Integrative Medizin: Ein Modell nachhaltiger Entwicklung?

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Charité - Universitätsmedizin Berlin

Berlin (bb). Ist "Integrative Medizin" eher eine Art "Superwissenschaft", die nach den Vorstellungen zum Beispiel des Psychosomatikers Thure von Uexküll eine zentrale Begrenzung der modernen Medizin – den fehlenden theoretischen Unterbau – philosophisch zu überwinden sucht [1]? Oder ist es eher ein, nach historischem US-amerikanischem Modell zum Beispiel eines John Milton Scudder aufgebautes eklektisches Medizinkonstrukt [2], das mehr als die aktuelle Mainstream-Medizin westlicher Prägung auch komplementärmedizinische Vorstellungen und Verfahren integrieren möchte? Ob nun tiefes Anliegen suchender Mediziner, aktuelle Mode zur Verkaufsförderung jenseits von IGeL oder Kolonialisierung der Alternativmedizin durch die Schulmedizin (Wallach [3]) – auch der dritte Europäische Kongress für Integrative Medizin (ECIM) in Berlin [4] hat viele Fragezeichen hinterlassen – vor allem bei den klassischen Dienstleistern des ersten Gesundheitsmarktes.


Der häufigen, leicht solipsistischen Auffassung, in Art eines wissenschaftlichen Schmelztiegels entstünde aus konventioneller Medizin und komplementären Methoden das Amalgam der Integrativen Medizin, stellte Prof. Dr. Judith Meijer, Nationaal Informatie en Kenniscentrum Integrative Medicine (NIKIM), Amsterdam [5], eine Idee entgegen, die trotz ihrer stillen Präsentation ein Grenzen sprengendes Potential haben könnte. Meijer setzte nämlich den in Umweltwissenschaft, Ökologie, Soziologie, Ethik, Kultur oder Politik zunehmend etablierten Begriff der "Nachhaltigkeit" bzw. "nachhaltiger Entwicklung" (NE) in Bezug zu dem Begriff der "Integrativen Medizin" (IM).

Was bedeuten integrative Medizin, was nachhaltige Entwicklung?

Hierzu verwies die Psychologin Meijer zunächst auf die derzeit (in den Niederlanden) aktuellen Grundvorstellungen zu beiden Konzepten. Integrative Medizin ist demzufolge die "Vision eines neuen Gesundheitssystems", das sich neben der Gesundheit auch auf das menschliche Potential und die Befindlichkeit von Menschen konzentriert. Im Maße, wie Patienten hierfür zunehmend Verantwortung selbst übernehmen, wandelt sich die Rolle der Ärzte zu Beratern und Trainern mit dem besonderen Aufgabenschwerpunkt Prävention. Und spätestens hier kommen Konzepte von wissenschaftlich in ihrer Wirksamkeit belegter Komplementärmedizin ins Spiel. Dieses Konzept von IM, so Meijer, ist bereits heute undenkbar ohne eine global lebenswerte Welt, eine "gesunde Umwelt", was eine wirksame, nicht nur gefühlte Verantwortung für die Welt als Element einer neuen Medizin impliziert. Nachhaltige Entwicklung wiederum umfasst die Notwendigkeit ethischer Standards, die hinsichtlich der Anliegen und Hoffnungen aller Beteiligten ausgewogen ökonomische, Umweltanliegen sowie soziale Notwendigkeiten berücksichtigen. Dass besonders politische und Wirtschaftssysteme angesichts verheerender Entwicklungen wie zum Beispiel der globalen Finanz- und Wirtschaftkrise der letzten Jahre eine solche nachhaltige Entwicklung dringend benötigen, ist erfreulicherweise schon jetzt in die Arbeit vieler nationaler und internationaler Entscheidungsgremien eingeflossen, betonte Meijer. Die drei zentralen Schlüsselbegriffe von nachhaltiger Entwicklung beziehen sich – so der NE-Vordenkers John Elkington – auf drei Gebiete: Mensch, Erde und Gewinn (engl. PPP – people, planet, profit), was die Dimensionen sozialer, ökologischer und ökonomischer Verantwortlichkeit umschreibt [6].

√Ąhnlichkeiten und ...

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Meijer schilderte im folgenden Analyseergebnisse ihrer Arbeitsgruppe zu den Ähnlichkeiten und Unterschieden zwischen beiden Konzeptbegriffen. Viele Ähnlichkeiten liegen auf der Hand: Nachhaltige Entwicklung und integrative Medizin haben beide weitreichende moralische, ethische und politische Dimensionen, in deren Rahmen nach fundamentalen Paradigmen-Wechseln gesucht wird, weniger nach nur gradueller Verbesserung bestehender Verhältnisse. Trotz historischer Vorbilder ist dieser Ansatz immer wieder neu – nicht zuletzt, weil sich das menschliche Leben beständig ändert und weiterentwickelt. Weitere wichtige Gemeinsamkeiten sind eine gesunde Umwelt und eine stärkere Rolle der Menschlichkeit. Große Bedeutung erfahren auch zwischenmenschliche Fähigkeiten wie Kooperation, Kommunikation oder Dialog, die – wie die Achtung der lebendigen Vielfalt der Wirklichkeit – letztlich Grundlage der notwendigen Interdisziplinarität sind. Womit besonders zentralisierte Bürokratien besondere Probleme haben, ist eine weitere Gemeinsamkeit von IM und NE, so Meijer: Nämlich die Verankerung im unmittelbaren (kommunalen) Lebensumfeld, dem Stadtteil oder der Gemeinde.

Gerade letzteres stellt zudem – auch für manche Ärzte schwer umzusetzen – die Rolle von "Spezialisten" zugunsten von "Generalisten" bzw. des "gesunden Menschenverstandes" in Frage. Auch Verantwortung an Bürger bzw. "Patienten" abzugeben, und zwar nicht nur, wenn etwas schief gegangen ist, fällt "den Experten" eher schwer. Besonders dann, wenn ihre Expertise nur dem eigenen Wunschdenken entspringt. Zum Beispiel jenem, dass Ärzte besondere Spezialisten für die Prävention von Krankheiten seien. Eine weitere Gemeinsamkeit, so Meijer, ist schließlich die Aussicht auf eine Wirtschaftlichkeit, bei der Ressourcen ökonomisch, gerecht und zum Beispiel ohne versteckte Kostenabwälzungen genutzt werden.

Haben Phytopharmaka eine Zukunft?

Prof. Dr. Volker Schulz ging in seinem Vortrag auf die Arzt-Patienten-Beziehung im Verhältnis zur Phytotherapie ein. Schulz, seit zwei Jahren Emeritus, engagierte sich Jahrzehnte lang für die rationale Phytotherapie, z. B. in der Kommission E oder an der Berliner Charité. Schulz stellte heraus, dass nicht nur die Heilpflanzentherapie für Ärzte, sondern auch "Ärzte für die Phytotherapie" eine besondere Rolle spielen. Denn die "Pflanze braucht zum vollen Therapieerfolg das Wort", so Schulz. Selbst ein Pflanzenpräparat mit alleiniger Placebowirkung (und davon scheint es ja einige zu geben), kann aus dieser Sicht noch behandlungsrelevant sein – weil es vielleicht die einzige oder letzte Hoffnung in einem Krankheitsgeschehen ist. Und die sollte, so Schulz, Patienten nicht vorenthalten werden. In seinem Rückblick auf die letzten Jahrzehnte der Phytotherapie schlägt er insgesamt sehr kritische Töne an: Während die Phytotherapie im 19. und 20. Jahrhundert ihre höchste Bedeutung hatte, wird sie gegenwärtig nur noch für leichte Gesundheits- und Befindlichkeitsstörungen eingesetzt. "Die Phytotherapie hat sich beim Versuch, die Allopathie links zu überholen, wohl übernommen", so ein Resümee. Das Problem: Für die Wirksamkeitsnachweise der Phytotherapie wurden und werden primär Placebo-Verum-Differenzen herangezogen. Randomisierte kontrollierte Studien (RCT) gelten auch in der Phytotherapie als "Goldstandard" bei der Bewertung der Effektstärke von Pflanzenwirkstoffen. Aber, so merkte Schulz an: In der Phytotherapie gibt es zumeist Therapeutika ohne dominante Wirkstoff-Pharmakologie. Durch die häufige "Placebo-Nähe" von Phytotherapeutika in RCTs kam es deshalb zu einer Abwertung von Heilpflanzen kommen, sogar in Indikationsbereichen, in denen Phytotherapeutika bevorzugt einzusetzen sind. Völlig zu Unrecht, so Schulz: Denn für die Phytotherapie war der gestellte "Allopathie-Anspruch" und der daraus entstandene "wissenschaftliche" Wettbewerb niemals zu erfüllen. Nicht zuletzt, weil die gewählten Konzentrationen eher an Sicherheitsaspekten ("Mite-Therapie") ausgerichtet waren/sind, und sich dadurch für Wirksamkeits-Nachweise als oft zu schwach erwiesen. Die Zukunft für pflanzliche Arzneimittel sieht Schulz trotzdem in Präparaten, die von Patienten akzeptiert, risikoarm und im Vergleich zu allopathischen Mitteln kostengünstig sind. Als Beispiel zog er einen Kostenvergleich heran, der auf der Grundlage von Tagesdosis-Preisen basierte (Arzneimittelreport 2010, Rote Liste). Schulz sah demzufolge den Einsatz von Phytopharmaka bei spezifischen Indikationsgruppen als weiterhin gegeben an: So seien phytotherapeutische Gynäkologika (PMS – Mönchspfeffer, Östrogen-"Mangel" – Traubensilberkerze), Urologika (BPH – Brennnessel, Sägepalme, Kürbissamen), Herz-Kreislaufmittel (Weißdorn, Ginkgo biloba, Knoblauch) oder Antidementiva (Ginkgo biloba) wesentlich billiger als allopathische Vergleichsmittel.

... Unterschiede von integrativer Medizin und nachhaltiger Entwicklung

Unterschiede zwischen NE und IM betreffen den jeweiligen (Entstehungs-)Hintergrund und die Zielgruppen der Konzepte. Zum einen Wissenschaft und politisch orientierte Umweltbewegungen, die auf die Wirtschaft oder politisch aktive Menschen zielen. Zum anderen vor allem Medizinprofis und akademische Zentren, die auf medizinische Entscheider und Dienstleister sowie Patienten zielen. NE setzt vor allem technische resp. technologische Lösungen ein, betont Marketing- und Umwelt-Aspekte, mit denen letztlich "grüne Produkte" verkauft werden sollen, so Meijer. IM hingegen fokussiert auf Heilungs-Techniken unter Einschluss des klassischen Mikromedizin-Ansatzes (Therapie manifester Krankheiten). Betriebswirtschaftliche Aspekte spielen bei der NE eine wesentliche Rolle, während die IM in dieser Hinsicht (bislang) kaum betriebswirtschaftliche Ambitionen zeigt. So erfolgreich die Ökoszene gezeigt hat, wie Nachhaltigkeit als Marketing-Konzept erfolgreich ist, so wenig bedeutsam ist dieser Ansatz im Gesundheitsmarkt. Umgekehrt ist die integrative Medizin schon seit vielen Jahren auf dem Markt präsent, ohne allerdings ihr Konzept besonders erfolgreich vermarkten zu können.

Kooperation-Potential "Nachhaltiges Gesundheitssystem"

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Arnika (Arnika montana)

In Anbetracht der vielen Übereinstimmungen und Ähnlichkeiten stellte Meijer die bei einem Kongress für Integrative Medizin natürlich entscheidende Frage nach "Möglichkeiten und Sinnhaftigkeit einer Kooperation von NE und IM". Nicht zuletzt, weil selbst die Unterschiede eher additiver denn kompetitiver Natur seien. Aber wie können sich die Welten von Medizin und Wirtschafts- und Management-Wissenschaften einander treffen? Ist vielleicht ein "nachhaltiges Gesundheitssystem" ein Schlüssel dazu? Tatsächlich, so Meijer, ist gerade die medizinische Grundversorgung, die Basismedizin auf Ebene von Allgemeinmedizinern oder praktischen Ärzten, durch eine gewisse "Kleinteiligkeit", die Notwendigkeit von interdisziplinärer Kooperation, eine oft enge Beziehung zum Quartier und den dort gegebenen ergänzenden Versorgungsstrukturen sowie einen eher generalistische, auf gesundem Menschenverstand aufbauenden Ansatz charakterisiert. Zudem ist es für viele Praktiker normal, ihren Patienten/Kunden Lebensstil-Änderungen vorzuschlagen. Deshalb sei das medizinische Grundversorgungssystem im Kern sehr nahe an den Konzepten nachhaltiger Entwicklung und integrativer Medizin. Wobei integrative Medizin gerade angesichts der täglichen Herausforderungen der Grundversorgung helfen kann, diese noch mehr in Richtung eines nachhaltigen Gesundheitssystems auszurichten.

Ein derart arbeitendes Gesundheitssystem kann viele vorteilhafte Effekte entfalten, so Meijer.

  • Beispielsweise eine nachhaltige Langzeitbindung im Sinne einer tatsächlichen Partnerschaft zwischen Patienten/Kunden und Profis (wie sie zum Beispiel an der Schnittstelle Selbsthilfegruppen und Ärzteschaft gelegentlich vorkommt).
  • Als zunehmend bedeutend ist auch die, im Rahmen des ECIM häufig thematisierte gesundheitsfördernde Möglichkeit zu bewerten, individuell und freiheitlich aus verschiedenen sinnvollen Versorgungsoptionen zu wählen.
  • Wobei mit Freiheit sicher etwas anderes gemeint ist, als die Freiheit sich nachhaltige Gesundheitsangebote persönlich leisten zu können. Hierauf wies der zeitgleich mit dem ECIM in Berlin stattfindende Kongress "Armut und Gesundheit" hin [7]. Verschiedene dort präsentierte Studien betonten erneut den engen Zusammenhang von individueller Gesundheit und Lebenserwartung mit der Zugangsmöglichkeit zu Gesundheitsangeboten im unmittelbaren Lebensumfeld. Ein Aspekt, der besonders bei den niederländischen Überlegungen eine bedeutende Rolle spielt.

Doch es gibt auch Rückschläge: Zum Beispiel zeigt das häufige Versagen vieler, fast immer sehr kluger, oft akademisch gestützter und zudem mit öffentlichen Mittel reichlich ausgestatteter Präventionsprogramme, dass – möglicherweise – mit einer ordentlichen Portion "gesundem Menschenverstand" weitaus bessere und vor allem nachhaltigere Ergebnisse erzielbar gewesen wären. Bislang jedenfalls, so resümierte Meijer, ist die Zahl der Modelle, bei denen Patienten, Gesundheitsdienstleister und Organisationen im Bereich der Basismedizin nachhaltig zusammenarbeiten noch sehr überschaubar geblieben. Ein Resümee, das nicht zuletzt nach dem dreifachen Scheitern eines deutschen Präventionsgesetzes, auch ohne Einschränkung für Deutschland gezogen werden kann.

Atomphysik & Medizin: Messbare Realität versus lebendige Wirklichkeit

Das äußerst unterhaltsame Grundsatzreferat des mit einem alternativen Nobelpreis ausgezeichneten Physikers Prof. Dr. Hans-Peter Dürr, München, lockte erwartungsgemäß zahlreiche, teilweise schon im Vorwege begeisterte Zuhörer. Seine Anmerkungen zum Verhältnis der statisch-messbaren "Realität" nach Newtonschem Vorbild und einer aus der Quantenmechanik ableitbaren "lebendigen Wirklichkeit", also einem neueren Weltbild der Atomphysik, blieben jedoch eher vage ("es geht um das Ganze, das keine Teile hat"). Sie betrafen die für Ärzte eigentlich spannenden Fragen nach dem Wesen des Lebendigen in seinem Verhältnis zu den wechselnden Weltbildern der Physik nicht. Auch witzige Bonmots wie "der aufgeräumte Schreibtisch sehnt sich eigentlich nach Unordnung" und andere konnten diesen Mangel nicht ausgleichen. Die Begrenzungen des Physikers, nämlich fernab von der "lebendigen Wirklichkeit" zum Beispiel eines leidenden, chronisch kranken Menschen nach dem zu suchen, "was die Welt im Innersten zusammenhält", wurden auch von Dürr nicht überschritten. Die Erkenntnis des Heisenbergschülers, dass die Welt nicht aus Bausteinen besteht, sondern aus Prozessen, ist – vor allem für einen ganzheitlich denkenden und fühlenden Mediziner – wirklich keine Neuigkeit. Wer zum Beispiel die Schmerz-Wirklichkeit einer Trigeminus-Neuralgie kennt, weiß, dass die lebendige Welt nur aus Prozessen besteht, in denen zum Beispiel der Schmerz als zentrales und alleine auf Analgesie gerichtetes Absolutum "erlebt" wird, was nicht "gemessen" werden braucht (Dürr fordert von seinen Kollegen nachdrücklich den Ersatz des "Messens" durch das "Erleben" ...). Der Dürr'sche Versuch, Konzepte der atomaren und subatomaren Quantenmechanik ("alles was geschieht, ist unvorhersehbar – entspricht einer nicht-positiv-definiten Wahrscheinlichkeits-Amplitude") auf die Wirklichkeit des Lebendigen zu übertragen, mag in Waldorfschulen Anklang finden. Er erscheint jedoch auch als später Rechtfertigungsversuch des 81-jährigen auch für den Übervater Heisenberg und seine Verstrickung in das Nazi-Atombombenprogramm. Vielleicht sollten in Zukunft eher Ärzte bei Physikern Grundsatzreferate über "das Wesen der lebendigen Wirklichkeit" halten?

Integrierte Medizin & Nachhaltige Entwicklung (Beispiele, Handlungsbedarf)

  •  Energieverbrauch: Seit Jahren ist klar, dass der exzessive Energieverbrauch des Gesundheitswesens nur wenig mit nachhaltigem Wirtschaften zu tun hat. Wenn dann gerade ein phytotherapeutisch ausgerichtetes Unternehmen – Bionorica SE, Neumarkt – bei einem Firmen-Neubau moderne ressourcenschonende Ökobau-Prinzipien umsetzt, betont dies die Gemeinsamkeiten und Chancen integrativer Medizin und nachhaltigen Wirtschaftens in besonderer Weise.
  • Fair trade / Biopiraterie:  Kapland-Pelargonie, Uzara, Teufelskralle, Hoodia – alles Heilpflanzen aus dem südlichen Afrika, die in den letzten Jahren eine Vielzahl auch ethischer Fragen aufgeworfen haben, die seither das Bewusstsein von Herstellern oder Verordnern schärfen. Doch ein langer Weg steht noch bevor: Derzeit gibt es noch kein einziges naturmedizinisches Produkt zum Beispiel mit Fair Wild-Siegel [8].
  • Einkommens-Unterschiede:  Komplementärmedizin als Element der Integrativen Medizin wird überwiegend von Menschen mit hohem Einkommen verwendet [9]. Dieses Zugangsproblem wirft für eine wirklich nachhaltige Entwicklung kritische Gerechtigkeitsfragen auf.
  • Wildsammlung versus Anbau:  80% aller Heilpflanzen bei uns stammen aus Wildsammlung, was zunehmend zu einem gefährlichen globalen Raubbau führt ("Übernutzung"). Dies erhöht die Abhängigkeit der Erzeugerländer von chemisch-pharmazeutischen Produkten der Industriestaaten weiter. Kaum ein Anbau-Produkt wiederum ist entsprechend gängiger Bio-Normen zertifiziert.
  • Missbrauch: Ein Großteil der rund 50.000 Tonnen jährlich nach Deutschland importierten Heilpflanzen werden allein aus Marketinggründen missbräuchlich verwendet. Sei es als Kamille-getränktes Toilettenpapier, als Johanniskraut-haltige Kartoffelchips für den Fernsehabend oder als Aloe vera-versetzte Haushaltsreiniger. Dies ist vergleichbar mit den von renommierten Kritikern beklagten "Verbrechen gegen die Menschlichkeit", wenn die in Hungerregionen dringend benötigte Nahrungsmittel als Biotreibstoff missbraucht werden [10].
    Quelle: Rainer H. Bubenzer, www.heilpflanzen-welt.de, 2010.
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Mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift Naturamed


Autor/In: Rainer H. Bubenzer, (02/2011 Naturamed)
Quellen:
[1] Otte R: Thure von Uexküll – Von der Psychosomatik zur Integrierten Medizin. Vandenhoeck u. Ruprecht, Göttingen, 2001.
[2] Scudder JM: Eclectic Practice of Medicine. Moore, Wilstach, Keys, Cincinnati, 1864 (Link:Google Books).
[3] Walach H: 'Integrative Medizin' - die Kolonialisierung des Anderen und die Notwendigkeit des ganz Anderen. Forschende Komplementärmedizin. 2010;17(1):4-6.
[4] 3. Europäischer Kongress für Integrative Medizin (ECIM), Berlin, 3.-4.12.2010. Veranstalter: Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie, Charité Universitätsmedizin Berlin.
[5] NIKIM – nationaal informatie en kenniscentrum integrative medicine, Amsterdam (www.nikim.nl).
[6] Elkington J: Cannibals with Forks – The Triple Bottom Line of 21st Century Business. New Society Publishers, Gabriola Island, 1998.
[7] 16. Kongress Armut und Gesundheit, Berlin 3.-4.12.2010. Veranstalter: Gesundheit Berlin-Brandenburg, Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung.
[8] Fairwild Foundation: Revised FairWild Standard launched. Weinfelden, Schweiz, 8.9.2010 (www.fairwild.org).
[9] Pledger MJ, Cumming JN, Burnette M: Health service use amongst users of complementary and alternative medicine. N Z Med J. 2010 Apr 9;123(1312):26-35.
[10] Lederer E: Production of biofuels 'is a crime'. The Independent, London, 27.10.2007 (Artikel).