2010/3: Blumenkatzes’ Heilsalbe

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Frischer Steinklee im aufgelösten Fett

Im Westen Berlins liegt das kleine Dörfchen Gatow, rundherum ein Naturschutzgebiet. Das ist genau die richtige Umgebung für Rita Reinicke. Die Sozialpädagogin lebt seit 20 Jahren in Gatow. Dort hat sie sich mit ihrem Mann einen Teil eines Resthofes gekauft und liebevoll restauriert. Ein Nebengebäude wurde zu einem Veranstaltungshaus umgebaut. Die Deckenbalken sind zu sehen, ein dicker Ofen sorgt für Wärme und eine kleine Küche ist auch eingebaut. Abgetrennt ist außerdem ein Verkaufsraum "das ist mein Offizin", sagt Reinicke lachend. Dort verkauft sie selbst gemachte Salben, Getöpfertes, Kräuter aus ihrem Garten, Brennnesseljauche oder was sonst noch auf dem alternativen Hof so alles entsteht.

Herstellung Ringelblumen-Steinklee-Salbe

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Rita Reinicke

Die Sozialpädagogin hat im Laufe der Jahre Vieles ausprobiert. Ihre "Blumenverrücktheit", wie sie sagt, hat durch die Erweiterung auf Heilpflanzen zusätzlich Wichtiges und Bedeutsames in ihr Leben gebracht. So bietet Reinicke zum Beispiel Seminare im Stecken von Wild- und Heilpflanzen an oder zur Herstellung von Salben und Tinkturen. Zum „LangenTag der StadtNatur“ [1] haben sich zehn Frauen und ein Mann zur Salbenherstellung eingefunden. Doch bevor es losgehen soll, führt Reinicke die Gruppe erst einmal in ihren Heilpflanzen- und Kräutergarten. Sie ist stolz auf ihn, und außerdem bezieht die passionierte Kräuterkundige daraus den größten Teil ihrer Rohstoffe.


Eigener Heilpfanzengarten

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Heilkräutergarten

Beim Betreten des Gartens wird die Gruppe von einer laut miauenden Katze begrüßt. "Das ist Frau Katzmann", stellt Reinicke vor. Die Gruppe ist beeindruckt von der gesprächigen Katze. Die sich jedoch wieder zurückzieht, als sie bemerkt, dass keine Zeit für Streicheleinheiten da ist. Auf einem nahegelegenen Holzstoß nimmt sie Platz, um das Treiben in ihrem Revier aus angemessener Ferne zu beobachten. Im Garten ist Reinicke in ihrem Element: Er ist in einen älteren und neuen Bereich unterteilt. Im älteren Teil wachsen verschiedene Heilpflanzen. Kräftig und stattlich zeigen sie, dass es ihnen gut geht. Auch eine dreijährige Angelikastaude ist dabei, die schon über zwei Meter groß geworden ist. Eibisch, Weinraute, Brennnessel, Zistrosen - die Pflanze sind mit kleinen Schildchen ausgezeichnet, worauf die wichtigsten Einsatzmöglichkeiten aufgelistet sind. Eine Maßnahme für Wochenendbesucher, denn der Garten ist am Wochenende öffentlich zugänglich erklärt die Kräuterfrau.

Rationale Phytotherapie? Nein Danke!

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Frau Katzmann

Am Beinwell bleibt Reinicke stehen, die in Gatow auch unter der „Blumenkatze“ bekannt ist. "Im Herbst werden die Wurzeln ausgegraben und ordentlich mit der Wurzelbürste abgerieben. Danach entsteht daraus eine Beinwell-Tinktur", erzählt Reincke und lädt herzlich zum Kurs ein. "Beinwell-Tinktur wird bei Beinleiden eingesetzt. Wie schon der Name Beinwohl verrät, wussten die Menschen schon früher seine heilsame Wirkung bei verschiedenen Formen von Bein- beziehungsweise Venenerkrankungen zu schätzen", so Reinicke weiter. Sie kommt dann auch gleich auf die sogenannten Monografien der Kommission E zu sprechen. Diese wurden in den 70iger Jahren von Wissenschaftlern erstellt. Über Jahrzehnte überprüften die männlichen Experten die Wirksamkeit von Heilpflanzen. Wobei sie beim überwiegenden Teil befanden, dass wissenschaftlich betrachtet tatsächlich keine Heilwirkung erkennbar sei. Sondern die Wirkung eben „nur“ auf die Erfahrungsheilkunde zurückführbar wäre. "Das ist Blödsinn", befindet Reinicke knapp. "Über tausende von Jahren haben unsere Vorfahren Heilpflanzen Erfahrungen gesammelt, angewandt und geheilt - selbstverständlich sind die Heilpflanzen wirksam! Doch nur weil sie labortechnisch oder anderweitig ihre Geheimnisse nicht preis geben wollen, heißt das noch lange nicht, dass sie unwirksam sind", so lautet das temperamentvoll vorgetragene Plädoyer der Sozialpädagogin. Sie ermutigt die Gruppenmitglieder ihre eigene Erfahrungen zu machen und sich mit Heilpflanzen auseinander zu setzten. „Viele Wege sind dabei begehbar“, so Reinicke: Heilpflanzen als Gewürze im Alltag, nicht nur um Gerichte schmackhafter zu machen, sondern um zum Beispiel damit die Verdauung anzuregen. Heilpflanzen-Tees helfen, um Befindlichkeitsstörungen zu beheben oder auch Krankheiten zu heilen.

Desinfizierende Ringelblumen

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Ringelblumen in noch unaufgelöstem Kokosfett

Mit einer ausladenden Geste zeigt die Kräuterfrau auf den übrigen Teil des Gartens: "Mein neues Projekt: Wichtige Pflanzen und Heilpflanzen aus den vier Weltreligionen zu versammeln", so Reinicke. "Übrigens wird die verbindende, die Rose sein. Unter ihrem Dach vereinen sich Judentum, Buddhismus, Christentum und der Islam". Tatsächlich ist ein größeres Areal schon umgegraben, Wege abgesteckt und einzelne Pflanzen gepflanzt. Dann führt Reinke die Gruppe zurück ins Veranstaltungshaus. Bereitgestellter Pfefferminztee wird ausgeschenkt. Die Gruppe versammelt sich um den langen Holztisch. Schreibblöcke und Schreiber werden gezückt. „Gestern Abend habe ich schon einiges vorbereitet", so Reinicke. Da die Ringelblumen noch nicht blühen musste sie getrocknete Pflanzen aus dem letzten Jahr nehmen. "Ich habe 750 Gramm Kokosfett in einem Topf warm werden lassen, danach zwei Doppelhände getrocknete Ringelblumen dazu gegeben. Alles zusammen habe ich kurz brodelnd aufkochen und über Nacht stehen lassen", erklärt Reinicke. Sie erzählt weiter, dass Ringelblumen desinfizierend bei Wunden wirken, Narbenwucherungen verhütet, Entzündungen gehemmt und Wundschmerz gestillt werden. "Sie hilft offensichtlich auch bei Grind", so die Kräuterfrau weiter. Im Januar sei ein Mann in ihren Laden gekommen und hätte Ringelblumensalbe gekauft. "Seine schorfigen Stellen am Kopf hat er mit meiner Ringelblumensalbe behandelt. Kürzlich kam er, um etwas nachzukaufen - nun ist der Grind fast weg", erzählt Reinicke begeistert und stolz.

Ein bisschen Übung muss sein

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Erfahrung muss sein

In der kleinen Küche steht der Topf nun wieder auf der Herdplatte, um das Fett mit den darin schwimmenden Ringelblumen wieder zu verflüssigen. Als weitere Zutat hat Reinicke noch frischen Steinklee gepflückt. Ein großer Strauch hängt kopfüber an der Wand. Seine zarten, gelben Blüten werden abgezupft. Zwei Hände voller Steinkleeblüten fügt sie dem Topf hinzu. "Da in solchen Gruppen häufig Frauen sitzen, wollte ich Steinklee noch mit reinnehmen, denn der ist gut bei Krampfadern. Leider sind in unserem Alter die Beine ja nicht mehr die Hübschesten", sagt sie schmunzelnd. Steinklee hilft bei venösen Beinen, "aber er kann auch bei Gesichtsröte, Geschwüren oder stark vereiterten Wunden helfen", so die 48jährige. "Dann kommt noch etwas Ringelblumentinktur und Johanniskrautöl in den Topf", sagt Reinicke. Befragt nach dem genauen Rezept, winkt sie ab. "Das ist nicht die erste Salbe, die ich mache. Ein bisschen Übung, Ausprobieren und Erfahrung gehören schon dazu", erklärt sie. Im Übrigen seien im Internet genügend genaue Rezepturen zu finden. "Im Übrigen möchte ich euch ermutigen, auf Gefühle oder eure Intuition zu achten. Probiert aus. Die Heilpflanzen stehen direkt vor der Haustür und warten darauf, helfen zu können", so Reincke. Sicherlich hätten Antibiotika oder allopathische Arzneien bei ernsthaften Erkrankungen ihre Berechtigung, "doch einheimische Heilpflanzen stehen uns überall zur Verfügung. Mit entsprechendem Wissen und den richtigen Anwendungen kann vieles erreicht werden", so die Sozialpädagogin. Nicht zuletzt stehen Heilpflanzen auch kostenlos zur Verfügung. Oder Apothekenware sind nur für einen Bruchteil von Fertigarzneien zu haben.

Probe aufs Exempel

Der Inhalt des Topfes brodelt leicht. Zuletzt wird reines Bienenwachs aufgelöst, damit die Creme sich nach dem Abkühlen härtet. Für diesen Prozess bedarf es tatsächlich ein wenig Übung: Aus dem Topf wird etwas auf einen bereitstehenden Teller gegeben. "Es empfiehlt sich immer eine Probe zu machen", so Reinicke. Nach ein paar Minuten im Kühlschrank wird die Probe angeschaut, betastet und zwischen zwei Fingern verrieben. "Zu wenig", befindet die Blumenkatze und gibt noch eine weitere Bienenwachskerze hinzu. Die nächste Probe fällt dann zu ihrer Zufriedenheit aus. Zuletzt wird die flüssige Masse durch ein feines Sieb gegossen, um die Blütenteile zu entfernen. Der letzte Arbeitsschritt besteht in der Verteilung des Topfinhalts auf viele kleine weiße Plastiktöpfchen. Zuletzt wird noch das Etikett mit der Blumenkatze auf die Tiegelchen geklebt. „Stellt es gleich in den Kühlschrank zum Aushärten“, empfiehlt Reinicke am Ende der Veranstaltung. Alle nehmen ihr Tiegelchen zufrieden entgegen. Die Gesichter zeigen, dass sie nicht nur diese Probe, sondern auch viele Anregungen mit nach Hause nehmen.

[1] Die Stiftung Naturschutz Berlin veranstaltet seit 2006 im Juni ein „Natur-Wochenende“. Bürgerinitiativen, Vereine, Stadtgruppierungen oder auch Privatleute richten ein buntes Programm rund um die Natur innerhalb der Stadt aus. Der Veranstalter dieser Führung ist der Botanische Verein von Berlin und Brandenburg. Weitere Infos:
www.die-blumenkatze.de
www.langertagderstadtnatur.de

Autor/In: Marion Kaden, Heilpflanzen-Welt (2010)