"Prophylaxe und Therapie der Influenza: Jetzt ohne Neuraminidasehemmer?"

Interview

Das Interview führt eine Diskussion bei dem Portal Heilpflanzen-Welt.de weiter, bei der Ludwig – kurz vor dem Auftreten der weltweiten „Schweinegrippe“ – das antivirale Spektrum der naturheilkundlichen und anderer Optionen gegen saisonale Grippe-Epidemien oder Influenza-Pandemien darstellte (Volltext: http://www.heilpflanzen-welt.de/2008-05-Medikamente-gegen-die-Virusgrippe-eine-Bestandsaufnahme-Teil-1/).

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Prof. Dr. Stefan Ludwig

?  Erneut kommen Wissenschaftler der Cochrane Collaboration zu dem Schluss, dass die für Milliarden weltweit eingelagerten Neuraminidasehemmer keine der in sie gesetzten Hoffnungen im Kampf gegen Influenza erfüllen [1]. Was ist der Hauptgrund für das Versagen dieser Wirkstoffgruppe?

Prof. Ludwig  Der aktuelle Cochrane Report brachte ja keine neue Erkenntnis, sondern nur die Bestätigung der früheren Prüfungen. Zudem bescheinigt der Report nicht eine komplette Wirkungslosigkeit, sondern besagt, dass einige der zugesprochenen Wirkungen von Oseltamivir, insbesondere in Bezug auf eine Reduktion der Krankheitssymptome, nicht wirklich durch die Studien belegt sind. Wenn man berücksichtigt, dass Tamiflu eigentlich nie als wirklich gutes Medikament anzusehen war, überraschen diese Erkenntnisse nicht. Ärgerlich ist natürlich der Umgang der Hersteller mit den Ergebnissen der Studien. Hier muss man in Zukunft viel besser auf Transparenz achten.

?  Ähnlich den Neuraminidasehemmern zeigt auch das Parkinsonmittel Amantadin beim antiviralen Einsatz gegen Influenza erhebliche Nebenwirkungen. Wie sieht es mit dem Risiko von Resistenzentwicklungen bei diesen Wirkstoffen aus?

Prof. Ludwig  Die Resistenzentwicklungen sind meines Erachtens das größte Problem. Sowohl Amantadine als auch Neuraminidaseinhibitoren sind direkt gegen das Viruspartikel gerichtet, das sich somit leicht der Wirkung durch Mutation entziehen kann. Dies ist für beide Wirkstoffarten auch schon in großem Umfang geschehen. Amantadine werden aufgrund der bestehenden Resistenzen überhaupt nicht mehr empfohlen und es ist sehr optimistisch zu glauben, dass Neuraminidaseinhibitoren kurz oder mittelfristig nicht das gleiche Schicksal erleiden. Ich wage einmal die provokative Behauptung, dass jedes Medikament, das direkt gegen ein Virus gerichtet ist, wegen der Resistenzentwicklung früher oder später wirkungslos wird. Deshalb ist es aus meiner Sicht sehr verwunderlich, dass Pharmafirmen weiterhin auf neue Neuraminidaseinhibitoren oder auf andere virale Angriffspunkte setzen und keine Alternativen aufgegriffen werden. Hier ist ein Paradigmenwechsel nötig.

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Cystus incanus L. Pandalis®

?  Weltweit wird nach alternativen Konzepten zur Prophylaxe und Therapie der Influenza gesucht. Können Sie bitte erklären, warum die Impfung gegen saisonale Influenza nur wenig Schutz bei einer möglichen Grippepandemie bietet?

Prof. Ludwig  Impfstoffe werden immer auf der Basis der gerade aktuell im Umlauf befindlichen Virusstämme hergestellt. Gegen ein plötzlich auftretendes vollkommen neues Virus sind sie daher wirkungslos. Bei der sogenannten „Schweingrippe“-Pandemie in 2009 haben wir dieses Dilemma eindrucksvoll erlebt. Trotz effektiver Produktionsbedingungen braucht es immer noch ungefähr 6 Monate, bis genügend Impfstoff gegen ein neues Virus zur Verfügung steht. Man muss daher ganz klar sagen, dass Impfungen derzeit keine Option für die Frühphase einer Pandemie darstellen.

? Sie forschen an Alternativen zur Vorbeugung der Influenza bzw. zur verbesserten Kontrolle ihrer Ausbreitung. Was sind vielversprechende Ansätze hierbei?

Prof. Ludwig  Wir verfolgen verschiedene Ansätze, die sich nicht mehr spezifisch auf das Virus richten, sondern auf die Wirtszellen. Jedes Virus braucht Zellen des Organismus um sich zu vermehren. Wir entziehen den Viren die Vermehrungsgrundlage in den Zellen. Dies hat nicht nur den Vorteil einer breiten Wirksamkeit, sondern auch, dass sich keine Resistenzen ausbilden können, da das Virus die blockierte zelluläre Funktion nicht ersetzen kann. Mit einem der von uns gefundenen Wirkstoffe werden derzeit klinische Studien der Phase II durchgeführt. Auch mit pflanzlichen Wirkstoffen haben wir vielversprechende Ergebnisse erhalten.

?  Experten für Phytotherapie von der kanadischen University of British Columbia in Vancouver beschreiben eine Reihe von Pflanzen bzw. Pflanzenextrakten mit antiviraler Wirkung gegen Influenza [3]. Welche Pflanze ist in dieser Hinsicht am besten erforscht und wie ist das Wirkprinzip?

Prof. Ludwig  Wie bereits erwähnt, haben wir uns auch mit Pflanzenextrakten als Anti-Grippe-Wirkstoffe intensiv befasst und hier überraschend gute Wirkeffizienzen gefunden. Ich setze große Hoffnungen auf pflanzliche Wirkstoffe, insbesondere solche, die aus der traditionellen Medizin bereits bekannt sind. Dies steht im übrigen im Einklang mit einer Empfehlung der WHO, die in ihrer Influenza-Forschungsagenda 2010 die bessere Erforschung von traditionellen Arzneimitteln insbesondere zu Versorgung der Dritten Welt anmahnt. Breit, allerdings recht unsystematisch als Anti-Infektiva erforscht sind polyphenolhaltige Extrakte, beispielsweise aus grünem Tee, wobei hier mechanistische Untersuchungen meist noch fehlen. In Bezug auf die Wirkmechanismen sind Extrakte aus der graubehaarten Zistrose umfassend untersucht. Hier waren wir mit Arbeiten zu dem Extrakt CYSTUS052 auch beteiligt und konnten eine sehr gute antivirale Wirksamkeit zeigen, ohne dass Resistenzen auftraten. Der Mechanismus beruhte dabei nicht auf einer pharmakologischen Aufnahme der Wirksubstanz in die Zelle, sondern auf einer physikalischen Blockade der Bindung von Viren an Zellen, was zwar eine topische Vergabe voraussetzt, in Bezug auf das Fehlen von Nebenwirkungen aber eine ideale Situation ist.

?  Ist die topische on demand-Applikation eines antiviralen Extraktes bei Influenza im Vergleich zu systemischen Pharmaka überhaupt prophylaktisch oder therapeutisch relevant? Wie sieht es mit der Anwendungsfreundlichkeit und Adhärenz, dem Nebenwirkungsspektrum und der Resistenzentwicklung aus?

Prof. Ludwig  Topische Anwendungen sind aus meiner Sicht einer systemischen Vergabe eigentlich immer vorzuziehen. Wenn ich einen Erreger in der Lunge sitzen habe, brauche ich den Wirkstoff dort und nicht in der Leber oder der Niere. Das ist insbesondere auch in Bezug auf Nebenwirkungen ein wichtiger Punkt. Leider spielt der Verbraucher dabei nicht mit, oder zumindest glaubt dies die Pharmaindustrie. Der Patient wirft lieber eine Pille ein, anstatt umständlich Substanzen zu inhalieren. Eindrücklich wurde dieses Problem bei den Neuraminidaseinhibitoren belegt. Das oral vergebene Tamiflu war sozusagen „in aller Munde“ während das inhalierbare Relenza gefloppt ist.

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Cystus incanus L. Pandalis®

?  Inhaltsstoffe der bislang geprüften Pflanzen, beispielsweise Polyphenole, haben ja keine spezifische antivirale Wirkung. Wirken sie dann auch bei anderen Viren als Influenza A, oder vielleicht auch bei Bakterien?

Prof. Ludwig  Für den Extrakt Cystus052 konnten wir auch eine Wirkung gegen andere virale Erreger, beispielsweise Schnupfenviren oder Erkältungsviren, aufzeigen, was mit der eher unspezifischen Blockade der Virusoberfläche mit den Extraktbestandteilen zusammenhängt. Auch gegen Bakterien wurde meines Wissens eine Wirksamkeit gezeigt. Die Frage, warum die Extraktbestandteile mit Oberflächen kleiner Erreger, nicht jedoch mit zellulären Oberflächen blockierend interagieren, ist noch ungeklärt.

?  Wäre es aus Ihrer Sicht sinnvoll gewesen, wenn der Nationale Pandemieplan 2005 auch die Einlagerung von alternativen, z. B. aus Pflanzen gewonnenen Pharmazeutika vorgesehen hätte?

Prof. Ludwig  Die Frage, ob eine solche Einlagerung von Medikamenten überhaupt sinnvoll ist, habe ich für mich noch nicht endgültig entschieden und ich bin froh darüber, die Verantwortung für eine solche Entscheidung nicht tragen zu müssen. Wenn man sich allerdings für eine solche Einlagerung entscheidet, wäre es aus meiner Sicht besser, sich nicht nur auf ein Präparat zu beschränken, sondern alle Alternativen mit zu berücksichtigen. Das Problem der Gesundheitsbehörden ist hier aber, dass man sich auf zugelassene Präparate mit klinisch bestätigter Wirkung beschränken muss, so dass es schwierig wäre, vielversprechende Alternativen, die diese Kriterien nicht erfüllen, mit aufzunehmen.

!  Prof. Dr. Ludwig, vielen Dank für Ihre Antworten!

Die Fragen, die Prof. Dr. Stephan Ludwig – Institut für Molekulare Virologie (IMV) am Zentrum für Molekularbiologie der Entzündung (ZMBE) der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, beantwortete, stellte der Medizinjournalist Rainer H. Bubenzer, Berlin.

Autor/In: Rainer H. Bubenzer, MultiMedVision Berliner Medizinredaktion (2014)
Quellen: [1] Jefferson T, Jones MA, Doshi P, Del Mar CB, Hama R, Thompson MJ, Spencer EA, Onakpoya I, Mahtani KR, Nunan D, Howick J, Heneghan CJ: Neuraminidase inhibitors for preventing and treating influenza in healthy adults and children. Cochrane Database Syst Rev. 2014 Apr 10;4:CD008965.

[2] Bartens W: Grippemittel – Sargnagel für Tamiflu. Süddeutsche Zeitung. 10. April 2014 (http://sz.de/1.1933656).

[3] Hudson JB: The use of herbal extracts in the control of influenza. J Med Plants Res. 2009; 3(13):1189-95.).