Paracelsus – Zwischen Legende und sagenhaftem Ruhm

Um Para­cel­sus oder Theo­phras­tus Bom­bas­tus von Hohen­heim ran­ken sich vie­le Legen­den. Noch nicht ein­mal beim Namen, der voll­stän­dig viel­leicht Phil­ip­pus Aureo­lus lau­ten könn­te, sind sich His­to­ri­ker im Kla­ren. Auch beim Geburts­da­tum oder beruf­li­chem Wer­de­gang kom­men Fach­leu­te nicht auf einen Nen­ner: Denn zu unter­schied­lich sind wis­sen­schaft­li­che Her­an­ge­hens­wei­se oder Bewer­tung der his­to­ri­schen Doku­men­te aus dem 16. Jahr­hun­dert. In einem sind sich die Bio­gra­phen jedoch einig: Para­cel­sus war ein Quer­den­ker und wider­sprüch­li­cher Mensch mit ganz beson­de­ren Fähig­kei­ten. Des­we­gen wun­dert es nicht, dass Para­cel­sus mit sei­nen Ideen selbst noch Jahr­hun­der­te spä­ter Gelehr­te, Musi­ker und Schrift­stel­ler in den Bann zie­hen konn­te. Goe­the ließ zum Bei­spiel im “Faust” die Para­cel­sus-Figur des Homun­cu­lus, einem künst­lich erschaf­fe­nen Men­schen im Reagenz­glas, wie­der auf­er­ste­hen. Und in der Roman­tik wur­den Ele­men­tar­geis­ter, die Para­cel­sus beschrie­ben hat­te, in Musik und Gedich­ten künst­le­risch ver­ar­bei­tet. Vor allem aber in der Medi­zin war Para­cel­sus Vor­den­ker und Weg­be­rei­ter von neu­en, damals unge­heu­er­li­chen Gedan­ken. Er ent­wi­ckel­te erst­mals eine metho­di­sche Her­an­ge­hens­wei­se bei der Beur­tei­lung von Erkran­kun­gen. Sie beruh­te auf Beob­ach­tung und eige­nen Rück­schlüs­sen. Para­cel­sus leg­te damit Grund­stei­ne in ver­schie­de­nen Fach­rich­tun­gen der moder­nen Medizin.

Para­cel­sus war, wie wir es heu­te bezeich­nen wür­den, ein Rund­um-Genie. Er war nicht nur berühm­ter Arzt, son­dern auch Che­mi­ker und Natur­for­scher. Er schrieb phi­lo­so­phi­sche und theo­lo­gi­sche Bücher in denen er sein Welt­bild dar­stell­te. Und als Astro­lo­ge befass­te er sich mit den Wir­kun­gen der Ster­ne auf den Men­schen. Die Viel­falt sei­ner Inter­es­sen, sei­ne Bücher, die oft schwer les­bar und nach­voll­zieh­bar waren brach­ten ihm nicht nur Bewun­de­rer ein. Sei­ne Kri­ti­ker hiel­ten ihn für einen Grö­ßen­wahn­sin­ni­gen, bezeich­ne­ten ihn als Magi­er oder beschimpf­ten ihn als Scharlatan.

Leben in einer Zeit des Umbruchs

Um Para­cel­sus Leben und Wir­ken bes­ser ver­ste­hen zu kön­nen ist es wich­tig, die Geschich­te mit ein­zu­be­zie­hen. Para­cel­sus wur­de in eine Zeit des Umbruchs hin­ein­ge­bo­ren: Die Renais­sance kenn­zeich­net eine Ära der Neu­zeit in der gro­ße Umwäl­zun­gen im Bewusst­sein der Men­schen, der Kul­tur und Geis­tes­ge­schich­te statt­fan­den. Para­cel­sus wur­de ent­we­der 1493 oder 1494 in Einsiedeln/​ Schweiz gebo­ren. Sein Vater, Wil­helm von Hohen­heim, war unehe­lich und ent­stamm­te wahr­schein­lich dem alt­schwä­bi­schen Rit­ter­ge­schlecht der Bom­bas­te von Hohen­heim (Schloss Hohen­heim süd­lich von Stutt­gart). Sei­ne Mut­ter war, so wird ver­mu­tet, eine Leib­ei­ge­ne eines Klos­ters. Als Theo­pras­tus neun Jah­re alt war, ging Wil­helm von Hohen­heim mit sei­nem Sohn nach Vil­lach, um dort als Arzt zu arbei­ten. Vom Ver­bleib der Mut­ter ist nichts bekannt. Para­cel­sus’ Schul­aus­bil­dung und Stu­di­um konn­te nicht durch his­to­ri­sche Doku­men­te belegt wer­den. Laut einer eides­statt­li­chen Erklä­rung, die Para­cel­sus in einem Recht­streit abge­ben muss­te, stu­dier­te er im ita­lie­ni­schen Fer­ra­ra und erwarb dort auch sei­nen Dok­tor­ti­tel. Danach soll er zehn Jah­re lang durch Euro­pa gewan­dert sein. Er selbst schrieb in der Gros­sen Wund­artz­ney (1536), eines sei­ner Wer­ke, dass er: mich nit alein der­sel­ben [gemeint sind die deut­schen, ita­lie­ni­schen und fran­zö­si­schen Hoch­schu­len] leren und gschrif­ten, büchern erge­ben wöl­len, son­der wei­ter gwan­dert gen Gra­na­ten, gen Liz­a­bon, durch His­pa­ni­en, durch Enge­land, durch den Mark, durch Prüch­sen [Preu­ßen], durch Litau [Lit­tau­en], durch Pol­and, Ungern, Wal­chi, Siben­bür­gen, Car­ba­ten, Win­disch mark [Krain/​ Slo­we­ni­en], auch sonst ande­re len­der nit not zu erz­ölen, und in allen den enden und orten flei­ßig und emp­sig nach­ge­fragt, erfor­schung gehapt, gewis­ser und erfar­ner war­haf­ten küns­ten der arz­nei [1].

Wäh­rend die­ser Zeit, soll Para­cel­sus auch als Mili­tär- und Feld­arzt tätig gewe­sen sein. Es gibt dafür kei­ne Bewei­se – aber sei­ne Bei­trä­ge zur Wund­ver­sor­gung, die heu­te als Vor­läu­fer der chir­ur­gi­schen Infek­ti­ons­ver­mei­dung (Anti­sep­sis) betrach­tet wer­den, könn­ten Hin­wei­se sein [2]. Es wäre eine Teil­nah­me am Vene­di­schen Krieg (1517), Nider­len­di­schen Krieg (1519) und am Dene­mer­ki­schen Krieg (1920) denk­bar. Para­cel­sus leg­te gro­ßen Wert auf die Fest­stel­lung, dass er bei sei­nen Rei­sen nicht nur bei den Dok­to­ren nach ihren Erfah­run­gen gefragt habe. Er woll­te auch das Wis­sen von sche­rern, badern, geler­ten erz­ten, wei­bern, schwarz­künst­lern, alchi­mis­ten, bei den klös­tern, edlen und uned­len, bei den geschei­den und ein­fel­ti­gen ein­ho­len. Denn er war auf der Suche nach einer ‘wahr­haf­ten Medi­zin’. Da Para­cel­sus auf vie­le sei­ner Fra­gen kei­ne befrie­di­gen­den Ant­wor­ten erhielt, woll­te er sogar, wie er in der Gros­sen Wund­artz­ney beschrieb, auf­hö­ren zu prak­ti­zie­ren. Nur wegen sei­nes christ­li­chen Auf­tra­ges, den Kran­ken zu hel­fen, sei er wider­umb in dise kunst get­run­gen [3].

Die Zeit in Salzburg und Straßburg

Erst ab 1524 lässt sich Para­cel­sus’ Leben anhand von Doku­men­ten wirk­lich nach­voll­zie­hen. Er kam nach Salz­burg, sein Auf­ent­halt konn­te anhand einer Inven­tar­lis­te belegt wer­den, muss­te aber nach kur­zer Zeit die Stadt wie­der ver­las­sen. Para­cel­sus hat­te eini­ge theo­lo­gi­sche Schrif­ten ver­fasst, in der er sich gegen die Kir­che wand­te – bei­spiels­wei­se sprach er sich gegen ‘unnüt­zen Kir­chen­gang, demons­tra­ti­ves Beten in der Öffent­lich­keit, täg­li­ches Almo­sen geben und Gebräu­che wie Wall­fahr­ten oder Fas­ten’ aus. Ob die­se Schrif­ten oder eine Betei­li­gung am ‘Salz­bur­ger-Bau­ern­krieg’, (indem Bau­ern für die Ver­bes­se­rung ihrer Rech­te kämpf­ten), ihn zum flucht­ar­ti­gen Ver­las­sen von Salz­burg beweg­ten, lässt sich nicht bele­gen. Para­cel­sus schrieb selbst: Ihr kla­get sehr und fast [fest], ich hab euch die pau­ren wider­spen­nig gemacht, daß sie nim­mer opfer­nen und wenig auf euch hal­ten.. [4].

1526 kam Para­cel­sus nach Straß­burg. Er muss­te sich als Arzt einen Namen gemacht haben, denn er wur­de zur Behand­lung des erkrank­ten Mark­gra­fen Phil­ip I von Baden hin­zu­ge­zo­gen. Para­cel­sus wur­de eine hohe Beloh­nung bei Gene­sung des Lan­des­ober­haupts zuge­si­chert. Doch als der Mark­graf tat­säch­lich wie­der gesund war, schrie­ben sich die Leib­ärz­te den Erfolg zu und stri­chen die Beloh­nung ein. Para­cel­sus ging leer aus. Er war sehr erbost dar­über, so dass er die­sen Vor­fall sogar in der Vor­re­de einer sei­ner Bücher – Para­gra­n­um – erwähnte.

Viel­leicht hat­te Para­cel­sus sein bis­he­ri­ges unru­hi­ges Wan­der­le­ben satt? 1526 erwarb er das Bür­ger­recht von Straß­burg, das mit einem Ein­trag im Bür­ger­buch doku­men­tiert wur­de: “Item Theo­phras­tus von Hohen­heim der artz­ney doc­tor hatt das burg­recht kaufft und dient zur Lut­zer­nen. Actum Mitt­woch nach And­ree appos­to­li”.

In Straß­burg zähl­ten noch wei­te­re hohe und ange­se­he­ne Bür­ger zu sei­nen Pati­en­ten, wie zum Bei­spiel der Dom­se­kre­tär Niko­laus Ger­bel. Rich­tig berühmt wur­de Para­cel­sus aber erst mit der Behand­lung des bekann­ten Buch­dru­ckers Johan­nes Fro­ben aus Basel. Des­sen Ärz­te hat­ten ihm wegen einer nicht ver­hei­len­den Wun­de am Fuß zur Ampu­ta­ti­on gera­ten. “Der Arzt von aus­wärts”, wie Eras­mus von Rot­ter­dam, in einem Brief beschrieb, dia­gnos­ti­zier­te die Beschwer­den und gelang die Hei­lung des Fußes. Die­se Behand­lung brach­te Para­cel­sus viel Aner­ken­nung ein, viel­leicht sogar eine Beru­fung zum Stadt­arzt nach Basel. Para­cel­sus über­nahm die Stel­le des Stadt­arz­tes, die zwei Jah­re lang nicht besetzt gewe­sen war, und damit wich­ti­ge Auf­ga­ben: Die Bekämp­fung von Seu­chen stand an ers­ter Stel­le. Außer­dem war er zustän­dig für die medi­zi­ni­sche Betreu­ung Armer und Kran­ker des öffent­lich finan­zier­ten Spitals.

Der Querdenker sorgt für Unruhe und Kampf

Para­cel­sus blieb nur elf Mona­te in sei­nem neu­en Amt. Um die Umstän­de der nach­fol­gen­den Aus­ein­an­der­set­zun­gen bes­ser ver­ste­hen zu kön­nen, ist es nötig, die dama­li­ge unru­hi­ge poli­ti­sche Lage mit ein­zu­be­zie­hen: Der Stadt­rat Basels war fort­schritt­lich und refor­me­risch gesinnt. Die Uni­ver­si­täts-Ärz­te hin­ge­gen hiel­ten an kon­ser­va­ti­ven Vor­stel­lun­gen fest. Sie leg­ten Wert auf Ehr­erbie­tung, Stand-Wah­rung und Hier­ar­chie und woll­ten nichts von Erneue­run­gen, die ihren Stand mög­li­cher­wei­se in Gefahr brach­ten wis­sen. Bei­spiels­wei­se wur­den die Vor­le­sun­gen noch in latei­ni­scher Spra­che gehal­ten, zur Amts­ein­füh­rung gehör­te Pro­mo­ti­ons­nach­weis und Schwur auf die Fakul­tät. Nach sei­ner Beru­fung woll­te Para­cel­sus wie sein Vor­gän­ger an der Uni­ver­si­tät Vor­trä­ge hal­ten. Er stieß jedoch auf Wider­stand. Die Uni­ver­si­täts-Ärz­te ver­lang­ten einen Pro­mo­ti­ons­aus­weis, und da Para­cel­sus sich wei­ger­te die­sen zu erbrin­gen, wur­de er nicht offi­zi­ell zum Ordi­na­ri­us berufen.

Aus ver­schie­de­nen Doku­men­ten geht her­vor, dass Para­cel­sus undi­plo­ma­tisch auf Miss­stän­de hin­wies und Streit, wann immer mög­lich, her­aus­for­der­te. Die geg­ne­ri­schen Par­tei­en Basels einig­ten sich dar­auf, dass der neue Stadt­arzt ohne als Ordi­na­ri­us beru­fen zu sein, Vor­le­sun­gen hal­ten durf­te. Sofort schrieb Para­cel­sus sei­ne Ein­la­dung zur ers­ten Vor­le­sung, die gleich einen Skan­dal aus­lös­te. Para­cel­sus schrieb: Um in mei­ne eige­ne Lehr­me­tho­de ein wenig ein­zu­füh­ren, wer­de ich, durch aus­gie­bi­ge Hono­rie­rung der Her­ren von Basel, dazu in den Stand gesetzt, täg­lich in zwei Stun­den prak­ti­scher und theo­re­ti­scher Heil­kun­de sowohl der inne­ren Medi­zin wie der Chir­ur­gie Lehr­bü­cher, deren Ver­fas­ser ich selbst bin, mit höchs­tem Fleiß und hohem Nut­zen der Hörer öffent­lich erklä­ren. Die­se Lehr­bü­cher sind nicht etwa aus Hip­po­kra­tes und Gale­nos oder irgend­wel­chen ande­ren Lehr­bü­chern zusam­men­ge­bet­telt, son­dern ver­mit­teln das, was mich die höchs­te Leh­re­rin Erfah­rung und eige­ne Arbeit gelehrt haben. Dem­nach die­nen mir als Beweis­hel­fer Erfah­rung und eige­ne Erwä­gung statt Beru­fung auf Auto­ri­tä­ten [5].

Noch nie­mals zuvor hat­te jemand in Basel gewagt (und in Deutsch­land), die klas­si­schen Auto­ri­tä­ten der Medi­zin wie Hip­po­kra­tes und Galen anzu­zwei­feln. Seit dem Mit­tel­al­ter waren deren Lehr­sät­ze Grund­la­ge der Medi­zin. Para­cel­sus ging dann noch einen Schritt wei­ter. Er hielt sei­ne Vor­le­sun­gen nicht in latei­ni­scher Spra­che wie bis­her üblich, son­dern auf Deutsch und heiz­te damit die Aus­ein­an­der­set­zun­gen noch mehr an. Neben sei­nem Streit mit der Uni­ver­si­tät zet­tel­te Para­cel­sus noch Kämp­fe mit Kol­le­gen an: Er mach­te sich unbe­liebt, indem er die Ärz­te kri­ti­sier­te: Ihre Behand­lun­gen sei­nen falsch und unan­ge­mes­sen – im Grun­de stell­te er sie als Nichts­kön­ner und Quack­sal­ber hin. Mit den Apo­the­kern der Stadt ging er nicht anders um. Die­se bezeich­ne­te er als Para­si­ten, weil sie sich in Zusam­men­ar­beit mit den Ärz­ten durch unsin­ni­ge Ver­schrei­bun­gen eine gol­de­ne Nase ver­dien­ten, anstatt an die lei­den­den Men­schen zu den­ken. Kein Wun­der also, dass es Para­cel­sus gelang, sich inner­halb kür­zes­ter Zeit vie­le Fein­de zu schaf­fen. Die­se fin­gen sogar an, Schmäh- und Schand­ver­se am Müns­ter der Stadt auf­zu­hän­gen. Als Para­cel­sus ver­such­te, sich zur Wehr zu set­zen und den Bei­stand des Stadt­rats ein­zu­ho­len, war es zu spät. Para­cel­sus hat­te sich zu vie­le Fein­de geschaf­fen – sogar der Stadt­rat distan­zier­te sich von ihm. Als der Stadt­arzt ein zwei­tes Mal die Erfah­rung machen muss­te, dass ihm sein statt­li­ches Hono­rar nach erfolg­rei­cher Behand­lung nicht aus­ge­zahlt wur­de, ging er vor Gericht. Para­cel­sus unter­lag im Rechts­streit gegen den Dom­her­ren, beschimpf­te den Rich­ter, der die öffent­li­che Mei­nung hin­ter sich hat­te, und muss­te Basel flucht­ar­tig verlassen.

Syphilis, Aderlass und Guajak-Holz

Die Zeit in Basel kann bei­spiel­haft zur Beschrei­bung von Para­cel­sus’ Cha­rak­ter die­nen (sie­he z. B. Äuße­run­gen des Zeit­zeu­gen Johan­nes Opo­rinus): Mit außer­or­dent­li­chen Fähig­kei­ten begabt schaff­te er Ver­trau­en, erziel­te unge­wöhn­li­che Hei­lun­gen, die damals fast an Wun­der grenz­ten. Gleich­zei­tig zer­stör­te er sich das Wohl­wol­len sei­ner Gön­ner durch Kri­tik und hef­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zung mit den Auto­ri­tä­ten. Die letz­te Pha­se sei­nes Lebens war nicht weni­ger auf­re­gend und unru­hig: Wei­te­re Sta­tio­nen führ­ten ihn nach Kol­mar, Nürn­berg wo er von 1529–31 sei­ne Gedan­ken über die Behand­lung von Syphi­lis aus­ar­bei­te­te. Die­se neue Erkran­kung, die Fran­zo­sen-Krank­heit, war seu­chen­ar­tig über Deutsch­land her­ein­ge­bro­chen. Die Ärz­te ver­such­ten der Epi­de­mie mit Ader­läs­sen und gif­ti­gem Queck­sil­ber Herr zu wer­den. Vor allem das neu ein­ge­führ­te Gua­jak-Holz aus Süd­ame­ri­ka, auf das die Fug­ger ein Han­dels­mo­no­pol besa­ßen, galt als Wun­der­mit­tel gegen Syphi­lis. Para­cel­sus erkann­te schnell die Behand­lungs­feh­ler sei­ner Kol­le­gen. Er wet­ter­te nicht nur gegen Ader­lass son­dern ent­larv­te auch die hohe Dosie­rung des Queck­sil­bers als tot­brin­gend und betrü­ge­risch. Selbst vor den Mäch­tigs­ten schreck­te er nicht zurück: Para­cel­sus hat­te sich im Spi­tal-Buch, das er den “armen Kran­ken” wid­me­te, mit der Fran­zo­sen­krank­heit und deren Behand­lung mit Gua­jak-Holz beschäf­tigt. Das Gua­jak-Holz galt damals bei den Ärz­ten als wirk­sams­tes Mit­tel. Para­cel­sus wand­te sich gegen den Ein­satz des aus Süd­ame­ri­ka ein­ge­führ­ten Hol­zes. Mit sei­nen auf­klä­ren­den Schrif­ten wand­te er sich somit auch gegen die Fug­ger (zu jener Zeit das mäch­tigs­te Han­dels­haus Euro­pas), die ihre Macht­stel­lung im Gua­jak-Holz­han­del bedroht sahen. Die Fug­ger ver­hin­der­ten den Druck des Spi­tal-Buches und schließ­lich muss­te Para­cel­sus auch Nürn­berg verlassen.

Para­cel­sus wan­der­te wei­ter und leb­te zwei Jah­re in St. Gal­len. Hier schrieb er sein gro­ßes Werk Opus Para­mir­um (1531). In die­sem Werk leg­te er die Grund­stei­ne für sei­ne “neue Medi­zin”. Er schrieb aber auch Schrif­ten in denen er sich mit astro­lo­gi­schen The­men Ußle­gung des Com­me­ten erschy­nen im hoch­birg (1531) oder theo­lo­gi­sche Schrif­ten wie Psal­ter-Aus­le­gun­gen oder Vita-bea­ta-Schrif­ten, in denen er “das Wesen des Men­schen vor Gott” zu erläu­tern ver­such­te [5]. 1535 war Para­cel­sus in Ulm. Hier wur­de ein Jahr spä­ter die Gros­se Wund­artz­ney gedruckt. Trotz sei­ner regen schrift­stel­le­ri­schen Tätig­keit – er schrieb ins­ge­samt 14 Bücher – blieb die­ses das ein­zi­ge Buch, das zu sei­nen Leb­zei­ten gedruckt wurde.

Para­cel­sus soll­te bis an sein Lebens­en­de nicht mehr sess­haft wer­den. St. Gal­len, Wien, ver­schie­den klei­ne Ort­schaf­ten – über­all behan­del­te er kran­ke Men­schen. 1541 kam Para­cel­sus nach Salz­burg, das die End­sta­ti­on sei­nes Lebens wer­den soll­te. Er starb am 24. Sep­tem­ber 1941. Die Todes­ur­sa­che ist nicht bekannt, Neu­es­te Gerichts­un­ter­su­chun­gen erga­ben erhöh­te Queck­sil­ber­wer­te in den noch erhal­te­nen Skelettknochen.

Was waren seine wahren Leistungen?

Para­cel­sus wag­te, gegen die bestehen­de Leh­re der Medi­zin, die sich auf die Säf­te­leh­re von Hip­po­kra­tes und Galen begrün­de­te, auf­zu­leh­nen. Anstatt den mit­tel­al­ter­li­chen Vor­stel­lun­gen Glau­ben zu schen­ken, grün­de­te er sei­ne Behand­lun­gen auf eige­ne Beob­ach­tun­gen und Erfah­run­gen. Er war auch der ers­te Medi­zi­ner, der metho­disch Krank­heits­ver­läu­fe von Syphi­lis oder geis­ti­gen Erkran­kun­gen auf­schrieb und sei­ne eige­nen Schlüs­se dar­aus zog. Sei­ne Kol­le­gen, die an den alten Leh­ren fest­hiel­ten, brach­ten bei­spiels­wei­se ihre Syphi­lis-Pati­en­ten mit zu hohen Queck­sil­ber­do­sie­run­gen um. Sie hin­ter­frag­ten ihre Behand­lun­gen nicht, son­dern wand­ten wei­ter mit­tel­al­ter­li­che Metho­den an. Para­cel­sus kri­ti­sier­te sei­ne Berufs­kol­le­gen, weil er beob­ach­tet hat­te, dass sie ihre Pati­en­ten im Grun­de genom­men mit hoch­do­sier­ten Queck­sil­ber­be­hand­lun­gen umbrach­ten. Er ent­deck­te hin­ge­gen ent­deckt, dass eine genaue Dosie­rung von Arz­nei­mit­teln (auch Queck­sil­ber) aus­schlag­ge­bend für einen Hei­lungs­pro­zess sein konn­te. Para­cel­sus war stän­dig auf der Suche nach Neu­em, um Pati­en­ten vom Leid zu befrei­en. Da er vom Schwit­zen, Erbre­chen oder Ader­las­sen, den übli­chen Metho­den der alten Medi­zin, nichts hielt, fand er Hil­fe in der Natur. Dort hat­te er Ähn­lich­kei­ten zwi­schen For­men bei Pflan­zen gefun­den, die sich beim Men­schen wie­der­kehr­ten: Zum Bei­spiel benutz­te er Samen eines Gran­t­ap­fels als Heil­mit­tel gegen Zahn­be­schwer­den, weil For­men-Ähn­lich­kei­ten zwi­schen Samen der exo­ti­schen Frucht und Zäh­nen bestand. Para­cel­sus gilt daher als Begrün­der der Signa­tu­renleh­re.) Die­se wur­de spä­ter wei­ter­ent­wi­ckelt. Sie spielt bis heu­te in der Homöo­pa­thie oder man­chen Zwei­gen der Natur­heil­kun­de eine bedeu­ten­de Rol­le [6].

Da Para­cel­sus vie­le Wege beschritt, benutz­te er auch Astro­lo­gie. Sei­nen Vor­stel­lun­gen ent­spre­chend übte der Kos­mos (Makro­kos­mos) gro­ße Ein­flüs­se auf den Men­schen (Mikro­kos­mos) aus. Für ihn spie­gel­te sich im Kör­per des Men­schen ein klei­ner Teil des uni­ver­sel­len Gan­zen wider – eine Sicht­wei­se, die wir auch heu­te noch in der Natur­heil­kun­de wie­der­fin­den. Und als letz­ter Alchi­mist des Mit­tel­al­ters begrün­de­te er die Iatro­che­mie, eine Früh­form der Che­mie im Diens­te der Medi­zin. Er führ­te che­misch-metal­li­sche Arz­nei­mit­tel ein, die seit­her in der Phar­ma­ko­poe auf­ge­nom­men wur­den. Auch wenn Para­cel­sus Gedan­ken und Vor­stel­lun­gen in spä­te­ren Jahr­hun­der­ten teil­wei­se ver­än­dert, erwei­tert oder wie­der­legt wur­den, so spann er für vie­les den Anfangs­fa­den, der sich bis in unse­re heu­ti­ge Zeit zieht.

Autorin
• Mari­on Kaden, Heil­pflan­­zen-Welt (2002).
Quel­len
1. Ben­zen­hö­fer, U.: Para­cel­sus, rororo-Mono­­­gra­­phie, Rowohlt Taschen­buch­ver­lag GmbH, Rein­bek bei Ham­burg, Novem­ber 1997, S. 32.
2. Toell­ner, R. et al. (Hrsg.): Illus­trier­te Geschich­te der Medi­zin. Ande­as & Andre­as, Vaduz 1986. For­gue, E. et al. (S. 978 ff.): Die Geschich­te bis zum Ende des 18. Jahr­hun­derts: Para­cel­sus (1493–1541).
3. Ben­zen­hö­fer, U.: eben­da S. 34.
4. Ben­zen­hö­fer, U.: eben­da S. 98.
5. Ben­zen­hö­fer, U.: eben­da S. 56.
6. Jüt­te, R.: Para­cel­sus heu­te – im Lich­te der Natur, Karl F. Haug Ver­lag, Hei­del­berg, 1994, S. 48.

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