht besonders entwickelt. Die Insel bietet Natur pur, mit Bergen bis 1.600 Metern und vielen Wasserfällen - ideal für Touristen, die die Natur lieben und die Schönheiten dieser Insel respektieren und schätzen. 

Kaiser kam als Teenager nach Deutschland, denn ihr Vater gehörte 1960 zu den ersten Gastarbeitern. „Mein Vater holte mich als erstes Familienmitglied nach. Damals konnte ich natürlich kein Wort Deutsch und arbeitete die ersten Jahre als Haushaltshilfe – vor allem das erste halbe Jahr war schwer“, erinnert sich Kaiser. Sie schrieb sich jeden Tag neue deutsche Wörter in die Hand und nach einem Jahr, war die Sprache kein Problem mehr. Nun lebt sie seit 55 Jahren in Deutschland, hat geheiratet, zwei Kinder und einen Enkel. Danach befragt, ob sie sich eher als Deutsche oder Griechin fühle, schweigt sie einen Moment: „Halb und halb“, meint sie dann entschieden: „Meine Wurzeln sind eindeutig in Griechenland, durch die vielen Jahre in Deutschland mit Mann und Kindern habe ich aber natürlich Vieles angenommen“. Seit sie Rentnerin ist, verbringt sie jedes Jahr sechs Monate auf ihrer Heimatinsel – nämlich dann, wenn die meisten Heilpflanzen blühen, wachsen und gedeihen.

Eine Deutsche mit griechischen Wurzeln

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Kamille

„Früher hatten die meisten Insel-Häuser noch Flachdächer“, erinnert sich Kaiser. Auf dem Dach war Erde aufgeschüttet, und an den Dachrändern wuchs wilde Kamille. „Schon als Fünfjährige half ich der Großmutter beim Ernten und Trocknen“, so die Griechin. Den intensiven Duft des Heilkrauts kann sie sich jederzeit in Erinnerung rufen. Die Großmutter mit ihren Kenntnissen war auch diejenige, die Kaisers Interesse an den Heilpflanzen weckte. „Die Großmutter wusste immer Rat, versorgte unsere kleinen und großen Wunden, behandelte Erkältungen und Husten mit den Kräutern, die sie im Sommer sammelte, trocknete und für den Winter bevorratete“, erzählt sie mit sympathisch schwäbischem Akzent. „Eigentlich bin in ihre Fußstapfen getreten, denn genau das mache ich heute auch“.

Tipp:

Breitwegerich (Plantago major): Die Blätter des Breitwegerich werden mit einem Stein weich gewalkt. Die feuchten, aufgeweichten Blätter werden auf vereiterte Wunden (z.B. Fersen) aufgelegt und verbunden.

Walnussblätter (Juglans regia) werden getrocknet und in Baumwollsäckchen gesteckt, damit die Blätter nicht abfärben. Beides wird als natürliches Anti-Motten-Mittel zwischen die Wäsche gelegt.

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Bergthymian

Ganz im Sinne ihrer Großmutter versorgte auch Kaiser ihre Familie in Deutschland mit Heilkräutern – musste jedoch auf zum Teil andere Heilpflanzen zurückgreifen. Sie begann, sich Kräuterbücher zu kaufen, lernte über Bestimmungsbücher hiesige Heilkräuter kennen. „Ich lernte Neues, es gab aber auch viele Überschneidungen“, so Kaiser. Bei ihren Heimaturlauben stellte die Samothrakerin immer wieder fest, dass die Artenvielfalt ihrer Insel überwältigend ist. „In Deutschland hingegen gibt in den letzten Jahrzehnten weniger Kräuter, viele Heilpflanzen sind selten oder wachsen gar nicht mehr. Das Tausendgüldenkraut steht beispielsweise in Deutschland unter Naturschutz und darf nicht gesammelt werden, auf Samothraki wächst es sogar massenweise in meinem Garten“, erzählt Kaiser. Ihre Freude darüber schwingt unüberhörbar mit: „Der erste Gang durch den Garten Anfang Mai ist immer wieder überwältigend! Die ersten Tage verbringe ich damit, zu ernten und mit dem ersten Trocknen der Blüten und Blätter anzufangen – bevor mein Mann den Rasenmäher einsetzt“. Manchmal muss sie auch neue Kräuter bestimmen, denn die Kräuter in ihrem Garten wechseln durchaus – weshalb sich ihre alljährlichen Kräutersammlungen auch in ihrer Zusammensetzung ändern können.

Tipp:

Tausendgüldenkraut (Cen­tau­rium ery­th­raea) sowohl die Blüten als auch das Kraut werden für einen Tee getrocknet. Er ist sehr bitter, verdauungsförderlich und hilft bei Magen-Darm-Beschwerden. Alternativ: Die Herstellung eines hochprozentigen Tausendgüldenkraut-Schnapses: Dazu wird ein Büschel Tausendgüldenkraut in eine Flasche (0,7 Liter) 40prozentigem Alkohol eingelegt. Die Flasche mit dem Heilkraut sechs Wochen in die Sonne gestellt. Danach abgeseiht. Der Trunk: In einen kleines Gläschen kommt zur Hälfte lauwarmes Wasser und dazu  ein Teelöffel mit dem hochprozentigen Tausendgüldenkraut-Schnaps. Er wird schluckweise getrunken.

Hoher Gehalt an ätherischen Ölen ist garantiert

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Johanniskraut

Im Mai bis Juni blüht die Zistrose (Cistus). „Dann sind manche Wiesen ganz und gar rosa“, erzählt Kaiser begeistert. Von der Zistrose sammelt sie die Blüten, kleine Blätter und auch die kleinen Zweige. Sie werden auf großen Tabletts getrocknet, anschließend zerkleinert und in Baumwollsäckchen aufbewahrt. Im Juni ist dann auch die Zeit des Johanniskrauts (Hyperi­cum per­fo­ra­tum) oder der „Mentha (Polei-Minze)“ einer griechischen Minzenart. Sie wächst massenhaft auf der Insel und ist Grundlage für den verdauungsfördernden ‚Mentha-Likör’. „Die kleine Pflanze blüht lila und taucht die ganze Insel in ihren Duft“, so Kaiser. Ihre ätherischen Öle sind sehr stark und deshalb beispielsweise für Schwangere weder als Tee noch als Schnaps geeignet, ist aber auch vom Aussterben bedroht, da manch Touristen die Pflanzen MIT Wurzeln herausreissen.

Im Juli ist die Sammel-Zeit für Oregano (Origanum vulgare) oder Bergthymian (Thymus serpyllum). Die ätherischen Öle dieser Kräuter sind an den trockenen Berghängen besonders hoch, weshalb Kaiser diese nur von den Berghängen absammelt. „Wenn der Bergthymian blüht sind die Hügel wiederum in ein weißes Blütenmeer getaucht und sieht dann aus wie Schnee“. Bergthymian wird als Tee gegen Husten oder als Bronchienmittel getrocknet. „Schon ein Glas mit diesem intensiven Tee kann einen hartnäckigen Husten sehr abmildern“, erzählt Kaiser. Sein intensiverer, bitterer Geschmack ist für Kinder ungeeignet. Eine Alternative bietet die Herstellung eines Bergthymian-Honigs: In einem Glas Honig werden ein bis zwei Zweige frischer Bergthymian getaucht. Das Glas wird mindestens einen Monat stehen gelassen, damit die heilsamen Wirkstoffe des Bergthymians in den Honig übergehen. „Der Honig neutralisiert die Schärfe des Bergthymians. Er wird den Kinder Teelöffelweise gegeben – was die Kinder sehr gerne annehmen“, sagt die Heilkundige.

Der Oregano der Insel ist aufgrund der starken ätherischen Öle sehr gehaltvoll und vor allem bitter. Empfehlung: Den Oregano aus Griechenland vorsichtiger einsetzen, d.h. eine geringere Würzmenge bei Gerichten verwenden. Oregano ist auch als Tee gegen Durchfall heilsam. Einen Teelöffel in ein Glas geben, heisses Wasser darübergießen, 10 Minuten abgedeckt ziehen lassen, lauwarm, schluckweise trinken. Die Griechen trinken ihren Oregano-Tee übrigens auch als Stimulanz zur besseren Hirndurchblutung.

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Schafe und Ziegen gehören ins Landschaftsbild
© Dr. Friedrich Schliemann

Während ihres gesamten Inselaufenthalts hat die Samothrakerin alle Hände voll zu tun. Auch Brennnesseln (Urtica) werden geerntet, um nicht nur Tee (Blätter werden getrocknet), sondern um Seife daraus zu machen. „Brennnessel-Seife oder Olivenseife aus überschüssigem Olivenöl waren früher die einzigen Seifen, die es auf der Insel gab. Die Frauen verwendeten die Seife universal und viele der Inselfrauen stellen bis heute ihre eigenen Seifen her“, so Kaiser.

Erst seit einigen Jahren sammelt Kaiser auch Mariendistel (Silybum marianum)-Samen. Sie werden in den Kapseln getrocknet, später herausgeschüttelt und in einem dunklen Glas gesammelt. Mariendiselsamen eignen sich für Leber-Galle-Beschwerden. Wichtig: Ein Teelöffel der Mariendistelsamen wird mit einem Mörser zerdrückt, damit die Samen ihre Wirkstoffe in das heiße Wasser freigeben können. Der Tee wird fünf Minuten lang ziehen gelassen und dann getrunken.

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Olivenkraut
© Urania Kaiser

Jeder Monat bringt „seine“ Heilpflanzen hervor, die geerntet, getrocknet und verarbeitet werden müssen. Im Herbst steht die Ernte der Früchte an: Hagebutten (Rosa-Arten,Tee, Marmelade), Myrrhenfrüchte, Oliven (Olea europaea), Weissdorn (Crataegus). Was der Samothrakerin fehlt, ist ein Austausch mit anderen Kräuterfrauen der Insel. Die Inselfrauen beschäftigen sich mit der Seifen- oder Olivenöl-Herstellung, „auch trocknen sie Bergthymian, Oregano, Bergtees oder brauen Mentha-Liköre, doch habe ich bisher noch keine getroffen, die sich darüber hinaus mit Kräutern auskennt“, bedauert Kaiser. Einen Ruf als Kräuterfrau hat sie schon und ist bekannt dafür „dass ich jedes Blatt in den Mund stecke und probiere“. Häufiger wird sie auch von Inselbewohnern angesprochen, „dann stelle ich die Kräuter bereit und erkläre das Kochen eines Tees beispielsweise. Doch leider will der Funke vor allem bei Jüngeren nicht überspringen – das tut dann manchmal richtig weh“, erzählt die Kräuterfrau. Sie sieht Heilkräuter als wichtige Ressource für die Selbstmedikation an. Die zum einen kostenlos, zum anderen in einer wunderbaren Inselqualität zu bekommen sind – da lohne sich die Auseinandersetzung mit ihren Einsatzmöglichkeiten dieser besonderen Schätzen der Natur.

Myrrhenfrüchte sind dunkelblau bis tieflila, wenn sie reif sind. Sie wurden nach der Ernte getrocknet, im Mörser pulverisiert und über wunde Babypopos gestreut. Andere Alternative: die Beeren werden zerquetscht und mit Olivenöl angesetzt. Die Beeren bleiben im Olivenöl. Sie wurden bei Schorfwunden auf Babyköpfen verwendet. Kurz einwirken lassen und dann gleich den Kopf waschen. Das Myrrthhenöl ist wundheilend.

Von der „Griechenland-Krise“ bekommen, so Kaiser, die Samothraker relativ wenig mit. Sie haben eigene Häuser und Land auf dem sie größtenteils Selbstversorgung betreiben: Obst, Gemüse werden selbst gezogen, alle haben eigene Olivenbäume für die Ölherstellung. Sie züchten Geflügel, Schweine oder haben Ziegen. Bergthymian, Oregano sind wichtige Gewürze, das eigene Sammeln von Bergtees oder Zistrosen gehören ebenfalls zum Alltag. Ansonsten setzen zumindest die Samothraker auf die reguläre Schulmedizin. Möglicherweise müssen sich Griechen bald aufgrund der knappen Ressourcen in der Gesundheitsversorgung nach Alternativen umsehen. Denn die griechische Regierung musste als eine der ersten Maßnahmen die Gesundheitsversorgung aus Spargründen drastisch beschneiden. Der Einsatz von Heilpflanzen und dem Wissen um ihre Möglichkeiten böten dann vielleicht kostengünstige Alternativen. Schon in naher Zukunft wird sich zeigen, ob die Griechen, die vor allem in den Städten leben, diese natürlichen Schätze zu heben verstehen. Zu wünschen ist es ihnen – auch weil ihr Land zum artenreichsten Europas gehört (Griechenland: Eins der artenreichsten Länder Europas)

Bergthymian, Johanniskraut, Oregano, Mentha, Myrrhenfrüchte, Bergtee (Sideritis-Arten) - am Ende eines jeden Jahres fahren die Kaisers mit Koffern voller duftender Gewürze und Heilkräutern zurück nach Deutschland. „Die Baumwollsäckchen sind Mitbringsel für Freunde, Verwandte und Bekannte, die oft schon darauf warten“, so Kaiser, „letztendlich sind sie auch für mich. Denn ich brauche nur den Duft der Kräuter zu riechen, und schon bin ich wieder auf meiner Insel“.

Autor/In: Marion Kaden, MultiMedVision Berliner Medizinredaktion (Dezember 2015)